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G.G. Angenheister: Geschichte des Samoa-Observatoriums von 1902 bis 1921

[Anmerkung: Griechische Buchstaben sind schräge lateinische, vor Ort angezeigt.]

1. Geschichte des Observatoriums

Im Jahre 1898 wurde an der Georg-August-Universität zu Göttingen das Institut für Geophysik gegründet. Kurz danach bildete die Königliche Preussische Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen eine Geophysikalische Kommission, der als Geophysiker Emil Wiechert, als Mathematiker Felix Klein, als Physiker E. Rieke, Waldemar Voigt und Walter Nernst, als Geologe A. von Konen, als Geograph Hermann Wagner und als Astronom W. Schur angehörten. - Im Mai 1900 machten die Delegierten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen auf dem Kartelltag der vier deutschen Akademien in Wien unter anderem den Vorschlag, temporäre seismische Stationen ausserhalb Europas zu betreiben. Als Lokalitäten wurden Palästina, Kiautschau, Südamerika und Samoa (Pazifik) diskutiert.

Samoa In der gleichen Zeit wurde die deutsche Südpolar-Expedition vorbereitet. Auf einer Sitzung des Beirates, der mit der Vorbereitung betraut war, hatte im November 1899 der Erdmagnetiker Adolf Schmidt vorgeschlagen, eine Station für die Registrierung der zeitlichen Variationen des erdmagnetischen Feldes in Samoa zu errichten (Abb. 1). Diese Station sollte während eines Jahres gleichzeitig mit denjenigen Stationen registrieren, die von der Südpolar-Expedition in der Antarktis eingerichtet werden sollten. - Auf die Initiative der obengenannten Geophysikalischen Kommission, insbesonderes des Geographen Hermann Wagner, legte die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen am 24.3.1901 eine Denkschrift mit folgendem Titel vor: "Denkschrift betreffend die Errichtung einer temporären Station für geophysikalische Beobachtungen in Samoa".

In dieser Denkschrift wurden folgende Beobachtungen in Samoa empfohlen:

1. Registrierung der zeitlichen Variationen des Erdmagnetfeldes während der Dauer der Südpolar-Expedition, insbesondere in der Zeit vom 1.2.1902 bis 1.3.1903. Die meisten der auf der ganzen Erde verteilten Observatorien sollten von deutscher Seite gebeten werden, zur gleichen Zeit zu registrieren. Ferner wurde in der Denkschrift vermerkt, dass die Registrier-Station auf St. Helena auf etwa der gleichen geographischen Breite liegt wie Samoa und somit die räumlichen Änderungen der zeitlichen Variationen längs eines Breitenkreises beobachtet werden könnten.

2. Registrierung der zeitlichen Variationen der Luftelektrizität. Die Ursachen dieser Variationen waren damals noch völlig ungeklärt. Man erhoffte sich durch die Registrierungen dieser Variationen in tropischem Klima, mitten im Pazifik, neue Hinweise für die Ursache des luftelektrischen Feldes zu finden.

3. Registrierung der durch Erdbeben erzeugten seismischen Wellen. Zwar existierten schon etwa dreissig Stationen, an denen mehr oder weniger permanent seismische Wellen registriert wurden. Wegen der unvollkommenen Geräte konnten aber nur die Ankunfts-Zeiten der Wellen und nur grob die Intensität derselben bestimmt werden, während es möglich war, mit den von E. Wiechert konstruierten Seismographen auch Einzelheiten zu beobachten. Es wurde auf die besondere Lage von Samoa im Pazifik hingewiesen.

Als Kosten werden in der Denkschrift genannt: Instrumente und Ausrüstung 12 000 Mark, Reisekosten 4 000 Mark, Aufenthaltskosten 10 000 Mark, Reserve 4 000 Mark. - Ein Geophysiker sollte als Observator die drei obengenannten Aufgaben übernehmen.

Die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften und insbesondere ihre Geophysikalische Kommission waren zu diesem Forschungs-Programm nicht nur durch die Planung für die deutsche Südpolar-Expedition angeregt worden, sondern auch durch den Stand der Entwicklung, insbesondere der Instrumente. Die Magnetographen zur permanenten Registrierung der zeitlichen Variationen des erdmagnetischen Feldes waren schon seit mehreren Jahren an den verschiedenen Orten der Erde in Betrieb. Auch die Elektrographen zur permanenten Registrierung des luftelektrischen Feldes waren soweit entwickelt, dass man es mit diesen Geräten wagen konnte, in unbekannte Areale zu gehen. Als letztes und wohl stärkstes Stimulans sind hier die von E. Wiechert entwickelten Seismographen zu nennen. Dabei war wohl von Wichtigkeit, dass Wiechert eine vollständige Theorie der Seismographen vorgelegt hatte. Es kam aber auch ein politisches Moment hinzu. Um die Samoa-Inseln hatten sich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts die Vereinigten Staaten von Amerika, England und das Deutsche Reich mit wechselndem Erfolg beworben. In den Jahren 1898 und 1899 kam es zu den sogenannten Wirren in Samoa, die durch einen Vertrag der drei genannten Staaten als Signatar-Mächte am 2.12. 1899 beendet worden sind. Nach diesem Vertrag verzichtete England auf Ansprüche in Samoa und erhielt dafür Rechte im Areal der Tonga-Inseln. Die USA erhielten Rechte als Schutzmacht auf der kleinen Insel Tituila, und das Deutsche Reich erhielt die Rechte als Schutzmacht auf den beiden grossen Inseln Savaii und Upolu. Da die Reichsregierung und insbesondere das deutsche Gouvernement in Apia (auf Upolu) eine kulturelle Entwicklung in ihrem Schutzgebiet fördern wollten, konnte die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften mit der Unterstützung des geplanten Forschungs-Programmes durch die Reichsregierung rechnen. Dies hat sich auch bestätigt.

Am 16. Januar 1902 trat Dr. Otto Tetens, zuvor Assistent an der Sternwarte in Strassburg, in die Dienste der Gesellschaft und begann mit den Vorbereitungen. Schon am 22.4.19ss2 trat er die Reise nach Samoa mit folgender Ausrüstung an: zwei Beobachtungs-Hütten aus Holz, zwei Magnetometern nach Eschenhagen und einer (Delta)Z-Waage zur Registrierung der zeitlichen Variationen des Erdmagnetfeldes, gebaut von Otto Töpfer in Potsdam zum Preis von 4320 Mark, ein Magnet-Theodolit zur Messung der absoluten Werte des Erdmagnetfeldes nach Eschenhagen, ein astatischer Seismograph nach Wiechert (1000 kg) (gebaut von der Firma Bartels in Göttingen, zum Preis von etwa 2000 Mark), für die Messung des luftelektrischen Potential-Gradienten ein Apparat nach Exner mit Elektroskopen, mehrere meteorologische Instrumente, unter anderem Wetterfahnen, Regenmesser und Sonnenschein-Autograph, Drachen und Drachenwinden.

Apia Am 11. Juni 1902 kam Tetens in Samoa an. Nach Rücksprache mit dem stellvertretenden Gouverneur Dr. Schnee wurde als Platz des Observatoriums der nördlichste Teil der Halbinsel Mulinuu gewählt (Abb. 2). Die Halbinsel begrenzt im Westen die Bucht von Apia, der Hauptstadt von Samoa. Mulinuu gehörte der deutschen Reichs-Regierung. Tetens begann sogleich mit dem Aufbau der Beobachtungs-Hütten und der Instrumente.

Als erstes wurden Samoa-Häuser sowohl für den Observator wie auch für die Instrumente gebaut. Ein Samoa-Haus ist eine meist kreisrunde oder ovale Hütte von 5 bis 10 m Durchmesser. Das kuppelförmige, mit Blättern abgedeckte Dach wird von Holz-Säulen oder Holz-Pfeilern getragen, die aequidistant am Kreisumfang errichtet sind. - Nach und nach wurden die Samoa-Häuser       Abb.3 Mulinuu           Abb.4 Haus durch Steinbauten oder Holzhäuser ersetzt. Ganz aus Stein ist im Jahre 1912 das "Gauss-Haus" für die Registrierung der zeitlichen Variationen des erdmagnetischen Feldes errichtet worden und später, etwa 1914, das Erdbebenhaus. Der dafür erforderliche Zement wurde von einem sogenannten China-Dampfer gekauft. Das Büro- und Laboratoriums-Gebäude wurde 1914/15 fertiggestellt. - Das Grundstück war zunächst vom Kaiserlichen Gouvernement dem Observatorium leihweise überlassen worden und wurde 1914 von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften gekauft (Abb. 3, 4).

Im Dienste der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen waren im Observatorium folgende Wissenschaftler tätig: Dr. Otto Tetens als Observator von 1902 bis 1904, Dr. Franz Linke als Observator von 1904 bis 1907, Dr. Gustav Heinrich Angenheister als Observator von 1907 bis 1909, Dr. Kurt Wegener als Observator von 1909 bis 1910, Dr. Max Hammer als Observator von 1910 bis 1911, Dr. Gustav Heinrich Angenheister als Observator 1911 bis 1912, Dr. Amelung als Assistent 1912, Dr. Franz Defregger als Assistent 1913 bis 1914, Dr. Ludwig Geiger als Observator von unbekanntem Datum bis 1915, Dr. Gustav Heinrich Angenheister als Direktor von 1914 bis 1922. Als Techniker wirkten von 1905 bis 1907 Herr Albert Possin und Herr Liebrecht bis 1914 und der Zollassistent Christoff von 1916 bis 1917 sowie zwei Samoaner und ein Chinese. Ein weiterer Chinese war als Koch beschäftigt.

Die Kosten des Observatoriums wurden zur Hälfte vom Deutschen Reich und zur Hälfte vom Land Preussen getragen.

Im Jahre 1904 wurde eine Finanz-Planung vorgelegt. Danach war mit folgenden Kosten für den Betrieb und für den Ausbau des Observatoriums zu rechnen:

1904       1905       1906       1907       1908       in summa
23 550 M   19 000 M   26 000 M   21 500 M   19 950 M   110 000 M

Im Jahre 1908 legte die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen auf Betreiben ihrer Geophysikalischen Kommission eine zweite, vom damaligen Observator des Samoa-Observatoriums ausgearbeitete Denkschrift vor mit dem Titel: "Denkschrift zur Begründung des Antrages, das Samoa-Observatorium der Königlichen Preussischen Gesellschaft der Wissenschaften in eine dauernde Institution umzuwandeln." In einer weiteren ausführlichen Schrift macht die Gesellschaft der Wissenschaften den Vorschlag, das Samoa-Observatorium zu einem Reichsinstitut zu ernennen oder einem preussischen wissenschaftlichen Institut anzugliedern. Vermutlich blieb es aber bei der alten Regelung.

Völlig unerwartet kam für das Observatorium der Erste Weltkrieg. Am 29. August 1914 erschienen ein französisches und fünf englische Kriegsschiffe und zwei Truppentransporter vor dem Hafen von Apia. 1500 Soldaten aus Neuseeland besetzten Samoa. Der Assistent Dr. F. Defregger kam zu Beginn seiner Heimreise in Kriegsgefangenschaft nach Neuseeland.

Einen dramatischen Höhepunkt erlebten die in Samoa verbliebenen Deutschen und somit auch die deutschen Angehörigen des Observatoriums, als am 14. September 1914 das deutsche Ostasien-Geschwader vor dem Hafen von Apia erschien. Der Kommandeur des Geschwaders, Admiral Graf Spee, erkannte aber sehr bald, dass der strategische und taktische Wert des Geschwaders in den heimatlichen Gewässern so gross war, dass jedes Risiko, wie z.B. der Versuch, die Samoa-Inseln zurückzugewinnen, vermieden werden musste. Ohne militärische Aktion fuhr daher nach einigen Tagen das Geschwader weiter. Es ist bekannt, dass dieses deutsche Geschwader die heimatlichen Gewässer nicht erreichte. Nach der erfolgreichen Seeschlacht nahe der Stadt Coronel vor der Küste Chiles wurde die deutsche Flotte von der englischen bei den Falkland-Inseln vernichtend geschlagen.

Dem deutschen Direktor des Observatoriums gelang es bei einer Besprechung im September 1914, den englischen Kommandanten davon zu überzeugen, dass der Betrieb des Observatoriums fortgeführt werden musste, da dieses als wissenschaftliche Anstalt dem Haager Abkommen unterstände. Tatsächlich konnte der Betrieb des Observatoriums, wenn auch eingeschränkt und nur mit den grössten Anstrengungen, fortgeführt werden.

Grösste Schwierigkeiten bereitete die Finanzierung des Betriebes, da die englische Besatzungsmacht wegen der ungeklärten Rechtslage nicht bezahlen wollte und das Deutsche Reich wegen der Kriegssituation nicht bezahlen konnte.

Am Ende des Krieges wurden die deutschen Samoa-Inseln Neuseeland als Mandatsmacht übertragen. Gemäss Friedens-Vertrag zog die Mandatsmacht das Eigentum des Deutschen Reiches in den ehemaligen deutschen Schutzgebieten ohne Vergütung ein. Das konfiszierte Privateigentum wurde jedoch gegen Reparationen verrechnet. Diese Werte wurden also dem Deutschen Reich als bezahlte Reparationen gutgeschrieben. Die deutschen Eigentümer des konfiszierten privaten Eigentums mussten dementsprechend vom Deutschen Reich entschädigt werden. - Das Samoa-Observatorium war Eigentum der Gesellschaft der Wissenschaften. Das aus dieser Situation resultierende schwierige Verfahren hat die Gesellschaft der Wissenschaften erst mehrere Jahre nach dem Kriege beenden können.

Seit 1921 wurde das Samoa-Observatorium von der Regierung von Neuseeland, zunächst mit Unterstützung der Carnegie Institution, Washington, verwaltet. Der deutsche Direktor kehrte 1921 mit einigen Beobachtungs-Reihen aus den Jahren 1913 bis 1920 nach Deutschland zurück.

Von 1921 bis 1924 gab es ein Büro des Samoa-Observatoriums am Institut für Geophysik der Georg-August-Universität in Göttingen, in dem die von Samoa mitgebrachten Beobachtungs-Reihen bearbeitet wurden. Ein Teil dieser Arbeiten ist veröffentlicht worden. Das Samoa-Observatorium existiert heute (1974) noch.

Tabelle 1. Untersuchungen des Samoa-Observatoriums 1902 - 1922.

Erdmagnetismus:   Messungen des Erdmagnetfeldes, absolute Werte der
                  Komponenten (H, Z, D), permanente Registrierung der
                  Zeit-Variationen mit Pulsationen,
                  Regionalvermessungen.
Seismik:          Permanente Registrierungen seismischer Wellen, erzeugt
                  sowohl durch Erdbeben als auch durch Dünung oder
                  Brandung (Mikroseismik).
Luftelektrizität: Messungen des luftelektrischen Feldes
                  (Potential-Gradient) absolute Werte, zeitliche
                  Variationen, elektrische Leitfähigkeit der Luft.
Meteorologie:     Permanente Beobachtung von Temperatur, Wind,
                  Niederschlag, Luftdruck, Wolken.
Pegel-Messungen:  Wasserstand, Gezeiten des Meeres. Permanenter Zeitdienst.
Vulkanologie:     Beobachtung der Aktivität der Vulkane auf Savaii.

2. Die wissenschaftlichen Arbeiten von 1902 bis 1921

Die Wissenschaftler haben sehr viel mehr Themen behandelt, als in den beiden Denkschriften von 1902 und 1908 genannt worden sind. In der Tabelle 1 sind die behandelten Themen aufgeführt. Ein grosser Teil der ersten Arbeiten, insbesondere die zum Thema Erdmagnetismus und Seismik, ist in den "Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse, Neue Folge", ein anderer Teil in den Nachrichten derselben Gesellschaft erschienen. Die Arbeiten zum Thema Meteorologie sind teilweise auch in der "Meteorologischen Zeitschrift", andere Arbeiten aus der Zeit von 1902 bis 1921 sind in anderen Zeitschriften, z.B. in der "Naturwissenschaftlichen Rundschau", veröffentlicht worden.

a) Erdmagnetismus

Die absoluten Werte der horizontalen Komponente H des Erdmagnetfeldes (damals wie auch heute oft als Horizontalintensität bezeichnet) wurden am Samoa-Observatorium mit der Methode nach C.F. Gauss gemessen. Diese Methode war damals schon hinsichtlich Theorie und Instrumentarium weit entwickelt worden. Sogenannte Magnet-Theodoliten standen zur Verfügung. Im Samoa-Observatorium wurde damals der Magnet-Theodolit nach Tesdorf verwendet. - Auch die Methoden zur Messung der Deklination und Inklination des Erdmagnetfeldes waren bereits damals soweit entwickelt worden, dass sie im Samoa-Observatorium genutzt werden konnten. Auch für die permanente Registrierung der zeitlichen Variationen des Magnetfeldes standen Magnetographen zur Verfügung.

Sehr bald wurde von den Observatoren bemerkt, dass der räumliche Gradient des Erdmagnetfeldes im Areal des Observatoriums auf der Halbinsel Mulinuu gross war: Gegenüber dem Feld am Basispunkt wurde an einem 20 m entfernten Pfeiler eine Differenz [Delta] DH von 48 g [gamma] gemessen und an einem 2 km entfernt liegenden Punkt über Lavaboden eine Differenz von -1775 g. Nur an wenigen, nämlich nur an zwölf regional über die Insel Upolu verteilten Punkten, wurde das Magnetfeld (H, I und D) gemessen. Auch hinsichtlich der Interpretation dieser Anomalien waren die Observatoren sehr zurückhaltend. Da die Insel aus vulkanischen Gesteinen aufgebaut ist, können nach dem heutigen Stand der Kenntnisse diese Anomalien durch die Variation der Magnetisierung der vulkanischen Gesteine interpretiert werden. Die Phänomene des Gesteinsmagnetismus waren aber allem Anschein nach den Observatoren wenig bekannt.

Tagesgang Die Observatoren betrachteten als wichtigste Aufgabe die Registrierung der zeitlichen Variationen, also der täglichen und jährlichen Perioden wie auch der unregelmässigen Variationen. Letztere wurden schon damals als Aktivität des erdmagnetischen Feldes bezeichnet. In Abb. 5 sind die täglichen Variationen der drei Komponenten Z (Vertikalintensität), X (Nordkomponente), Y (Westkomponente) der Jahre 1905 bis 1908 eingezeichnet, die J.B. Messerschmitt, Observator an der Sternwarte in Bogenhausen in München, nach den Publikationen der Observatoren des Samoa-Observatoriums berechnet hat. Man wusste damals schon, dass diese täglichen Variationen durch die Wellen-Strahlung der Sonne erzeugt werden.

Störung Grosse Aufmerksamkeit widmete man den unregelmässigen Zeit-Variationen des Erdmagnetfeldes, insbesondere der Abnahme der horizontalen Komponente H nach Beginn einer starken Störung, die oft als "erdmagnetischer Sturm" bezeichnet wurde. Man ahnte schon, dass die unregelmässige Zeit-Variation des Magnetfeldes, insbesondere der sogenannte "erdmagnetische Sturm", mit den Prozessen an der Oberfläche der Sonne indirekt zusammenhängt. Heute wissen wir, dass der Sonnenwind innerhalb weniger Minuten zu einem Sturm anwachsen kann. Auch damals wurde als Ursache der starken Störungen, die man immer wieder zu nicht vorhersagbaren Zeiten beobachtet, ein Partikelstrom von der Sonne diskutiert. - In Abb. 6 ist solch eine als "Sturm des Erdmagnetfeldes" bezeichnete Störung zu erkennen, insbesondere auch die starke Abnahme der Horizontalkomponente nach Sturmbeginn.

Pulsation Auch die Pulsationen des erdmagnetischen Feldes - das sind Zeit-Variationen mit Perioden von einigen Sekunden bis einigen Minuten mit Amplituden meist kleiner als einige Gamma g - wurden am Samoa-Observatorium registriert und diskutiert. In Abb. 7 ist die Registrierung zweier pt-Effekte wiedergegeben (pt = pulsation trains, in der Nomenklatur, die seit Mitte der fünfziger Jahre akzeptiert worden ist). Es konnte damals nachgewiesen werden, dass die pt-Effekte an den einige 1000 km voneinander entfernten Stationen Apia auf Samoa und Tsingtau an der Küste Chinas gleichzeitig beginnen. Gleiche Zeiten wurden auch für die Station Batavia (Djakarta) gefunden. Die Messgenauigkeit der Mittelwerte war etwa 5 sec. Dieses wichtige Ergebnis wurde in den folgenden Jahrzehnten für viele Stationen und viele pt-Effekte bestätigt. Man vermutete damals schon, dass diese an der Erdoberfläche messbaren Effekte weit ausserhalb der Erde erzeugt werden. Existenz und Struktur der Ionosphäre und Magnetosphäre, in der wir heute die erzeugenden Prozesse vermuten, waren damals noch nicht bekannt. An einer vollständigen Theorie der pt-Effekte wird heute intensiv gearbeitet.

b) Seismik

Die wichtigste Aufgabe des Samoa-Observatoriums war permanente Registrierung seismischer Wellen, die durch Erdbeben erzeugt werden. Es war ein selbstverständlicher, daher später kaum dokumentierter Auftrag Emil Wiecherts an die Observatoren, diese Registrierung mit grösster Sorgfalt auszuführen, so dass sie quantitativ ausgewertet werden konnte. Dies galt insbesondere für die Ankunftszeiten seismischer Wellen.

In den ersten Jahren konnte dieses Ziel nicht erreicht werden, aber etwa ab 1905 wurde diese Forderung voll erfüllt.

Der erste ausführliche Bericht des Observatoriums zur Seismologie wurde von Franz Linke vorgelegt und in den Abhandlungen der Gesellschaft 1909 (III) veröffentlicht. Er hat den Titel: "Die Brandungs-Bewegungen des Erdbodens und ein Versuch ihrer Verwendung in der praktischen Meteorologie". Die Seismographen auf der Halbinsel Mulinuu registrierten nämlich die Mikroseismik. Das sind Bodenbewegungen mit Perioden zwischen 3 und 8 sec und Amplituden zwischen 1 und 5 mym. (Diese Art der Mikroseismik darf nicht mit der durch Technik und Verkehr erzeugten verwechselt werden.) - Die Frage nach der Entstehung der Mikroseismik, die auch in Göttingen gleich nach Aufstellung der Seismographen beobachtet worden war, beschäftigte Emil Wiechert und seine Schüler lebhaft. Schon 1907 hatten Wiechert und Zöppritz über die Mikroseismik in Göttingen berichtet und die Theorie aufgestellt, dass die Mikroseismik durch Brandungen der Meereswellen an den Küsten entstanden sei. Linke schloss sich dieser Theorie für Mikroseismik auf der Samoa-Halbinsel Mulinuu an und wies auf die Unterschiede zwischen der Mikroseismik in Göttingen und in Mulinuu hin. In Mulinuu sind die Amplituden im Intervall von 3 bis 8 sec grösser als in Göttingen. F. Linke interpretierte dieses durch den Unterschied der Entfernungen zur Küste, in Mulinuu weniger als 1 km, in Göttingen etwa 900 km. Nach Abschätzungen von Linke ist die Erregung der Bodenbewegungen durch die Brandung stark genug, so dass diese als seismische Wellen in grösserer Entfernung von der Küste registriert werden können.

Seismik 1921 erschien ein ausführlicher Bericht von G.H. Angenheister in den Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen über "Beobachtungen an Pazifischen Beben" (Angenheister, 1921). Aus diesem Bericht ist die Abb. 8 entnommen. In Abb. 8 ist die Verteilung von Epizentren von Erdbeben längs des Tonga-Grabens, klassifiziert nach 3 Stärke-Graden, wiedergegeben, wie sie aus den Registrierungen der Jahre 1909 bis 1919 berechnet werden konnten. Zur Konstruktion dieser Epizentren wurden zunächst vorwiegend die Registrierungen von entfernten Stationen verwendet, später auch die von Mulinuu bei Apia. Mulinuu lag teilweise im Schüttergebiet der Tonga-Beben. Ein weiteres Ergebnis wurde wie folgt formuliert: "Die Geschwindigkeit der Erdbebenwellen in der obersten Kruste ist also unter dem Ozean grösser als unter dem Kontinent". (Die Definition der Erdkruste als Material zwischen Erdoberfläche und Moho war damals noch nicht so scharf gefasst wie heute. In Anlehnung an die Gravimetrie wurde damals die Erdkruste bis etwa 50 km gerechnet.) - Im gleichen Bericht aus dem Jahre 1921 wurde über Oberflächen-Wellen, Quer-Wellen und Rayleigh-Wellen berichtet und der Versuch unternommen, Aussagen über die Absorption seismischer Wellen zu gewinnen.

c) Luftelektrizität

Um die Jahrhundertwende war die Grössenordnung des luftelektrischen Feldes, meist als vertikaler Potential-Gradient bezeichnet, an einigen Stationen der Kontinente, z.B. in Europa, bekannt. Die grosse Intensität des Feldes (100 - 200 V/m) erregte selbstverständlich grosse Aufmerksamkeit. Auch heute sind viele, die diesen Wert zum ersten Mal hören, sehr erstaunt. - Ebenfalls bekannt war die Gleichung: Vertikale Stromdichte gleich elektrische Leitfähigkeit der Luft mal Potential-Gradient. Für die Messung der elektrischen Leitfähigkeit der Luft und für die permanente Registrierung des Potential-Gradienten waren Methoden und Instrumente für einen Einsatz in unbekannten Gebieten entwickelt worden. (Emil Wiechert selbst hat ein Elektrometer konstruiert und bauen lassen.)

Zur Messung der elektrischen Leitfähigkeit wurde im Samoa-Observatorium der Aspirations-Apparat nach Gerdien verwendet, über dessen Konstruktion Gerdien 1905 in den Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen und in der Zeitschrift für Physik berichtet hatte. - Die zeitliche Variation des Potential-Gradienten wurde mit Potentialsonden und dem Quadranten-Elektrometer mit nachgeschaltetem Registrierwerk nach Benndorf permanent aufgeschrieben. Als Potentialsonde wurde zuerst eine Radium-Elektrode, später eine Polonium-Elektrode verwendet. Die Elektrode führte durch die Westwand des Observatoriums-Gebäudes und ragte etwa 1 m in die freie Luft, etwa 6 m über dem Boden. 120 Kalomel-Elemente lieferten eine Spannung von 60 Volt.

Es war schon damals bekannt, dass der Potential-Gradient (also das luftelektrische Feld) örtlich und zeitlich stark variiert, wobei geringe Änderungen in der nahen und nächsten Umgebung wirksam werden. Die Observatoren gaben sich daher grösste Mühe, die lokalen und kurzzeitigen Effekte, die durch Häuser, Mauern, Pflanzen, Wind und Regen erzeugt werden, zu vermeiden oder bei der Auswertung zu berücksichtigen.

Die Observatoren verglichen die von ihnen in Mulinuu 1906, 1907 und 1908 gemessenen Werte mit denen der wenigen Stationen in niedriger Breite (Colombo, Bombay) und in Europa (z.B. Potsdam) (V). Als erstes wurde für die Station Mulinuu ein Mittelwert des Potential-Gradienten von etwa 100 V/m errechnet. Eine befriedigende Interpretation dieses kleinen Wertes (nur etwa 60 bis 70% der Werte in Potsdam und Kew) fanden die Luftelektrik Observatoren nicht. Ähnlich erging es ihnen mit den täglichen Variationen des Potential-Gradienten. Sie beobachteten nämlich zwei Maxima am Tage um etwa 7 Uhr und um 19 Uhr mit Intensitäten von etwa 170 V/m und 150 V/m. Die Minima waren kleiner als 100 V/m. - Auch die jährliche Variation des täglichen Ganges wurde untersucht (Abb. 9). Man kam zu der Überzeugung, dass diese jährlichen Variationen vorwiegend durch lokale Effekte bewirkt werden.

Man konnte aber eine andere wichtige Beobachtung bestätigen: Man fand nämlich, dass die Mittelwerte der Dichte des vertikalen Stromes elektrischer Ladungen in der Luft (damals luftelektrischer Leitungs-Strom genannt) an weit voneinander liegenden Stationen vom Vorzeichen und Betrage nach bemerkenswert gleich waren, während die beiden anderen Grössen, Leitfähigkeit und Potential-Gradient, deren Produkt gleich der Stromdichte 1, ist, sich stark unterschieden. So findet man in einer 1911 in den Abhandlungen der Gesellschaft veröffentlichten Arbeit die Tabelle 2.

Tabelle 2 [l = lambda]
                   (l + +l -)esE                   dV/dh Volt/m      i Amp/cm2

Island   3,0x10-4    90          3,0x10-16
Potsdam  0,84x10-4  260          2,2x10-16
Samoa    5,0x10-4    38,6        2,14x10-16
Indien   5,8x10-4    29          1,8x10-16

Die Leitfähigkeit (l+ + l-) der positiven und negativen Ladungen ist in elektrostatischen Einheiten angegeben (Umrechnungs-Faktor 1/9x1013).

In den Jahren 1915 bis 1921 sind vom Forschungsschiff "Carnegie" der Potential-Gradient dV/dh und die Leitfähigkeit l auf den Ozeanen (Pazifik, Atlantik und Indik) gemessen worden, worüber L.A. Bauer 1921 berichtete. Man beobachtete sehr viel kleinere Schwankungen von dV/dh und X und einen täglichen Gang des Potential-Gradienten, der in den drei Ozeanen recht gut synchron war (täglicher Gang nach Weltzeit. Minimum um 3 h GMT, Maximum um 19h GMT). Die mittlere Stromdichte war gleich etwa 3x10-16 Amp/cm2.

In Kenntnis dieser Ergebnisse hatte C.R.T. Wilson die bis heute von vielen anerkannte Theorie des luftelektrischen Feldes und Stromes aufgestellt: Das Feld wird von den Gewittern in der Troposphäre, insbesondere in den Tropen, erzeugt und permanent erhalten. An der Oberseite der Gewitterwolke ist meist ein Überschuss an positiven, an der Unterseite ein Überschuss an negativen Ladungen. Die als Generatoren wirkenden Gewitterwolken sind über die schwach leitende Atmosphäre einerseits mit dem gut leitenden Boden und andererseits mit der damals noch hypothetischen, gut leitenden Ausgleichsschicht in der hohen Atmosphäre - wir wissen heute, dass dies die Ionosphäre ist - zu einem Kreis leitender Materie verbunden, in dem permanent der luftelektrische Strom fliesst. Auch die Ergebnisse des Samoa-Observatoriums wurden im Rahmen dieser Theorie diskutiert. - Erst in den sechziger Jahren konnte, wie R. Mühleisen berichtete, gezeigt werden, dass die Spannung zwischen dem Boden und der Ausgleichsschicht den gleichen Tagesgang hat wie der Potential-Gradient über den Ozeanen und dass diese Spannung von der zu erwartenden Grosse ist.

Berechnet man das Schleifen-Integral ØHdS (das mit Magnetometern gemessene Magnetfeld der Erde), so erhält man bei grossen Integrations-Wegen an der Erdoberfläche meist nicht den Wert Null. Es ergibt sich dann die Frage, ob dies durch Messfehler oder durch einen vertikalen, elektrischen Strom, der die Integrations-Schleife durchfliesst, erzeugt wird. Mit den in Tabelle 2 angegebenen Werten der vertikalen Stromdichte i wurde damals bereits nachgewiesen, dass der Beitrag des luftelektrischen Stroms zum Magnetfeld an der Erdoberfläche unter der Messgenauigkeit liegt und somit zur Interpretation des Schleifen-Integrals nicht herangezogen werden kann.

d) Meteorologie

Schon im Jahre 1892 wurde von E. Knipping eine Arbeit mit dem Titel "Die Samoa-Orkane im Februar und März 1889" in den Annalen der Hydrographie veröffentlicht (Knipping, 1892). In der gleichen Zeitschrift publizierte O. Burchard (1903) einen Artikel mit dem Thema "Das Klima von Apia". Auch findet man in dem Buch: "Samoa" (Reinecke, 1902) eine Beschreibung des Klimas von Samoa mit Tabelle der jährlichen Variationen der Regenmengen und der Lufttemperaturen sowie der Windrichtungen. In den Deutschen Überseeischen Meteorologischen Beobachtungen, die von der Deutschen Seewarte herausgegeben wurden, ist in verschiedenen Bänden über meteorologische Beobachtungen in Apia von 1880 bis 1910 durch Funk (1880 - 1919) berichtet worden. Funk war Arzt in Songi bei Apia.

Obwohl nach den Planungen für das Samoa-Observatorium die meteorologischen Beobachtungen nur nebenbei betrieben werden sollten, haben die Observatoren doch viel Mühe und Zeit für diese Arbeiten aufgewendet. Wegen der Bedeutung für die Bewirtschaftung der Plantagen war das Gouvernement an den meteorologischen Beobachtungen sehr interessiert. So hatten sich der Kaiserliche Gouverneur, Dr. Solf, und sein Vertreter, Dr. Schnee, schon im Jahre 1902 persönlich um den Versand meteorologischer Geräte von Berlin nach Samoa bemüht, damit ein Netz von meteorologischen Stationen aufgebaut werden konnte. Die Observatoren konnten sich selbstverständlich den Bitten des Gouvernements nicht verschliessen. Der erste Observator, Otto Tetens, kam hierdurch in eine schwierige Lage, da er zugunsten der meteorologischen Beobachtungen andere Messungen zurückstellen musste. Es hat den Anschein, als hätten die Professoren der Geophysikalischen Kommission in Göttingen hierüber ein wenig gebrummt.

Auf dem Gelände des Observatoriums in Mulinuu wurde gleich nach Ankunft der ersten Observators eine Wetterstation eingerichtet, die in den folgenden Jahren permanent betrieben und ausgebaut worden ist.

Über die Ergebnisse der meteorologischen Beobachtungen haben die Observatoren in zweiundzwanzig Publikationen berichtet, die in den Nachrichten und in den Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen sowie in der Meteorologischen Zeitschrift, in Petermanns Geographischen Mitteilungen und anderen Zeitschriften, wie "Das Wetter" oder "Globus", abgedruckt worden sind.

Tetens und Linke berichteten 1910 (IV) über die tägliche und jährliche Variation des Luftdruckes, der Temperatur und der Regenmenge. Es kann von einer Passatwind-Zeit von Mai bis Oktober und von einer Regen-Zeit von November bis April gesprochen werden.

Auch die Verteilung des Niederschlages auf den beiden Inseln Upolu und Savaii diskutierten die beiden Autoren an Hand einer Karte gleicher Regenmenge pro Jahr. Die beiden Inseln sind Vulkaninseln. Die Vulkane sind die höchsten Berge und liegen wie die Perlen einer Schnur in der Längsachse der beiden Inseln. Durch die Linien gleicher Regenmengen wird die Gestalt der beiden Inseln nahezu abgebildet. Es muss allerdings vermerkt werden, dass den Autoren nur Messungen bis etwas über die halbe Höhe der Vulkane zur Verfügung standen. Sie haben daher, um das Bild vervollständigen zu können, extrapolieren müssen.

Auch aerologische Beobachtungen wurden ausgeführt: In den Jahren 1906 bis 1910 wurden 70 Drachen und 35 Pilotballone hochgelassen. Hiermit wurde eine Passatschicht (SE-Wind) bis zu einer Höhe von etwa 1500 m und darüber eine Antipassatschicht (N- bis NW-Wind) bis etwa 5000 m nachgewiesen.

Die kleine Gruppe der Samoa-Inseln hat ein relativ gleich- und regelmässiges Klima, so dass es den Observatoren berechtigt erschien, nach mehrjährigen Perioden in den Klima-Elementen (Temperatur, Luftdruck usw.) zu suchen. Für die Zeit von 1890 bis 1918 fanden sie eine gewisse Korrelation mit der Sonnenflecken-Relativzahl. Auch die mehrfach diskutierte dreijährige Periode wurde untersucht.

Die regelmässigen täglichen Variationen des Luftdruckes, die typisch für Stationen in den Tropen sind, wurden auch in Samoa mit Barographen registriert (Tetens u. Linke, 1908) (II). Wichtig sind die beiden zwölfstündigen Perioden innerhalb eines Sonnentages, deren Maxima und Minima nicht genau gleich sind. Das erste Maximum (1,1 mmHg oder 1,5 mbar) wird zwischen 8 und 9 Uhr vormittags der Ortszeit, das zweite Maximum (0,5 mmHg oder 0,66 mbar) zwischen 10 und 11 Uhr nachmittags (22 - 23 h) erreicht. Diese beiden etwa zwölfstündigen, nicht symmetrischen Variationen erkennt man an vielen Tagen bereits im Barogramm, da die Amplituden der sporadischen und unregelmässigen Variationen des Luftdruckes in Samoa nur selten grösser sind als diese periodischen.

Über die Ursache dieser halbtägigen Variationen des Luftdruckes in den Tropen mit der Periode gleich einem halben Sonnentag, die schon damals bekannt waren - insbesondere durch die seit 1866 in Batavia (Djakarta) ausgeführten Beobachtungen -, hatte man bereits vor der Jahrhundertwende diskutiert. Die beiden Autoren Tetens und Linke schlossen sich der damals allgemein akzeptierten Meinung von Kelvin und Margules an, nach der diese Variationen des Luftdruckes durch die zwölfstündige Eigenschwingung der Atmosphäre bedingt ist. Diese Eigenschwingung soll vorwiegend durch die täglichen Temperatur-Änderungen erregt werden. Heute wird oft die von Chapman erweiterte Theorie diskutiert, nach der die Eigenschwingung der Atmosphäre sowohl durch die täglichen Variationen der Temperatur wie auch durch Gezeitenkräfte angeregt wird.

In einer in den Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften im Jahre 1913 publizierten Arbeit mit dem Titel: "Zusammenstellung der Barometer-Beobachtungen von Samoa aus den Jahren 1903 - 1908 zur Bestimmung der Gezeiten-Bewegungen der Atmosphäre" berichtet Gotthold Wagner (VIII) über seine Analyse der in Mulinuu gemessenen Werte des Luftdruckes. Er ordnete die nach Sonnenzeit stündlich gemessenen Werte um in Mondzeit. Mit den so geordneten Werten errechnete er eine halbmondtägige Variation mit einer Amplitude von 0,04 mmHg und mit einem Maximum kurz nach der Kulmination des Mondes. Er fand auch eine ganztägige Variation von 0,01 mmHg. Wagner machte plausibel, dass die Variation mit der Periode eines halben Mondtages statistisch gesichert und somit dies eine Wirkung der Gezeitenkräfte des Mondes auf die Atmosphäre ist. - Da in Mitteleuropa die unregelmässigen Variationen des Luftdruckes sehr gross sind, ist der Nachweis der Mondgezeiten mit den in Mitteleuropa gemessenen Werten des Luftdruckes nur mit sehr langen Beobachtungsreihen und nur mit besonderen statistischen Methoden möglich.

Es war damals schon bekannt, dass die Gezeiten in der Atmosphäre, erzeugt durch den Mond, keine Bedeutung für das Wetter haben. Es wurde aber diskutiert, ob diese Gezeiten nicht für die zeitlichen Variationen des Erdmagnetfeldes wichtig sein könnten. Der Nachweis hierfür wurde bekanntlich später tatsächlich erbracht.

e) Registrierungen des Wasserstandes, der Gezeiten des Meeres und der Flutwellen

Der Wasserstand im und beim Hafen von Apia wurde bereits vor Errichtung des Observatoriums auf Veranlassung des Gouvernements an einem Wasserstands-Pegel mehrfach am Tage abgelesen. Im April 1904 übernahm Otto Tetens die Betreuung eines an der Halbinsel Mulinuu neuerrichteten Pegelmessers. Auch hier folgten die Observatoren den Bitten des Gouvernements, das an einer sachgemässen Wartung des Pegels und an einer Auswertung der Messungen wegen der Schiffahrt im Hafen von Apia sehr interessiert war. - Später konnte Herr Tobias für die ständigen Ablesungen des Pegels gewonnen werden. Von den Observatoren wurde in den folgenden Jahren ein permanent registrierender Pegelmesser installiert.

Die Obervatoren haben wenig über diese von ihnen übernommene Aufgabe berichtet. Jedoch haben sie sich Gedanken über die Eigenschwingungen des Hafenbeckens und der Bucht von Apia gemacht, um einerseits den Wasserstand besser kontrollieren und um andererseits die Gezeiten des Meeres besser erkennen zu können.

Pegel Mit dem permanent registrierenden Pegelmesser des Samoa-Observatoriums wurden von 1917 bis 1919 vier Flutwellen registriert. Auch die seismischen Wellen, die diesen Flutwellen vorauseilten, wurden mit den Seismographen des Observatoriums registriert. Ort und Zeit der vier Beben konnten mit Hilfe der seismischen Beobachtung in Samoa und anderer Stationen berechnet werden. Damit konnte auch die Geschwindigkeit der Flutwellen berechnet und mit der mittleren Tiefe des Meeres längs des Wellenweges korreliert werden. Die Werte der Tabelle 3 und die Abb. 10 sind einer Publikation in den Nachrichten der Gesellschaft der Wissenschaften aus dem Jahre 1920 entnommen (G.H. Angenheister, 192oa). In der Abb. 10 ist die Registrierung der Flutwelle vom 26.6. 1917 wiedergegeben. Der Bebenherd lag bei den Keppel-Inseln, 265 km von Mulinuu entfernt.

Tabelle 3. Erdbeben und Flutwelle im Pazifik am 30.4.1917.
 
Herd: N von Vava'u, Tonga. phi = 18° S, l = 173,5° W. 7h
16m 49s ñ 3,7s Greenwich-Zeit.
 
Station      Herd      Laufzeit        Geschwindigkeit mittlere
             distanz   der             der Flutwelle   Meerestiefe
             km        Flutwelle       m/s             m

Haapai       220               25 min  147             2000
Apia         250           59 ñ 3 min  155             3000
Honolulu     4620       6 Std. 28 min  198             4500
S.Franziscio 8030      11 Std. 23 min  196             4500
S.Diego      8140      11 Std. 28 min  197             4500

Für Haapai ist die Zeit zwischen dem ersten Bebenstoss und Ankunft der Front der Flutwelle durch Befragung ermittelt worden.

f) Der Zeitdienst

Dem Observatorium standen Pendeluhren und Marine-Chronometer zur Verfügung, deren Stand und Gang die Observatoren mit einem Passage-Instrument zu geregelten Terminen nach bekannten Methoden der Astronomie kontrollierten. Das Passage-Instrument war in einer Holzhütte mit verschiebbarem Dach untergebracht.

g) Berichte zum Vulkanismus von Savaii

Samoa Die beiden Inseln Savaii und Upolu sind Vulkan-Inseln. Sie haben etwa die Gestalt zweier sich in Richtung ihrer Längsachsen aneinanderreihenden Ellipsen. Eine Kette von Vulkanen in der Mitte der beiden Inseln folgt etwa diesen beiden Längsachsen und bildet eine von NW nach SE gerichtete Perlschnur (Abb. 1), in deren Verlängerung die dritte Insel der Samoa-Gruppe Tutuila liegt. Etwa in der Verlängerung dieser Linie Savaii - Upolu - Tutuila nach SE liegt die Manua-Inselgruppe mit den beiden kleinen Vulkan-Inseln Olosega und Tau. Zwischen diesen beiden Inseln liegt ein submariner Vulkan, der 1866 aktiv war. Im ganzen ist dies eine etwa 400 km lange Vulkan-Linie.

Am 30.12.1902 brach der Mauga Mu, südlich von Aopo auf der Insel Savaii aus, nachdem lange Zeit auf beiden Inseln Savaii und Upolu kein Vulkan tätig war. - Vom Gouverneur wurde Otto Tetens gebeten, sich an einer Exkursion zum aktiven Vulkan Mauga Mu zu beteiligen. Da die Bevölkerung durch den Ausbruch beunruhigt war, wollte der Gouverneur klären, was zum Schutz der Bevölkerung unternommen werden konnte. Tetens war Astronom. Obwohl, wie er selber sagte, seine Kenntnisse der Vulkanologie gering waren, beteiligte er sich an der Exkursion und stellte seine Beobachtungsgabe und seine Kenntnisse der Physik bei den Beratungen zur Verfügung.

Vom 4. Aug. 1905 bis Nov. 1911 war auf der Insel Savaii der Vulkan Matavanu tätig. Er liegt etwa 15 km NE vom Mauga Mu. Es bildete sich im Matavanu ein Lavasee (auch Feuersee genannt). Lava trat auch seitlich aus dem Vulkan aus und floss nach NE etwa 13 km bis zur N-Küste der Insel Savaii. Dort ergoss sie sich unter Entwicklung von grossen Wasserdampfwolken ins Meer. Die Observatoren F. Linke (1905),       Abb.11 Lava                     Abb.12 Dampf
G.H. Angenheister (1908) und K. Wegener (1911) besichtigten den Matavanu und beschrieben ihre Beobachtungen. Die Abb. 11 und 12 sind Reproduktionen der im Jahre 1908 gemachten Aufnahmen von Orten an der N-Küste von Savaii, an denen die Lava das Meer erreichte. Zum Mechanismus der Wasserdampf-Explosionen (Abb. 12), die sich nach unregelmässigen Intervallen von etwa 5 bis 10 Minuten kurz vor der Ausflussstelle der Lava im Meere wiederholten, wurden mehrere Ideen diskutiert.

Eine Beschreibung dieses Vulkans findet man bei K. Sapper: Der Matavanu-Ausbruch auf Savaii 1905 - 1906 (Z. Ges. Erdkde., Berlin 1906, 686-709 und 1909, 501-539).

Der Akademie der Wissenschaften in Göttingen (der ehemaligen König I. Preussischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen) danke ich für die Erlaubnis, Einsicht in Akten des stmoa-Observatoriums zu nehmen.

Literatur
In den Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse, Neue Folge, sind folgende Berichte unter dem Sammeltitel "Ergebnisse der Arbeiten des Samoa-Observatoriums der Wissenschaften zu Göttingen" veröffentlicht worden:

I. Wagner, H.: Das Samoa-Observatorium, 7, Nr. 1, 1-70 (1908).
II. Tetens, O, Linke, F.: Die meteorologischen Registrierungen der Jahre 1902-1906, 1, Nr. 2, 1-137 (1908).
III. Linke, F.: Die Brandungsbewegungen des Erdbodens und ein Versuch ihrer Verwendung in der praktischen Meteorologie, 7, Nr. 3, 1-58 (1909).
IV. Tetens, O., Linke, F.: Das Klima von Samoa, 7, Nr. 4, 1-114 (1910).
V. Linke, F., Angenheister, G.H.: Die erdmagnetischen Registrierungen der Jahre 1905 bis 1908, 9, Nr. 1, 1-52 und Tabellen 1-139 (1911).
VI. Angenheister, G.H.: Die luftelektrischen Beobachtungen am Samoa-Observatorium 1906, 1907, 1908, 9, Nr. 2, 1-35 (1911).
VII. Wegener, K., Hammer, M.: Die luftelektrischen Beobachtungen am Samoa-Observatorium 1909 bis Mai 1911, 9, Nr. 3, 1-31 (1912).
VIII. Wagner, G.: Zusammenstellung der Barometer-Beobachtungen von Samoa aus den Jahren 1903-1908 zur Bestimmung der Gezeitenbewegungen der Atmosphäre, 9, Nr. 4, 1-48 (1913).
IX. Wegener, K.: Die erdmagnetischen Beobachtungen im Jahre 1909 und 1910, 9 Nr. 5, 1-15, Tabellen 1-52 (1914).
X. Angenheister, G.H.: Die erdmagnetischen Beobachtungen im Jahre 1911, 9 Nr. 6, 1-9, Tabellen 1-22 (1914).

Weitere Literatur

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Angenheister, G.H.: Über die Fortpflanzungsgeschwindigkeit magnetischer Störungen und Pulsationen. Nachr. K. Ges. Wiss. Göttingen. Math.- phys. Kl., 1-17 (1913).
Angenheister, G.H.: Die luftelektrischen Beobachtungen am Samoa-Observatorium 1912/13. Nachr. K. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1-16 (1914).
Angenheister, G.H.: Der jährliche Gang der erdmagnetischen Aktivität. Vier Erdbeben und Flutwellen im Pazifischen Ozean. Nachr. K. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1-10 (192oa).
Angenheister, G.H.: Über die Fortpflanzungsgeschwindigkeit erdmagnetischer Störungen und Pulsationen. - Sonnentätigkeit, Sonnenstrahlung, Lufttemperatur und erdmagnetische Aktivität im Verlauf einer Sonnenrotation. Nachr. K. Ges. Wiss. Göttingen, Math.-phys. Kl., 1-8 (192ob).
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