Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Geschichte der Erdbebenstation Bensberg

Ludwig Ahorner

Planung und Bau der Erdbebenstation

Der Plan, bei Köln eine Erdbebenstation zu errichten, geht auf das Jahr 1951 zurück. Am 14. März jenes Jahres ereignete sich am Südwestrand der Niederrheinischen Bucht bei Euskirchen ein für mitteleuropäische Verhältnisse ungewöhnlich heftiges Erdbeben. Es erreichte die Stärke 5,7 auf der Richter-Skala und richtete im Gebiet zwischen Euskirchen, Mechernich und Münstereifel erhebliche Sachschäden an. Elf Menschen wurden durch herabfallende Trümmer verletzt. Durch dieses Erdbeben wurden die Rheinländer unsanft daran erinnert, dass sie in einem seismisch aktiven Gebiet leben, in dem Erdbeben mit einem nicht zu vernachlassigenden Gefährdungspotential vorkommen können. Angesichts dieser Erfahrung stellte man mit Erstaunen fest, dass es zur damaligen Zeit im Rheinland und in ganz Nordrhein-Westfalen keine einzige in Betrieb befindliche Erdbebenmessstation gab, welche die seismische Aktivität des Gebietes herdnah überwachen und erforschen konnte.

Martin
Es ist das grosse Verdienst des Kölner Geologen Martin Schwarzbach (Abb. 1), langjähriger Direktor des Geologischen Instituts der Universität, dass er die Gunst der Stunde erkannte und unverzüglich die Initiative zur Einrichtung einer Erdbebenmessstation im Grossraum Köln ergriff.

Der Plan fand bei dem damaligen Rektor der Kölner Universität, Gotthold Bohne, der zwar Jurist, aber den Naturwissenschaften gegenüber äusserst aufgeschlossen war, lebhaftes Interesse und tatkräftige Unterstützung. Auch die Spitzen der Universitätsverwaltung und insbesondere der Kanzler Wolfgang Wagner standen dem Vorhaben höchst positiv gegenüber. Gemeinsam wurden die für die Errichtung der Erdbebenstation erfordlichen Mittel eingeworben, nicht nur bei der Stadt Köln, die zu dieser Zeit Träger der Universität war, sondern auch bei der im Kölner Raum ansässigen Industrie.

Bezeichnend für den wissenschaftlichen Weitblick von Martin Schwarzbach ist, dass er schon in dieser frühen Phase der Verwirklichung seines Planes bestrebt war, möglichst viele naturwissenschaftlich interessierte Bürger zur Mitarbeit bei der Erforschung der rheinischen Erdbeben zu bewegen. Er bediente sich dabei des mitgliederstarken "Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens". Auf der 111. Jahresversammlung dieses Vereins, die 1951 in Andernach stattfand, wurde auf seine Anregung hin beschlossen, einen freiwilligen und ehrenamtlichen "Erdbebenbeobachtungsdienst der nördlichen Rheinlande" einzurichten (Schwarzbach 1952). Die Mitglieder dieses Beobachtungsdienstes verpflichteten sich, bei verspürten Erdbeben möglichst rasch makroseismische Beobachtungen an die noch zu errichtende Erdbebenstation zu melden.

Die organisatorische Betreuung des Beobachtungsdienstes wurde von der neu ins Leben gerufenen "Abteilung für Erdbebengeologie" des Geologischen Instituts in Köln übernommen. Dieser Organisationseinheit wurde später auch die Erdbebenstation zugeordnet.

Mit dem Begriff Erdbebengeologie begründete Martin Schwarzbach in Köln eine neue Fachrichtung der Erdbebenforschung, welche die geologischen Aspekte der seismischen Aktivität gegenüber den geophysikalischen stärker in den Vordergrund stellt. Diese spezielle Forschungsrichtung ist bis zum heutigen Tag eine Besonderheit des Kölner Geologischen Instituts geblieben. An keiner anderen deutschen Universität wird eine vergleichbare, vornehmlich geologisch ausgerichtete Erdbebenforschung betrieben.

Bereits im Jahre 1952, also nur ein Jahr nach dem Euskirchener Erdbeben, konnte Martin Schwarzbach damit beginnen, seinen Plan zur Errichtung einer Erdbebenstation in die Tat umzusetzen. Zunächst musste ein geeigneter Standort für die Erdbebenstation ausfindig gemacht werden. Die auf mächtigen Lockersedimenten erbaute Grossstadt Köln kam aus geologischen Gründen und auch wegen der starken Bodenunruhe, die hier durch Industrie und Verkehr verursacht wird, nicht als Standort in Frage. Andererseits sollte die geplante Erdbebenstation nicht zu weit von der Kölner Universität entfernt sein, um den Kontakt zu ihren Instituten und Forschungseinrichtungen möglichst eng zu halten.

Bensberg Nach einiger Suche wurde schliesslich in der etwa 20 km östlich von Köln gelegenen Kleinstadt Bensberg ein geeigneter Standort (Abb. 2) gefunden, der einerseits Felsuntergrund hatte, was für eine Erdbebenmessstation sehr wichtig ist, und andererseits wegen seiner abgelegenen Lage am Rande eines damals noch ausgewiesenen Naturschutzgebietes auch eine geringe Bodenunruhe aufwies, so dass günstige Registrierbedingungen zu erwarten waren.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Registrierbedingungen heute, nach mehr als 40jährigem Betrieb der Erdbebenstation, leider nicht mehr so ideal sind wie in der Anfangszeit. Durch die inzwischen erfolgte dichte Besiedelung und den Bau einer stark befahrenen Durchgangsstrasse in unmittelbarer Nähe des Stationsgebäudes ist die seismische Bodenunruhe inzwischen bedenklich angestiegen.

Mit dem Bau des Stationsgebäudes wurde 1952 begonnen. Im Herbst 1953 war das Haus bezugsfertig und man konnte nun darangehen, die seismischen Messgeräte einzubauen. Bei der Auswahl der Seismographen und bei deren Installation konnte sich Martin Schwarzbach auf die sachkundige Beratung und tatkräftige Unterstützung des renommierten Erdbebenfachmanns Wilhelm Hiller stützen, welcher damals den Landeserdbebendienst in Baden-Württemberg und später das Institut für Geophysik der Universität Stuttgart leitete.

Im Spätsommer 1954 war die Installation der Seismographen weitgehend abgeschlossen. Nach einem mehrmonatigen Versuchbetrieb nahm die Erdbebenstation dann ab April 1955 ihren kontinuierlichen Messbetrieb auf (Schwarzbach 1956). Die internationale Kodebezeichnung für die Station wurde mit BNS festgelegt. Damit war die angestrebte Zentrale für die Erdbebenforschung im Rheinland geschaffen.

Ludwig Die wissenschaftlichen Assistenten, welche die neu eingerichtete Erdbebenstation in den ersten Jahren nacheinander betreuten (Dr. R. Schulz, Dr. H. Mühlhäuser, Dr. F. Robel), waren Geophysiker und allesamt Schüler von Wilhelm Hiller in Stuttgart. Ab September 1960 ging die wissenschaftliche Betreuung der Station dann auf einen 'Erdbebengeologen' über, den Schwarzbach-Schüler Ludwig Ahorner (Abb. 3), der diese Aufgabe 35 Jahre lang bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Mai 1995 erfüllte und das Erscheinungsbild der Station entscheidend prägte. Sein Nachfolger Klaus-Günter Hinzen ist wiederum Geophysiker. Er studierte in Bochum (bei Heinrich Baule und Hans-Peter Harjes) und war danach lange Zeit bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und zuletzt beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung in Hannover tätig, bevor er die Aufgabe eines Leiters der Erdbebenstation Bensberg übernahm.

Instrumentelle Ausstattung

Die instrumentelle Erstausstattung der Station hat Franz ROBEL (1959) beschrieben. Sie bestand aus zwei Seismographentypen mit abgestufter Empfindlichkeit, welche unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen hatten.

Zur Registrierung von sehr starken Nah- und Fernbeben diente ein mechanischer Horizontal-Seismograph vom Typ des invertierten Wiechert-Pendels. Das heute noch als Museumstück vorhandene Gerät weist eine Pendelmasse von 1300 kg auf und vergrössert die Bodenbewegung etwa 300fach. Die Eigenperiode des Pendels ist etwa 3 s. Die Registrierung erfolgte auf berusstem Papier. Dieser Seismograph wurde von dem ersten wissenschaftlichen Assistenten an der Erdbebenstation (Dr. R. Schulz) aus den Überresten eines früher an der Erdbebenstation der TH Darmstadt in Jugenheim betriebenen Seismographen umkonstruiert und neu zusammengebaut. Der Kölner Meteorologe Helmut Berg machte seinerzeit auf diese kostengünstige Möglichkeit aufmerksam.

Als Hauptinstrumente mit höherer Empfindlichkeit wurden AB kurzperiodische Induktionsseismographen der Bauart "Stuttgart" installiert, die nach Plänen von Wilhelm Hiller an der Feintechnikschule in Schwenningen gebaut worden waren. Dieser Gerätetyp stellte damals in Deutschland den neuesten Stand der Seismographentechnik dar. Die Seismometer wurden im Keller des Stationsgebäudes auf einen Betonsockel montiert, der bis zum aus devonischen Grauwacken und Tonschiefern bestehenden Felsuntergrund hinabreicht. Die Sensoren weisen eine Eigenfrequenz von 0.7 Hz auf. Sie erfassen die Bodenbewegung in den drei Raumkomponenten Nord-Süd, Vertikal und Ost-West und wandeln sie in elektrische Signale um, welche in einem verdunkelten Nebenraum mit Hilfe von galvanometrisch-optischen Registriergeräten mit einem Papiervorschub von 60 mm pro Minute aufgezeichnet werden. Das gesamte Seismographensystem vergrössert die Bodenbewegung (Schwingweg) bis zu 6400fach.

Mit den empfindlichen Induktionsseismographen konnten alle lokalen Erdbeben im Rheinland ab der Richter-Stärke 2 registriert werden. Die Geräte waren darüberhinaus aber auch in der Lage, Erdbeben aus allen Teilen der Welt aufzuzeichnen. Schon in den ersten Betriebsjahren der Erdbebenstation wurden bis zu 2000 Fernbeben pro Jahr registriert und ausgewertet. Darunter befand sich auch das weltweit bislang grösste registrierte Erdbeben mit der Moment-Magnitude 9,5, welches am 22. Mai 1960 im Küstengebiet von Chile aufgetreten ist. Dieses gewaltige Erdbeben rief in Bensberg, in 11 000 km Entfernung vom Herd, noch eine Bodenbewegung von 3 mm hervor.

Die galvanometrisch-optische Registrierung hatte den Nachteil, dass man nicht sofort erkennen konnte, ob ein Erdbeben registriert worden war. Man musste erst das Photopapier von der Registriertrommel abnehmen und entwickeln, bevor etwas zu sehen war. Diese Zeitverzögerung erwies sich vor allem bei makroseismisch wahrgenommenen Erdbeben im Rheinland als Nachteil.

Um diesen Nachteil zu beseitigen, wurde ab 1970 die Registrierung auf Tintenschreiber (Linearschreiber der Bauart Karlsruhe) umgestellt. Ausserdem wurden die inzwischen veralteten Induktionsseismographen durch moderne Seismometer des Typs Geotech S 13 (Eigenfrequenz 0,8 Hz) ersetzt. Zugleich wurde ein langperiodisches Vertikalseismometer des Typs Sprengnether (Eigenperiode 15 s) angeschafft, welches hauptsächlich zur Registrierung der langperiodischen Oberflächenwellen von Fernbeben dient.

Mitte der siebziger Jahre erfolgte dann ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung der Messdatenerfassung: Die analoge Messtechnik wurde durch die digitale Messtechnik ersetzt. Die seismischen Messdaten werden seither teils im PCM-Verfahren (mit Geräten des Typs 5600 und 5800 der Firma Lennartz, Tübingen) auf Magnetband aufgezeichnet, teils aber auch mittels spezieller prozessor-gesteuerter Datenerfassungssysteme direkt auf Disketten oder andere Datenträger geschrieben. Die Abspeicherung der Erdbebenmesswerte auf Computer-lesbaren Datenträgern hat den Vorteil, dass man die Seismogramme ohne grosse Zeitverzögerung auf dem Bildschirm sichtbar machen und im Dialogbetrieb mit dem Rechner auswerten kann. Hierzu wurden an der Erdbebenstation Gerätschaften und Software eigens entwickelt.

Die Routineauswertung von Nah- und Fernbeben stützt sich heute vornehmlich auf die Registrierdaten eines 1991 installierten digitalen Dreikomponenten-Messsystems der Firma Lennartz, das aus einem aktiven Schwinggeschwindigkeits-Aufnehmer des Typs LE-3D (Eigenperiode 5 s) und einem Datenerfassungssystem des Typs MARS-88/FD (Digitalisierungsrate 62,5 Werte/s, 16 bit Auflösung, Gain-Ranging) besteht.

Nach dem starken Erdbeben in der Niederrheinischen Bucht bei Roermond am 13. April 1992 mit der Nahbeben-Magnitude ML = 5,9 (Ahorner 1992), das alle Seismographen in Bensberg übersteuerte, wurde zur Ergänzung der Geräteausstattung ein triaxiales Beschleunigungs-Messsystem MR 2002 der Firma Syscom AG installiert (Messbereich 0,5 g, Digitalisierungsrate 200 Werte/s).

Mit dieser modernen Geräteausstattung ist die Erdbebenstation Bensberg nun in der Lage, sowohl schwache Mikroerdbeben als auch sehr starke Erdbeben mit Herden in der Niederrheinischen Bucht bis zur Nahbeben-Magnitude ML = 6,5 unübersteuert aufzuzeichnen.

Aufgaben der Erdbebenstation
Überwachung der weltweiten Seismizität

Die Erdbebenstation Bensberg registriert täglich Erdbeben aus allen Teilen der Erde. Mit Hilfe der aufgezeichneten Seismogramme werden die Ankunftszeiten und Signalamplituden der verschiedenen Wellenphasen eines Erdbebens ermittelt und diese Daten dann regelmässig per Fernschreiber an internationale Auswertezentren gemeldet, z.B. an das National Earthquake Information Center (NEIC) in den USA, wo die Auswertedaten von allen Erdbebenmessstationen der Erde zusammenlaufen und zur routinemässigen Bestimmung der Erdbebenherde und Erdbebenstärken benutzt werden. Die Erdbebenstation der Kölner Universität ist auf diese Weise seit ihrer Gründung voll in das weltweite Erdbebenbeobachtungsnetz integriert.

Welchen Umfang das seismische Datenaufkommen hat, wird aus folgenden Zahlen deutlich: In den vergangenen 40 Jahren wurden in Bensberg mehr als 80.000 Erdbeben aus allen Teilen der Erde registriert und deren Auswertedaten an die globalen Auswertezentren gemeldet. Im Normalfall kann man davon ausgehen, dass jedes Erdbeben, welches irgendwo auf der Erde Gebäudeschäden anrichtet, in Bensberg auch registriert wird.

Überwachung der Erdbebentätigkeit im Rheinland

Die Hauptaufgabe der Erdbebenstation in Bensberg besteht aber nicht in der Registrierung von weiter entfernten Erdbeben, sondern in der Überwachung und wissenschaftlichen Erforschung der Erdbebentätigkeit der Rheinlande und insbesondere der Niederrheinischen Bucht.

Das junge tektonische Senkungsfeld der Niederrheinischen Bucht zählt neben der Schwäbischen Alb und dem Oberrheingraben zu den wichtigsten deutschen Erdbebengebieten. Im Abstand von einigen Wochen oder Monaten kommt es hier immer wieder zu leichteren tektonischen Erdbeben, die Zeugnis ablegen von noch andauernden Bruchschollenbewegungen an fortlebenden geologischen Störungszonen. In Abständen von einigen Jahrzehnten treten auch schadenverursachende Erdbeben bis zur Intensität VIII der zwölfstufigen makroseismischen Stärkeskala und bis zur Stärke 6 der Richter-Skala auf.

Die Herde der im Rheinland vorkommenden Erdbeben werden an der Erdbebenstation in Bensberg geortet, und bei stärkeren Ereignissen werden auch der Herdmechanismus und die seismotektonischen Herdparameter ermittelt.

Bei fühlbaren Erdbeben werden zudem makroseismische Erhebungen und Auswertungen durchgeführt.

Aus den seismologischen Untersuchungsergebnissen können Aussagen über rezente seismotektonische Bewegungsvorgänge in der Erdkruste des Rheinlandes sowie über den Grad der regionalen und lokalen Erdbebengefährdung abgeleitet werden.

Betrieb eines lokalen Messstellennetzes

Dreieck Um die Erdbebentätigkeit im Rheinland optimal überwachen zu können, wurden ab der Mitte der siebziger Jahre von der Erdbebenstation Bensberg im Gebiet zwischen Köln, Aachen und Koblenz Aussenstationen eingerichtet, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut werden. Derzeit sind zehn mit hochempfindlichen Mikroerdbeben-Seismographen ausgestattete Aussenstationen in Betrieb (Abb. 4). Die Geräte wurden zumeist aus Drittmitteln finanziert, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesministerium für Forschung und Technologie sowie vom Bergbau und der Industrie im Rahmen von Forschungsvorhaben zur Verfügung gestellt wurden.

Mit dem Einsatz von empfindlicheren Seismographen und der Inbetriebnahme der Aussenstationen nahm die Zahl der im Rheinland georteten Erdbeben beträchtlich zu. Seit dem Beginn der achtziger Jahre werden durch das Bensberger Stationsnetz im Durchschnitt etwa 100 bis 200 lokale Erdbeben pro Jahr erfasst.

Insgesamt wurden in den vergangenen 40 Jahren von der Erdbebenstation Bensberg und von ihren Aussenstationen mehr als 2000 tektonische Erdbeben registriert, die ihren Herd im Rheinland hatten. Dies sind im Zeitraum von nur vier Jahrzehnten mehr als acht mal so viele Erdbeben als in den vier Jahrhunderten davor, wo in dem gleichen Gebiet insgesamt nur 2453eben bekannt geworden sind.

Epizentrum Die Datenbasis für die Erforschung der Erdbebentätigkeit im Rheinland konnte damit seit Gründung der Erdbebenstation Bensberg wesentlich erweitert werden. Dies verdeutlicht die in Abb. 5 gezeigte Erdbebenkarte. Aus der Verteilung der Erdbebenepizentren wird der unruhige Zustand der Erdkruste im Rheinland erkennbar. Die meisten der in den letzten Jahrzehnten lokalisierten Erdbeben sind Mikroerdbeben, die eine Richter-Stärke kleiner ML = 2,5 aufweisen und nicht zu verspüren sind. Es kamen aber auch stärkere Erdbeben vor, welche von der Bevölkerung deutlich wahrgenommen wurden und die zum Teil auch Gebäudeschäden angerichtet haben wie z.B. die Erdbeben von Bad Marienberg 1982, Lüttich 1983 und Roermond 1992.

Da die Mikroerdbeben von den gleichen Herdlinien ausgehen und die gleichen Entstehungsursachen haben wie die stärkeren Erdbeben, sind sie für die Erforschung der Erdbebentätigkeit nicht minder wichtig als die stärkeren Erdbeben. Aus der Untersuchung der vergleichsweise häufig auftretenden Mikroerdbeben lassen sich wertvolle Erkenntnisse über die Entstehungsursachen und die Herdlage von stärkeren Erdbeben gewinnen.

Erdbebenforschung

Die Erdbebenforscher in Bensberg haben sich nicht darauf beschränkt, Erdbeben zu registrieren und auszuwerten, sondern sie haben eine Vielzahl von wissenschaftlichen Forschungsvorhaben durchgeführt, die zumeist der seismologischen Grundlagenforschung dienten. Im Vordergrund stand dabei die Erforschung der Erdbebentätigkeit und der seismotektonischen Bewegungsvorgänge im Bereich des Rheingraben-Systems (Oberrheingraben. Mittelrheinzone und Niederrheinische Bucht) sowie des gesamten mitteleuropäischen Raumes (Ahorner et al. 1970; Ahorner 1968, 1975, 1983).

Weitere Forschungsschwerpunkte waren beispielsweise:

- Analyse der historischen Seismizität der Rheinlande und der angrenzenden Gebiete zur Ermittlung des lokalen und regionalen Potentials der Erdbebengefährdung,

- Untersuchung von Mikroerdbeben im Rheinischen Schiefergebirge im Rahmen eines interdisziplinären DFG-Schwerpunktprogrammes zur Klärung der jungen Heraushebung des Rheinischen Schildes,

- Untersuchung von Mikroerdbeben im Vulkangebiet des Laacher Sees mit dem Ziel, einen im Untergrund vermuteten Restmagmenkörper aufzuspüren,

- Untersuchung von Erdbeben-Herdmechanismen und des daraus abzuleitenden seismotektonischen Spannungsfeldes in Mitteleuropa,

- in-situ-Bestimmung der seismischen Wellengeschwindigkeiten und der bodendynamischen Kennwerte in oberflächennahen Lockergesteinen der Niederrheinischen Bucht mit dem Ziel, das Schwingungsverhalten dieser Bodenschichten im Erdbebenfall zu beschreiben.

Diese Forschungsvorhaben wurden zumeist durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalens, das Bundesministerium für Forschung und Technologie und andere Institutionen gefördert.

Daneben wurden Studien und Untersuchungen durchgeführt, die die praktische Anwendung von Ergebnissen der Erdbebenforschung zum Ziele hatten. Sie wurden durch Fördermittel der Industrie, des Bergbaus und der Versicherungswirtschaft unterstützt.

Ein wichtiges Arbeitsfeld der Angewandten Erdbebenkunde ist die Erstellung von Erdbebengefährdungskarten, welche als Grundlage für die Landes- und Städteplanung sowie für die erdbebensichere Auslegung von Bauwerken und technischen Anlagen dienen.

Die Erdbebenstation Bensberg hat massgeblich an der Ausarbeitung der "Karte der Erdbebengefährdungszonen" in der Bundesrepublik Deutschland mitgewirkt, die der 1981 erschienenen DIN-Norm 4149 "Bauten in deutschen Erdbebengebieten" beigefügt ist.

Seit der Mitte der siebziger Jahre wurde in Zusammenarbeit mit der inzwischen aufgelösten Firma INTERATOM in Bensberg ein neues Verfahren zur probabilistischen Seismizitätsanalyse entwickelt, mit dem es möglich ist, die standortbezogene Eintrittswahrscheinlichkeit von Erdbebenintensitäten aufgrund eines grossräumigen Seismizitätsmodells zu berechnen (Ahorner u. Rosenhauer 1978, 1993). Mit Hilfe dieses Verfahrens wurde eine "Probabilistische Erdbebengefährdungskarte für die Bundesrepublik Deutschland" erstellt.

Probabilistische Seismizitätsanalysen spielen bei der Beurteilung des Erdbebengefährdungspotentials von wichtigen Bauwerken, wie z.B. Autobahnbrücken, Talsperren, Industrieanlagen und natürlich bei kerntechnischen Anlagen jeglicher Art bis hin zum Atomaren Endlager eine bedeutsame Rolle. Die Erdbebenstation in Bensberg hat auf diesem für die Volkswirtschaft, aber auch für die Sicherheit der Bevölkerung wichtigen Arbeitsgebiet in den vergangenen 40 Jahren zahlreiche Untersuchungen und Begutachtungen vorgenommen und so die Praxisbezogenheit ihrer Forschungsarbeit unter Beweis gestellt.

Öffentlichkeitsarbeit

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass die Erdbebenstation Bensberg neben ihren wissenschaftlichen Aufgaben auch wichtige öffentliche Aufgaben zu erfüllen hat. Sie ist ein 'Dienstleistungsbetrieb', der staatliche und kommunale

Behörden (wie etwa den Katastrophenschutz), aber auch Zeitungen, Fernseh- und Rundfunkanstalten sowie die Industrie und den Bergbau so schnell und umfassend wie möglich über aktuelle Erdbeben zu informieren hat.

Durch diese Öffentlichkeitsarbeit, die einen nicht geringen Teil der Arbeitszeit der in Bensberg tätigen Erdbebenforscher ausmacht, ist die Erdbebenstation zugleich ein wichtiger Werbeträger für die Universität zu Köln und nicht zuletzt auch für die Geowissenschaften.

Literatur
Ahorner, L. (1968): Erdbeben und jüngste Tektonik im Braunkohlenrevier der Niederrheinischen Bucht. - Zeitschr. Dt. Geol. Ges. 118: 150-160.
Ahorner, L. (1975): Present-day stress field and seismotectonic block movements along major fault zones in Central Europe. - Tectonophysics 29: 233-249.
Ahorner, L. (1983): Historical seismicity and present-day microearthquake activity of the Rhenish massif, Central Europe. - in: K. Fuchs et al. (eds.), Plateau Uplift: 198-221; Berlin, Heidelberg (Springer-Verlag).
Ahorner, L. (1992): Das Erdbeben bei Roermond am 13. April 1992 und die daraus zu ziehenden Lehren für das Erdbebengefährdungspotential im Rheinland. - Mitteil. Dt. Geophys. Ges. 1/2: 51-57.
Ahorner, L. (1994): Fault plane solutions and source parameters of the 1992 Roermond, the Netherlands, mainshock and its stronger aftershocks from regional seismic data. - Geologie en Mijnbouw 73: 199-214.
Ahorner, L., Murawski, H., u, Schneider, G. (1970): Die Verbreitung von schadenverursachenden Erdbeben auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Versuch einer Regionalisierung. - Zeitschr. für Geophys. 36: 313-343.
Ahorner, L., u. Rosenhauer, W. (1978): Seismic risk evaluation for the Upper Rhine graben and its vicinity. - J. of Geophys. 44: 481-497.
Ahorner, L., u. Rosenhauer, W. (1993): Seismische Risikoanalyse. - in: E. Plate u.a. (Hrsg.): Naturkatastrophen und Katastrophenvorbeugung. Bericht zu IDNDR; Kap. 3.3: 177-190; Deutsche Forschungsgemeinschaft; Weinheim (VCH-Verlagsgesellschaft).
Meidow, H., u. Ahorner, L. (1994): Macroseismic effects in Germany of the 1992 Roermond earthquake and their interpretation. - Geologie en Mijnbouw 73: 271-279.
Robel, F. (1959): Die Erdbebenstation Bensberg bei Köln. - Zeitschr. für Geophysik 25: 16-32.
Schwarzbach, M. (1952): Erdbebenchronik für das Rheinland 1950-51 und Mitteilung über die Errichtung eines Erdbebenbeobachtungsdienstes der nördlichen Rheinlande. - Decheniana 105/106: 49-50.
Schwarzbach, M. (1956): Erdbebenchronik für die Rheinlande 1954/55. - Decheniana 109: 127.