Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Zur Geschichte der Geophysik an der Universität Frankfurt a. M.

Hans Berckhemer

Vorgeschichte des Universitätsinstituts

Das Institut für Meteorologie und Geophysik in Frankfurt hat seinen Ursprung schon vor der Gründung der Universität. Eine der traditionsreichen Einrichtungen zur Pflege der Wissenschaften in der Freien Reichsstadt Frankfurt war und ist der Physikalische Verein zu Frankfurt. Regelmässige Messungen meteorologischer Elemente sind schon seit 1826 dokumentiert. Mit der Zeit konnte das 1836 gegründete "Meteorologische Komitee" die wachsenden Aufgaben mit freiwilligen Arbeitskräften nicht mehr bewältigen. So wurde zunächst eine meteorologische Abteilung und dann 1906 ein eigenes "Institut für Meteorologie und Geophysik" geschaffen mit dem Sitz im Obergeschoss des damals neu errichteten Gebäudes des Physikalischen Vereins in der Robert-Mayer-Strasse 2-4 (jetzt Physikalisches Institut der Universität). Zum Leiter wurde Dr. Kurt Wegener, der ältere Bruder von Alfred Wegener, berufen. Die Hauptaufgabe der dort eingerichteten "Öffentlichen Wetterdienststelle" bestand in der Wettervorhersage, später insbesondere auch in der Wetterberatung für die Luftschiffahrt. 1908 wechselte Wegener als Leiter an das Observatorium Apia nach Samoa über. Im Austausch mit ihm wurde der damals dreissigjährige Dr. Franz Linke mit der Leitung des Instituts betraut und gleichzeitig als Dozent für Meteorologie und Geophysik an die "Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften zu Frankfurt" berufen. Linke betrieb mit grosser Energie die Entwicklung des Instituts. Als Wiechert-Schüler hatte Linke, der das Observatorium auf Samoa aufgebaut hatte, neben seinen ausgeprägten Interessen auf zahlreichen Forschungsgebieten der Meteorologie auch eine enge Bindung zur Geophysik, speziell zur Seismologie. In kurzer Zeit gelang es ihm, Mittel zur Errichtung eines aerologischen und seismologischen Observatoriums auf der Kuppe des Kleinen Feldbergs im Taunus einzuwerben. Entscheidend für die Realisierung war die grosszügige Stiftung der Baronin von Reinach geb. Bolongaro. Bedingung dieser Stiftung war jedoch die Einrichtung einer Erdbebenwarte, die 1911 erbaut wurde und den Namen des Stifters trägt. Die Erdbebenstation war mit einem Satz Galitzin-Seismographen, einem Bosch-Omori-Horizontalpendel und einem Wiechert-Vertikal-Seismographen ausgestattet. Zur Einweihung des Observatoriums am 24. Aug. 1913 waren viele prominente Meteorologen und Geophysiker aus dem In- und Ausland erschienen. Das Gästebuch des Observatoriums beginnt mit der Unterschrift Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II.

Anfangszeit des Universitätsinstituts für Meteorologie und Geophysik

Im Jahre 1914 wurde durch Zusammenschluss mehrerer wissenschaftlicher Institutionen und Akademien die von den Frankfurter Bürgern getragene Universität gegründet. Linke übernahm als Professor die Leitung des "Universitätsinstituts für Meteorologie und Geophysik". Es ist nach Göttingen (1898) und Leipzig (1913) das drittälteste geophysikalische Universitätsinstitut in Deutschland.

Der Ausbruch des Krieges setzte der zunächst hoffnungsvollen Entwicklung der jungen Universität jähe Grenzen. Erst nach dem Ende des Krieges begann im Institut mühsam wieder wissenschaftliches Leben, das jedoch durch Erweiterung des Wetterdienstes auf den Oberhessischen Raum, die aerologischen Beobachtungen und Strahlungsmessungen im Taunus-Observatorium, die meteorologische Betreuung der neu erwachten Segelfliegerei auf der Wasserkuppe in der Rhön sowie medizin-meteorologische und luftelektrische Forschungen bald schon zu einem fast explosiven Personal- und Raumbedarf führte, so dass sich der Physikalische Verein entschloss, 1926 das Patrizierhaus Feldbergstrasse 47 zu erwerben und dem Institut für 50 Jahre kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Bis dahin beschränkte sich die Geophysik im engeren Sinne vorwiegend auf den Betrieb der Erdbebenstation. Mit dem Angebot zur Habilitation an der Frankfurter Universität gelang es Linke, in Dr. Beno Gutenberg einen herausragenden Fachvertreter für Geophysik zu gewinnen. Gutenberg hatte 1913, nach seiner Promotion bei Wiechert in Göttingen, eine Anstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Zentralbüro der Internationalen Seismologischen Assoziation im damals deutschen Strassburg gefunden, wo er mit Unterbrechungen durch Kriegsdienst und Verwundung bis zum Kriegsende tätig war. Nachdem er in Deutschland keine Anstellung als Wissenschaftler finden konnte, trat er zur Sicherung des Lebensunterhalts für sich und seine Familie in die väterliche Seifen- und Lichterfabrik in Darmstadt ein, entfaltete daneben jedoch als Privatgelehrter eine reiche wissenschaftliche Produktivität. 1924 wurde er mit einer Arbeit über die seismische Bodenunruhe in Frankfurt habilitiert. Bereits 1926 erfolgte auf Betreiben von Linke seine Ernennung vom Privatdozenten zum nichtbeamteten Ausserordentlichen Professor. Mit Gutenberg begann eine Blütezeit für die Geophysik in Frankfurt, die allerdings nur von kurzer Dauer sein sollte. Im Rahmen eines Dozentenstipendiums übernahm er die Betreuung der Erdbebenstation. Seine offenbar sehr beliebten Vorlesungen umfassten viele Gebiete der Geophysik. Es entstanden in dieser Zeit bedeutende Arbeiten über die Struktur des Erdinnern, u.a. des Erdkernes und die Entdeckung einer Niedergeschwindigkeitszone im oberen Mantel (später Gutenberg-Zone genannt), rheologische Vorstellungen über das Erdinnere, das Lehrbuch der Geophysik und die Herausgabe mehrerer Bände des Handbuchs der Geophysik, in dem er wesentliche Teile selbst schrieb. Nach vergeblichen Bemühungen, in Deutschland eine reguläre Anstellung zu finden - er war jüdischer Konfession -, folgte er 1930 einem Ruf als Professor für Geophysik am California Institute of Technology und als leitender Seismologe des Seismological Laboratory der Carnegie Institution nach Pasadena.

Einer seiner Doktoranden, Helmut Landsberg, übernahm als Assistent des Instituts die Betreuung der Erdbebenwarte im Taunus-Observatorium. Es gelang ihm, 1934 unter dramatischen Umständen und mit Hilfe von Institutsangehörigen dem Zugriff der Nazis zu entkommen und nach den USA zu emigrieren. Bereits in Frankfurt hatte er sich neben der Seismologie mit Fragen der Bioklimatologie beschäftigt. Landsberg wurde später Direktor der Klimaabteilung des US Weather Bureau.

Mit dem Weggang von Gutenberg und Landsberg erloschen für längere Zeit alle Aktivitäten auf dem Gebiet der Geophysik. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Taunus-Observatorium für militärische Zwecke genutzt. Durch den unerwarteten Herztod von Linke bei einem Fliegerangriff auf Frankfurt im März 1944 erlitt das Institut seinen schwersten Schlag.

Nach dem Kriegsende fanden sich allmählich wieder ehemalige Mitglieder des Instituts in dem unversehrt gebliebenen Gebäude in der Feldbergstrasse ein. 1946 wurde Prof. Ratje Mügge, dessen Lehrstuhl für Flugmeteorologie in Darmstadt durch die Alliierten aufgelöst worden war, zunächst zum kommissarischen Direktor und 1948 zum Ordinarius und Direktor des Instituts ernannt. In dem notdürftig hergerichteten Taunus-Observatorium wurde der Betrieb der Erdbebenstation wieder aufgenommen.

Ab 1954 vertrat nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft Dr. Bernhard Brockamp im Rahmen eines Lehrauftrags die Geophysik in Frankfurt bis zu seiner Berufung 1959 als Direktor des Instituts für Reine und Angewandte Geophysik an der Universität Münster. Mügge war sehr an der Einwirkung atmosphärischer Druckschwankungen und der Erdgezeiten auf den Grundwasserspiegel interessiert. Hieraus ging unter anderem die Dissertation von Rudolf Meissner hervor, der dann zunächst bei der PRAKLA in der Prospektionsseismik tätig war, bis er 1961 von Mügge aus Libyen als Assistent an das Institut zurückgeholt wurde. In der Nachfolge von Brockamp wurde 1958 an Dr. Hans Berckhemer ein Lehrauftrag für das Fach Geophysik erteilt. Er war hauptberuflich beim Landeserdbebendienst von Baden-Württemberg in Stuttgart als Seismologe angestellt. Auf Anraten von Mügge hat er sich - mit Verzögerung durch einen Unfall im Dienste der Wissenschaft - 1961 in Frankfurt für das Fach Geophysik mit einer Arbeit über den Bruchvorgang im Erdbebenherd und seinen Einfluss auf das seismische Wellenspektrum habilitiert.

Selbständige Abteilungen für Geophysik und Meteorologie

Vor seiner Emeritierung 1963 hat Mügge, dem auch als Meteorologe die Förderung der Geophysik ein wichtiges Anliegen war, den gewagten Entschluss gefasst, der Fakultät zu empfehlen, als seinen Nachfolger einen Geophysiker zu berufen und gleichzeitig die Neuschaffung einer Professur für Meteorologie zu betreiben. So wurde Berckhemer 1963 auf den "Lehrstuhl für Physik des Erdkörpers" nach Frankfurt berufen. Mügges Rechnung sollte bereits 1964 aufgehen mit der Einrichtung einer neuen Professur für "Physik der Atmosphäre" und deren Besetzung durch Prof. Hans-Walter Georgii. Trotz gemeinsamer zentraler Einrichtungen wie Verwaltung, Bibliothek, Werkstätten und gemeinsamem Etat war nun allerdings eine Trennung des Instituts in zwei etwa gleichgewichtige Abteilungen vollzogen.

Damit beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Instituts. Der Bericht beschränkt sich im weiteren auf die "Geophysik im engeren Sinne". Bei der Vielfalt der Aktivitäten erfordert eine einigermassen übersichtliche Darstellung, von der streng chronologischen Abfolge abzuweichen und thematisch zu bündeln. Die wissenschaftlichen Arbeiten werden im wesentlichen anhand der daraus hervorgegangenen Dissertationen nachgezeichnet. Vollständige Zitate finden sich in den Institutsbeiträgen zu den Jahresberichten des Physikalischen Vereins zu Frankfurt.

Chronik der Abteilung für Geophysik

Zunächst standen im Mittelpunkt der Forschung: Seismologie, Seismometrie und seismische Tiefensondierung der Erdkruste. Jedoch wurden auch die von Mügge begonnenen hydrophysikalischen Fragestellungen weiter verfolgt, was u.a. zu einem patentfähigen Verfahren zur dynamischen Bestimmung von Brunnenparametern geführt hat (Dissertation I. Krauss, 1974).

Die bereits in den 50er Jahren vom Taunus-Observator Dr. Günter Mattern betriebene Erforschung der Exosphäre durch Beobachtung und Analyse blitzerzeugter elektromagnetischer Sfericssignale (Whistler, Dawn Chorus, Hicks) wurde insbesondere durch die Mitarbeit im Schwerpunktprogramm "Radiometeorologie" der Deutschen Forschungsgemeinschaft stimuliert. Wegen der Störungen durch die Sendeanlagen auf dem Grossen Feldberg wurden die Beobachtungen auf eine Aussenstation auf der Hamburger Hallig bei Husum verlagert.

1966 habilitierte sich Meissner mit einer Arbeit über die Interpretation von Weitwinkel-Reflexionsseismik-Messungen im Bayerischen Molassebecken. Er wurde im folgenden Jahr zum Diätendozent und ausserplanmässigen Professor ernannt. Er hat in Lehre und Forschung die angewandte Geophysik, insbesondere die seismischen Prospektionsmethoden, vertreten.

Die v. Reinachsche Erdbebenwarte konnte modernen Anforderungen in vieler Hinsicht nicht mehr gerecht werden. Es wurde deshalb ein seismischer Messbunker geplant und 1967 auch ausgeführt, der in 5 m Tiefe im Taunus-Quarzitfels als monolithischer Betonkörper eingegossen ist. Die Instrumentierung bestand aus einem Satz langperiodischer Press-Ewing-Seismometer und kurzperiodischer Willmore-Seismometer. Die Funkübertragung der Daten zum Institut in Frankfurt und die automatische Ereignisregistrierung auf Magnetband wurde vom Leiter des Elektroniklabors, Dipl. Ing. Arnulf Paulat, entwickelt und 1968 in Betrieb genommen. Zusätzlich gab es im Observatorium Tintenregistrierung der Erdbeben mit einem Satz Seismographen "Typ Stuttgart" (nach Berckhemer). Der Seismometerbunker hat sich auch aufs beste bewährt, als 1991 das Taunus-Observatorium mit hochempfindlichen Digitalseismometern modernster Bauart ausgerüstet in das "German Regional Seismographic Network" (GRSN) integriert wurde.

Anlässlich des 150jährigen Jubiläums des Physikalischen Vereins wurde 1974 die v. Reinachsche Erdbebenwarte zu einem seismographischen Museum umgewandelt, in dem neben einer ganzen Entwicklungsreihe von Seismographen auch die regionale und globale Seismizität und die Wellenausbreitung im Erdinnern für eine interessierte Öffentlichkeit demonstriert wird.

Auf dem Gebiet der globalen Seismologie wurden die Arbeiten über den Bruchprozess im Erdbebenherd gemeinsam mit K. Jacob weitergeführt. Als Grundlage hierfür wurde ein umfangreiches Mikrofilmarchiv der Seismogramme von mehr als 100 Stationen des World Wide Standardized Seismographic Network (WWSSN) angelegt. Nach seiner Promotion mit der Dissertation über "Investigation of the dynamic process in the earthquake foci by analyzing the pulse shape of body waves" ist Jacob 1968 zu einem Studienaufenthalt am Lamont Geological Observatory nach New York abgereist, von wo er bis heute nicht zurückgekehrt ist. Zum Thema Herdprozesse sind auch die numerischen elastodynamischen Modelle im Zusammenhang mit der Dissertation von H. Stöckl (1976) und die Laborexperimente über Scherungsinstabilitäten und impulsgetriggerte Bruchvorgänge (Dissertation F. Auer, 1972) zu erwähnen.

Zum Themenkreis der Seismometrie wurden Grundlagen für das Prinzip der Breitbandseismographie geschaffen (Berckhemer, Henger), die wesentlich zur Realisierung des Breitband-Seismographenarrays im Fränkischen Jura beitrugen. Mit Methoden der Netzwerktheorie entstand im Rahmen der Diplomarbeit und Dissertation von H. Neugebauer eine verallgemeinerte Darstellung der gekoppelten Seismographensysteme und der Probleme der numerischen Inversion (Entzerrung) von Seismogrammen. Für die sprengseismische Erforschung der Erdkruste wurde in der Werkstatt des Instituts unter Meister Weine der Prototyp des Feldseismometers FS60 gebaut, das zusammen mit der von verschiedenen Instituten gemeinsam entwickelten und von der Firma Lennartz in Tübingen produzierten sehr erfolgreichen MARS66-Magnetbandapparatur für mehrere Jahre als Standardseismometer diente.

Bei der Generalversammlung der Internationalen Union für Geodäsie und Geophysik in Berkeley 1963 wurde das erste grosse internationale und interdisziplinäre geowissenschaftliche Forschungsprojekt, das "Upper Mantle Project", aus der Taufe gehoben. An seiner nationalen Entsprechung, dem Schwerpunktprogramm "Unternehmen Erdmantel" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hatte das Institut bedeutenden Anteil. Koordinator des Schwerpunktes war H. Berckhemer. Das Institut war insbesondere bei der seismischen Tiefensondierung der Erdkruste unter dem Rheingraben und dem Rheinischen Schild beteiligt, wobei die Beiträge von Meissner und Mitarbeitern hervorzuheben sind. In den Alpen hat sich unser Interesse besonders auf den Südrand mit der sog. Zone von Ivrea-Verbano konzentriert. Diese ist dann zu einem klassischen Beispiel für die Exhumierung tiefer kontinentaler Kruste geworden. Ein erfolgreiches Projekt unter extremen Bedingungen war 1972 die krustenseismische Erforschung im Afar-Tiefland von Äthiopien, die unter der Leitung des Instituts stand. Dort hat sich, wie auch bei anderen Feldeinsätzen, das Organisations- und Menschenführungstalent des Akademischen Oberrats Dr. Bodo Baier bewährt. 1975 wurde noch unter Frankfurter Regie die Kruste des Damara-Orogens in Namibia seismisch sondiert. Allmählich haben sich dann die Forschungsschwerpunkte auf andere Bereiche verlagert.

1969 folgte Meissner der Einladung zu einem Studienaufenthalt an das Hawaii Institute of Geophysics nach Honolulu. Dieses Institut war Projektträger der NASA für die Beobachtungen mit Mondseismographen. So gelangten auch wir sehr früh an Mondseismogramme und konnten zur Interpretation mit Modellseismik und Streutheorie einiges beitragen. Noch in Hawaii erreichte Meissner der Ruf an die Universität Kiel als Nachfolger von Prof. Karl Jung, dem er 1970 folgte.

Sein Nachfolger wurde Wolfgang Jacoby, der seinerseits von Kiel nach Frankfurt übersiedelte. Er hatte hier, wie Meissner, die angewandte Geophysik in der Lehre zu vertreten. Seine wissenschaftlichen Interessen lagen aber mehr beim Schwerefeld der Erde und der Schwerkraft als Antriebsmotor geodynamischer Prozesse. Er hatte die Anregung aufgenommen, die geodätischen Daten von Island geophysikalisch zu interpretieren und durch eigene Messungen und Beobachtungen zu ergänzen. Seither ist Island sein wissenschaftliches Eldorado. Hieraus ging auch die Dissertation von G. Marquart (1983) hervor.

1971 folgte dem "Upper Mantle Project" auf Beschluss der Internationalen Union für Geologische Wissenschaften und der Internationalen Union für Geodäsie und Geopysik das "International Geodynamics Project". Berckhemer wurde zum Chairman der Working Group 3 (Alpine-Mediterranean Geodynamics) ernannt. Danach orientierten sich auch die Forschungsziele neu.

Auf der Peloponnes wurden in Zusammenarbeit mit der Universität Athen mobile Erdbebenstationen so plaziert, dass mit den vorhandenen griechischen Stationen erstmals eine präzise Lokalisierung der Hypozentren der westägäischen Subduktionszone möglich war (Dissertation G. Leydecker, 1975). Es wurden auch Modellbetrachtungen zur Entstehung des Ägäisraums angestellt. Neugebauer, der bereits seit 1968 eine Assistentenstelle innehatte, wechselte sein Arbeitsgebiet in Richtung auf geodynamische Modellrechnungen mit finiten Elementen. Erste Anwendungen bezogen sich auf das Deformations- und Spannungsfeld im Rheingrabenbereich und dann auf Probleme der Stabilität passiver Kontinentalränder. Neugebauer hat sich 1977 für das Fach Geophysik in Frankfurt habilitiert und ist nach einem Forschungsjahr an der Cornell University 1979 einem Ruf nach Clausthal gefolgt. Geodynamische Modellrechnungen über das Lithosphären-Asthenosphären-System wurden auch in der Arbeitsgruppe Jacoby ausgeführt. 1976 kam Dr. George Purcaru nach Frankfurt. Er hat, zunächst im Rahmen von Forschungsprojekten, später als freier Mitarbeiter, teils gemeinsam mit Berckhemer, über die raum-zeitliche Erdbebenaktivität im Mittelmeerraum und über Parametrisierung von Erdbeben gearbeitet.

Für die kontinuierliche Erfassung lokaler und regionaler Seismizität sowie teleseismischer Laufzeitanomalien für seismische Tomographie waren einfache, leicht transportable Magnetbandregistriergeräte erforderlich. Dies führte Ende der 70er Jahre zur Entwicklung der sog. MLR-Geräte durch Paulat im Elektroniklabor des Instituts, wo bisher etwa 35 Stück gebaut wurden. Sie fanden Einsatz im heimatlich hessischen Raum, speziell bei der tomographischen Untersuchung des Vogelsbergvulkanunterbaus, und bei einem Gemeinschaftsprojekt mit der ETH-Zürich zur Klärung der Struktur der Lithosphärenwurzel unter den Alpen. Seit 1985 wird im Rahmen eines deutsch-türkischen Gemeinschaftsprojekts zur Erdbebenvorhersageforschung am Westende der Nordanatolischen Verwerfungszone ein Netz von 9 MLR-Stationen unter Leitung von B. Baier betrieben. Zur Fortsetzung in den Ägäischen Raum wurde zusätzlich 1992 auf nordägäischen Inseln gemeinsam mit der Universität von Athen im Rahmen eines EU-Projekts ein weiteres Netz von 10 Stationen installiert.

Experimentelle gesteinsphysikalische Arbeiten haben sich seit den 70er Jahren zunehmend zu einem Forschungsschwerpunkt des Instituts entwickelt. Die Arbeiten in einem durch die beengte räumliche Situation im Keller des Instituts eingeschränkten gesteinsphysikalischen Labor begannen mit den bereits erwähnten Modellversuchen über Fliessinstabilitäten und getriggerte Bruchvorgänge. Ein 'highlight' war die Messung der Dämpfung elastischer Wellen im Hochvakuum bei tiefen Temperaturen am grössten Stück lunaren Anorthosits, das unter militärischen Sicherungsmassnahmen einem europäischen Institut zur Verfügung gestellt worden war. Die Versuche sollten zur Aufklärung der Eigenart der Mondseismogramme beitragen (Herminghaus, Berckhemer). 1976 folgte die Installation einer 10-kb-Gasdruckapparatur für rheologische Hochdruck-Hochtemperatur-Untersuchungen an Gesteinen der Unterkruste und des Erdmantels. Während zunächst das stationäre Kriechverhalten im Vordergrund stand, konzentrierte sich bald das Interesse auf anelastische Absorption im seismischen Frequenzbereich bei hohen Temperaturen. Diese Untersuchungen erfolgten sowohl experimentell (Dissertation W. Kampfmann, 1984), als auch durch theoretische Modellbetrachtungen (Dissertation H. Schmeling, 1984). Bestimmungen der Dämpfung seismischer Wellen im Erdkörper aus dem Spektralverhältnis S/P (Dissertation A. Ulug, 1983) konnten damit festkörperphysikalisch verstanden werden. Diese und auch alle späteren experimentellen Arbeiten wären ohne die Sachkenntnis und das Engagement von Dipl.-Ing. Emil Aulbach nicht möglich gewesen.

Von 1975 bis 1979 war Berckhemer, zunächst als Vizepräsident und dann als Präsident der Internationalen Assoziation für Seismologie und Physik des Erdinnern, in internationalen Aktivitäten stark involviert.

1978 gelang es, eine Professur für Mathematische Geophysik neu zu schaffen, die erste ihrer Art in der Bundesrepublik. Mit der Berufung des Privatdozenten Gerhard Müller von Karlsruhe nach Frankfurt haben die studentische Ausbildung und die Forschung eine wesentliche Erweiterung und neue, zeitgemässe Akzente erfahren. Mit der Einrichtung dieser Professur war auch eine räumliche Erweiterung durch Anmietung von Räumen in der Siesmayerstr. 58 verbunden. Die relativ gute Ausstattung des Instituts mit Professorenstellen wurde mit der externen Versorgung der Nachbaruniversitäten in Giessen, Darmstadt und Mainz mit Vorlesungen und Praktika begründet.

1983 wurde vom Bundesministerium für Forschung und Technologie das "Deutsche Kontinentale Reflexionsseismische Programm" (DEKORP) beschlossen, das die Untersuchung der Feinstruktur der tiefen Erdkruste auf ausgewählten Profilen zum Ziel hat. Die Gruppe Müller hat sich, zum Teil in diesem Rahmen, in zahlreichen Arbeiten mit Methoden zur Generierung synthetischer Seismogramme (Dissertationen M. Korn, 1985, M. Weber, 1986, H. Emmerich, 1991), mit Beugung und Migration (Dissertation P. Temme, 1983, W. Kampfmann, 1988) befasst. Von Müller (1983) sowie von Emmerich und Korn (1986) wurden auch der Einfluss frequenzabhängiger Dämpfung auf die Wellenausbreitung theoretisch behandelt. Daneben wurde unter Nutzung moderner digitaler Breitbandseismogramme und synthetischer Seismogramme die Struktur von Grenzschichten im Mantel und Kern sowie deren Anomalien untersucht (Dissertationen J. Schlittenhardt, 1984, J. Schweitzer, 1990, T. Spies, 1991). Andere Arbeiten befassten sich mit dem raum-zeitlichen Prozess im Erdbebenherd (Dissertation W. Brüstle, 1985) und der globalen Tomographie (Dissertation M. Körnig, 1994). In den letzten Jahren konzentrierten sich die Arbeiten auf die Theorie der Streuung in stochastisch heterogenen Medien (Dissertationen Y. Fang, 1994, M. Roth, 1996). Michael Korn habilitierte sich 1993 mit Arbeiten zur Wellenstreuung in der Lithosphäre und ist seit 1995 Professor für Theoretische Geophysik an der Universität Leipzig. Sein Nachfolger als Hochschulassistent wurde Dr. Torsten Dahm.

Gewissermassen ein wissenschaftlicher Seitensprung von G. Müller, allerdings ein recht bemerkenswerter, waren gravimetrische Schweremessungen höchster Genauigkeit. Sie wurden gemeinsam mit W. Zürn, Schiltach, und Kollegen aus der Geodäsie am Hornberg-Stausee im Südschwarzwald durchgeführt. Es ging um die Frage der Gültigkeit des Newtonschen Gravitationsgesetzes und um die Suche nach der "5. Kraft" (Müller et al. 1990) - Newton hat Recht behalten -.

Im Mai 1984 ist Jacoby dem Ruf auf eine Professur für Geophysik an die Universität Mainz gefolgt, wo er schon mehrere Jahre als Lehrbeauftragter tätig gewesen war. Im Oktober 1984 wurde Tilman Spohn, der sich im Frühjahr mit einer Arbeit über die thermische Evolution der Erde habilitiert hatte, auf eine Professur für Planetenphysik an die Universität Münster berufen. 1986 kam als Nachfolger von Jacoby auf die Professur für Angewandte Geophysik Prof. Volker Haak von der FU-Berlin nach Frankfurt. Der Schwerpunkt in der angewandten Geophysik lag jetzt bei den geoelektrischen Verfahren. Das eigentliche Forschungsgebiet von Haak war aber seit Jahren schon die Erforschung der elektrischen Leitfähigkeit von Erdkruste und -mantel mit den Methoden der Magnetotellurik. Er scharte rasch eine grössere Zahl von Studenten um sich, nicht zuletzt wohl auch im Hinblick auf deren berufliche Chancen bei der Anwendung geoelektrischer Verfahren in der Umweltgeophysik.

Nach heftigen Diskussionen um die Lokation wurde im Herbst 1983 mit der Kontinentalen Tiefbohrung (KTB) in der Oberpfalz bei Windischeschenbach begonnen und diese 1994 bei einer Teufe von fast 9100 m beendet. Das Institut hat mit zwei Projekten zu diesem Unternehmen beigetragen. Die gesteinphysikalische Gruppe von Berckhemer hat mit Untersuchungen der Spannungsrelaxationsprozesse in Bohrkernen zum Verständnis der Mikrorissbildung und zur Abschätzung der in-situ-Spannung im Experiment und mit numerischen Modellrechnungen beigetragen (A. Zang, K. Woher, M. Lienert, J. Zinke). Die Gruppe Haak hat mit K. Bahr, M. Stoll, H. Winter das KTB-Umfeld geoelektrisch vermessen und im Bohrloch selbst mit neu entwickelten Sonden bis zur Endteufe Eigenpotentiale gemessen und interpretiert. Die erfolgreiche Durchführung der Experimente in beiden Projekten war auch hier wieder massgeblich der technischen Expertise von E. Aulbach zu verdanken.

In den letzten Jahren hat das Institut tiefgreifende Veränderungen erfahren. 1993 verliess Haak Frankfurt, um am GeoForschungsZentrum in Potsdam eine verantwortliche Position und an der FU-Berlin eine Professur zu übernehmen. Seine Stelle war zunächst für eine Wiederbesetzung noch nicht verfügbar. 1992 bzw. 1993 hatten die Professoren Georgii und Berckhemer das Emeritierungsalter erreicht.

Als Nachfolger von Berckhemer wurde 1994 Prof. Harro Schmeling berufen, der ja im Institut kein Unbekannter war. Er kehrte nach 3 Jahren als Dozent an der Universität Uppsala und 4 Jahren als Professor in Bayreuth wieder nach Frankfurt zurück. Die Forschungsakzente werden in Zukunft bei der Entwicklung numerischer Modelle für Zustand und Prozesse im Erdinnern liegen, jedoch soll auch die experimentelle Gesteinsphysik weitergeführt werden.

Als Nachfolger von Haak wurde 1995 Dr. Andreas Junge aus Göttingen berufen, der durch seine Lehrstuhlvertretung in Frankfurt schon bekannt und geschätzt war. Er wird, wie Haak, die angewandte Geophysik mit Schwerpunkt bei gcoelektrischen und magnetotellurischen Methoden vertreten. Nach seiner Habilitation 1994 hat Karsten Bahr zunächst eine Stelle am GeoForschungsZentrum Potsdam und 1996 eine Professur in Göttingen (Nachfolge Schmucker) übernommen.

Räumlich war das Institut längst über sein Stammhaus in der Feldbergstrasse 47 hinausgequollen. Nachdem auch durch die Neubesetzungen der Professuren in Geophysik und Meteorologie der Raumbedarf noch weiter anstieg und mit dem seit langem versprochenen Neubau im Universitätsbereich auf dem Niederurseler Hang vorerst nicht gerechnet werden kann, haben sich die meteorologische und die geophysikalische Abteilung räumlich, und teilweise auch administrativ, voneinander getrennt. Die Geophysik verbleibt im Stammhaus in der Feldbergstrasse 47 mit Dependancen in Feldbergstrasse 45 und 42, während die Meteorologie ins Kerngebiet der Universität abgewandert ist. Die Geophysik hat soeben im Zusammenhang mit der Grundsanierung der Feldbergstrasse 47 und zweimaligem Umzug in ein Ausweichquartier und zurück eine schwere Leidenszeit hinter sich und hofft, bald wieder gedeihlich arbeiten zu können.

Wissenschaft kann nicht von Wissenschaftlern allein betrieben werden. Stellvertretend seien hier einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genannt, die durch lange Zugehörigkeit dem Institut in besonderem Masse verbunden waren oder sind. Liselotte Acker trat 1929 als Sekrtetärin in das Institut ein und verblieb dort bis zu ihrer Pensionierung 1971. Der erste Leiter der feinmechanischen Werkstatt, Wilhelm Weine, ebenso wie der derzeitige Leiter, Robert Röder, hatten ihre Ausbildung in der dem Physikalischen Verein nahestehenden Instrumentenfabrik Hartmann und Braun erhalten, während der Nachfolger von Herrn Weine, Erich Ullrich, aus dem Institut selbst hervorgegangen ist. Verwalter des Taunus-Observatoriums war seit Mitte der 50er Jahre bis zu seiner Pensionierung Hans Schweigmann. An seine Stelle ist 1991 sein Schwiegersohn Johannes Wolf getreten. Die Bibliothek erhielt nach ihrem Ausbau 1965 eine hauptberufliche Betreuung durch Rosemarie Weihrauch. Nach deren Pensionierung folgte 1986 Monika Dedolf. Die Stelle eines Zeichners und Fotographen wurde 1966 mit Willi Mahler besetzt, dem nach seiner Pensionierung Christine Lidzba folgte. Ingrid Hörnchen kam mit G. Müller als dessen Sekretärin nach Frankfurt. Christel Morgenstern war bis zu ihrer Pensionierung für die Verwaltung beider Abteilungen des Instituts tätig.

Literatur
Jahresberichte des Physikalischen Vereins zu Frankfurt am Main (1906-1991): Bericht des Instituts für Meteorologie und Geophysik, Frankfurt a. M. (Eigenverlag des Physikalischen Vereins).
Linke, F. (1914): Berichte des Meteorologisch-Geophysikalischen Institutes und seines Taunus-Observatoriums Nr.1; Braunschweig (Kommissionsverlag von Friedrich Vieweg u.Sohn).
Mügge, R. (1964): Geschichte des Universitätsinstituts für Meteorologie und Geophysik. - (unveröffentlichtes Manuskript).
Mügge, R. u. E.(1974): Die Pflege der Meteorologie im Physikalischen Verein. - in Fricke, H. (Hrgb.): 150 Jahre Physikalischer Verein Frankfurt a. M.; Frankfurt a. M. (Physikalischer Verein).
Schweitzer, J. (1989): Beno Gutenberg (1889-1960) - Biographische Notizen zu einem grossen Geowissenschaftler. - Vortrag gehalten auf der Jahrestagung der DGG in Stuttgart.