Erdmagnetische Beobachtungen in Berlin und Potsdam
Die Erforschung des Geomagnetismus in Deutschland, insbesonders im damaligen Preussen, geht, wie Archivunterlagen beweisen, auf Alexander von Humboldt zurück (Mundt 1986). Sie sei eine der drei "wichtigsten und eigentümlichen Arbeiten" seines Lebens. Nach der endgültigen Rückkehr in seine Heimatstadt Berlin 1827 setzte sich Humboldt dafür ein, dass eine modern ausgestattete Sternwarte errichtet und gleichzeitig auch die Belange der erdmagnetischen Forschung berücksichtigt wurden. Am 11. Mai 1836 begann man in Berlin mit der kontinuierlichen Beobachtung. Zweimal täglich, zunächst um 8.00 Uhr und um 14.00 Uhr, wurden die Deklinationswerte ermittelt. Als Messgeräte standen ein Magnetometer zur Bestimmung der Intensität, gebaut von Mayerstein in Göttingen, ein Inklinationsapparat von Gambey und ein von Baumann konstruiertes Gerät zur Bestimmung der Deklination zur Verfügung.
Humboldts Engagement war aber darauf gerichtet, möglichst global den Erdmagnetismus zu studieren. Nicht zuletzt seinen Bemühungen ist es zu verdanken, dass es möglich wurde, im Zeitraum von 1836 bis 1841 an etwa 50 Stationen koordinierte Beobachtungen durchzuführen.
Die Berliner Beobachtungen mussten aber bereits Ende 1872 infolge
"eingetretener localer Störungsverhältnisse" - gemeint waren
die aus der Industrialisierung und aus der verkehrstechnischen
Erschliessung Berlins resultierenden Beeinträchtigungen -
eingestellt werden, obwohl die Messungen jahrzehntelang "in ihrer Art
Nichts zu wünschen" übrig liessen. Es ist gerechtfertigt, die
Ergebnisse der Berliner Messungen denen der Reihe Potsdam, Seddin und
Niemegk voranzustellen (Abb. 1). E. Ritter hat die Werte von 1836 bis
1860 in der Berliner Archenhold-Sternwarte gefunden und aufbereitet. Der
Verbleib der Daten aus dem Zeitraum bis 1872 ist bis heute unbekannt
(Ritter 1991).
Nach der Einstellung der magnetischen Beobachtungen begann eine lange Durststrecke für den Erdmagnetismus in Preussen. Der Preussische Staat tat sich recht schwer mit der Neugründung einer magnetischen Station. Wilhelm Julius Foerster, von der Bedeutung des Geomagnetismus überzeugt, konnte nach langwierigen Verhandlungen und der Vorlage mehrerer Denkschriften erreichen, dass mit dem Bau eines magnetischen Observatoriums im Frühjahr 1887 auf dem Potsdamer Telegrafenberg begonnen wurde. Im Herbst 1889 begannen Proberegistrierungen, ab 1. Jan. 1890 Dauerbeobachtungen. Die Geschichte der Gründung des Geomagnetischen Observatoriums Potsdam wurde von Körber (1965) und Tiemann (1990) umfassend beschrieben.
Die Vorgeschichte des Niemegker Observatoriums
Wie in vielen Observatorien in aller Welt, die ihren Betrieb im Laufe der Zeit durch Fremdstörungen verlagern oder einstellen mussten, hat dieses Problem auch im Magnetischen Observatorium Potsdam schon bald eine Rolle gespielt. Bereits 1907 musste eine Teilverlagerung des Registrierbetriebes nach Seddin erfolgen, weil durch Einführung des elektrischen Treidelbetriebes auf dem Teltow-Kanal, später auch durch die Elektrifizierung der Strassenbahn in Potsdam, nicht unwesentliche Störungen des Messbetriebes auftraten. Die Finanzierung dieser Teilverlagerung wurde mit Mitteln der Teltow-Kanal-Gesellschaft und der Stadt Potsdam erreicht. Allerdings war nach Seddin, das ca. 20 km südwestlich von Potsdam in der Nähe der Bundesstrasse 2 liegt, nur die Variationsregistrierung ausgelagert worden, während die absoluten Messungen weiterhin in Potsdam erfolgten. Doch Mitte der 20er Jahre wurden Pläne bekannt, die Berliner Stadtbahn bis nach Potsdam zu elektrifizieren. Wieder wurde eine Verlagerung notwendig, diesmal eine endgültige und vollständige. Denn es zeigte sich, dass selbst in Seddin die Fahrpläne der Züge sich in den Magnetogrammen widerspiegelten, als 1927 die ersten Probezüge fuhren. Die Berliner S-Bahn, eine 800-Volt-Gleichstrombahn, machte erdmagnetische Registrierungen in Potsdam und Seddin unmöglich.
Geheimrat Professor Dr. Adolf Schmidt, wohl einer der bedeutendsten deutschen Geophysiker und würdig, in einem Atemzug mit A. v. Humboldt und C.F. Gauss genannt zu werden, wenn es um den Erdmagnetismus geht, war seit 1902 Leiter der Magnetischen Abteilung des Preussischen Meteorologischen Instituts in Potsdam. Er hat 1907 die Teilverlagerung nach Seddin geleitet und war nun bis zur Pensionierung Anfang 1928 massgeblich an den Vorarbeiten zur Observatoriumsgründung in Niemegk beteiligt. Sein Nachfolger war Prof. Alfred Nippoldt. Eine Würdigung des Erdmagnetikers A. Schmidt hat J. Bartels (1946) gegeben. Zum 125. Geburtstag bzw. zum 50. Todestag erschienen Beiträge von Webers (1985) und Best (1991, 1994).
Für das Observatorium wählte man einen Platz in der Nähe der Stadt Niemegk im Fläming aus. Es standen zunächst noch zwei andere Orte in der Niemegker Gegend zur Wahl. Dem Magistrat der Stadt Niemegk gelang es aber, durch besonderes Entgegenkommen die Aufmerksamkeit auf den gewählten Ort zu lenken. Die Stadt versprach sich in wirtschaftlich schwerer Zeit Aufträge für die einheimischen Handwerker und einige Arbeitsplätze. Man bot die Fläche, 1,5 km vom Ort entfernt, erschlossen an, wobei für die Wasser-, Gas- und Elektrizitätsleitungen vom Ort zum Observatoriums-Gelände das Institut nur ein Drittel der Kosten tragen musste. Das Vorhandensein eines Gaswerkes in Niemegk war für Schmidt und Nippoldt ein wesentlicher Grund für die Niemegker Platzwahl. Sie versprachen sich mit der Gasheizung eine grössere Konstanz und Genauigkeit bei der Untersuchung des Temperatureinflusses auf die Messgeräte. Ausserdem hatte die Reichsbahndirektion in einem Schreiben vom 27. Jan. 1927 ausdrücklich erklärt, einen elektrischen Betrieb der Städtebahnstrecke, die an Niemegk vorbeiführte, insbesondere mit Gleichstrom und Schienenrückleitung, niemals einzuführen. Auch hatte die Stadt versichert, keine Gleichstromanlagen im Stadtgebiet zu dulden und nur den für das Observatorium unschädlichen dreiphasigen Wechselstrom zu nutzen. In einem Vertrag wurde festgelegt, im Stadtumkreis von 500 m alle neuen geplanten elektrischen Anlagen der Institutsleitung zur Genehmigung vorzulegen. Alle diese Massnahmen führten dazu, dass die Einwohner von Niemegk über viele Jahre die Ansicht vertraten, die Existenz des Observatoriums hätte eine industrielle Entwicklung des Niemegker Gebietes verhindert. Nun hat das Observatorium in der Tat versucht, in sogenannten Schutzzonen um das Gelände herum Einfluss zu nehmen auf den Aufbau elektrischer Anlagen, Sprengungen, Waldrodungen usw. Die Schutzzonenradien sind heute 1, 5 und 30 km. Niemals jedoch haben diese Vorsichtsmassnahmen eine Investortätigkeit behindert, immer konnte mit den Planern Einigung erzielt werden, selbst mit der damaligen Reichsbahn bei der Elektrifizierung der Strecke Seddin - Rosslau, die bei Belzig an Niemegk vorbeiführt. Allerdings konnte, vor der politischen Wende 1989/90 verhindert werden, dass die Sowjetarmee und die damalige DDR-Armee bei Manövern Transportkolonnen am Observatorium vorbeiführten.
Nachteilig erwies sich die schlechte Erreichbarkeit Niemegks trotz Bahnanschluss. Schon früh wurde ein Kraftfahrzeug beantragt und genehmigt, um besser von Potsdam nach Niemegk zu kommen. Das Fahrzeug wurde auch zur Landesvermessung benutzt. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter machte auf Kosten des Instituts den Führerschein. Als die finanzielle Situation sich 1930 verschlechterte, wurde das Auto in einen kleineren Typ umgetauscht.
In langwierigen Verhandlungen mit der Reichsbahndirektion hatte die Institutsleitung erreicht, dass die Bahn sich an den Kosten der Verlegung des Observatoriums nach Niemegk beteiligte. In einem Vertrag vom 26. Okt. 1929 erklärte sich die Reichsbahn bereit, 150.000 RM zu den einmaligen Aufwendungen und 100.000 RM als eine einmalige endgültige Abfindung für die laufenden Mehrkosten an die Preussische Staatskasse zu zahlen. Letztere Position beinhaltete Kosten für neue Personalstellen inkl. Rentenbeiträge (eigentlich Pensionsansprüche) und neue Registriergeräte. Der Preussische Staat als Betreiber des Observatoriums erklärte im Gegenzug, dass damit alle Anforderungen gedeckt sind, die aus der Elektrifizierung der Reichsbahnstrecke nach Potsdam entstanden seien. Für weitere mit Gleichstrom elektrifizierte Vorortbahnen behielt sich jedoch der Staat weitere Stellungnahmen vor. Aus diesem Grunde gab der Vorsteher des Magnetischen Observatoriums am 29. Okt. 1929 gegenüber dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung zu bedenken, dass neue Ansprüche entstehen, wenn die Strecke Brandenburg - Treuenbrietzen, die an Niemegk vorbeigeht, elektrifiziert würde.
Der Reichsbahn eine nicht unerhebliche Summe abgefordert zu haben, ist selbst aus heutiger Sicht beachtenswert. Die Askania-Werke waren damals nicht so erfolgreich. Dieser Betrieb musste im Zusammenhang mit der Elektrifizierung der S-Bahn nach Potsdam seine Prüfanlagen für magnetische Geräte von Berlin-Wannsee nach Potsdam-Bornim verlegen. Es kam zu einer Klage bis hin zum Reichsgericht. Man wollte erreichen, dass die Bahn den Askania-Werken die entstandenen Kosten ersetzen sollte. Die Klage wurde am 21. Okt. 1931 kostenpflichtig abgewiesen.
Das Niemegker Observatorium von 1930 bis 1945
Am 23. Juli 1930 wurde das Observatorium offiziell eingeweiht. Es war der 70. Geburtstag von Geheimrat Adolf Schmidt. Auf Antrag des Direktors des Preussischen Meteorologischen Instituts, Prof. H. v. Ficker, entschied der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung am 1. April 1930, "dem neuen Magnetischen Observatorium in Niemegk die Bezeichnung - Adolf-Schmidt-Observatorium für Erdmagnetismus - beizulegen" in Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen von A. Schmidt seit Beginn seiner Tätigkeit in Potsdam. Zur Einweihung startete um 15.30 Uhr vom Bahnhof Potsdam ein Postkraftwagen mit den Mitarbeitern der magnetischen Abteilung und einigen Gästen, die von A. Schmidt geladen waren, um in Niemegk von 17.00 bis 18.00 Uhr einer kurzen Feier beizuwohnen. Um 19.00 Uhr wurde ein kleiner Imbiss geboten, den knappen finanziellen Mitteln angepasst. Der Postkraftomnibus brachte dann die Gäste wieder zurück nach Potsdam. Aus den Archivunterlagen ist nicht zu ersehen, was der Omnibus wirklich gekostet hat. Veranschlagt waren 150 RM für einen kleinen und 330 RM für einen grossen Bus.
Ein Blick in das nun schon historische Gästebuch des Observatoriums zeigt, dass der erste Besuch nach der Einweihungsfeier am 14. Sept. 1930 durch die Deutsche Geophysikalische Gesellschaft erfolgte. Unter den 26 Namen finden sich die von Kohlschütter, Tams, Weickmann, Rössiger, Meisser, Jung und Haalck.
Die ersten Wochen verliefen für das neue Observatorium nicht ganz problemlos. Die Anfrage des Direktors an das Ministerium, welche Ortszulage für die neue Arbeitsstelle gültig sei, da Niemegk bisher nicht im Verzeichnis der Ortszulagen aufgeführt worden sei, wurde abschlägig beantwortet, da die an den Tarifverträgen beteiligten Arbeitsorganisationen eine Festsetzung der Ortszulage für Niemegk bisher nicht verlangt hätten. Positiv wurde der Antrag behandelt, dem Hauswart am Observatorium monatlich 6 RM für die Haltung eines Wachhundes zu gewähren, bei Berücksichtigung der allgemeinen Notlage des Staates. Tatsächlich waren dann die Betriebskosten schon im Anfang höher als erwartet, z.B. für Elektroenergie und für das Dienstfahrzeug. Letzteres (50 PS) wurde dann ja auch, wie schon erwähnt, in ein kleineres Opel-Fahrzeug (20 PS) umgetauscht.
Ernsthafter war die Situation für den Observatoriumsbetrieb wegen der Gefährdung des Variationshauses durch Grundwasser. Das wurde aus Gründen der Temperaturregulierung in das Erdreich verlegt. Für den Betrachter sind nur Boden und Dach zu erkennen. Eine zwölfstufige Treppe führt hinunter zu einem Umgang, von dem die Registrierräume zu erreichen sind. Noch 1932/33 wurden verschiedene Massnahmen getroffen (z.B. Ringdrainage, Abzugskanal und Sammelbassin, unterirdische Abflussrohre zum Abzugsgraben auf einem Nachbargrundstück), um das Grundwasser zu regulieren. All das führte schliesslich zum Erfolg. Zusätzlich wurden die Grundwasserverhältnisse in der weiteren Umgebung Niemegks durch landwirtschaftliche Meliorationsmassnahmen rapide verändert. Es ist heute nicht mehr zu verstehen, welche Probleme damals bestanden.
Bis 1936 war das Observatorium eine Abteilung des Meteorologischen-Magnetischen Observatoriums in Potsdam, das wiederum zum Preussischen Meteorologischen Institut Berlin gehörte. Von 1936 bis 1945 unterstand das Observatorium Niemegk dem Geophysikalischen Institut in Potsdam, das wiederum der Universität Berlin. Der Direktor in dieser Zeit war Julius Bartels, der A. Schmidts Nachfolger Alfred Nippoldt abgelöst hatte. Niemegk wurde noch im April 1945 Kampfgebiet im Zweiten Weltkrieg. Infolge von direkten Kampfhandlungen und Kriegsschäden musste die Beobachtungstätigkeit eingestellt werden. Das letzte Magnetogramm trägt das Datum vom 19. April 1945.
Das Magnetische Observatorium, von 1946 bis 1991
Die Kriegsschäden am Observatorium waren erheblich. Ausserdem wurden durch die Rote Armee verschiedene Messgeräte beschlagnahmt. Im Oktober 1945 wurde ein provisorischer Betrieb aufgenommen. Das erste Nachkriegsmagnetogramm trägt das Datum vom 27. Febr. 1946.
Während des Kriegsendes wohnte Gerhard Fanselau in Niemegk. Fanselau, der in Berlin 1943 durch den Bombenkrieg seine Wohnung verloren hatte, war noch von A. Schmidt als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt worden. Er war massgeblich an der Wiederaufnahme des Messbetriebes beteiligt. Zwecks Kontaktaufnahme begab sich Fanselau im Sommer 1945 nach Potsdam, wobei er den grössten Teil der 55 km zu Fuss zurücklegte. Er traf sich mit Prof. R. Süring am Meteorologischen Institut und mit dem für Wissenschaften zuständigen Offizier der sowjetischen Militärbehörde. Das Geophysikalische Institut, das Observatorium Niemegk eingeschlossen, wurde dem Meteorologischen Zentralobservatorium zugeordnet. Direktor des Instituts war für zwei Jahre Richard Bock, der von 1930 bis 1933 die Leitung des Observatoriums Niemegk inne hatte, bevor er sich dann intensiv um die magnetische Landesvermessung von Deutschland kümmerte. G. Fanselau bemühte sich um eine möglichst selbständige Stellung des Observatoriums. Es ergaben sich Verbindungen zum Hydrometeorologischen Dienst der Roten Armee (Abt. West) und zum Technischen Büro Nr. 1 des Erdölministeriums des Ostens in Brieselang bei Nauen. Die nach dem Krieg von Fanselau entwickelte magnetische Feldwaage mit Spannbandaufhängung wurde in der kleinen Niemegker Institutswerkstatt in ersten Mustern gebaut. Die Serienherstellung übernahmen die Askania-Werke in Teltow bei Berlin, damals ein unter sowjetischer Verwaltung stehender Betrieb. Später wurde der Betrieb wieder selbständig. Unter der Firmenbezeichnung Geräte- und Reglerwerke Teltow bzw. Geophysikalischer Gerätebau Brieselang wurden über 1000 Feldwaagen gebaut und in mehr als 50 Länder exportiert. Alle Feldwaagen sind in Niemegk justiert und geeicht worden. Bemerkenswert ist, dass die Bezahlung der ersten Geräte 1946 teilweise mit Lebensmitteln erfolgte, was für die wenigen Niemegker Mitarbeiter sehr wichtig war. Die Fadenwaage von Fanselau war das Nachfolgegerät der Schmidtschen Schneidenwaage, robuster und einfacher als diese in der Handhabung.
Im Jahr 1951 erhielt das Potsdamer Institut vom Izmiran Moskau den Auftrag zum Bau eines absoluten galvanischen Theodoliten. Im Potsdamer Institut wurden die theoretischen Arbeiten ausgeführt, während die umfangreichen Erprobungen und Eichungen im Observatorium Niemegk vorgenommen wurden.
War 1945 ein Wissenschaftler am Observatorium tätig, so waren es 1956 vier. Die Einführung moderner Geräte und Messverfahren, die z.T. am Observatorium entwickelt und in der eigenen Werkstatt gefertigt wurden, waren Grundlage der Entwicklung zu einem Standardobservatorium. Die Neubestimmung der absoluten erdmagnetischen Feldgrössen am Observatorium Niemegk war von entscheidender Bedeutung (Richard u. Wiese 1954). Viele europäische geomagnetische Observatorien führten in Niemegk Anschlussmessungen durch. Es ist bemerkenswert, dass das im April 1938 eröffnete Observatorium in Wingst seinen magnetischen Standard von Niemegk erhielt (Errulat 1939), als dann aber zum Ende des Krieges Niemegk seinen Theodoliten verlor, der geomagnetische Standard von Wingst nach Niemegk retransferiert wurde.
Von 1950 bis 1952 wurde in Niemegk eine Pulsationsregistrieranlage aufgebaut und die Erfassung der kurzperiodischen Variationen in das Beobachtungsprogramm aufgenommen (Wiese 1955). In diese Zeit fällt auch die Installation der geoelektrischen Registrierung, zunächst auf zwei 100-m-Strecken (Lengning 1958). Erdstromregistrierungen spielen heute eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der Störfreiheit der Umgebung eines Observatoriums. Nach Vorversuchen ab März 1959 wurde das Prinzip der Kernresonanzmesstechnik zur Messung der Totalintensität in Niemegk eingesetzt (H. Schmidt 1962).
Die verwaltungsmässige Zugehörigkeit des Observatoriums Niemegk wechselte nach 1945 sehr oft, wie schon angedeutet wurde. Von 1945 bis 1949 unterstand Niemegk dem Geophysikalischen Institut Potsdam, das wiederum dem Meteorologischen Dienst. Der Leiter war G. Fanselau, der dann in Nachfolge von R. Bock seit 1949 auch Direktor des Geomagnetischen Instituts in Potsdam war, das aus dem Geophysikalischen Institut hervorgegangen war. Dieses Institut und damit das Observatorium wurde später der Berliner Akademie der Wissenschaften, Forschungsgemeinschaft naturwissenschaftlicher Institute, zugeführt. Mit der Akademiereform 1968/69, die zur Gründung der Akademie der Wissenschaften der DDR und zu Zentralinstituten führte, kam Niemegk zum Zentralinstitut für Physik der Erde Potsdam, ab 1982 zum Heinrich-Hertz-Institut in Berlin-Adlershof als eigener Bereich. Schwerpunkte der geomagnetischen Forschung waren Geräteentwicklung, geomagnetische Landesvermessung, Tiefensondierung, Magnetosphärenphysik usw. Es wurden zu dieser Zeit auch verschiedene Probleme bearbeitet, die schwache magnetische Felder in der Industrie betrafen, bei deren Lösung die Erfahrungen mit dem Erdmagnetfeld hilfreich waren. Im Internationalen Geophysikalischen Jahr (IGJ) wurden mehrere Aussenstationen betrieben, wobei Warnkenhagen an der Lübecker Bucht und Sosa an der gleichnamigen Talsperre im Erzgebirge bis 1991 bestanden.
Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Wissenschaftsstruktur in den neuen Bundesländern reorganisiert. Im Ergebnis der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat wurde das Adolf-Schmidt-Observatorium Niemegk zum 1. Jan. 1992 dem GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ) zugeordnet, hier dem Wissenschaftsbereich Geophysik, Projektbereich Geoelektrische Sondierung und Geomagnetische Felder. Schwerpunkt der Arbeit ist in Niemegk wieder die Beobachtungstätigkeit. Das GFZ hat mit der Investition in moderne Magnetometer dieser Tendenz Rechnung getragen. Eine erste bemerkenswerte Aufgabe für Niemegk nach der politischen Wende war die Erarbeitung einer magnetischen Karte für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland für die Epoche 1992.5 gemeinsam mit den anderen beiden deutschen Observatorien Fürstenfeldbruck und Wingst. Es war seit 1937 die erste Magnetkarte für das deutsche Staatsgebiet (Beblo et al. 1995).
Das Observatorium Niemegk und bedeutende Geophysiker
Die Geschichte des magnetischen Observatoriums Niemegk in der nunmehr 106jährigen Messreihe Potsdam-Seddin-Niemegk ist verbunden mit dem Wirken hervorragender Wissenschaftler. Über Adolf Schmidt ist schon berichtet worden. Seine theoretischen und praktischen Arbeiten werden noch heute in der Fachliteratur zitiert. Zum 100. Geburtstag von A. Schmidt hat Fanselau (1961) in den Physikalischen Blättern eine Gedenkschrift veröffentlicht. Sie schliesst mit den Worten: "Es ist kaum möglich über Adolf Schmidts Leben ein besseres Motiv zu setzen als den Spruch, den er bei der Einweihung des Adolf-Schmidt-Observatoriums in Niemegk am 23. Juli 1930 in das Gästebuch eintrug:- stets vortrefflich zu sein und hervor sich zu tun vor den anderen -".
Julius Bartels war ein international anerkannter Wissenschaftler mit starken Verbindungen zum Observatorium. Nach seiner Promotion ging Bartels 1923 als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu Adolf Schmidt nach Potsdam. Mit Sidney Chapman schrieb er das Standardwerk "Geomagnetism", eine Monographie zum Erdmagnetismus. Die Bartelssche planetare Kennziffer Kp, die den globalen magnetischen Störungsgrad für die Erde beschreibt, soll besonders erwähnt werden.
Nach 1945 beeinflussten besonders drei Wissenschaftler das Geschehen am Observatorium Niemegk: Gerhard Fanselau, Horst Wiese und Herbert Schmidt
Wie erwähnt, baute G. Fanselau das Observatorium nach dem Krieg wieder auf und machte sich um die Entwicklung magnetischer Messgeräte, insbesondere um die der Feldwaage, sehr verdient.
H. Wiese war massgeblich an der Entwicklung der magnetischen Methode zur Erforschung der Leitfähigkeit des tiefen Untergrundes beteiligt. Im Jahr 1948 begann zur gegenseitigen Stützung der Messergebnisse zwischen einigen Observatorien ein regelmässiger Austausch von Magnetogrammen. Dabei zeigten die Registrierungen von Niemegk und Wingst grosse Unterschiede. Besonders in der Vertikalkomponente waren die Ausschläge bei Baystörungen in der Richtung entgegengesetzt. An beiden Observatorien wurde nach den Ursachen geforscht. Meier (1951) vermutete zuerst, dass Erdströme Ursache dieser Vorzeichenänderungen zwischen Wingst und Niemegk sein müssten. Wiese hat dann über viele Jahre sich mit diesem Problem beschäftigt und die Methode der Leitfähigkeitsbestimmung aus magnetischen Variationen (Tiefentellurik) entwickelt. International hat sich dann später die Bezeichnung Geomagnetische Tiefensondierung durchgesetzt (Wiese 1955, 1965).
H. Schmidt hat als Physiker und Experimentator massgeblichen Anteil an der Einführung moderner Messtechniken in den Observatoriumsbetrieb. Er beschäftigte sich mit dem Prinzip der Flux-Gate-Magnetometer und baute für Niemegk das erste Protonenmagnetometer.
Seit längerer Zeit wird der Observatoriumsbetrieb bestimmt durch die Einführung neuer Messgeräte sowie einer modernen Datenverarbeitung und -archivierung bei einer geringeren Zahl von Mitarbeitern. Der Zugriff zu den Messergebnissen ist schneller, der für ein geophysikalisches Observatorium notwendige Austausch mit anderen Institutionen wird z.B. über IMTERMAGNET beschleunigt. Alle diese Massnahmen dürfen das hohe Niveau der 106jährigen erdmagnetischen Messreihe nicht beeinflussen. Die Zuordnung des Observatoriums zum GeoForschungsZentrum Potsdam gewährleistet eine weitere positive Entwicklung.
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