Die Gründungsjahre
Am 1. Dez. 1958 wurde die Bundesanstalt für Bodenforschung durch Erlass des damaligen Bundeswirtschaftsministers Prof. Ludwig Erhard gegründet als eine dem Bundesministerium für Wirtschaft nachgeordnete Bundesbehörde. Als Aufgaben wurden ihr übertragen
- die Durchführung und Auswertung von Untersuchungen auf dem Gebiet der Bodenforschung im Ausland, soweit solche Aufgaben aufgrund zwischenstaatlicher Beziehungen anfallen,
- die Beratung der Bundesministerien in Fragen der Bodenforschung,
- wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Bodenforschung.
Dieser Entscheidung waren jahrelange Diskussionen vorausgegangen. In keinem Fall wollten die Bundesländer wieder eine Zentralisierung der geologischen Dienste, wie sie im Dritten Reich durch das Reichslagerstättengesetz und eine entsprechende Ausführungsverordnung erfolgt war. Für die geologischen Aufgaben in den Ländern sind die Länder zuständig, für die gemeinsame Erledigung aufwendigerer Aufgaben, die sich nicht alle geologischen Landesämter leisten konnten, waren am Amt für Bodenforschung (AfB) in Hannover und in Krefeld entsprechende Bereiche eingerichtet und ausgestattet worden (Hahn u. Homilius 1988). Deshalb die klare Festlegung der Aufgaben im Gründungserlass. Hinsichtlich der Forschung erfolgte die Zuordnung nach der Quelle der Finanzierung: Die aus Bundesmitteln bezuschussten Arbeiten wurden der Bundesanstalt zugeordnet. Später richtete sich die Forschung wesentlich nach ihrer Notwendigkeit für die Aufgaben des Bundes.
Ein gewichtiger Schritt vor der Errichtung der Bundesanstalt (BfB) in Hannover war die Einigung der Bundesregierung mit der Landesregierung in Hannover über eine Verwaltungsvereinbarung zur gemeinsamen Leitung und Verwaltung der BfB und des im April 1959 aus dem Amt für Bodenforschung hervorgegangenen Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung (NLfB). Weitere Punkte dieser Vereinbarung sind die Möglichkeit der Heranziehung von Bediensteten zur Dienstleistung bei der jeweils anderen Behörde und die gemeinsame Nutzung von Geräten und sonstigen Einrichtungen. Derartige Dienstleistungen von Experten des NLfB für Auslandsaufgaben der BfB waren vor allem in der frühen Phase der BfB dringend notwendig. Erst allmählich konnte die Bundesanstalt ausgebaut werden. Die Geophysik der BfB war am Anfang in den beiden Referaten II C, "Allgemeines geophysikalisches Laboratorium", und II D, "Laboratorium für Radioaktivität", in einer Abteilung "Laboratorien" unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Closs organisiert. Das Bundesministerium für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft unterstützte in starkem Umfang die Forschung auf dem Gebiet der Radioaktivität und der Isotope in ihrer Anwendung auf Fragen der Geowissenschaften. Dazu kam auch die Unterstützung der Industrie bei der Prospektion auf Uran in Deutschland. Es wurden Laboratorien zur physikalischen Altersbestimmung von Gesteinen mit der K/Ar- und der Rb/Sr-Methode und zur Bestimmung stabiler Isotope eingerichtet. Nur das Ende 1958 schon im Aufbau befindliche C14-Labor wurde den Gemeinschaftsaufgaben des NLfB zugeordnet (Hänel u. Homilius 1997).
In dem dann längere Zeit gültigen Organisationsplan gab es ab 1963 eine Unterabteilung "Physikalische Laboratorien" und ausser den beiden o.g. Referaten vier weitere: "Labor für Gesteinsphysik", "Angewandte Geophysik", "Aero- und Weltraumgeophysik" und "Seegeophysik". Die Seegeophysik war schon im BfB aktiv in der Nordsee, gemeinsam mit dem Deutschen Hydrographischen Institut (DHI) und dessen Forschungsschiff (FS) Gauss sowie mit der PRAKLA GmbH Hannover. Mit den damaligen Möglichkeiten der marinen Seismik wurde die generelle Struktur des Untergrundes der Nordsee erkundet und an die am Land bekannten Strukturen des Norddeutschen Beckens angeschlossen. Durch diese Arbeiten der BfB-Seegeophysik wurden wichtige Anstösse gegeben für die 1963 einsetzende industrielle Erdölexploration der Nordsee. 1964 stiess die BfB-Seegeophysik in die Ozeane vor durch die Beteiligung an der ersten Fahrt des FS Meteor in den Indischen Ozean und danach an vielen weiteren Fahrten. Die Entdeckung vulkanisch stark geprägter Strukturen im Golf von Bombay sollte der Ausgangspunkt sein für ein wichtiges Forschungsgebiet der BfB-Seegeophysik in den folgenden Jahren. Einen weiteren Aufschwung für die geologisch/geophysikalische Meeresforschung der Bundesanstalt gab 1970 die Indienststellung des ehemaligen Fischdampfers Valdivia für die Meeres-Rohstofforschung der Bundesrepublik. Erste Ziele waren Erzschlämme im Roten Meer, Schwermetallseifen vor Mozambique und Manganknollen im zentralen Pazifik, die in intensiver Zusammenarbeit mit der Industrie bei starkem Engagement verschiedenster Forschungsbereiche von BfB und NLfB verfolgt wurden.
Schon in der ersten Phase nach Gründung der BfB gab es ein Forschungsprogramm "Aero-Geologie und Airborne-Geophysik", das sich in der Geophysik zunächst auf Magnetik und Szintillometrie beschränkte. Nach Erprobungen über speziellen Objekten in Deutschland erfolgten systematische Vermessungen bei Projekten in der Dritten Welt (Dahomey, dem jetzigen Benin, und Afghanistan) und die aeromagnetische Befliegung der Bundesrepublik Deutschland im Profilabstand von 2 km. BfB und NLfB beteiligten sich mit intensiven Entwicklungen von Methoden zur Interpretation von magnetischen Anomalien und mit der Interpretation der gewonnenen Daten.
Die Gruppe der "Gesteinsphysik" konzentrierte sich auf das Gebiet der Porosität und Permeabilität der Gesteine und dabei im wesentlichen auf Fragen der Bewegung des Grundwassers und des Wassers in der ungesättigten Bodenzone. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf dem Sektor Grundwasser erfolgten in grossem Umfang bei Vorarbeiten für die Grundwassererschliessung in Niedersachsen in Zusammenarbeit mit den Hydrogeologen des NLfB, später auch bei Grundwassererschliessungsprojekten im Ausland. Hier wie auch auf dem Gebiet der Wasserbewegung und der Stofftransportvorgänge in der ungesättigten Bodenzone wurde in wachsendem Umfang mit Modellierungsverfahren gearbeitet.
Die BfB betreute die Entwicklungsarbeiten der Forschungsgemeinschaft Seismik e.V. (heute Angewandte Geophysik), die vom Bundeswirtschaftsministerium zur Methodenverbesserung bei der Exploration auf Erz und Salz gefördert wurden und die in guter Kooperation mit der betreffenden Industrie stattfanden. Angestossen wurden diese Arbeiten durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des deutschen Erzbergbaus, vor allem des Siegerländer Bergbaus; ganz wesentlich wurden die Entwicklungen dann getragen durch die Kaliindustrie. Zu nennen sind die umfangreichen Arbeiten über den Erzbringer im Siegerland, die Entwicklungen auf dem Gebiet der Untertageseismik (erfolgreich vor allem die Hammerschlagseismik) und auf dem Gebiet der Elektromagnetik im Salz. Die Aktivitäten der BfB und des NLfB griffen entsprechende Arbeiten des Kaliforschungsinstituts in Sondershausen auf. Besonders erfolgreich war die Entwicklung einer elektromagnetischen Reflexionsmethode durch Rudolf Thierbach, NLfB, und deren Einführung in die Praxis.
BfB und NLfB arbeiteten gemeinsam auf den Gebieten der Interpretation geoelektrischer Widerstandsmessungen und in der Geothermik. Die BfB führte - mit vielfacher Unterstützung durch Experten des NLfB - geoelektrische Untersuchungen zur Grundwassererkundung bei vielen Projekten der Technischen Zusammenarbeit (TZ) mit grossem Erfolg durch. Eine wichtige spezielle Aufgabe der BfB in der Geothermik wurde ab 1967 die Untersuchung der Aufheizungsvorgänge bei der Einlagerung von radioaktivem Abfall im Salzgebirge, mit systematischen Untersuchungen der thermischen Eigenschaften der Salzgesteine im Labor und mit in-situ-Versuchen im Versuchsbergwerk Asse.
Abteilung Geophysik in der BfB/BGR
Die Aufgaben der Abteilung "Laboratorien" der BfB waren so stark gewachsen, dass Anfang der 70er Jahre eine Umorganisation der BfB und dabei die Einrichtung einer selbständigen Abteilung "Geophysik" zum 1. Juli 1972 beschlossen wurde. Hans Closs, der an diesem Tage 65 Jahre alt wurde, übernahm nur kurzfristig mit einem Sonderauftrag die Leitung der neuen Abteilung bis zum 31. Okt. 1972, insbesondere weil sein designierter Nachfolger Karl Deppermann im Januar 1972 im Alter von nur 47 Jahren an Krebs gestorben war und es nach dem Ausscheiden des Präsidenten Gerhard Richter-Bernburg Ende Februar 1972 und einem nur 9tägigen Zwischenspiel von Prof. Eberhard Machens zunächst mit Ministerialdirektor Dr. Ulrich Engelmann nur einen kommissarischen Präsidenten aus dem Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi) gab. Zum 1. Nov. 1972 übernahm Hans-Jürgen Dürbaum die Leitung der Abteilung Geophysik mit Immo Wendt als Leiter der Unterabteilung "Geophysikalische Forschung und Entwicklung" (Stellvertreter: Hans-Peter Harjes) und Karl Hinz als Leiter der Unterabteilung "Explorationsgeophysik" (Stellvertreter: Oskar Kappelmeyer). Es war eine Zeit einerseits mit vielen neuen Aufgaben, andererseits mit einer kaum nennenswerten Vergrösserung des Personals, zunächst da die BfB wegen ihres Widerstandes gegen den ernannten Präsidenten Prof. Machens im BMWi wenig Fürsprecher hatte, und es später dann einen 'Überrollungshaushalt' nach dem anderen gab. Eine Massnahme wirkte sich jedoch sehr positiv aus: eine Prüfung des Bundesrechnungshofes hatte als Resultat, die BfB habe "eher zu wenig als zu viel Geld für die Beschaffung von Grossgeräten", weshalb zukünftig jeweils eine relativ grosse Summe für die Beschaffung von Grossgeräten im BfB-Haushalt bewilligt wurde.
Im Oktober 1973 kam der sog. 'Ölschock' mit der Folge, dass die Bundesregierung Massnahmen zur Rohstoffversorgung insgesamt stark förderte. Was die Geophysik betraf, so standen in Zukunft erhebliche Mittel für die Charterung von Explorationsschiffen für geophysikalische Arbeiten im Vorfeld der industriellen Exploration im Nordatlantik zur Verfügung, und das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) stellte Mittel für die Beschaffung und Erprobung einer aerogeophysikalischen Ausrüstung für einen Hubschrauber zur Verfügung, einen Sikorsky-Hubschrauber, der von der Bundeswehr ausgemustert und von der BfB übernommen wurde. Der zentrale Teil der aerogeophysikalischen Ausrüstung war ein elektromagnetisches System (DIGHEM II); eine intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten der elektromagnetischen Exploration und der Interpretation derartiger Daten war die notwendige Konsequenz der übernommenen Aufgaben.
Zu den Fördermassnahmen der Bundesregierung gehörte auch die verstärkte Unterstützung der Exploration durch die inländische Erdöl/Erdgas-Industrie, also auch von seismischen Untersuchungen. Die fachliche Stellungnahme zu entsprechenden Förderanträgen der Industrie aus der Sicht der Geophysik war Aufgabe der BfB. Dafür wie auch für die Aufgaben der modernen Seeseismik war es notwendig, dass entsprechendes Know-how auf dem Sektor der modernen digitalen Datenbearbeitung aufgebaut wurde, in Verbindung mit Forschungen zur Weiterentwicklung der publizierten Methoden. In diesem Zusammenhang müssen die herausragenden Beiträge von Peter Hubral zur seismischen Geschwindigkeitsanalyse und zur Migration seismischer Wellen genannt werden. Die Seegeophysik der Bundesanstalt unter der Führung von Karl Hinz leistete mit ihrem ziemlich einmaligen Material und dessen geologischer Interpretation wichtige Beiträge zu den Erkenntnissen über den Bau, die geologische Entwicklung und das Kohlenwasserstoffpotential von passiven Kontinentalrändern. Der vulkanische Kontinentalrandtyp wurde entdeckt. Hervorragende Möglichkeiten zu diesen Untersuchungen bot dazu die Mitgliedschaft der Bundesanstalt in der JOIDES-Organisation in Verbindung mit der Teilnahme der Bundesrepublik am Deep Sea Drilling Project (DSDP), später - seit 1985 - Ocean Drilling Programme (ODP).
Weitere wichtige Beiträge der Geophysik für die Erdöl-Erdgas-Forschung in der BfB und ab 1975 in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) waren grundlegende Forschungen der Gruppe von Wolfgang Stahl hinsichtlich der Kohlenstoff- und Wasserstoff-Isotope in Abhängigkeit von der Genese der Kohlenwasserstoffe.
Ziel war die Gewinnung frühzeitiger Erkenntnisse beim Niederbringen von Erdölbohrungen über die in der Tiefe zu erwartenden Kohlenwasserstoffe und Erkenntnisse über die Vorgänge bei der Bildung der Kohlenwasserstoff-Lagerstätten. Als Wolfgang Stahl 1979 die Leitung der Abteilung "Geochemie" übernahm, nahm er seine Isotopenforschung - nun "Isotopengeochemie" genannt - in seine neue Aufgabe mit. Weiter muss hier die Magnetotellurik genannt werden, die seit Ende der 60er Jahre in der BfB betrieben wurde und die von 1975 bis 1985 mit einer flächenhaften Vermessung NW-Deutschlands und einem grossen TZ-Projekt in Zimbabwe zwei grosse Projekte durchführte und interpretierte.
Seit Anfang der 70er Jahre gehört das Seismologische Zentralobservatorium Gräfenberg (SZGRF) zur BfB. Als zunächst selbständige Einheit gehört das SZGRF seit 1980 zur Abteilung "Geophysik". Der in Zusammenarbeit mit der DFG erfolgte Aufbau eines digitalen seismologischen Breitbandarrays, des "Gräfenbergarrays", war für die deutsche Seismologie ein ganz wichtiger Beitrag; die Kooperation auf diesem Sektor zwischen DFG, BGR und den geophysikalischen Instituten, vertreten durch das FKPE (Forschungskollegium Physik des Erdkörpers e.V.), darf vorbildlich genannt werden. Zum SZGRF befindet sich in diesem Band ein eigener Beitrag (Seidl u. Aichele 1997).
Eine wichtige Begründung für die Übernahme des Seismologischen Zentralobservatoriums Gräfenberg in die Bundesanstalt war die seismologische Überwachung von Nuklearexplosionen. Seit Ende der 70er Jahre nimmt die BGR-Seismologie durch Vertreter an den Abrüstungsverhandlungen in Genf teil, die einen kontrollierten Atomteststopp zum Ziel haben. Gemeinsam mit Prof. Harjes, jetzt Universität Bochum, haben die BGR-Experten wichtige Beiträge zur Realisierung einer solchen Kontrolle eingebracht.
Um die Wende zu den 80er Jahren kamen auf die BGR - und dabei in grossem Umfang auf die BGR-Geophysik - Aufgaben aus dem Gebiet der Grundlagenforschung zu. Das war einmal im Jahre 1979 die Antarktisforschung. Die BGR übernahm dabei - in Abstimmung und in Zusammenarbeit mit dem neugegründeten Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven - einen wichtigen Teil der Geoforschung als Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur Antarktisforschung. Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Klub der Antarktismächte, die aufgrund des Antarktisvertrages dort das Sagen haben, waren neben der Errichtung einer Überwinterungsstation, der "Georg-von-Neumayer-Station" am Weddell-Meer, umfangreiche wissenschaftliche Forschungsarbeiten. Für diese Arbeiten sind seitdem im Haushalt der BGR entsprechende Mittel ausgewiesen. Genannt werden müssen die beiden EXPLORA-Fahrten der BGR in das Weddell- und das Ross-Meer und die GANOVEX-Expeditionen in das Nordvictoria-Land, betont werden muss die gute Kooperation mit den US-amerikanischen, den deutschen und mehreren europäischen Gruppen.
Anfang der 80er Jahre begannen die geowissenschaftlichen Grossprojekte KTB und DEKORP. Wenn auch die Bundesanstalt hier keine führende Funktion übernahm, so beteiligte sie sich doch bei beiden Projekten mit eigenen Forschungsbeiträgen auf Gebieten, auf denen sie über besondere Erfahrungen verfügte. In der Geophysik waren dies vor allem Studien auf dem Gebiet der Magnetik, der Elektromagnetik, der seismischen Methodenentwicklung und der Hubschraubergeophysik. Hierzu gehören die Entwicklung eines Bohrlochmagnetometers für Umgebungstemperaturen von bis zu 300 °C und die Weiterentwicklung digitaler Filtermethoden zur Verbesserung des Nutz-Störsignal-Verhältnisses krustenseismischer Aufnahmen.
Sehr grossen Umfang nahmen die Aufgaben der BGR für die Endlagerung radioaktiven Abfalls an. Was die Geophysik betrifft, so wurden neben den geothermischen Untersuchungen vor allem Beiträge geleistet zur Entwicklung elektromagnetischer Bohrlochsonden für die Erkundung des Salzgebirges von vertikalen und horizontalen Bohrungen aus, zur seismologischen Überwachung des Gorlebener Salzstocks und zur Bearbeitung geohydraulischer Fragen im Zusammenhang mit der Sicherheit der Endlagerung.
Ein anderes Grossprojekt im Rahmen der Geothermik ist die Beteiligung der BGR an der internationalen sog. Hot-Dry-Rock-Forschung, d.h. der Untersuchung der Möglichkeiten einer Gewinnung elektrischer Energie durch Erzeugung von Dampf in künstlich erzeugten Spaltensystemen. Die Beiträge der BGR-Geophysik liegen vor allem auf dem Gebiet der speziellen geohydraulischen Probleme.
Umorganisation, Wiedervereinigung, Ausblick
1989 erfolgte nach längerer Diskussion eine weitere Umorganisation in der BGR. Ziel war vor allem eine gewisse Durchmischung der Geo-Disziplinen, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Bundesanstalt zu verstärken. Aus der Abteilung 3, "Geophysik", wurde die neue Abteilung 3, "Geologische und Geophysikalische Forschung", mit drei Unterabteilungen: Neben den beiden bisherigen Unterabteilungen, jetzt genannt "Geophysikalische Grundlagen" (Leitung: Immo Wendt, ab 1992 Burkhard Buttkus) und "Marine Geophysik, Polarforschung" (Leitung: Karl Hinz, ab 1993 Christian Reichert), erhielt sie eine geologische Unterabteilung "Geologische Grundlagen, Meeresgeologie" (Leitung: Helmut Beiersdorf). Die gesamte Meeresforschung und Polarforschung wurde so in der neuen Abteilung zusammengefasst und enger zusammengeführt. Zu der geologischen Unterabteilung gehört ausserdem die "Stratigraphie, Paläontologie". Im Gegenzug wurde die Grundwassergeophysik und Geohydraulik einschliesslich des Beitrages zur Hot-Dry-Rock-Forschung mit der Hydrogeologie der BGR in eine Unterabteilung "Grundwasser" bei der Abteilung 2 "Technische Geologie, Umweltgeologie" zusammengefasst, und die physikalische Altersbestimmung in die Unterabteilung "Mineralogie, Lagerstättenforschung" der Abteilung 4 "Geochemie, Mineralogie, Lagerstättenforschung" umgesetzt. Im grossen und ganzen kann man sagen, dass diese Durchmischung sich als fruchtbar erwiesen und die Zusammenarbeit zwischen Geologie, Geophysik und Geochemie in der BGR wesentlich gestärkt hat.
1990/91 übernahm die BGR nach der deutschen Wiedervereinigung zusätzliche Aufgaben, wozu ihr im alten Gebäude der Preussischen Geologischen Landesanstalt in der Invalidenstrasse im Zentrum von Berlin (jetzt in Berlin-Spandau) eine Aussenstelle zugestanden wurde. Fachlich unterstehen die dortigen Referate bzw. Unterabteilungen den Fachabteilungen in Hannover. Ausser geringer Verstärkung einiger Referate erhielt die Abteilung 3 dort nur ein zusätzliches Referat, das sich mit "Geophysikalischer Umweltforschung" beschäftigt. Dieses Referat hat wesentlich zum Erfolg eines Forschungsprojektes beigetragen, in welchem die Methodiken zur Untersuchung des Untergrundes von Deponien intensiv unter die Lupe genommen und neue geeignete Methoden entwickelt wurden. Der Erfolg beruht entscheidend auf einer guten Zusammenarbeit mit Universitätsinstituten und kleinen geophysikalischen Firmen, die die Methoden in der Zukunft bei entsprechenden Aufgaben einbringen sollen.
Im Sommer 1992 wurde Karl Hinz Nachfolger von Hans-Jürgen Dürbaum als Abteilungsleiter.
Mit der schon in den 80er Jahren einsetzenden Tendenz, Forschung im Rohstoffbereich zu reduzieren und in den Sektoren der umweltrelevanten Geowissenschaften zu intensivieren, setzte eine gewisse Verlagerung auch der geophysikalischen Forschungsarbeiten der Abteilung 3 ein. Der Anteil der Forschungsarbeiten zur Erschliessung von Rohstoffvorkommen wurde reduziert zu Gunsten von Forschungsarbeiten, die zu einem besseren Verständnis des Systems Erde und zu einem verbesserten Umweltverständnis führen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, eine ökologisch verträgliche Nutzung der Georessourcen zu ermöglichen und natürlichen und durch Menschen verursachten Katastrophen vorzubeugen.
Von den in den letzten Jahren bearbeiteten bzw. in Bearbeitung befindlichen Themen sind beispielhaft zu nennen:
Methodische und instrumentelle Entwicklungen, wie z.B. die Entwicklung von Auswerteverfahren zur Umrechnung elektromagnetischer Hubschraubermessdaten in Leitfähigkeiten und Schichtmächtigkeiten für Fragen der Grundwasserreserven und des Grundwasserschutzes; praktische Versuche, die Verfahren der Seegravimetrie zur Gravimetrie mit bewegten Landfahrzeugen und Hubschraubern zu übertragen.
Das Seismologische Zentralobservatorium Gräfenberg erhielt nach dem von der DFG stark unterstützten Aufbau des Deutschen Regionalen Seismologischen Netzes mit der Betreuung dieses Netzes und der Übernahme des zugehörigen Datenzentrums zusätzliche neue Aufgaben.
Neben Methodenentwicklungen zur Berechnung herdmechanischer Kenngrössen aus Breitbandseismogrammen und Studien über Diskontinuitäten im Erdmantel sind Forschungen über den vulkanischen Tremor mit mobilen Breitband-Seismometern zum besseren Verständnis der seismischen Ereignisse vor Vulkanausbrüchen aktuelle Forschungsthemen am SZGRF.
Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Lokalisierung, Identifizierung und Ladungsabschätzung von Kernwaffenexplosionen wurden intensiviert. Die BGR wird nach Abschluss eines umfassenden Teststoppabkommens für nukleare Sprengsätze die Funktion eines Nationalen Zentrums für Daten für alle Überwachungsmethoden des "International Monitoring Systems" übernehmen.
In der geophysikalischen Meeresforschung wurden der Bau und die Strukturelemente von divergenten Kontinentalrändern und die Variabilität des ozeanischen Krustenaufbaus über weite Bereiche der Ozeane untersucht. Es konnte nachgewiesen werden, dass mehr als 60% der divergenten Kontinentalränder des Atlantiks vulkanische Kontinentalränder sind, ausgezeichnet durch voluminöse vulkanische Strukturen mit einem seewärts einfallenden Reflexionsmuster und markanten magnetischen Anomalien. Ziel dieser Untersuchungen war es auch, Zusammenhängen zwischen exzessiven vulkanisch-magmatischen Ereignissen, drastischen plattentektonischen Veränderungen und einschneidenden Klima- und Umweltänderungen in der Erdgeschichte nachzugehen. Kombinierte Land-See-Untersuchungen über rift-bezogene vulkanisch-magmatische und plattentektonische Prozesse im Verbund mit anderen nationalen Forschungseinrichtungen sollen fortgeführt werden.
Dies gilt auch für die in den letzten Jahren verstärkt betriebenen, synergistischen Off- und Onshore-Forschungen an aktiven Kontinentalrändern, durchgeführt zum besseren Verständnis der Prozesse, die an aktiven Kontinentalrändern, im Subduktionsbereich und in der seismogenetischen Zone ablaufen.
In der geowissenschaftlichen Polarforschung werden die vielfältigen und langjährig im internationalen Verbund in der Antarktis durchgeführten Forschungsarbeiten zur Entstehung und zum Zerfall des Gondwana-Kontinents rückläufig sein, um die seit 1992 begonnenen geowissenschaftlichen Arbeiten auf arktischen Landgebieten in Ergänzung zu den von der BGR-Seegeophysik seit 1993 durchgeführten Messkampagnen im Ostsibirischen Meer und der daran angrenzenden Laptev-See zu intensivieren. Auch hier müssen auf Grund der seit einigen Jahren anhaltenden personellen Restriktionen, die eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeiten einschränken, Kooperationen mit anderen Forschungseinrichtungen und Hochschulen noch weiter ausgebaut werden.
Literatur
Hahn, A. u. Homilius, J. (1988): 40 Jahre Geowissenschaftliche
Gemeinschaftsaufgaben im Niedersächsischen Landesamt für
Bodenforschung. - Geol. Jb. Reihe A H. 109; Hannover.
Hänel, R. u. Homilius, J. (1997): Geophysik bei den
Geowissenschaftlichen Gemeinschaftsaufgaben in Hannover. - in:
Neunhöfer, H., Börngen, M., Junge, A., Schweitzer, J. (Hrsg.):
Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland.
Seidl, D. u. Aichele, H. (1997): Die Geschichte des Seismologischen
Zentralobservatoriums Gräfenberg (SZGRF). - in: Neunhöfer, H.,
Börngen, M., Junge, A., Schweitzer, J. (Hrsg.): Zur Geschichte der
Geophysik in Deutschland.