Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Ludwig Engelhard: Geschichte des Institutes für Geophysik und Meteorologie der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig

Vorwort

Bei der folgenden Darstellung konnte ich zu grossen Teilen aus zwei wesentlichen Quellen schöpfen: den Geleitworten, welche die scheidenden Lehrstuhlinhaber Koppe (1963) und Kertz (1992) ihren Amtsnachfolgern in dem jeweils neu begonnenen Gästebuch des Institutes mit auf den Weg gaben. Diese beiden Gästebücher spiegeln nun auch selbst die wissenschaftliche Geschichte unseres Institutes wider, in den Themen der geophysikalischen Vortrage im Physikalischen und im Geophysikalischen Kolloquium, in den Namen der Referenten und in den Namen der Teilnehmer an den jeweiligen Post-Kolloquien. Zusammen mit den Eintragungen sonstiger Besucher lesen sich diese Gästebücher streckenweise wie ein "Gelehrtenkalender" der Geowissenschaften.

Darüber hinaus stand mir die von Walter Kertz herausgegebene Geschichte der Technischen Universität Braunschweig: Vom Collegium Carolinum zur Technischen Universität 1745 - 1995 (Verlag Georg Olms 1995), zur Verfügung.

Aus eigener Erinnerung, anfänglich aus der Perspektive eines Studenten und später aus derjenigen eines die Geschicke des Institutes Mittragenden, vermag ich seit dem 1. März 1963, dem Tag meines Eintritts in das Institut, beizutragen.

Vorgeschichte

Am 1. April 1931 wurde an der damaligen TH Braunschweig ein Lehrstuhl für "Luftfahrtmesstechnik und Flugmeteorologie" eingerichtet, der Professor Dr. H. Koppe übertragen wurde. Vorausgegangen war zunächst die Gründung eines privaten "Braunschweiger Institutes für Luftfahrtmesstechnik und Flugmeteorologie" durch Koppe, in enger Anbindung an die Deutsche Verkehrsfliegerschule in Braunschweig.

Prof. Dr. phil. Heinrich Koppe hatte seine wissenschaftliche Prägung als Assistent am Physikalischen Institut der Universität Halle (unter Albert Wigand) erfahren, wo er Freiballonfahrten zur Erforschung der Atmosphäre unternahm (ab 1913). Im Ersten Weltkrieg war er für den Wetterdienst tätig (Konstantinopel und Damaskus). Nach dem Kriege konnte er mit seinen gewonnenen Erfahrungen, zunächst wiederum in Halle, seine aerologischen Forschungen wieder aufnehmen. Im März 1920 wurde ihm die Leitung der physikalischen Abteilung der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlershof übertragen. Koppe habilitierte sich im Mai 1925 an der damaligen TH Berlin für das Lehrgebiet "Navigation und Meteorologie für Luft- und Seefahrer". Hier tritt nun bereits der spätere Arbeitsschwerpunkt "Blindflug und Selbststeuerung von Flugzeugen" in Erscheinung, der Koppe zum 'Vater des Blindfluges' werden liess.

Das Institut für Luftfahrtmesstechnik und Flugmeteorologie der TH Braunschweig hatte seinen Sitz am Braunschweiger Flughafen, der damals in den dreissiger Jahren bei Waggum neu eingerichtet wurde.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde mit dem Verbot der Luftfahrt der bisherige Lehrstuhl in einen solchen für "Messtechnik und Meteorologie" umgewandelt und nun der Naturwissenschaftlich-Philosophischen Fakultät der TH Braunschweig zugeordnet. Hieraus entstanden 1959 durch Umbenennung der Lehrstuhl für "Geophysik und Meteorologie", durch Abtrennung derjenige für "Messtechnik", während aus den Resten des früheren Institutes in Waggum 1955 nun wieder ein "Institut für Luftfahrzeugführung" entstand, welches der Deutschen Forschungsanstalt für Luftfahrt in Braunschweig-Waggum angegliedert wurde. Heinrich Koppe wurde am 1. April 1959 emeritiert und verstarb 1963 in Braunschweig.

Das Institut für Geophysik und Meteorologie unter dem Amte von Walter Kertz

Nach Emeritierung von Professor Koppe wird mit Wirkung vom 1. Dez. 1960 Professor Dr. Walter Kertz auf den ordentlichen Lehrstuhl für Geophysik und Meteorologie berufen und gleichzeitig zum Direktor des gleichnamigen Institutes ernannt.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Walter Kertz (geb. 29.2.1924 in Remscheid) ist Diplom-Mathematiker (Universität Göttingen). Er promovierte 1950 bei dem unvergessenen Julius Bartels am Institut für Geophysik der Universität Göttingen mit einem Thema aus dem Bereich der Gezeitenschwingungen der Atmosphäre (ausgezeichnet mit dem Preis des Niedersächs. Kultusministeriums für herausragende Dissertation). Seine Habilitation für das Fach Geophysik erfolgte 1958, ebenfalls an der Universität Göttingen; das Thema seiner Habilitationsarbeit "Ein neues Mass für die Feldstärke des erdmagnetischen äquatorialen Ringstroms" weist auf seine während seines ganzen akademischen Lebens andauernde Liebe zum Erdmagnetismus hin. Als er im Sommer 1960 den Ruf an die damalige TH Braunschweig erhielt, war er (seit September 1959) Visiting Associate Professor für Geophysik an der New York University.

Walter Kertz' Wirken innerhalb der TH/TU Braunschweig ebenso wie ausserhalb in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften und Gremien hat dem Fach Geophysik im Kanon der anderen naturwissenschaftlichen Fächer an der TU Braunschweig hohen Rang und Wertschätzung gegeben, hat darüber hinaus dem Braunschweiger Institut Geltung in Deutschland, aber auch im Ausland gebracht. Es würde den Umfang einer solchen Darstellung gewiss sprengen, wollte man all diese Wirkungsebenen auch nur aufzählen. Da aber eine Geschichte des Institutes für Geophysik und Meteorologie an der TH/TU Braunschweig natürlich auch eine Geschichte des akademischen Werdegangs seines Direktors, Prof. Dr. Walter Kertz, ist, sollen im folgenden knapp die allerwichtigsten Aspekte seines Wirkens dargestellt werden: Kertz wurde 1961 in die Working Group I der European Space Research Organization (ESRO) berufen, dann 1964 in das Commitee on Characterization of Magnetic Disturbances in der International Association for Geomagnetism and Aeronomy. Dies, die mittleren 60er Jahre, ist auch jene Zeit, in welcher das Institut seinen Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet des Erdmagnetismus und der Messtechnik zur Beobachtung des erdmagnetischen Feldes entwickelte, um hieraus dann mit dem Beginn der deutschen Weltraumforschung anerkannte Fachkompetenz auf diesen Gebieten in die Weltraumforschung - bis heute - einzubringen. Dies wird unterstrichen durch Kertz' Mitwirkung in der Deutschen Kommission für Weltraumforschung beim Bundesminsterium für Forschung und Technologie von 1967 bis 1971 (und dann bis 1973 im Ad-hoc-Ausschuss für Extraterrestrische Forschung).

Kertz wurde Mitglied im
- Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Wetterdienstes (1961),
- Kuratorium der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (1970),
- Kuratorium des Seismologischen Zentralobservatoriums Gräfenberg(1971),
- Kuratorium des Fraunhofer-Institutes für Radiometeorologie und Maritime Meteorologie in Hamburg (1971),
- Kuratorium des Max-Planck-Institutes für Aeronomie in Lindau/Harz (1973),
- Wissenschaftlichen Beirat des Max-Planck-Institutes für Meteorologie in Hamburg (1978),
- Kuratorium des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (1981).

Darüber hinaus ist W. Kertz Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen; darunter finden sich
- die Deutsche Geophysikalische Gesellschaft (DGG), Mitglied seit 1952, Vorsitzender von April 1963 bis September 1964, Ehrenmitglied seit 21. Februar 1984;
- das Forschungskollegium Physik des Erdkörpers (FKPE), dessen Gründungsmitglied Kertz ist und das er zweimal als Vorsitzender leitete;
- die Alfred-Wegener-Stiftung (AWS), die er mitgegründet hat und deren Präsident er von 1980 bis 1981 war.

In der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wirkte er in der Senatskommission für geowissenschaftliche Gemeinschaftsforschung, deren Vorsitzender er von 1969 bis 1975 war, als Mitglied des Senates (1976-1982), als Mitglied des Hauptausschusses (1977-1982), im Senatsausschuss für Angewandte Forschung (1974-1981).

Kertz wurde 1966 in die Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft, 1970 in die Göttinger Akademie der Wissenschaften und 1986 in die Niedersächsische Akademie der Geowissenschaften berufen.

Die Deutsche Geologische Gesellschaft verlieh Walter Kertz 1987 die Hans-Stille-Medaille wegen seiner hervorragenden Erforschung der kontinentalen Kruste mittels erdmagnetischer Tiefensondierung und als einem Wegbereiter interdisziplinärer Zusammenarbeit, in den Geowissenschaften.

In Anerkennung seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und seiner Verdienste um die deutschen Geowissenschaften hat der Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen Walter Kertz am 15. Okt. 1991 zum Doktor der Naturwissenschaften h.c. promoviert.

Das wissenschaftliche OEuvre, derzeit - 1995 - in etwa 70 Schriften niedergelegt, enthält vorwiegend Arbeiten aus den Bereichen: Gezeitenartige Schwingungen der Atmosphäre, Erdmagnetismus, erdmagnetische Tiefensondierung. Geothermische Energie, Salzstockdynamik und in den letzten Jahren besonders die Geschichte der Geophysik. Seine "Einführung in die Geophysik" in 2 Taschenbuchbänden, 1969 und 1971 entstanden, ist bis heute wohl beinahe jedem Studenten der Geophysik Anleitung und Hilfe.

Einen Ruf auf den Lehrstuhl für Geophysik der Universität Göttingen (1964) lehnte Kertz zugunsten seines Verbleibens in Braunschweig ab.

Aufbaujahre 1961-1967

1961 begann mit der Berufung von W. Kertz die Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Geophysik und Meteorologie unter schwierigsten räumlichen Bedingungen, zunächst in der Schleinitzstrasse 25, einem zum Abbruch bestimmten Gebäude, ab 14. Sept. 1961 dann in der Pockelsstrasse 11, einem Gebäude, das 1993 dem Erweiterungsbau der Universitätsbibliothek weichen musste. Bald aber genügten auch die Räumlichkeiten in der Pockelsstrasse 11 nicht mehr dem Platzbedarf des rasch wachsenden Institutes, es mussten weitere Räume in anderen Gebäuden angemietet werden. Erst durch den Umzug in das neuemchtete Gebäude des Physikzentrums an der Mendelssohnstrasse (10. Nov. 1967) wurden die Raumprobleme dauerhaft gelöst. Aber auch die personelle Ausstattung des Institutes war in jenen Jahren nach heutigen Massstäben eher dürftig: die Institutssekretärin Frau D. Schüller (bis 31.12.1985) und der Assistent Dr. U. Amelung (später Professor an der Hochschule Lüneburg), beide aus dem Koppeschen Institut übernommen, bildeten zusammen mit H. Siemann (später Dr. H. Siemann, Dornier-System GmbH, Friedrichshafen) als neueingestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter (aus Mitteln des damaligen Atomministeriums), einer physikalisch-technischen Angestellten und W. Kertz das Institut. Zunächst schien die Vertretung der Geophysik in der Lehre, die es zuvor ja noch nicht in Braunschweig gegeben hatte, besonders vordringlich. Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass in Braunschweig - bis heute - die Geophysik keinem eigenen Studiengang folgt, sondern in den Diplomstudiengang Physik als Fach der Angewandten Physik eingebettet ist. So entstanden in jenen Anfangsjahren die Vorlesungen über Einführung in die Geophysik, Physik der hohen Atmosphäre, Erdbebenkunde, Potentialtheorie in der Geophysik, Statistik geophysikalischer Beobachtungsreihen, Meteorologie I und II. Dr. Leo Schulz, Leiter der Wetterwarte in Braunlage, behielt (bis 1963) den schon unter Koppe erteilten Lehrauftrag für Angewandte Meteorologie und las Biometeorologie und -klimatologie. Ein geophysikalisches Praktikum wurde schrittweise aufgebaut. Dr. Amelung folgte Ende 1961 einer Einladung zu einem Studienaufenthalt am Department of Meteorology and Oceanography der New York University. Während dieser 4 Monate wurde er von Dipl.- Phys. N. Petersen aus München (heute Professor an der Universität München) vertreten. Nach Weggang von Dr. Amelung folgte Dr. J. Untiedt zum 1. Okt. 1963 auf die freigewordene Oberassistentenstelle. Er habilitierte sich im Februar 1968 in Braunschweig und folgte 1969 einem Ruf auf eine Professur in Göttingen, von wo er kurz danach auf den Lehrstuhl für Geophysik in Münster berufen wurde. Im Juli 1963 erhielt Dr. H. Flathe von der Bundesanstalt für Bodenforschung in Hannover (jetzt Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) einen Lehrauftrag über Angewandte Geoelektrik. Er habilitierte sich im Juni 1964, wurde 1970 apl. Professor und las bis zum Wintersemester 1980/81 die Vorlesungen über Angewandte Geophysik (er verstarb 1984).

Mit den Anfängen des Institutes begann Kertz, der damals vom Senat der Technischen Hochschule Braunschweig zum "Generalbevollmächtigten der TH für Atomfragen" bestellt worden war, mit dem Aufbau einer Arbeitsgruppe über Luftradioaktivität und deren meteorologischen Aspekten. Dr. Siemann baute eine Luftüberwachungsanlage nach dem Filterpapierverfahren. Es gab aber Schwierigkeiten, weil die Luftüberwachung durch Gesetz Aufgabe des Wetterdienstes geworden war. Um in den Genuss von Fördermitteln aus dem damaligen Atomforschungsprogramm zu gelangen, mussten die Arbeiten als Sonderaufgaben definiert werden. Deshalb wurde ein vollständiges Forschungsprogramm entwickelt: bodennahe Emanation, Aerosolseparator, Polarisation des Himmelslichtes, Korrelation der Luftradioaktivität mit meteorologischen Parametern, insbesondere Wind. Näheres findet man bei: K. Trippler, Arbeitsgruppe "Natürliche Radioaktivität", Schlussbericht GAMMA 12, 1970.

Bald entstanden auch Arbeitsgruppen zu den engeren Arbeitsgebieten von Walter Kertz, nämlich zur erdmagnetischen Tiefensondierung und zur extraterrestrischen Physik.

Die Arbeiten zur erdmagnetischen Tiefensondierung (heute spricht man lieber von elektromagnetischer Tiefenforschung) begannen mit dem 1. Kolloquium in Kassel (1.-3. Feb. 1962), zu dem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auf Kertz' Veranlassung eingeladen hatte. Von da ab fungierte das Braunschweiger Institut als Zentrale für diesen Forschungsbereich (unter H.-G. Scheube, der später Professor in Gelsenkirchen wurde), beauftragt insbesondere mit der Herausgabe der Kolloquiumsberichte und dem Aufbau einer fachspezifischen Sonderdrucksammlung. Die nächsten "Tiefensondierungs-Kolloquien" fanden in Salzgitter-Lebenstedt (Oktober 1963) und Goslar (September/Oktober 1965) statt. Ende 1963 erhielt das Institut zwei Askania-Variographen (als Leihgabe der DFG) und konnte nun mit eigenen Messungen beginnen (D. Hesse, Profil Teutoburger Wald).

Jene 60er Jahre, die Aufbaujahre des Institutes, waren gleichzeitig ausserordentlich forschungsfreundliche Jahre. "Atomforschung" und Flugzeugbau ("Flugführung" s.o.), zum Beispiel, durften wieder betrieben werden - und hatten erheblichen Rückstand nachzuholen, wurden daher besonders gefördert (s.o.). Der 'Sputnikschock' (jenes lähmende Entsetzen der Überraschung, als die Sowjetunion 1957 einen ersten Erdsatelliten, Sputnik I, auf eine Umlaufbahn schoss, der Westen hingegen nicht auch nur annähernd gleichziehen konnte) wirkte nicht nur in den USA, sondern auch, etwas verspätet, in Deutschland. 1960 erschien der 1. Band der "Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen", 1961 das Memorandum zur Lage der Weltraumforschung (Gambke, Kerscher, Kertz) und in der Folge die anderen DFG-Denkschriften "Meteorologie" und "Physik des Erdkörpers". Durch letztere wurde die Gründung des "Forschungskollegiums Physik des Erdkörpers" (FKPE) ausgelöst.

Anfänge der extraterrestrischen Forschungen 1967-1974

Etwa 1963 begannen im Institut verschiedene Arbeiten zur Messtechnik schwacher Magnetfelder mit dem Ziele, später Magnetfeldsensoren für Anwendungen in der Weltraumforschung zu entwickeln. Es ging zunächst darum, die Messprinzipien des Protonen-Magnetometers, des Rubidiumdampf-Magnetometers (allgemeiner: optisch gepumpte Gase) und der Förstersonde (Saturationskern-Magnetometer) kennenzulernen und Erfahrungen bei der Messung des Erdmagnetfeldes zu sammeln.

Gleichzeitig (1963) wurden auch erste Überlegungen zur Errichtung eines magnetischen Laboratoriums, welches möglichst frei von magnetischen Störungen technischer Ursachen sein sollte, angestellt. Schliesslich wurde auf dem Gelände der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) am Stadtrand von Braunschweig die Einrichtung "Magnetsrode" begründet, die heute aus 4 Mess- bzw. Laboratoriumshütten besteht. Wesentlichstes Element von Magnetsrode ist ein Braunbek-Spulensystem mit der Möglichkeit, das Erdmagnetfeld einschliesslich seiner Variationen zu kompensieren und damit Magnetfeldsimulationen für die äussere Magnetosphäre oder den solaren Wind durchzuführen.

Erste Plattform der deutschen Weltraumforschung sollte ein magnetisch stabilisierter Erdsatellit sein, der anfangs unter dem Namen 625a lief, später vom damaligen Forschungsminister Stoltenberg AZUR genannt wurde. AZUR startete am 8. Nov. 1969; er war mit einem Saturationskern-Magnetometer ausgerüstet, welches das Braunschweiger Institut (Dr. G. Musmann) in Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelt hatte. Die Datenauswertung wurde von B. Theile seit 1968 vorbereitet und unter seiner Anleitung später durchgeführt. Theile hat danach Boden- und Raketenmessungen zum PEJ (s.u.) in Nord-Skandinavien geleitet. Dr. B. Theile verliess unser Institut 1981 und ging zu Dornier-System in Friedrichshafen.

Ein umfangreiches wissenschaftliches Programm verfolgte das Institut zur Erforschung des äquatorialen Elektrojet (EEJ). J. Untiedt hatte in seiner Habilitationsschrift ein quantitatives, experimentell überprüfbares theoretisches Modell geliefert. D. Hesse unternahm dazu 1969 bis 1970 erdmagnetische Bodenmessungen auf einem, den geomagnetischen Äquator querenden Profil in Brasilien, während von Natal (Brasilien) aus mit Raketen die magnetische Struktur des EEJ erkundet wurde (G. Musmann, E. Seiler).

Ähnlich war das Forschungsprogramm zur Erkundung des polaren Elektrojet (PEJ) aufgebaut, nämlich mit Bodenregistrierungen und Raketenerkundungen (1968 in Kiruna). Dieses Forschungsthema hat sich bis heute erhalten, zunächst bis in die späten 80er Jahre durch ein Profil bzw. Kreuz automatisch arbeitender, digital registrierender, selbstentwickelter (Saturations-Ringkern-) Magnetometer. Heute wird die Forschung zum polaren Elektrojet allgemeiner gesehen, breiter theoretisch untermauert und auf Messergebnisse von Erdsatelliten gestützt. Hermann Lührs Name ist mit dieser Arbeitsgruppe eng verbunden.

Priv.-Doz. Dr. Hermann Lühr erwarb 1973 sein Diplom in Physik an diesem Institut mit einer Arbeit zur Geräteentwicklung in der Magnetotellurik, er promovierte 1980 an der TU Braunschweig über die Entwicklung eines digital registrierenden Saturationskeramagnetometers, übernahm die Arbeitsgruppe PEJ, entwickelte die Zusammenarbeit mit dem lonosphärenradar (EISCAT) in Skandinavien und befasste sich mit den ionosphärisch-magnetosphärischen Kopplungsprozessen, welche das polare Substormphänomen steuern. Mit Satellitendaten (AMPTE-IRM) untersuchte er die physikalischen Erscheinungen an magnetosphärischen Grenzschichten. Er habilitierte sich 1990 mit einer Arbeit über das Verhalten von künstlich erzeugten "magnetischen Hohlräumen" in der Magnetosphäre. Diese extraterrestrischen Forschungen werden seitdem in seiner Arbeitsgruppe intensiv weitergeführt.

Neben den Anfängen der messtechnischen Entwicklungen für die extraterrestrische Forschung begann parallel dazu die Heranbildung jüngerer Mitarbeiter auf dem Gebiet der theoretischen Durchdringung der extraterrestrischen Physik (Ionosphäre, Magnetosphäre, Solarer Wind) insbesondere in Hinblick auf magnetische Phänomene. Neben der Vorlesung von Prof. Kertz über Physik der hohen Atmosphäre, Ionosphäre, Magnetosphäre wurde Dr. Georg Pfotzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Aeronomie in Lindau/Harz am 2. Feb. 1967 zum Honorarprofessor an die TH Braunschweig berufen. Bis zu seiner Emeritierung im SS 1976 hielt er regelmässig Vorlesungen und forderte natürlich auch die Zusammenarbeit mit dem Lindauer Institut, das später auch Arbeitsplatz für einige unserer Studenten wurde. Pfotzer verstarb 1981. Daneben begann Fritz Manfred Neubauer durch seine Arbeiten den theoretischen Aspekt unserer extraterrestrischen Forschungen zu stützen und zunehmend zu lenken.

Prof. Dr. F.M. Neubauer erwarb 1964 sein Diplom in Physik an der TH Braunschweig mit einer theoretischen Arbeit zur Konvektion in der Atmosphäre des Planeten Mars. Er ging dann für die Dauer eines Jahres an die Universität von Chicago; ihm folgte später N. Sckopke, der heute am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München-Garching tätig ist. Neubauer wurde, aus meiner Sicht als Kommilitone und Kollege, ausserordentlich stark durch diesen Aufenthalt hinsichtlich Arbeitsrichtung und Arbeitsstil geprägt. Er promovierte am 14. Feb. 1969, übrigens am gleichen Tage wie ich selbst, über ein plasmatheoretisches Thema, welches seine Anwendung auf das anisotrope Plasma des solaren Windes hatte. Er habilitierte sich am 16. Okt. 1973 mit einer Arbeit über Tangentialdiskontinuitäten im interplanetaren Plasma, wurde 1976 apl. Professor und folgte 1982 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Geophysik an der Universität Köln.

Es wurden in jenen späten 60er Jahren und den frühen 70er Jahren aber auch Arbeiten, die nicht zur extraterrestrischen Physik gehörten, begonnen, so die Geodynamik, besonders am Beispiel der Salzstockdynamik. In dieser Arbeitsgruppe wirkte auch Herr Christensen mit.

Prof. Dr. U. Christensen (geb. Kopitzke), der 1977 in Braunschweig sein Diplom in Physik erwarb, 1980 mit einem Thema zur Konvektion im Erdmantel an der TU Braunschweig promovierte, ging dann an die Universität Mainz, wo er sich habilitierte. Er ist heute der Lehrstuhlinhaber für Geophysik an der Universität Göttingen.

L. Engelhard und J. Hansel führten geoelektrische Sondierungen im Nördlinger Ries durch, wobei die Verteilung der Seesedimente und der Trümmermassen erstmals in wahren Tiefen aufgeschlossen werden konnte.

Sicherlich angestossen durch die damalige Energie- und Ölkrise erwachte das Interesse an geothermischer Energie: Die Exploration geothermisch anomaler Gebiete mittels elektromagnetischer Erkundung stand zunächst im Vordergrund, später (1978/79) wurde (unter L. Engelhard) im Rahmen einer technischen Durchführbarkeitsstudie auch die Frage des Erdbebenrisikos und der Bodensenkungen bei Entnahme geothermischer Energie aus dem Untergrund untersucht.

Dr. Klaus Helbig, damals Leiter der Geophysikalischen Abteilung des Hauptlaboratoriums der deutschen Texaco AG in Wietze, habilitierte sich am 15. Dez. 1971 von München nach Braunschweig um, wurde 1972 zum apl. Professor ernannt und folgte 1975 einem Ruf an die Universität Utrecht.

Die TH Braunschweig wird 1968 Technische Universität.

Die Jahre 1974 - 1982: HELIOS A und B

Am 10. Dez. 1974 wurde HELIOS A und am 15. Jan. 1976 HELIOS B gestartet. Beide Raumsonden flogen auf elliptischen Bahnen um die Sonne, wobei sich die Sonden im sonnennächsten Punkt bis auf 0,3 AU der Sonne näherten. Für einen Umlauf brauchten die Satelliten ungefähr ein halbes Jahr. Da dann die Erde in entgegengesetzter Richtung zur Sonne stand, kamen die Sonden erst nach 2 Umläufen wieder in die Nähe der Erde. Jede Sonde trug 2 verschiedene im Institut entwickelte Magnetometer, das eine (E2) herkömmlicher Bauart, das andere (E4) zur Messung schneller Variationen, wie sie in Stosswellen und Instabilitäten vorkommen. Geistiger Vater der Braunschweiger Experimente war F.M. Neubauer (principal investigator), während G. Musmann die experimentellapparative Geräteentwicklung und die technischen Tests bis zum Start betreute.

Dr. Günter Musmann, jetzt Akademischer Direktor an unserem Institut, erwarb 1964 sein Diplom in Physik an der TH Braunschweig mit einer Arbeit über die Entwicklung einer geoelektrischen Messapparatur, 1968 promovierte er über ein Thema zur Magnetfeldmessung mit Saturationskern-Magnetometern in Raketen und Erdsatelliten. Er war an beinahe allen Weltraumexperimenten des Institutes beteiligt, hat sich in zahlreichen europäischen und internationalen (USA, Russland) Weltraummissionen mit Instrumenten beteiligt, steht jetzt u.a. in den Vorbereitungen zur Mars-Mission, zur Saturn-Mission (CASSINI) und zu ROSETTA (Erkundung und Landung auf einem Kometen). Musmann hat sich in Deutschland und international einen hochrangigen Ruf erworben. Er hat aber auch die magnetotellurischen Messungen zur Geothermik (Eifel, Phlegräische Felder, Milos, Toskana) betreut und am kontinentalen Tiefbohrprojekt (KTB) die Entwicklung einer Magnetfeld-Bohrlochsonde eingeleitet.

Die Zeit der HELIOS-Entwicklung, -Vorbereitung und schliessliche -Datenauswertung war für das Institut ein grosser Entwicklungsschritt. Nicht nur konnte sich das Institut durch eine Reihe von Stellen personell vergrössern, vielmehr noch schlug die Ausstattung mit einem modernen Rechnersystem (HP 3000) zur Vorbereitung der späteren Datenanalyse zu Buche, die fast alle unsere damaligen Absolventen mit einem hohen Erfahrungsschatz an elektronischer Datenverarbeitung ausstattete und ihnen auf Grund dieser Kenntnisse zu jener Zeit reiche Möglichkeiten zum Berufsanfang auch in fachfremden Industrie-Bereichen eröffnete.

Prof. Dr. H.-P. Harjes von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, 1971 an der TU Braunschweig promoviert (Seismische Wellen in inhomogenen Medien), erhielt 1974 einen Lehrauftrag über Array-Seismologie. Er habilitierte sich ebenfalls in Braunschweig mit "Spektralanalytische Interpretation seismischer Aufzeichnungen" (1979), folgte dann bereits 1980 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Geophysik der Ruhr-Universität Bochum.

Vom 29.3. bis 1.4.1977 richtete das Institut die gemeinsame Tagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft (DGG) und der Arbeitsgemeinschaft Extraterrestrische Physik (AEP) in Braunschweig aus.

Die Jahre von 1982 bis zur Emeritierung von Walter Kertz (1990)

In den 80er Jahren trat im Institut eine neue Arbeitsrichtung, die Seismik, unter L. Engelhard, in Forschung und Lehre hervor. Er baute u.a. einen Vorlesungszyklus über Allgemeine und Angewandte Geophysik für Geologen auf und widmete sich überhaupt der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Kollegen von der Geologie.

Prof. Dr. L. Engelhard hatte sein Diplom in Physik an der TH Braunschweig 1966 über Messungen an einem Rubidiumdampf-Magnetometer erworben. Er promovierte 1969 mit einer theoretischen Arbeit zur Vektormessung des Magnetfeldes mit optisch gepumpten Gasen (Messung der Magnetfeldkomponenten). Nach seiner Promotion wandte er sich verschiedenen Fragestellungen in der Geophysik zu, u.a. geoelektrischen Messungen im Nördlinger Ries (s.o.) und der Frage von geophysikalischen Auswirkungen bei der Nutzung geothermischer Energie (Erdbebenrisiko, Bodenabsenkung, seismische Rissortung), s.o. Angeregt durch die Frage nach der Exploration auf geothermische Anomalien begann er mit Untersuchungen zum Nachweis der Absorption seismischer Wellen, die ihn ab 1976 in eine engere Zusammenarbeit mit der Preussag AG in Hannover und deren Leiter der geophysikalischen Abteilung, Prof. Dr. G. Dohr, brachte. Engelhard habilitierte sich 1979 in Braunschweig mit einer Arbeit über die Absorption seismischer Wellen, wurde 1984 zum apl. Professor ernannt, lehnte 1993 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Geophysik an der TU Bergakademie Freiberg ab. 1979 erfolgte die Auszeichnung durch einen Preis der Olbers-Gesellschaft Bremen. Er ist derzeit Hochschuldozent an der TU Braunschweig.

Seit 1980 arbeitete Engelhard mit seinen Mitarbeitern, neben kleineren Industrieaufträgen, bei einer Reihe von grossen Gemeinschaftsprojekten mit, bei denen sich bis jetzt unter dem organisatorischen Dache der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle (DGMK) in Hamburg mehrere Universitätsinstitute und Industriefirmen zusammenfinden. In diesem Rahmen wurden in Braunschweig Fragestellungen zur Absorption seismischer Wellen, zur Lithologieerkundung mittels P- und S-Wellen, zur Polarisation von seismischen Transversalwellen, zur Ausbreitung von dispergierten, geführten Grenzflächenwellen in Bohrlöchern und zur Modellierung der Mikrophysik von Gesteinen bearbeitet.

Auf die durch die Wegberufung F.M. Neubauers freigewordene C3-Stelle wurde im August 1984 P. Weidelt nach Braunschweig berufen.

Prof. Dr. Peter Weidelt hatte in Göttingen Physik/Geophysik studiert, dort sein Diplom mit einer Arbeit zur oberflächennahen Deutung der norddeutschen Leitfahigkeitsanomalie abgelegt (1966). Er promovierte 1970 in Göttingen über das Umkehrproblem in der erdmagnetischen Tiefensondierung. Weidelt habilitierte sich in Göttingen 1978 mit einer Arbeit über die norddeutsche Leitfähigkeitsanomalie. Anschliessend war er bis 1984 an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, wo er an Verfahren der transienten elektromagnetischen Methode zur Anwendung auf die Erzexploration arbeitete. Die Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschertätigkeit sind die elektromagnetischen Explorationsverfahren, die Theorie der Interpretation geophysikalischer Daten, insbesondere die Inversionstheorie. Er interessiert sich allgemein für Probleme der Theoretischen Geophysik. Die Themenbereiche, die P. Weidelt von seinen Mitarbeitern im Rahmen von Diplom- und Doktorarbeiten bearbeiten lässt, sind breit gefächert, wenn auch - natürlich - die Elektromagnetische Tiefenforschung einen gewissen Schwerpunkt bildet. Aber auch die Archäometrie (geoelektrisch und magnetisch) und die elektromagnetische Erkundung von Deponien (Kartierung) gehören zu Weidelts Forschungsthemen.

Durch die Berufung von zwei Honorarprofessoren gewann das Institut zusätzliche Kapazitäten in Forschung und Lehre, und sie eröffnete gute und nützliche Kooperationsmöglichkeiten zur Max-Planck-Gesellschaft und zur Preussag. Auf unseren Antrag hin berief der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kunst am 19. Aug. 1987 Herrn Dr. Gerhard Haerendel, Mitglied der MPG und Direktor des MPI für Extraterrestrische Physik in Garching bei München zum Honorarprofessor für Extraterrestrische Physik und am 23. Jan. 1990 Herrn Dr. Jürgen Fertig, Leiter der Abteilung Geophysik der Preussag AG Erdöl und Erdgas GmbH, Hannover, zum Honorarprofessor für Angewandte Geophysik. Fertig hat heute den Lehrstuhl für Angewandte Geophysik an der TU Clausthal inne.

Dr. Jürgen von Hoyningen-Huene, Leiter der Zentralen Agrarmeteorologischen Forschungsstelle Braunschweig des Deutschen Wetterdienstes, erhielt am 24. März 1982 einen Lehrauftrag für Meteorologie. Hörer waren zumeist Geographiestudenten, welche sich in der Vordiplom- und auch in der Hauptdiplomprüfung in Meteorologie prüfen lassen konnten. Leider musste Herr von Huene aus gesundheitlichen Gründen am 29. Aug. 1988 aus dem Wetterdienst ausscheiden und konnte auch den Lehrauftrag nicht mehr wahrnehmen. Er verstarb 1992 in Braunschweig.

Es scheint kaum möglich, alle Forschungsvorhaben im Bereich der Weltraumforschung, an denen unser Institut beteiligt war, aufzuführen oder gar beschreibend zu würdigen. Daher muss die Aufzählung der wichtigsten genügen: Projekt AMPTE (künstliche Ionenwolken in und am Rande der Magnetosphäre, 1984-1986, H. Lühr), GIOTTO (Vorbeiflug am Kometen Halley im März 1986: G. Musmann, Vorbeiflug am Kometen Grigg-Skjellerup 1992: K.-H. Glassmeier und G. Musmann), CRAF/CASSINI (Beteiligung an US-Mission zum Planeten Saturn, seit 1989, G. Musmann), CLUSTER-Projekt (4 gleichartige Erdsatelliten zur Trennung der räumlichen von den zeitlichen Magnetfeldvariationen, seit 1985, Start vorgesehen 1996, K.-H. Glassmeier und G. Musmann).

Die seit mehreren Jahrzehnten angesammelte Erfahrung im Bau stabiler und empfindlicher (Saturations-Ringkern-) Magnetometer bewährte sich auch bei der Entwicklung einer Magnetometersonde für Bohrlochmessungen in der Kontinentalen Tiefbohrung (KTB) (seit 1983, Vorbohrung, Hauptbohrung 1994/95, G. Musmann, F. Kuhnke, F. Fieberg).

Die politische Wende 1989/90 in der damaligen DDR und die anschliessende Wiedervereinigung Deutschlands ist im Braunschweiger Geophysik-Institut aus mancherlei Gründen vielleicht nachhaltiger erlebt worden als woanders. Dies lag sicherlich einmal daran, dass Braunschweig in der früheren Bundesrepublik Deutschland selbst eine Randlage einnahm. Die grossen Verkehrsströme gingen an Braunschweig vorbei, das traditionelle östliche Hinterland mit Magdeburg und Halberstadt war abgeschnitten. In Braunschweig erlebte man bewusster als anderswo die deutsche Teilung und die Nähe zur Grenze. Zum anderen aber hatte W. Kertz (wie zuvor schon U. Amelung) den Faden zu Kollegen und Freunden in der DDR, nach Potsdam, Niemegk und Leipzig, nie ganz abreissen lassen. Nun, im Spätsommer und Herbst 1989, erhielten wir - schon vor dem Fall der Mauer - Besuch von Kollegen, insbesondere aus Leipzig, und es wurden erste Pläne für einen zukünftigen engeren Austausch geschmiedet. W. Kertz reiste zum Ehrenkolloquium für Prof. Lauterbach anlässlich dessen 75sten Geburtstages am 27. Fcb. 1990 mit einer Laudatio auf Lauterbach nach Leipzig. Anfang Mai 1990 fuhr L. Engelhard für mehrere Tage nach Leipzig, hielt dort einen Übersichtsvortrag über die Arbeiten zur Absorption seismischer Wellen, die in Westdeutschland in den 80er Jahren durchgeführt worden waren, und erfuhr von den in Leipzig gemachten Arbeiten zu diesem Thema. Hier wurde vereinbart, dass Dr. Danckwardt im Wintersemester 1990/91 in Braunschweig hospitieren würde, hier wurde auch das gemeinsame Kolloquium (Universität Leipzig und TU Braunschweig) über "Seismische Substanzaussage" geplant, welches dann im November 1990 (21.-24.) in Schöna bei Leipzig stattfand und dem gegenseitigen Kennenlernen der Wissenschaftler aus beiden Teilen Deutschlands, welche sich mit Fragen der Lithologieerkennung durch seismische Merkmale widmen, dienen sollte. Mit Schöna wurde eine Tradition von Kolloquien aus dem Bereich der Seismik begonnen, die - bis heute - gemeinsam vom Institut für Geophysik der Universität Leipzig und unserem Institut getragen werden.

Prof. Walter Kertz wurde zum 1. Okt. 1990 emeritiert. Aus diesem Anlass wurde am 20. Okt. 1990 ein grosses Institutsfest veranstaltet, zu welchem viele ehemalige Absolventen unseres Institutes gekommen waren. W. Kertz hat dann bis zum Amtsantritt von K.-H. Glassmeier die Lehrstuhlvertretung wahrgenommen.

Das Institut seit der Berufung von K.-H. Glassmeier

Als Nachfolger von Walter Kertz wurde Dr. K.- H. Glassmeier berufen. Am 14. Feb. 1992 wurde er dann zum Universitäts-Professor an der TU Braunschweig ernannt, nachdem er bereits vom 1. Nov. 1991 an einen Vertretungsauftrag für den Lehrstuhl wahrgenommen hatte.

Prof. Dr. Karl-Heinz Glassmeier hat an der Universität Münster Physik (mit Schwerpunkt Geophysik) studiert und seine Diplomarbeit bei J. Untiedt (s.o.) über Riesenpulsationen angefertigt. 1985 promovierte Glassmeier, ebenfalls bei Untiedt, mit theoretischen Untersuchungen und der Analyse von Beobachtungsdaten (Pulsationen) zur Ausbreitung von sehr langwelligen Plasmawellen in der Ionosphäre. Im Oktober 1985 wechselte Glassmeier zu F.M. Neubauer (s.o.) an die Universität Köln, wo er sich 1989 für Geophysik habilitierte (Thema der Habilitationsschrift: Magnetohydrodynamische Wellen in Magnetosphären des Planetensystems). Seit 1985 wirkt Glassmeier beim GIOTTO Magnetometer Experiment (s.o.) mit (seit 1990 Coinvestigator), und spätestens seit dieser Zeit bestanden engere kollegiale Verbindungen seinerseits zu unserem Institut. So ist er u.a. auch bei dem Projekt CLUSTER (seit 1988) und CASSINI (seit 1990) beteiligt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligte Herrn Glassmeier 1990 ein Heisenberg-Stipendium. Im gleichen Jahre wurde er vom Committee for Space Research (COSPAR) mit der Ya. B. Zeldovich-Medaille geehrt. Sein wissenschaftliches OEuvre umfasst derzeit (Sommer 1995) fast 100 Schriften aus den Bereichen Erdmagnetismus, Magnetosphärenphysik, Physik der Kometen, Datenanalyseverfahren.

Prof. Dr. K.-H. Glassmeier hat sich durch seine Vorlesungen rasch das grosse Interesse zahlreicher junger Studenten erworben, so dass er in kurzer Zeit eine ansehnliche Arbeitsgruppe aufbauen konnte. Gleichermassen hat er sich durch seine Fähigkeit zu zielstrebigem Denken und strukturlogischem Argumentieren ebenso rasch das hohe Ansehen der Kollegen und insbesondere der Universitätsleitung erworben; er wird deshalb stark zur Arbeit in verschiedensten Funktionen der akademischen Selbstverwaltung hinzugezogen.

Am 1. Jan. 1992 kam Dr. rer. nat. habil. U. Motschmann zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann ab 1. Okt. 1993 als Heisenberg-Stipendiat, zu uns. Motschmann war zuvor Mitarbeiter im Institut für Kosmosforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR gewesen, hatte dort in der Abteilung für Plasmaphysik gearbeitet. Er ist nun bei uns der Fachkollege für kosmische Plasmaphysik bis hin zur Physik des interplanetaren Staubes. Er bereitet (zusammen mit K.-H. Glassmeier und G. Musmann) die ROSETTA-Mission vor, ein Unternehmen, welches Fly-by und Landung auf einem Kometen zum Ziele hat.

Herr Dr. rer. nat. habil. A. Weller ist seit dem 1. Sep. 1992 als Heisenberg-Stipendiat Gast an unserem Institut. Weller hat seine akademische Prägung an der Bergakademie Freiberg (Sachsen) erfahren, war seit 1985 Mitarbeiter im VEB Geophysik, seit 1990 Geophysik GmbH, in Leipzig, bevor er dann zu uns kam. Sein wissenschaftliches Interesse liegt auf dem Gebiet der Potentialmethoden, insbesondere der elektromagnetischen Verfahren.

Die von P. Weidelt begonnene Geoarchäologie mit magnetischen und geoelektrischen Kartierungen in einem römischen Siedlungsgelände in Lattes (Südfrankreich), vgl. auch GAMMA 49, 1989, fand mit einer zweiten Exkursion nach Lattes 1991 und 1992 ihre Fortsetzung (GAMMA 53, 1995). Daran schlossen sich 1994 und 1995 Exkursionen nach Pylos (Griechenland), insbesondere zum Palast des Nestor an (F. Kuhnke, F. Fieberg).

In der Weltraumforschung stehen - neben Fortführung von CLUSTER, CASSINI und ROSETTA (s.o.) - die Projekte TETHER (Sekundärsatellit angeleint, d.h. tethered, an einem Primärsatelliten), FREJA (Satellit in schwedischdeutscher Zusammenarbeit zur Erforschung des Übergangs von der Ionosphäre zur Magnetosphäre, Start war 1992, Lühr, Glassmeier) und die Mitarbeit beim russischen MARS-Landungsprqjekt (Magnetometer Eigenentwicklung) auf dem Programm (Musmann, Kuhnke). OERSTED (Lühr, Musmann, Glassmeier), mit Start vorgesehen 1997, soll das Erdmagnetfeld absolut mit einer Auflösung von etwa 1 nT global vermessen (Fortführung von MAGSAT 1980).

Die Entwicklung von Saturations-Ringkern-Magnetometern wurde bis heute stetig weitergeführt. Gleichzeitig aber beginnen an unserem Institut nun, mit dem Aufkommen von Hochtemperatur-Supraleitern, erste tastende Versuche zur Verwendung von SQUID-Magnetometern für geophysikalische Anwendung.

Der Schwerpunkt der Arbeiten auf dem Gebiet der Seismik (Arbeitsgruppe um L. Engelhard) liegt auf der Erarbeitung von Lithologiemerkmalen aus kombinierter Auswertung von P- und S-Wellen (Gemeinschaftsprojekt LITASEIS) insbesondere durch unsere chinesische Gastwissenschaftlerin Frau Dr. Hui Fricke, geb. Ding (seit 1. März 1992 in Braunschweig). Sie hat mit der von ihr an der Bergakademie Freiberg 1991 vorgelegten Dissertation über die Verwendung der Minimum-Entropie-Dekonvolution zur Bestimmung der Absorption seismischer Wellen einen gut greifenden Ansatz zur Gewinnung lithologischer Eigenschaften aus Seismogrammen aufgezeigt. In LITASEIS wird darüber hinaus an einer gesteinsphysikalischen Modellierung von geführten Bohrlochwellen gearbeitet, mit dem Versuch, durch Vergleich ('matching') mit den seismischen Bohrlochmessungen die Lithologieparameter zu ermitteln (R. Ernst, H. Schutt).

Seit dem Wintersemester 1993/94 nimmt Dr. W. Kessels vom Niedersächsichen Landesamt für Bodenforschung in Hannover einen Lehrauftrag über Bohrlochgeophysik wahr. Kessels hatte 1978 sein Diplom in Physik (Geophysik) an der TU Braunschweig erworben; er promovierte 1980, ebenfalls in Braunschweig, mit einer Dissertation über die Bestimmung des Temperaturgradienten und des Wärmeflusses aus Flachbohrungen.

Ab Wintersemester 1995/96 konnte Frau Dr. I. Mann vom Max-Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg-Lindau (Harz) für einen Lehrauftrag über kosmischen Staub an der TU Braunschweig gewonnen werden. Frau Dr. Mann hat 1987 ihr Diplom in Physik an der Ruhr-Universität Bochum erworben. Dort hat sie 1990 mit einer Dissertation über die Strahlung der Fraunhoferkorona auch promoviert.

Derzeit (1995) bewegen uns die einschneidenden, der TU Braunschweig auferlegten Einsparungsmassnahmen, die unsere Nachbardisziplin, die Geologie, in die Gefahr der Schliessung gebracht haben. Überall sind Sparzwänge auferlegt, auch das Institut hat in den vergangenen Jahren Planstellen abgeben müssen. Der Studiengang Physik, in den die Geophysik in Braunschweig eingebunden ist, muss - ebenfalls aus politischen Vorgaben heraus - verkürzt und 'entfrachtet' werden. Dabei wird insbesondere die Dauer für eine Diplomarbeit von bisher 2 Semestern (plus 1 Semester Diplompraktikum) auf nunmehr 9 Monate (plus 3 Monate Einarbeitungszeit) reduziert. So macht uns nun Sorge, ob ein zukünftiges Studium noch jenem Ideal echten Studierens, des zweckfreien Sich-Vertiefens in ein Fachgebiet, gleichkommt oder ob in Zukunft Studieren eher zu einer zielgerichteten Berufsausbildung wird. Dies aber wird sicherlich ganz wesentlich auch vom Idealismus und von der Einsatzfreude unserer zukünftigen jungen Kommilitonen abhängen. Möge ihnen auch zukünftig eine wissenschaftsfreundliche und forschungsoffene Zeitstimmung die Freude am Studieren bewahren!

Aufgezeichnet im August 1995