Das Institut für Geophysik und Geologie der Universität Leipzig wurde 1993 gegründet und versteht sich als Nachfolger des Geophysikalischen Instituts (1913-1969), des Geologisch-Paläontologischen Instituts (1895-1965) und des Instituts für Geophysikalische Erkundung (1958-1969).
Leipziger geophysikalische Traditionen
Zur Eröffnung der 10. Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft, am 4. Okt. 1932, hat ihr damaliger Vorsitzender, Ernst Kohlschütter, die geophysikalischen Traditionen Leipzigs kurz umrissen: "Als ein erfolgverheissendes Symbol können wir es betrachten, dass das uralte Kulturzentrum Leipzig, das eine der ältesten deutschen Universitäten beherbergt, die Gründungsstätte unserer Gesellschaft ist. Denn wie zu allen anderen Wissenschaftszweigen hat Leipzig zur Geophysik viele und enge Beziehungen". Er erinnerte u.a.
- an den in Leipzig geborenen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), dessen Differential- und Integralrechnung auch für den Geophysiker ein unentbehrliches Werkzeug darstellt,
- an Heinrich Wilhelm Brandes (1777-1834), der die ersten, noch sehr bescheidenen, Wetterkarten schuf und wesentliche Vorarbeiten für die 1835 erfolgte Gründung des Leipziger Physikalischen Instituts geleistet hat,
- an Wilhelm Weber (1804-1891), der aus Göttingen kommend als Inhaber der Leipziger Physikprofessur seine mit Carl Friedrich Gauss (1777-1855) begonnenen erdmagnetischen Beobachtungen fortsetzte und in der Nähe des Leipziger Augustusplatzes eine geomagnetische Warte errichten liess,
- an Karl Christian Bruhns (1830-1881), der als Direktor der Leipziger Universitätssternwarte das sächsische meteorologische Beobachtungsnetz eingerichtet und geleitet sowie zur Gründung der Internationalen Meteorologischen Organisation und zur Durchführung der sächsischen Triangulationsmessungen im Rahmen der Mitteleuropäischen Gradmessung beigetragen hat, und
- an Hermann Credner (1841-1913), der sich in hervorragender Weise um die Erdbebenforschung verdient gemacht hat und auf dessen Initiative das Paläontologische Institut an der Universität Leipzig gegründet wurde.
Was über die Beziehungen Leipzigs zur Geophysik gesagt wurde, gilt wohl in noch stärkerem Masse für die Verbindung zur Geologie. Gerade die Leipziger Universität ist diejenige, "die dem Studium der Geologie und Paläontologie einen besonders günstigen Boden bietet als Hochschule eines Königreiches, welches namentlich der ersten dieser Disciplinen das Leben gegeben und so reiche Nahrung und Förderung gewährt hat, wie kaum ein anderes deutsches Land", resümierte Credner (1895). Bereits Georgius Agricola (1494-1555) und Abraham Gottlob Werner (1749-1817) hatten an der Leipziger Universität studiert. Sie erhielt endgültig ihre überragende Bedeutung für die Geowissenschaften, als 1842 Carl Friedrich Naumann (1797-1873) die Bergakademie Freiberg verliess, um die in Leipzig neugeschaffene Professur für Mineralogie und Geognosie zu übernehmen.
Das Geologisch-Paläontologische Institut der Universität Leipzig
Die Gründung des Leipziger Geologisch-Paläontologischen
Instituts hängt ursächlich mit der am gleichen Ort 1872
geschaffenen "Geologischen Landesuntersuchung des Königreichs
Sachsen" zusammen. Mit deren Leitung war Hermann Credner (Abb. 1), seit
1871 Professor an der hiesigen Universität, beauftragt worden. Die
Landesuntersuchung hatte als Aufgabe, "die möglichst genaue
Erforschung des geologischen Baus, des Mineralreichtums und der
Bodenverhältnisse des Königreiches sowie die Nutzbarmachung
der gewonnenen Resultate für die Wissenschaft, die Land- und
Forstwirtschaft, für Bergbau und Verkehr sowie die übrigen
Zweige technischer Betriebsamkeit" (Credner 1894). Nach 23 Jahren konnte
Credner den Abschluss dieser Arbeiten melden. Damit war Sachsen das erste
Land der Welt, dass eine vollständige geologische Spezialkartierung
im Massstab 1:25000 besass.
Diesen günstigen Zeitpunkt nutzte Hermann Credner, um die Errichtung eines Paläontologischen Instituts an der Universität Leipzig zu beantragen. Bereits Oktober 1895 wurde dazu vom Sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts in Dresden die Genehmigung erteilt. Räumlich (in der Talstrasse 35) wie auch durch Personalunion des Institutsdirektors und des Leiters der zunächst weiter bestehenden Landesuntersuchung blieben beide Einrichtungen in enger Verbindung.
Credner hat bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1912 intensiv den Aufbau einer umfangreichen geologischpaläontologischen Sammlung betrieben und mit über 120 wissenschaftlichen Arbeiten die von ihm gepflegten Wissenschaften wesentlich befördert. Sein Werk "Elemente der Geologie" (Credner 1912), das insgesamt elf Auflagen erlebte, galt für viele Jahrzehnte als das geologische Lehrbuch. Im Rahmen der Landesuntersuchung wurden die geologischen Übersichtskarten von Sachsen im Massstab 1:250000 und 1:500000 erarbeitet und Kartierungsarbeiten für die zweite Auflage vorgenommen.
Hermann Credners Verdienste um die Seismologie fanden eingangs
Erwähnung. In den 70er Jahren des 19. Jh. wurde in Sachsen die
Aufmerksamkeit verstärkt auf spürbare Erdbeben gelenkt. Dies
veranlasste Credner, ab 1875 genaue Informationen über solche
Ereignisse zu sammeln und auszuwerten. Bis 1897 wurden 38 Beben bemerkt,
von denen allein 22 auf das Vogtland entfielen. 1898 gründete
Credner für das Land Sachsen eine Erdbebenkommission, der 55
Personen aus ganz Sachsen angehörten, die als 'Erdbebenreferenten'
eigene und über Fragebogen eingezogene Beobachtungen zu
Erderschütterungen sammelten. Daneben wurden Eisenbahnstationen von
ihrer Direktion angewiesen, von eventuellen Erderschütterungen
sofort Meldung zu machen. Zur Ergänzung der phänomenologischen
Beobachtung richtete Credner 1902 im Keller des Hauses Talstrasse 35 eine
Erdbebenwarte ein. Ihr Standort ist noch heute an einem verblassten
Hinweis an der hofseitigen Hauswand des Institutsgebäudes zu
erkennen. Die vom Observator Franz Etzold (1859-1928) betreute Warte war
mit einem von Emil Wiechert (1861-1928) konstruierten Pendelseismometer
mit einer Masse von 1,1 Tonnen ausgerüstet (Abb. 2). Eine ca.
250fache Vergrösserung ermöglichte in damals ausreichender
Qualität die Aufzeichnung sowohl der Beben aus dem
sächsischvogtländischen Raum als auch der Fernbeben (Meyer
1981).
Um 1910 erfolgte eine Neuordnung der Lehrstühle. Die geologische Disziplin wurde von der Mineralogie abgekoppelt und mit der Paläontologie verknüpft. Seit dieser Zeit gab es an der Universität Leipzig ein Mineralogisch-Petrographisches sowie ein Geologisch-Paläontologisches Institut.
Nach einem kurzen Interregnum Hans Stilles (1876-1966) wurde 1913
Franz Kossmat (1871-1938, Abb. 3) auf den
geologisch-paläontologischen Lehrstuhl berufen und zum Direktor der
Landesuntersuchung ernannt. Unter seiner Leitung hatte das Leipziger
Institut "nicht nur im Rahmen deutscher, sondern überhaupt
europäischer Forschung unzweifelhaft die Führung
übernommen", urteilte die Philosophische Fakultät der
Universität Leipzig (UAL, PF Bd. 2/20.50). Ausser wichtigen Arbeiten
zur Geologie Sachsens im Rahmen der Landesuntersuchung machte sich
Kossmat besonders um die geologische Erforschung des Balkans verdient.
Er fand dabei Unterstützung bei einer Schar tatkräftiger
Geologen mit C.W. Kockel (1898-1966) an der Spitze. Zum weiteren Ausbau
der Bibliothek und der Sammlungen des Instituts hat vor allem Johannes
Felix (1859-1941) durch eine Vielzahl reicher Schenkungen beigetragen.
Auch Franz Kossmat widmete der Geophysik die gebührende
Aufmerksamkeit. Von besonderer Bedeutung ist die gemeinsam mit H.
Lissner erarbeitete Schwerekarte von Mitteleuropa (Abb. 4, Kossmat
1920). Sie schuf Einblicke in die Dichteverteilung der Erdkruste und
ermöglichte damit Aussagen zu Bau und Genese des gezeigten
Gebietes. In zahlreichen darauf folgenden Veröffentlichungen hat
sich Kossmat eingehend mit dem Problemkreis Gravimetrie - Isostasie -
Gebirgsbildung auseinandergesetzt. Er hat im September 1922 die
Seismologische Gesellschaft, die spätere Deutsche Geophysikalische
Gesellschaft (DGG), mit aus der Taufe gehoben und gehörte einige
Jahre ihrem Vorstand an.
Aus gesundheitlichen Gründen liess sich Kossmat 1934 vorzeitig emeritieren. Der Mineraloge und Petrograph Karl Hermann Scheumann (1881-1964) wurde als Stellvertretender Direktor eingesetzt. Die wissenschaftliche Leitung des Instituts vertraute man Erich Krenkel (1880-1964) an, der sich besonders mit seiner dreibändigen "Geologie Afrikas" einen Namen gemacht hatte. Kurt Pietzsch (1884-1964), der spätere Autor der ausgezeichneten "Geologie von Sachsen" (Pietzsch 1962), übernahm das Sächsische Geologische Landesamt, wie es offiziell seit 1924 hiess. Diese Behörde wurde 1937 - gegen den massiven Widerstand der Leipziger Universität (UAL, PF Bd. 1/14.12) - nach Freiberg verlegt und ging 1939 als Aussenstelle Freiberg/Sa. im Reichsamt für Bodenforschung auf.
Trotz intensiver Bemühungen der Philosophischen Fakultät gelang es nicht, für Kossmat einen ebenbürtigen Nachfolger zu finden. 1936 wurde das Direktorat, zunächst für ein Jahr kommissarisch, dem vor allem paläontologisch tätigen Rudolf Heinz (1900-1960) übertragen. Heinz, politisch nicht unumstritten, hatte kaum Gelegenheit zu ruhiger wissenschaftlicher Arbeit gehabt. Seine ersten Amtsjahre waren mit den Folgen des verordneten Umzugs des Geologischen Landesamtes nach Freiberg ausgefüllt. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Viele Mitarbeiter erhielten Einberufungsbefehle. Durch die Bombenangriffe auf Leipzig wurden zahlreiche Universitätsgebäude zerstört. Einige Institute fanden in der weitgehend unversehrt gebliebenen Talstrasse 35 Aufnahme. Der Platzbedarf der Fremdinstitutionen konnte aber nur durch Verlagerung der kostbaren Geologisch-Paläontologischen Sammlung befriedigt werden, was erhebliche Verluste zur Folge haben sollte. Schliesslich wurden Juni 1945 von den Amerikanern, kurz vor der Übergabe Leipzigs an die sowjetische Besatzungsmacht, zahlreiche Universitätsangehörige, darunter Krenkel und Scheumann, nach Weilburg an der Lahn gebracht.
1950 wurde Robert Lauterbach (1915-1995) kommissarisch mit der Leitung des Instituts betraut. Er war Schüler Weickmanns wie auch Kossmats und somit ausgezeichnet vorbereitet, die Fachrichtungen Geophysik und Geologie gleichermassen zu fördern. Der Einsatz geophysikalischer Methoden in der geologischen Erkundung stand im Mittelpunkt von Lehre und Forschung. Daneben kümmerte sich Lauterbach besonders um Erhalt und Neuordnung der geologisch-paläontologischen Sammlungen, so dass sie Mitte der 50er Jahre im wesentlichen wieder zugängig waren. Erfolglos blieben jedoch die Bemühungen, den nach dem Zweiten Weltkrieg vakanten Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie wieder zu besetzen. So wurde 1965 entschieden, das Geologisch-Paläontologische Institut dem inzwischen entstandenen Institut für Geophysikalische Erkundung anzuschliessen.
Das Geophysikalische Institut und seine Observatorien
Das am 1. Jan. 1913 gegründete Geophysikalische Institut der Universität Leipzig ist nach Göttingen das Zweitälteste Geophysikinstitut in Deutschland. Es ist vor allem dem Engagement von Otto Wiener (1862-1927), dem Direktor des Physikalischen Instituts, zu verdanken, der in seinem Bemühungen tatkräftig durch den Direktor der Universitätssternwarte, Heinrich Bruns (1848-1919), unterstützt wurde. In der Begründung heisst es: "Aus der allgemeinen Erdkunde hat sich im Laufe der Zeit immer bestimmter die Geophysik als eine gesonderte und selbständige Disziplin herausgelöst, und zwar als die Lehre von denjenigen irdischen Vorgängen, deren erfolgreiche Untersuchung nur mit dem Rüstzeug des mathematisch geschulten Physikers durchzuführen ist" (UAL, PA319, Bl.3). Wiener und Bruns traten für ein Institut ein, das im Interesse der sich rasch entwickelnden Luftfahrt zunächst auf die Physik der Atmosphäre ausgerichtet war. Da aber später auch die feste Erde und die Hydrosphäre ins Programm von Lehre und Forschung aufgenommen werden sollten, erhielt die Neugründung den Namen "Geophysikalisches Institut".
Von Anfang an dachte man bei der Besetzung des Lehrstuhls für Geophysik - neben Alfred Wegener (1880-1930) - an den Norweger Vilhelm Bjerknes (1862-1951), "als der Hervorragendste der ganzen Welt auf dem Gebiete der dynamischen Meteorologie" (UAL, PA319, Bl.13). Geradezu prophetisch meinte Wiener: "An die richtige Stelle gesetzt, würde er eine neue Epoche der Meteorologie herbeiführen" (UAL, PA319, Bl.13). 1913 nahm Bjerknes seine Tätigkeit an der Leipziger Universität auf, um sich vor allem dem Problem der Wettervorhersage zu widmen. Durch den Ersten Weltkrieg liess sich leider der Abbruch der Arbeiten nicht vermeiden. Im Frühjahr 1917 legte Bjerknes im Einvernehmen mit der Universität die Leitung des Instituts nieder und folgte einem Ruf nach Bergen. So erfuhren seine Leipziger Arbeiten ihre Krönung mit der wegweisenden Polarfronttheorie erst im heimatlichen Norwegen. In einer Rede zur 25-Jahr-Feier des Geophysikalischen Instituts 1938 betonte er jedoch: "Wie unscheinbar von aussen gesehen der Anteil Leipzigs an den Enderfolgen in Bergen scheinen kann, so ist dieser Anteil nicht bloss gross, sondern für den Erfolg unentbehrlich gewesen" (Bjerknes 1938).
Bevor Bjerknes wegging, empfahl er seinen Mitarbeiter Robert Wenger (1886-1922) als Nachfolger. Unter Wengers nur wenige Jahre währender Institutsleitung zog das Institut aus der Nürnberger Strasse 57 (Hintergebäude) in die Talstrasse 38.
1923 übernahm Ludwig Weickmann (1882-1961, Abb. 5) die Leitung
des Geophysikalischen Instituts. Unter dessen Direktorat von 1923 bis
1945 nahm das Institut eine beispielhafte Entwicklung. Weickmann war ein
hervorragender Lehrer und erfolgreicher Wissenschaftsorganisator. Aus
dem Wetterdienst kommend, bemühte er sich vor allem um die
Weiterentwicklung der Synoptik und der praktischen Wetterkunde. Durch
die vielbeachtete - gemeinsam mit russischen Kollegen durchgeführte
- Polarfahrt des Luftschiffs LZ 127 "Graf Zeppelin" im Jahre 1931
(Weickmann u. Moltchanoff 1931) wurde Weickmann einer breiten
Öffentlichkeit bekannt.
Seinen unverwechselbaren Charakter erhielt das Institut durch das
Geophysikalische Observatorium Collm (Abb. 6), das dank Weickmanns
Organisationstalent trotz schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen in
fünfjähriger Bauzeit errichtet wurde. Die offizielle
Einweihung geschah anlässlich der 10. Tagung der DGG im Oktober
1932.
Diese Jubiläumstagung der inzwischen auf knapp 200 Mitglieder angewachsenen Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft fand in Leipzig vom 4. bis 6. Okt. 1932 statt. Es wurden 28 Fachvorträge gehalten, von denen sechs Vorträge Elektrik, Magnetik und Elektromagnetismus, sechs Vorträge Seismik und Seismologie und fünf Vorträge Gravimetrie zum Inhalt hatten. Auch eine Geräteausstellung gab es damals: die Askania-Werke Friedenau hatten in den oberen Räumen der Talstrasse 38 ihre neuesten geophysikalischen Instrumente präsentiert.
Den Abschluss der Tagung - und für die Leipziger Geophysik Höhepunkt - bildete eine Exkursion zum neuen Geophysikalischen Observatorium Collm, wo die feierliche Schlüsselübergabe seitens der Bauverwaltung an Ludwig Weickmann stattfand.
Die in den nächsten Jahren erfolgte Fertigstellung und Einrichtung der Nebengebäude des Observatoriums ermöglichte die angestrebte Erweiterung des Institutsspektrums auf die Bereiche der festen Erde (vorrangig Seismologie). Der Seismograph des Geologisch-Paläontologischen Instituts wurde nach gründlicher Überholung zum Collm gebracht, wo er seit 1935 bis heute einwandfrei arbeitet (Meyer 1981).
Ludwig Weickmann gehörte fast während der gesamten Vorkriegszeit, bis auf die satzungsgemässen Unterbrechungen, dem Vorstand der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft an und wurde mehrfach zum Stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Von 1940 bis 1945 war er zudem Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, die seit ihrer Gründung 1846 als Königlich Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig geophysikalische Unternehmen finanziell unterstützt hatte. Die Errichtung der Weberschen erdmagnetischen Warte und der Crednerschen Erdbebenwarte sowie die Publikation ihrer Messergebnisse wären ohne Hilfe der Gelehrtenvereinigung nur schwer zu bewerkstelligen gewesen.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen trafen das Geophysikalische Institut besonders hart. Bei dem furchtbaren Bombenangriff auf Leipzig am 4. Dez. 1943 wurde das Institutsgebäude zerstört. Im Juni 1945 gehörte auch Weickmann zu den Wissenschaftlern, die in die amerikanische Besatzungszone gehen mussten. Sein Wunsch nach Rückkehr an seine Leipziger Wirkungsstätten ging nicht in Erfüllung. Ludwig Weickmann hat sich später in Westdeutschland grosse Verdienste beim Aufbau des Wetterdienstes erworben.
Nach dem Krieg wurde das Geophysikalische Institut von Walter Hesse (1915-1979) wieder arbeitsfähig gemacht und kommissarisch geleitet. Um 1950 fand es sein Domizil in der Schillerstrasse 6. Die Institutsdirektoren und Lehrstuhlinhaber Max Robitzsch (1887-1952), Karl Schneider-Carius (1896-1959) und Horst Philipps (1905-1962) verstarben sämtlich nach nur wenigen Amtsjahren. Zuletzt wurde das Institut kommissarisch von Friedrich Kortüm (1912-1993) geführt (Hupfer 1991).
Der häufige Direktorenwechsel war eine wesentlicher Grund, dass das Geophysikalische Institut der Universität Leipzig nach 1945 nicht wieder seine frühere Bedeutung erlangen konnte. Gleichwohl sind einige interessante Entwicklungen festzuhalten: der Ausbau der Industriemeteorologie und die Aufnahme der Forschungen zur Physik der Hochatmosphäre am Observatorium Collm. 1957 wurde das Maritime Observatorium Zingst gegründet. Damit war 44 Jahre nach Institutsgründung das erklärte Ziel erreicht, alle drei Teildisziplinen der Geophysik - entsprechend den drei Erdsphären - in einem Institut zu vereinigen.
Bis zur Auflösung des Geophysikalischen Instituts Ende der 60er Jahre gaben seine Direktoren die "Veröffentlichungen des Geophysikalischen Instituts der Universität Leipzig" heraus, die vor allem die hier angefertigten Dissertationen publizierte.
Das Institut für Geophysikalische Erkundung (und Geologie)
Im seit 1945 zunächst weitgehend verwaisten
Geologisch-Paläontologischen Institut stand nach der Berufung
Robert Lauterbachs (Abb. 7) zu Beginn der 50er Jahre die angewandte
Geophysik im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit. Die Ansiedlung des
Geophysikalischen Dienstes, des späteren VEB Geophysik,
ermöglichte in Leipzig eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit
mit der Praxis. Folgerichtig kam es am 1. März 1958 zur
Gründung des Instituts für Geophysikalische Erkundung, das
1965 unter Einschluss des Geologisch-Paläontologischen Instituts zum
Institut für Geophysikalische Erkundung und Geologie erweitert
wurde.
Seit Beginn seiner Institutsleitung hatte es Lauterbach verstanden,
eine immer grösser werdende Zahl von Studenten um sich zu scharen,
die an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät den
akademischen Grad eines Diplom-Geophysikers erwarben. In der Forschung
sind besonders Verfahren der Mikromagnetik (Abb. 8) und der
Gammaspektrometrie entwickelt und erfolgreich eingesetzt worden. Viele
Arbeitsergebnisse wurden in der von Lauterbach herausgegebenen
Zeitschrift mit dem programmatischen Titel "Geophysik und Geologie -
Beiträge zur Synthese zweier Wissenschaften" veröffentlicht.
Bereits wenige Wochen nach seiner Gründung stand das Institut für Geophysikalische Erkundung vor einer ersten grossen Bewährungsprobe. Die 22. Jahrestagung der DGG wurde vom 2. bis 5. Mai 1958 in Leipzig durchgeführt. Die auswärtigen Teilnehmer kamen aus der UdSSR, China, Polen, Ungarn, Rumänien und der CSR. Das von Robert Lauterbach geleitete Programm bestand aus einem Festvortrag, 43 Fachvorträgen und 5 Exkursionen. Auf der Mitgliederversammlung wurde Lauterbach zu einem der Stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.
Es sollte die einzige Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft bleiben, die während der DDR-Zeit auf ostdeutschem Gebiet stattgefunden hat.
Der Wissenschaftsbereich Geophysik
Die 1968 beginnende dritte Hochschulreform bedeutete die Auflösung sämtlicher geowissenschaftlicher Institute an der Universität Leipzig. Studenten dieser Fächer konnten nicht mehr immatrikuliert werden. Das traditionsreiche Mineralogisch-Petrographische Institut wurde zur Arbeitsgruppe Kristallographie an der Sektion Chemie reduziert, das Geographische Institut nach Halle verlegt. Einige Wissenschaftler des Geophysikalischen Instituts gingen nach Berlin, wo ab 1971 allein die Meteorologenausbildung durchgeführt werden durfte. Die übrigen Mitarbeiter und die Einrichtungen des Geophysikalischen Instituts bildeten mit dem Institut für Geophysikalische Erkundung und Geologie den Fachbereich (später Wissenschaftsbereich) Geophysik der neugegründeten Sektion Physik.
Trotz institutioneller Reduzierung wurde in einem breiten Spektrum geforscht: Seismologie, angewandte Geophysik, speziell Seismik, Ozeanologie, Ionosphärenforschung, Umweltforschung. Sogar die Studentenausbildung kam nie ganz zum Erliegen: Physiker aus Leipzig, Geophysiker aus Freiberg, mehrere Dutzend Fernstudenten, eine grössere Zahl von ausländischen Studierenden schlossen hier ihr Diplom oder ihre Promotion ab. Ausserdem wurde die Universität Leipzig zum Zentrum der postgradualen Weiterbildung für Geowissenschaftler in der damaligen DDR. Fortsetzung fand auch die seit 1913 währende Tradition der geowissenschaftlichen Zeitschriften der Leipziger Universität; durch Vereinigung der Zeitschriften der Vorgängerinstitute entstand die Schriftenreihe "Geophysik und Geologie - Geophysikalische Veröffentlichungen der Universität Leipzig".
Die Wiedervereinigung und das Institut für Geophysik und Geologie
Die Vereinigung Deutschlands und die Erneuerung des Hochschulwesens im Freistaat Sachsen machten an der Leipziger Universität die Wiederbelebung mehrerer geowissenschaftlicher Fachrichtungen möglich. Bereits 1990 wurden wieder Studenten in den Fachrichtungen Geophysik und Meteorologie immatrikuliert.
In diese Jahre des Neubeginns fiel die vom 31. März bis 3. April 1992 stattfindende 52. Jahrestagung der DGG. An Leipzig als Tagungsort anlässlich der 70jährigen Wiederkehr der Gesellschaftsgründung war bereits vor 1989 gedacht worden (Edelmann 1992).
In der Rückschau konnte von den Veranstaltern festgestellt werden: "War der Vorschlag im Vorstand der DGG, diese Tagung nach Leipzig zu vergeben, im Herbst 1989 angesichts der politischen Brisanz von vielen als Risiko empfunden worden und galt die Entscheidung für Leipzig während der 50. Tagung 1990 in Leoben noch als Wagnis, so verlief doch die Tagung 1992 _... bereits in völliger Normalität. Was von Dr. Edelmann mit unbeirrbarem Optimismus verfochten worden war, führte Prof. Wilhelm resolut zum Beschluss und wurde vom jetzigen Vorsitzenden, Prof. Fertig, in die Tat umgesetzt" (Jacobs 1992). Aber ungeachtet der äusseren Normalität war diese Jahrestagung aufgrund des noch vorhandenen 'Nachholbedarfs' an persönlichen Kontakten wohl doch etwas Besonderes.
Bei der Tagung konnten über 700 Teilnehmer, darunter 200 Studenten, aus mehr als 20 Ländern begrüsst werden. Es wurden 6 Plenarvorträge und 218 Fachvorträge gehalten sowie 37 Poster präsentiert. Ein Dutzend Anbieter geophysikalischer Geräte und Software stellten aus.
Anderthalb Jahre nach dieser denkwürdigen Tagung, am 2. Dez. 1993, dem 584. Gründungstag der Alma mater Lipsiensis, wurden mehrere Fakultäten und Institute gegründet, darunter die Fakultät für Physik und Geowissenschaften mit dem "Institut für Geophysik und Geologie/Geologisch-Paläontologische Sammlung" und dem "Institut für Meteorologie" sowie die Fakultät für Chemie und Mineralogie mit dem "Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft". Inzwischen befindet sich an der erstgenannten Fakultät auch ein "Institut für Geographie".
Zum Institut für Geophysik und Geologie gehören derzeit folgende Struktureinheiten: der Bereich Geophysik mit den Abteilungen "Physik der Erde", "Theoretische Geophysik" und "Ingenieur- und Umweltgeophysik" und der Bereich Geologie mit den Abteilungen "Allgemeine Geologie/Quartärgeologie" und "Geologisch-Paläontologische Sammlung". Weiter ist dem Institut gegenwärtig im Rahmen des sog. Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP) eine Abteilung Geochemie angegliedert. Sie besteht aus den Arbeitsgruppen "Isotopengeochemie, Massenspektrometrie und Paläoklimatologie" und "Modellierung von Migrationsprozessen/Huminstofforschung und Spurenanalytik".
Das Geophysikalische Observatorium Collm wird vom Institut für Geophysik und Geologie und vom Institut für Meteorologie gemeinsam genutzt. Sowohl die seismologischen Registrierungen wie auch die hochatmosphärischen Windmessungen werden fortgesetzt. Die Erdbebenstation ist in den letzten Jahren mit einem Gerätesatz des German Regional Seismological Network (GRSN) ausgerüstet worden und genügt damit den Anforderungen der modernen seismologischen Forschung.
Literatur
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Geophysik 14, H. 3/4: 49-62.
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1-16.
Credner, H. (1895): Vom 15.09.1895 datierter Entwurf eines Briefes an
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Unterrichts zu Dresden.
Credner, H. (1909): Das Paläontologische Institut und die
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der Universität Leipzig, Bd. 4, Teil 2: 123-130.
Credner, H. (1912): Elemente der Geologie. - 11., neubearbeitete
Auflage; Leipzig (Engelmann).
Edelmann, H.A.K. (1992): Zur Wahl Leipzigs als Tagungsort. -
DGG-Mitteil. 1-2: 1.
Hupfer, P. (1991): Die meteorologischen Institute in Ostdeutschland. -
Promet. Meteorologische Fortbildung 21: 106-110.
Jacobs, F. (1992): Rückschau auf die 52. Jahrestagung der DGG in
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Kossmat, F. (1920): Die mediterranen Kettengebirge in ihrer Beziehung
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der Sächs. Akad. d. Wiss., Band 38, Nr. 2, Leipzig (Teubner).
Lauterbach, R. (1955/56): Geophysikalisch-geologisches Kartieren. -
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Meyer, H. (1981): Die Erdbebenstation Leipzig (1902-1934). -
Veröff. Zentralinst. Phys. Erde. Nr. 64: 130-134, Potsdam.
Pietzsch, K. (1962): Geologie von Sachsen. - Berlin (Dt. Verl. d.
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UAL: Akten der Philosphischen Fakultät (PF) sowie Personalakten
(PA) aus dem Universitätsarchiv Leipzig.
Wahnschaffe, F. (1913): Zum Gedächtnis Hermann Credners. -
Zeitschr. d. Dt. Geol. Ges., B, Nr. 8/10: 470-488.
Weickmann, L. u. Moltchanoff, P. (1931): Kurzer Bericht über die
meteorologisch-aerologischen Beobachtungen auf der Polarfahrt des "Graf
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