Geophysik in Kiel begann mit dem Jahr 1951. Prof. Dr. K. Jung, damals tätig in Clausthal-Zellerfeld und weltbekannter Fachmann der theoretischen Geophysik, insbesondere der Gravimetrie, erhielt den ersten Lehrauftrag für Geophysik an der Universität Kiel. Aus dem Lehrauftrag wurde 1956 ein Lehrstuhl, der am Institut für Meereskunde angesiedelt wurde. Im Oktober 1960 gelang die Gründung eines Institutes mit zunächst 6 Räumen innerhalb des Instituts für Angewandte Physik. Im Mai 1966 folgte ein erneuter Umzug und zwar in zwei Etagen des Geographischen Instituts. K. Jung wurde im Oktober 1970 emeritiert. Seine Stelle übernahm Prof. Dr. R. Meissner am 1. April 1971. Waren bis dahin gravimetrische Forschungen dominierend und seismologische und seismische Arbeiten eher etwas bescheidener vertreten, kamen nun einige neue Forschungsrichtungen aus Planetologie, besonders Mondforschung, angewandter Seismik und Erdbebenforschung hinzu. Die Zahl der Studenten wuchs, und 1977 führte ein erneuter Umzug in zwei grosse Etagen im neu errichteten Physikzentrum. Die weitere Ausweitung wissenschaftlicher Projekte und die Vergrösserung der Studentenzahl der Haupt- und Nebenfächler, letztere meist aus Geologie und Ozeanographie, machte es notwendig, eine weitere 3/4 Etage im Hause und eine weitere halbe Etage in den Gebäuden des Physikzentrums zu akquirieren. Im ganzen verfügt die Geophysik 1996 über etwa 3000 qm Arbeitsräume, Garagen und Lagerräume.
Die Studentenentwicklung
Die Zahl der Studenten hat sich von 12 im Hauptfach und 5 im Nebenfach 1971 auf 138 bzw. 104 im Jahr 1995 entwickelt. Erst 1995 ging die Zahl der Erstsemester - einem allgemeinen Trend folgend - etwas zurück. Etwa die Hälfte der Studenten gehen mit dem Diplom in die Wirtschaft oder Industrie, während die anderen eine Promotion anstreben. Diese ist für Positionen in der Forschung im In- und Ausland meist Bedingung und hat zur Besetzung einer Reihe von Stellen vom Post-Graduate bis zum Assistant-Professor im angelsächsischen Raum geführt. Bis etwa 1987 bot auch die Erdöl- und Explorationsindustrie eine Menge Positionen für diplomierte und promovierte Geophysiker an; doch hat der starke wirtschaftliche Rückgang der gesamten Kohlenwasserstoffbranche auch die Arbeitsmöglichkeiten für Absolventen der Geophysik stark verschlechtert bzw. verändert. Seit etwa 10 Jahren gehen die meisten ausgebildeten Kieler Geophysiker in die Umwelt- und Ingenieurgeophysik.
Die sich abzeichnende Situation am Arbeitsmarkt hatte schon Ende der 70er Jahre zu einem verstärkten Ausbau der angewandten Geophysik, speziell der Ingenieur- und Umweltgeophysik geführt. Sie ist heute die am stärksten von Studenten frequentierte Arbeitsgruppe des Instituts und bietet Absolventen der Geophysik ausreichende bis gute Arbeitsmöglichkeiten, nicht zuletzt auch deswegen, weil von früheren Institutsmitarbeitern und Studenten seit 1970 insgesamt sieben Firmen gegründet wurden. Auch der im Jahr 1987 etablierte Verein der Freunde und Förderer des Instituts für Geophysik e.V. unterstützt Studenten und Wissenschaftler nachhaltig.
Ab Mitte der 70er Jahre wurden zunehmend ausländische Bewerber als Studenten für Diplom und Promotionsstudiengänge aufgenommen. Diese kamen und kommen aus vielen Ländern der Erde. In Ägypten haben etwa 70% aller in Forschung und Industrie tätigen Geophysiker eine Ausbildung in Kiel erfahren.
Die Struktur des Instituts
Da bis Anfang der 80er Jahre nur ein Professor (Meissner) am Institut tätig war, wurde schon früh eine Einteilung in Arbeitsgruppen vorgenommen, die von einem Arbeitsgruppenleiter, einem Assistenten oder festangestellten Wissenschaftler betreut wurden. Die Arbeitsgruppen formten kleine, relativ unabhängige Einheiten, die vor allem die Forschungstätigkeit, aber auch die Lehre, auf ihren Gebieten konzentriert erfassen und den neuesten Entwicklungsstand diskutieren sollten. Mit der Habilitation von J. Zschau (1979) und seiner Berufung auf eine C3-Professur (1980) wurden Forschung und Lehre wesentlich verbreitert. Die anfänglich fünf Arbeitsgruppen haben ihre Aufgaben bis heute beibehalten, obwohl es die Entwicklung erforderte, oft weitere Schwerpunkte innerhalb der Gruppen oder auch übergreifend zu formen.
Aufgaben und Arbeitsgebiete der Gruppen sind in Abb. 1 tabellarisch zusammengefasst. Zusätzlich zu den neun wissenschaftlichen Festangestellten war stets eine steigende Anzahl von Drittmittelbeschäftigten in die Forschungsarbeit der verschiedenen Arbeitsgruppen eingebunden. Ihre Einwerbung konnte durch Anträge bei der DFG, Industrie, später auch BMFT und EC-Brüssel, realisiert werden. Auch eine Anzahl prominenter Gastprofessoren und Gastwissenschaftler half fast ständig in Lehre und Forschung, so dass meist 7 bis 15 zusätzliche Forscher oder graduierte Studenten am Institut tätig waren, teils halb-, teils vollbeschäftigt. Durch das geologisch-seegeophysikalische EC-ERASMUS-MERCATOR Programm wurde innerhalb Europas ständig ein Austausch von Wissenschaftlern und Studenten durchgeführt.
Entwicklung in Forschung und Lehre
Abb. 1: Struktur der Forschungsarbeiten am Institut
Erdkrustenforschung, Ingenieur- und Marine Geophysik Regionale, Globale Planetologie
Tiefenseismik Umweltgeophysik Geodynamik
Ziele: Struktur u. Evolution Flache Strukturen, Geotechnik, Rheologie des Globale Strukturen
der Erdkruste, Lithologie, Umweltforschung, Erdmantels, Dynamik terrestr. Planeten,
Terranes, Petrophysik, Stratigraphie von des Systems Erde, Vergleiche mit Erde,
Reflektivität, Hydrogeologie, Schelfen, Rücken, Deformationen der Hot-Spots u. Mantle
Rheologie, Störungen Deponien, Entsorgung Sedimentphysik Erde Plumes
Methoden: Steil- und Mehrkomponenten- Ein- und Modellierung von Analysen der
Weitwinkelseismik, Seismik, Georadar, Mehrspurseismik, Deformationen, Schwerefelder,
Gravimetrie, Geomagnetik, Sondeneinsatz, Analyse von Lineamente,
Prozessing-Entwicklung, Geoelektrik, Magnetik, meteorolog., Kartierung,
Korrelationen, Elektromagnetik. Kombinationen, ozeanograph., und rheologische
Reflektivität- Prozessing- Labormessungen, geophys. Daten, Modellrechnungen
Viskosität Entwicklungen Durchschallung Systemtheorie
Gruppenleiter Prof. Milkereit, Dr. Stümpel Dr. Theilen Dr. Plag Prof. Janle
1996: Prof. Rabbel Prof. Rabbel
Unter K. Jung waren in den Jahren 1960 bis 1970 im wesentlichen gravimetrische sowie einige seismologische Forschungsarbeiten durchgeführt worden. In der Lehre wurde seinerzeit und auch unter Meissner bis Ende der 70er Jahre versucht, alle Gebiete der Geophysik abzudecken. In der Forschung standen in den 70er Jahren die seismologische Mondforschung im Vordergrund, doch wurde parallel die angewandte Geophysik und die Erdkrustenforschung aufgebaut, wobei seismische Methoden stets eine dominierende Rolle spielten.
Ab Ende der 70er Jahre entwickelten sich in Deutschland zwei grosse Forschungsprogramme innerhalb der Erforschung der Erdkruste und der Lithosphäre, die eine ständige Vergrösserung der Arbeitsgruppe Tiefenseismik mit sich brachte. Es war einmal das DEKORP-Programm, das erste Feldmessungen im Jahr 1984 realisieren konnte, zum anderen das Kontinentale Tiefbohrprogramm KTB, das nach langen Vorbereitungen 1987 die Bohrtätigkeit in der Oberpfalz aufnahm. Bei beiden Projekten waren Mitarbeiter des Instituts sowohl bei den Vorbereitungen als auch bei den Messungen aktiv beteiligt. Besonders das heute noch aktive DEKORP-Programm, das von Meissner als stellvertretendem Leiter der Steuerungsgruppe lange Jahre betreut wurde, beschäftigte ständig 3 bis 4 durch DEKORP bzw. BMFT bezahlte Studenten und Mitarbeiter. Als weiteres Grossprogramm innerhalb der Tiefenseismik begann im Jahre 1989 das Projekt BABEL (Baltic and Bothnian Echoes of the Lithosphere) unter Kieler Federführung. Spektakuläre Erkenntnisse über den tiefen Untergrund der Ostsee wurden durch marine reflexions- und weitwinkelseismische Messungen und ihre Interpretation gewonnen.
Ausser diesen Grossprojekten wurden geophysikalische Traversen unter Kieler Federführung über die Wärmeanomalie Urach, durch die Eifel, in Kolumbien (zweimal), in Skandinavien (Blue Road, Blue Norma, EUGENO), in Mexiko (GEOLIMEX) und Tibet (GEDEPTH) durchgeführt und viele Beteiligungen als Mitantragsteller oder Helfer bei Projekten in den Alpen, der Geotraverse oder Norddeutschland realisiert. Zu erwähnen ist auch ein langjähriges DFG-Schwerpunktprogramm Unterkruste, in dem von Kieler Forschern die grosse Bedeutung der Viskosität für Deformationen, Reflektivität und Seismizität erkannt wurde. Umfangreiche Studien der Anisotropie gehören ebenfalls zu den Forschungsaufgaben der Gruppe. Erdbeben- und Erdbebenvorhersageforschung (Grossprojekte Türkei) waren weitere fachübergreifende und interdisziplinäre Arbeiten, die am Institut federführend angesiedelt waren.
Zu einer weiteren grossen Arbeitsgruppe des Instituts entwickelte sich die Ingenieur- und Umweltgeophysik. Frühe Arbeiten im Haddebyer Noor [Haithabu] führten zur Entdeckung einer Menge wikingerzeitlicher archäologischer Objekte im Schlamm des Seegrundes: Relikte von Schiffen, Einbaumen, Waffen sowie einer der ersten Glocken der frühchristlichen Zeit. Zwischen 1975 und 1995 konnte sich die Arbeitsgruppe mit allen notwendigen Instrumenten, Geräten, Prozessingeinheiten und Interpretationsprogrammen ausstatten, die für eine angewandte Forschung notwendig sind. Neben dem Erwerb von Geräten wurden eine Reihe von Eigenentwicklungen auf den Gebieten Geoelektrik, Geomagnetik und Georadar unter der Leitung von Dr. Stümpel durchgeführt. Messungen mit Scherwellen, durch verschiedene Industrie- und DFG-Projekte gefördert, erreichten einen hohen Standard und wurden im Umfeld der KTB und anderen Projekten eingesetzt. Aufsehenerregende Entdeckungen gelangen auf dem Gebiet der Archäologie, wie z.B. die Kartierung einer hethitischen Stadtmauer in der Türkei, die mit verschiedenen Methoden kartiert wurde. Die Arbeitsgruppe bildet darüber hinaus Studenten für viele umweltrelevante Tätigkeiten, z.B. Grundwasser-, Abwassermonitoring, Entsorgungs- und Lagerungsprobleme, aus, so dass viele Studenten ihre Diplomarbeiten auf diesem Arbeitsgebiet anstreben, das offenbar zur Zeit die besten Zukunftsaussichten für Geophysiker bietet.
Die Arbeitsgruppe Marine Geophysik befasst sich seit vielen Jahren mit geophysikalischen Messungen und Entwicklungen, die für Sedimentverteilung, Tektonik, aber auch für Physik der Sedimente und Festigkeitsüberlegungen eine Rolle spielen. Verschiedene reflexionsseismische Pre-Site Surveys im Bereich von Bohrungen im Nordatlantik, Strukturen in der Bransfield Strasse und dem Schelf in der Antarktis (zweimal) und eine grosse Anzahl von Messungen in Nordsee und zweimal Nordatlantik gehören zum umfangreichen Messprogramm. Darüberhinaus wurden eine Reihe neuer Messkonzepte entworfen und realisiert, so z.B. eine Methode, Scherwellen am Meeresgrund zu messen. Auch eine Objektortung (z.B. in der Elbe), die Anschaffung eines Tiefseestreamers und die Entwicklung spezieller Sonden für oberflächennahe Sedimente, mit denen magnetische, elektrische und weitere geophysikalische Parameter in situ gemessen werden können, gehören zu den speziellen Entwicklungen dieser Gruppe. In Zusammenarbeit mit der Geologie werden direkt nach dem Erhalt grosser Bohrproben durch Kastengreifer im Schiffslabor seismische P- und S-Wellen durch hochfrequente Anregung gemessen und kartiert. Auch die Absorption von Sedimenten wurde durch verschiedene Studien, durch Beprobung und speziell in einer extra entwickelten Durchschallungsanlage im Labor gemessen. Die Arbeitsgruppe ist fester Bestandteil des universitären Forschungsschwerpunktes Meeresforschung, der das ganze Spektrum mariner Forschungen vereint. Seit Beginn ist Dr. Fr. Theilen der Leiter der marinen Arbeitsgruppe des Institutes.
Die Arbeitsgruppe Regionale Geodynamik wurde Ende der 70er Jahre von Prof. Zschau ins Leben gerufen. Zunächst konzentriert auf Gezeitenpendel in Bohrlöchern und deren Ergebnisse in Bezug auf Neigungen der Erdoberfläche durch Gezeiteneinflüsse, aber auch durch sich nähernde Sturmfluten, entwickelten sich eine Reihe weitere Aufgabenstellungen über Auflasteinflüsse allgemein, auf unterschiedliche Antwortfunktionen der Erde im Bereich von Störungen und die Figur der Erde. Anfang der 80er Jahre begannen Studien zur Erdbebenvorhersageforschung, die im Aufbau eines Multiparameter-Messnetzes im Bereich der westlichen nordanatolischen Störung gipfelten. In den ersten 10 Jahren wurde, unterstützt durch die DFG, eine sehr interdisziplinär arbeitende Forschergruppe gebildet. 1991 wurde dieses Grossprojekt in die Desasterforschung des GFZ Potsdam integriert, deren Leitung Zschau übernahm. Nach Weggang von Zschau aus Kiel, der etwa 10 Mitarbeiter nach Potsdam mitnahm, werden einige Unterprojekte, wie z.B. das "aktive seismische Experiment" weiterhin von Kiel aus betreut.
Ebenfalls von Zschau wurde Anfang der 80er Jahre die Arbeitsgruppe Globale Geodynamik aufgebaut. Hierbei stand zunächst die Untersuchung der Rheologie des Erdmantels und ihres Einflusses auf seismische und gezeitenbedingte Deformationen der Erde im Vordergrund. Ab 1988 wurden die von der Gruppe bearbeiteten Inhalte von Dr. H.-P. Plag zunächst gemeinsam mit Prof. Zschau auf eine Betrachtung der Wechselwirkungen von Atmosphäre, Hydrosphäre und Kryosphäre mit der festen Erde ausgeweitet, wobei hier die von atmosphärischen, ozeanischen und glazialen Auflasten bewirkte Deformation zur Untersuchung der Viskosität des Erdmantels herangezogen wird. Innerhalb der DFG- und EU-geförderten Projekte nehmen heute zunehmend klimarelevante Themen einen Raum ein wie z.B. Schwankungen des Meeresspiegels und der Einfluss von Variationen der atmosphärischen Zirkulation auf die Erdrotationsschwankungen.
Die Arbeitsgruppe Planetologie hatte sich in den 70er Jahren aus der Mondforschung heraus entwickelt. Ab 1975 mit dem Abschalten der seismischen Stationen des Apollo-Programms und dem Ausbleiben neuer Daten kam die seismologische Mondforschung langsam zum Erliegen.
Durch Verfolgung gravimetrischer Daten, die durch Orbiter um Mond, Mars und Venus gesammelt wurden, sowie durch bessere Fotomissionen, Radaruntersuchungen und Reliefstudien wurde eine vergleichende Planetologie geschaffen, die als kleine, aber aktive Forschergruppe seit Mitte der 70er Jahre bis heute arbeitet, seit langem unter Leitung von Prof. Janle.
Die vielfältigen Oberflächenformen von Merkur, Venus, Mond, Mars und Erde werden durch das Vorherrschen gewisser exogener oder endogener Prozesse erklärt. Viele neuere Erkenntnisse über die planetaren Körper, sei es Plume-Aktivität oder Tektonik, werden mit Datensätzen der Erde verglichen und hauptsächlich auf die unterschiedliche thermische Entwicklung zurückgeführt. Die Evolution der Plattentektonik auf der Erde wird durch die Beobachtung gewisser tektonischer Phasen auf den anderen planetaren Körpern zwar als einmalig aber doch als eine zwingende Notwendigkeit der chemischen und thermischen Entwicklung angesehen.
In der Lehre wurde es ab Ende der 70er Jahre notwendig, die Themenkreise der Vorlesungen um weitere Gebiete zu ergänzen und zu vertiefen, vor allem auf dem Gebiet der theoretischen Geophysik, speziell der Gezeitenforschung und der Geodynamik. Dies geschah durch Übernahme vieler Vorlesungen durch Zschau, aber auch durch Vorlesungen und Kurse, die von den Gruppenleitern regelmässig und kontinuierlich abgehalten wurden. Zusätzlich waren fast ständig Gastdozenten aus USA, England, Frankreich und Skandinavien für Spezialvorlesungen und Praktika am Institut. Die steigende Zahl auch der Nebenfachstudenten, meist aus der Geologie, machte die Einrichtung besonderer Seminare und bis zu vier parallel laufenden Nebenfachpraktika notwendig, für die in letzter Zeit besondere Lehraufträge zustande kamen. Eine besondere Würdigung für die Ausbildung der Geophysik-Studenten in den 70er und 80er Jahren gebührt Dr. J. Voss, der im Januar 1990 einem Krebsleiden erlag. Er erkannte frühzeitig die steigende Bedeutung der Einführung moderner Computer-Technik in die verschiedensten Bereiche der Geophysik und hat sich durch besondere Einführungskurse und -Vorlesungen verdient gemacht. Er hinterliess eine Lücke, die bis jetzt nicht geschlossen werden konnte.
Die Zahl der Diplomarbeiten bzw. Dissertationen am Kieler Institut stieg kontinuierlich an, von einer (1971) auf 14 (1995). Von den insgesamt 6 Habilitierten erhielt der erste (Zschau) 1980 eine C3-Stelle in Kiel und 1992 eine C4-Position am GFZ Potsdam. Eine weitere C4-Stelle hat Prof. M. Lange in Münster, eine C3-Position haben Prof. Kumpel in Bonn und Prof. Rabbel in Kiel inne. Die habilitierten Dr. Fluh und Dr. Janle sind zu ausserplanmässigen Professoren ernannt worden. Prof. Rabbel ist seit Juli 1995 im Amt und betreut die seismischen und seismologischen Arbeitsgruppen.
Die Gründung von GEOMAR mit einer grossen Abteilung Marine Geodynamik - Geophysik im Jahre 1989 erweiterte sowohl das Forschungs- wie das Lehrangebot beträchtlich. Während die geophysikalische Forschung in GEOMAR sich naturgemäss mit marinen Fragen und Messmethoden, insbesondere mit der reflexionsseismischen Erforschung der Akkretionskeile an aktiven Kontinentalrändern befasst und auch Interpretations- und Prozessingmethoden signifikant verbessert, profitierte das Institut für Geophysik hauptsächlich von einem stark gesteigerten Lehrangebot, sowohl in der Grundausbildung als vor allem durch Spezialvorlesungen, Seminare und Betreuung von Diplomarbeiten. Dadurch wird in Kiel die Breite geophysikalischer Forschung gut vertreten, und es werden viele Möglichkeiten zur Spezialisierung geschaffen.
Eine Besonderheit des Institutes für Geophysik war stets das Bestreben, prominente Gastwissenschaftler und Studenten aus allen Teilen der Welt einzuladen, aufzunehmen und mit ihnen zusammen eine aktive Forschung zu betreiben. Gute Forschung, wie sie durch mehr als 550 Arbeiten von Institutsmitgliedern in referierten wissenschaftlichen Journalen dokumentiert ist, basiert auf Anregungen, Ideen und Zusammenarbeit. Die vielen Forschungsaufenthalte ausländischer Gäste in Kiel und diejenigen von Institutsmitgliedern im Ausland haben viele freundschaftliche und wissenschaftliche Kontakte geknüpft, die für erfolgreiche Forschung eine Voraussetzung darstellen.
Am 1. April 1996 wird Prof. Milkereit die Nachfolge von Prof. Meissner antreten. Weitere, aber ähnliche Arbeitsgebiete, vor allem eine bessere Ausrüstung mit Computern, Hard- und Software-Programmen und Prozessing-Verfahren werden eingerichtet werden. Kontinuität in Forschung und Lehre und eine nachhaltige Modernisierung sind somit für das Institut für Geophysik sichergestellt.
Geschichte seismologischer Beobachtungen auf der Insel Helgoland
Im Gegensatz zur relativ jungen Historie des
Instituts in Kiel reicht die Geschichte seismologischer Beobachtungen
auf Helgoland bis zum Beginn unseres Jahrhunderts zurück. Der in
Abb. 2 wiedergegebene Brief des Helgoländer Schuldirektors, A. vom
Brocke, belegt, dass bereits im Jahre 1904 auf der Insel im
Leuchtfeuergehöft vom Wasserbauamt Tönning ein Seismograph
betrieben wurde, der zur Beweissicherung für Schadensfälle bei
Schiessmanövern der Reichsmarine dienen sollte.
An der Universität Göttingen interessierte sich E. Wiechert, der durch seinen an der Biologischen Anstalt Helgoland tätigen Schwiegersohn von dieser Station gehört hatte, für die seismographischen Aufzeichnungen. An ihn richtete sich obiges Schreiben. Als Seismologe war er mit der Übermittlung von Einsatzzeiten, wie von vom Brocke angeboten, letztlich nicht zufriedenzustellen. Er erreichte, dass bereits 1907 ein zweiter Seismograph beschafft und im Keller der Biologischen Anstalt aufgestellt wurde.
Die Verwaltung dieser ersten Helgoländer Erdbebenwarte oblag der Biologischen Anstalt, die wissenschaftliche Betreuung und Auswertung der Registrierungen besorgte das Geophysikalische Institut der Universität Göttingen. Als Konsequenz wurde mit Ablauf des Jahres 1909 der Stationsbetrieb im Leuchtfeuergehöft eingestellt. Ab 1914 war die Helgoländer Erdbebenwarte wegen der Evakuierung der Insel für die Dauer des 1. Weltkriegs nicht in Tätigkeit, doch bereits 1919 wurde in den Räumen eines leerstehenden Scheinwerferstands auf dem Helgoländer Oberland am Falm eine neue Erdbebenwarte eingerichtet. Ein Wiechert-Horizontalpendel (1000 kg) wurde aufgestellt und damit Helgoland zu einer Station I. Ordnung erhoben. Diese Station nahm im Sommer 1925 - wieder unter der Leitung der Biologischen Anstalt - ihren Betrieb auf.
Nachdem Wiechert am 19. März 1928 verstorben war und sein Nachfolger kein Interesse an der Helgolander Station bekundete, brachen die Beziehungen zur Gottinger Universität ab. In den folgenden Jahren fiel die Bedeutung der Inselstation rapide zurück.
Erst Mitte der dreissiger Jahre gelang den Helgoländer Biologen ein erneuter Kontakt zur Geophysik. Die seismologische Betreuung der Station wurde nunmehr dem Physikalischen Staatsinstitut der Universität Hamburg, Prof. E. Tams, übertragen. Durch Geheimbefehl der Reichsregierung wurde die Insel Helgoland im Jahr 1936 zur Festung erklärt. Die Marine drang auf Rückgabe der Scheinwerfer-Stände am Falm, und die Erdbebenwarte musste wiederum verlegt werden. Es wurde beschlossen, ein eigenes Stationsgebäude im Garten der Vogelwarte zu errichten. Planung, Bau und Einrichtung dieser Station kamen in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Institut zügig voran, so dass hier der seismologische Betrieb im Jahr 1939 wieder aufgenommen werden konnte. Die Station registrierte bis 1942 ohne nennenswerte Unterbrechungen, bis sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs durch Bomben zerstört wurde. Die Registrierungen wurden wahrscheinlich auf Helgoland gelagert und durch Kriegseinwirkungen 1945 vernichtet.
Von 1945 bis 1952 war Helgoland Sperrgebiet und diente der Royal Air Force bei militärischen Übungen als Bombenziel. Die noch vorhandenen nicht zivilen Bunker und Anlagen wurden am 18. April 1947 durch eine Grosssprengung vernichtet. Im März 1952 wurde die Insel von den Besatzungsmächten freigegeben. Der Wiederaufbau begann. Alle ehemals vorhandenen Einrichtungen - also auch eine Erdbebenwarte - sollten wieder errichtet werden. Inzwischen war Helgoland jedoch verwaltungsmässig dem Bundesland Schleswig-Holstein zugeordnet worden. Daher wandte man sich wegen des geplanten Neubaus an die Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dort wurde im Oktober 1956 K. Jung auf den Lehrstuhl für Geophysik berufen. Folglich oblag ihm die Konzipierung der Baumassnahmen und der Gerätebeschaffung. Die Finanzierung übernahm die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen eines Grossgeräteantrags. Mit Unterstützung durch Prof. Strobach (damals in Hamburg), konnte K. Jung eine Nahbebenstation mit Seismographen des Typs "Stuttgart" (nach Hiller) im Bereich der Helgoländer Schule einrichten und ab 1959 in Betrieb nehmen. Ausgestattet mit kurzperiodischen Aufnehmern und photographischen Registrierapparaten sollte diese Station seismische Ereignisse aus der Deutschen Bucht und aus dem Nordseeraum aufnehmen, die jedoch - wie die folgenden Jahre zeigten - selten auftreten. Als R. Meissner 1971 die Leitung des Kieler Instituts mit der Aussenstelle Helgoland übernahm, wurde daher beschlossen, eine Teilmodernisierung der dortigen Geräteausstattung vorzunehmen. Die photographische Registrierung wurde durch Trommelschreiber für thermoempfindliches Papier ersetzt. Die kurzperiodischen Aufnehmer wurden mit elektronischer, virtueller Verlängerung der Eigenperiode ausgestattet. Damit ist die Station in der Lage, Erdbeben aus allen Teilen der Erde aufzuzeichnen.
Weitere Modernisierungsschritte wie digitale Registrierung mit Ereignisdetektion, Anbindung per Datentelefon an das Seismologische Zentralobservatorium Gräfenberg u.a. sind in der Planungsphase. Wenn diese Arbeiten durchgeführt worden sind, wird sich die Helgoländer Erdbebenwarte zu ihrem hundertjährigen Bestehen im Jahre 2003 als leistungsfähige, wichtige Station "am äussersten Norden des Reiches" (Zitat Wiechert 18. April 1902) präsentieren können.
Kiel, den 10. Jan. 1996