Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Christian Oelsner: Zur Geschichte des Instituts für Geophysik der TU Bergakademie Freiberg

Geophysikalische Aktivitäten vor der Gründung des Instituts für Angewandte Geophysik

Die am 21. Nov. 1765 gegründete Bergakademie Freiberg war entsprechend ihrer Gründungsakte zunächst nur auf das Montan- und Hüttenwesen ausgerichtet. Jedoch wurde von Anfang an sehr grosser Wert auf eine breite physikalisch-mathematische Grundausbildung gelegt. Der Umfang von Mathematik/Physik für Studenten des Montanwesens betrug um 1800 etwa 20% der Gesamtstunden. Da insbesondere auch die Physik von kompetenten Fachvertretern der damaligen Zeit gelehrt wurde, lag es nahe, dass diese sich mit physikalischen Problemen des Montanwesens befassten. An erster Stelle ist hier der Physiker Ferdinand Reich zu nennen. Er wurde 1827 an die Bergakademie berufen. Recht bald begann er mit der Untersuchung verschiedener physikalischer Felder unter Tage. Besonders zu nennen sind seine geothermischen Untersuchungen, die er von 1830 bis 1832 in verschiedenen erzgebirgischen Gruben durchführte, um die für den Bergbau wichtige Frage des Betrags des vertikalen geothermischen Gradienten zu klären. Er führte weiterhin geomagnetische und geoelektrische (Eigenpotential) Untersuchungen zur Unterstützung der Lagerstättenerkundung durch. Ausser diesen Fragen, die wir heute der Angewandten Geophysik zuordnen, ging es F. Reich jedoch auch um die Bestimmung der mittleren Erddichte und um den Nachweis der Erdrotation. Dazu wurden von ihm im Dreibrüder-Schacht bei Freiberg Fallversuche durchgeführt. Die Untersuchungen von Reich wurden von seinem Schüler und späterem Nachfolger im Amt Ch. Ehrhardt weitergeführt.

Die Herausbildung der Geophysik wurde in Freiberg jedoch nicht nur von seiten der Physik betrieben. Wesentliche Beiträge kamen am Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Institut für Markscheidewesen. Magnetische Verfahren zur Erzlagerstättenprospektion wurden von P. Uhlich durchgeführt, der 1890 auf den Lehrstuhl für Geodäsie und Markscheidekunde berufen wurde. Er entwickelte und veranlasste den Bau entsprechender Geräte bei der Freiberger Firma Hildebrandt. Er hielt für die Studenten des Montanwesens bereits eine Vorlesung "Grundlage der magnetischen Aufschlussverfahren" und hielt dazu Übungen ab. Seine Bemühungen, aus dem Markscheidewesen einen Teilbereich "Technische Geophysik" zu entwickeln, hatten keinen Erfolg. Jedoch kam für ein geophysikalisches Grossprojekt im Lande Sachsen am Anfang des 20. Jahrhunderts wieder wesentliche Unterstützung von den Freiberger Markscheidern: Für die 1907 von O. Göllnitz realisierte magnetische Landesvermessung Sachsens wurde vom Markscheideinstitut unter dem Direktorat Von O. Wilski Messtechnik bereitgestellt. An diesem Institut wurden schon seit der Gründung regelmässig Deklinationsmessungen ausgeführt.

Für das gute 'Geophysikklima' in Freiberg bereits zu dieser Zeit spricht auch die 1902/03 gegebene Anregung von R. Beck, Professor für Geologie und Lagerstättenkunde, auf der 11. Gezeugstrecke, 530 m unter Tage, eine seismische Station einzurichten. In dem mit der Bitte um Zustimmung vom Rektor an das sächsische Finanzministerium eingereichten Antrag heisst es, "dass die Errichtung der ersten unterirdischen seismologischen Station gerade in Freiberg nicht entgehen möchte, wo in früherer Zeit infolge der Arbeiten von Reich und anderen ein Hauptsitz für geophysikalische Untersuchungen gewesen ist. Auch wird das Studium der Erdbebenkunde als eines Teilgebietes der Geologie durch Aufstellung eines Seismometers in Freiberg für die Bergakademie erneute Anregung erhalten. Endlich haben die sächsischen Grubendirektionen ein hohes Interesse daran, dass sich in der Mitte zwischen den Steinkohlengebieten des Plauenschen Grundes und von Lugau-Oelsnitz eine unterirdische seismologische Station befindet. Wird es doch dadurch ermöglicht werden, rein seismische von durch den Bergbau veranlassten Erderschütterungen zu unterscheiden".

Aus finanziellen Gründen wurde der Antrag seinerzeit nicht realisiert, und es mussten 54 Jahre vergehen, bis in Berggiesshübel 1957 eine seismologische Station eingerichtet wurde. Diese Station wird heute wieder vom Institut für Geophysik der TU Bergakademie Freiberg betrieben. Sie ist eine von 12 Breitband-Stationen des Deutschen Regionalen Seismologischen Netzes. In den Jahren 1905 bis 1910 wurden auf Anregung von F.R. Heimelt (einem gebürtigen Freiberger) durch die Potsdamer Geodäten O. Hecker und W. Schweydar auf der 2. Gezeugstrecke der Reichen Zeche in 189 m Tiefe Horizontalpendelbeobachtungen zur Messung erdgezeitenbedingter Lotschwankungen und Deformationen durchgeführt. Für die Entwicklung der Geophysik in Freiberg war die Gründung des Radiuminstitutes 1914 ein wesentliches Faktum. Das Institut hatte die Lehre und Forschung zum Komplex "Radium" zur Aufgabe. Die Gründung wurde betrieben von Prof. C. Schiffner, der 1908 die Radiumquellen in Oberschlema und Brambach entdeckte.

Geophysikalische Vorlesungen wurden in den 20er Jahren an der Bergakademie vom Radiuminstitut (F.L.R. Kohlrausch, P. Ludewig und H. Witte) getragen. Bereits 1930 wurde die Gründung eines Institutes für Angewandte Geophysik erwogen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an den Auswirkungen der damaligen Weltwirtschaftskrise. Dennoch erscheint bereits im Vorlesungsverzeichnis 1931/32 "Angewandte Geophysik N.N." und "wird noch festgelegt". Am 1. Jan. 1935 wurde am Radiuminstitut eine Abteilung für Geophysik eingerichtet und am 6. Feb. 1935 Dr. E. Lorenser als Assistent mit Lehrauftrag eingestellt. Für Bergleute, Markscheider und Geologen las er zunächst die Geophysik mit einer Stunde Vorlesung und einer Stunde Übung, später wurde der Umfang der Vorlesung auf zwei Stunden erweitert. Bereits im Vorlesungsverzeichnis 1938/39 ist sein Name jedoch nicht mehr enthalten und die Geophysik bleibt zunächst unbesetzt.

Der Abschnitt von 1940 bis 1945

Brief Vom 1. Okt. 1940 ab wird "mit Zustimmung des Herrn Reichserziehungssministers _...an der Bergakademie Freiberg _... ein 'Institut für Angewandte Geophysik' errichtet. Zum Direktor dieses Instituts ist der a.o. Professor der angewandten Geophysik Dr. Meisser ernannt worden" (s. Abb. 1). Am 1. Nov. 1941 folgt ein Erlass, nach dem ab 1943 die Verleihung des akademischen Grades "Diplom-Geophysiker" möglich ist. Gefordert wird darin auch ein mehrwöchiges Pflichtpraktikum als Voraussetzung der Zulassung zur Diplomprüfung. Der Umfang der Geophysikausbildung nach der Institutsgründung 1941/42 war mit 14 Semesterwochenstunden zunächst recht gering, nahm 1943/44 aber mit 46 Semesterwochenstunden sehr stark zu. Zu diesem Zeitpunkt musste die Ausbildung überwiegend vom Assistenten Dr. Schmücking getragen werden, da O. Meisser zur Wehrmacht eingezogen wurde. Die Forschungsarbeiten in dieser Zeit galten vor allem der Anwendung der Geophysik im Bergbau (Gebirgsdruck), jedoch auch der Ingenieurgeophysik (Erschütterungsmessungen). Die notwendigen Messgeräte wurden z.T. in eigener Werkstatt (3 Mechaniker bei Institutsbesetzung 1 Prof. (im Felde), 1 Assistent, 1/2 Sekretärin) entwickelt und gebaut. Die Geräteausstattung am Kriegsende bestand aus Magnetometern, Schmidt-Feldwaage, Pendelapparaturen, verschiedenen Erschütterungsmessen, und Registriergeräten sowie Vermessungsgeräten. Ein Grossteil dieser Geräte wurde im Rahmen von Reparationsleistungen eingezogen und an das Institut für Geophysik der Bergbauhochschule Leningrad (heute St.Petersburg) gebracht.

Der Abschnitt von 1946 bis 1989

Von der Wiederöffnung der Bergakademie bis zur 3. Hochschulreform (1968)

Meisser Die Bergakademie öffnete im Februar 1946 wieder ihre Pforten. In die neu gegründete Fakultät für Naturwissenschaften und Ergänzungsfächer ging das Institut für Angewandte Geophysik ein. Der Lehrstuhl für Angewandte Geophysik war vakant, da O. Meisser an der Bergakademie zunächst nicht tätig sein durfte. Nachdem 1946 Berufungsverhandlungen mit K. Jung negativ blieben, wurde der Lehrstuhl erst 1950 durch die Berufung von Dr. Wolfgang Buchheim besetzt. Buchheim hatte seit 1946 das Institut wieder aufgebaut. Ab 1948, nach seiner Habilitation und Berufung zum Dozenten, wurde ihm die Leitung des Institutes zunächst kommissarisch übertragen, die vorher in den Händen der Professoren F. Schumacher (Geologie), G. Regler (Physik) und F. Grüss (Mathematik und Mechanik) lag. 1950 wurde Buchheim nach Berufung zum Professor mit vollem Lehrauftrag die Leitung des Institutes übertragen. Die Bindung der Bergakademie an das Ministerium für Schwerindustrie in den Jahren nach 1949 brachte eine starke Förderung auch der geowissenschaftlichen Ausbildung mit sich. So wurde im November 1951 O. Meisser (Abb. 2) wieder an die Bergakademie berufen. Neu eingerichtet wurde ein Lehrstuhl und ein Institut für Theoretische Physik und Geophysik, auf den Prof. Dr. W. Buchheim berufen wurde. O. Meisser besetzte wieder den Lehrstuhl für Angewandte Geophysik und die Leitung des entsprechenden Institutes. Der Aufbau des Institutes, das seinen Sitz in einem Gebäude in der Nonnengasse hatte (Abb. 3), ging sehr zügig voran.

Institut Die Mitarbeiterzahl stieg von 14 (1952) schnell auf 35 (1954) an und erreichte Mitte der 60er Jahre mit etwa 50 ein Maximum, das bis zur sog. Hochschulreform 1968 beibehalten wurde. Die Anzahl der Studierenden im Hauptfach stieg von 3 (1950) rasch auf 50 (1954) und betrug etwa ab 1960 bis etwa 1975 100 bis 110. Im gleichen Masse stiegen die Zahlen der Nebenfachler von 100 auf knapp 300.

Feier Der Überzeugungskraft von O. Meisser, den relativ grossen Studentenzahlen, der Akzeptanz der Geophysik in verschiedenen Ebenen der Administration der damaligen Zeit sowie den erzielten Resultaten in der Forschung ist es wohl vor allem auch zu verdanken, dass 1961 der Grundstein für den Neubau der geophysikalischen Institute gelegt wurde (Abb. 4). Im Sommer 1964 konnten beide Institute den Neubau an der Gustav-Zeuner-Strasse beziehen.

Die in dieser Zeit an beiden Instituten erzielten Forschungsergebnisse fanden zu einem grossen Grade nationale und internationale Anerkennung. Genannt werden sollen hier nur die Beiträge zur Theorie und Praxis der Induzierten Polarisation (W. Buchheim), die Beiträge zur Schachtgravimetrie (H. Rische), Entwicklung der Tellurik und Magnetotellurik (G. Porstendorfer), Entwicklung der Ingenieurgeophysik (H. Militzer), erste tiefenseismische Arbeiten in der damaligen DDR im Rahmen eines osteuropäischen Programms (Ch. Knothe). Mit einem Grossteil der Projekte waren umfangreiche Arbeiten zur Geräteentwicklung und dem Gerätebau verbunden.

Am 1. Feb. 1966 ging die Leitung des Institutes für Angewandte Geophysik über auf Prof. Dr. Heinz Militzer, der 1953 einer von den drei ersten Diplomanden Meissers war. Die bisherigen Arbeitsrichtungen des Institutes wurden beibehalten, die Projekte für den Fünfjahrplan 1966 - 1970 waren noch unter Meissers Leitung eingereicht worden. Die jeweils in mehrere Teilprojekte gesplitteten Themen waren:

Ingenieurgeophysik, mit
- Kennwertbestimmung in situ,
- Akustiklog,
- Selbstregistrierende Schlauchwaage,
- Verformungskennwerte,
- Seismoakustik bei Grossscherversuchen,
- Standsicherheit,
- Drahtextensiometer.

Komplexgeophysikalische Tiefenerkundung, mit
- Tiefenseismik und Mikroseismik,
- Wärmeleitfähigkeitsmessungen,
- Magnetotellurik,
- Datenverarbeitung,
- Tiefbohrlochseismometer.

Nachweis höffiger Horizonte, mit
- Tellurik/Magnetotellurik Sansibar.

Modellgeophysik

Arbeiten für das Upper Mantle Project (UMP), mit
- Tiefenseismik auf Profil STS VI,
- Komplexbearbeitung UMP.

Längswiderstände für Magnetotellurik .um +

Insgesamt standen zur Bearbeitung dieser sieben Themen 9,8 Mill. Mark für den Zeitraum von fünf Jahren zur Verfügung, wobei etwa 50% (4,7 Mill. Mark) auf die Tiefenseismik entfielen. Dennoch verblieben für die anderen Themen etwa 1 Mill. Mark/Jahr. Diese Zahlen zeigen, dass die Akzeptanz der Geophysik insgesamt und des Freiberger Institutes im speziellen hervorragend waren. In dieser Zeit waren am Institut tätig: 3 Professoren, 15 Oberassistenten, Assistenten, wiss. Mitarbeiter (Forschung) und 20 techn. Kräfte. Die durchschnittliche Gesamtzahl der Geophysikstudenten betrug 80.

Aus der Reihe der Forschungsarbeiten soll an dieser Stelle nur etwas spezieller die Tiefenseismik mit ihren Hintergründen herausgegriffen werden. In der Zeit der Vorbereitung und Durchführung des UMP-Projektes wurde durch die Akademien der Wissenschaften der RGW-(COMECON)Länder, natürlich auf Initiative der Akademie der Wissenschaften der damaligen UdSSR, die sog. KAPG - die Kommission der Akademien der Wissenschaften (der sozialistischen Länder) zur Bearbeitung von Problemen der Planetaren Geophysik - initiiert. In der KAPG gab es Unterkommissionen und Arbeitsgruppen, die jeweils die zu bearbeitenden Projekte abstimmten. Im nationalen Rahmen waren das ganz wesentliche Grundlagen, für die entsprechende Detailprojekte Mittel beantragen zu können. Da die internationale Zusammenarbeit ("unter der Führung der Sowjektunion") auch einen politisch hohen Stellenwert besass, wurden diese Projekte von der staatlichen Plankommission überwiegend im beantragten Umfang bestätigt. Innerhalb der Unterkommission 1 - Physik der festen Erde - spielte die Arbeitsgruppe 1.1 - Tiefenseismik - eine wichtige Rolle. Unter der Leitung von Prof. V.B. Sollogub, Kiew, wurde ein umfassendes Programm zur Krustenuntersuchung verwirklicht. Kernstück war ein System von regionalen tiefenseismischen Refraktionsprofilen, die in den 60er und 70er Jahren realisiert wurden. Das sog. Profil VI lief vom Harz über das Thüringer Becken in das Erzgebirge. Bei Johanngeorgenstadt erfolgten Anschlussmessungen in die damalige CSSR. Das Profil VI durchquerte die CSSR und Teile von Ungarn.

Durch die KAPG konnte das Freiberger Institut an der internationalen Zusammenarbeit der 'Ostländer' teilnehmen. Obwohl die sog. "nationalen Koordinatoren", sie entsprachen etwa den Nationalreportern der IUGG, überwiegend beim Zentralinstitut für Physik der Erde (ZIPE) angesiedelt waren, stellte das Freiberger Institut die für Magnetotellurik (Porstendorfer) und Geothermik (Oelsner).

Die tiefenseismischen Arbeiten für den DDR-Teil des Profils VI lagen in der Hand unseres Institutes und wurden von den Feldarbeiten bis zur Interpretation von Dr. Knothe geleitet. Die Feldarbeiten wurden vom damaligen VEB Geophysik ausgeführt (Schusspunktabstand 120 km). Diese Messungen waren neuartig für Deutschland insgesamt, da tiefenseismische Arbeiten in Westdeutschland sich damals nur auf die Registrierung von Steinbruchsprengungen stützten.

Von der 3. Hochschulreform bis zum Ende der DDR

Die 'goldenen 60er Jahre' endeten mit der 3. Hochschulreform. Für die Universitäten bedeutete sie u.a. die Auflösung der Institute und Gründung von grösseren Strukturen, die Sektionen genannt wurden. Die Unterstrukturen der Sektion Geowissenschaften der Bergakademie, zu der die Institute für Angewandte Geophysik, Geologie sowie Mineralogie und Lagerstättenlehre zusammengeschlossen wurden, waren zunächst sog. Arbeitsgruppen. In den ersten Jahren ihres Bestehens (bis April 1971) wurden diese 'Arbeitsgruppen' von Hochschullehrern geleitet (AG Angewandte Geophysik - Doz. Dr. Jürgen Schön). Dann wurden profilierte Mitarbeiter damit beauftragt, wobei die wissenschaftliche Profilierung eine untergeordnete Rolle spielte. So wurde der parteilose Dr. Christian Knothe zwar im April 1971 zum kommisarischen Leiter bestellt, jedoch zum Leiter im Sommer 1971 Dr. Ortwin Pösche (Mitglied der SED), nach seiner Promotion, berufen. Da sich die gutgemeinte Entlastung der Hochschullehrer von der Administration nicht bewährte, wurden 1974 wieder institutsähnliche Strukturen - Wissenschaftsbereiche - geschaffen, die von Hochschullehrern geleitet wurden. Leiter des Wissenschaftsbereiches Angewandte Geophysik von 1974 bis 1977 war Doz. Dr. Rolf Rösler (seine Berufung zum Professor erfolgte 1978). Nach Beendigung seiner langjährigen Funktion als Sektionsdirektor 1978 übernahm Prof. Dr. Heinz Militzer die Leitung des Wissenschaftsbereiches Geophysik bis zu seiner Emeritierung am 31. Aug. 1987. Von den zu diesem Zeitpunkt am Institut tätigen Professoren Rösler, Porstendorfer und Schön wurde entsprechend der Parteizugehörigkeit Prof. Dr. Schön (SED) vom Rektor zum Leiter des WB Angewandte Geophysik berufen. Im März 1990 trat er von diesem Amt zurück.

Auch im Studienablauf wurde als Folge der 3. Hochschulreform experimentiert. Die grosse Nachfrage der Industrie nach Hochschulabsolventen sollte durch die Verkürzung des Studiums befriedigt werden. Generell wurden die Zulassungszahlen auf Grund des geplanten Industriebedarfs festgelegt. Nach der ebenfalls im Zuge dieser "Hochschulreform" erfolgten Schliessung der Geophysikausbildung in Leipzig, konnte auch die Nachfrage nach Geophysikabsolventen nicht erfüllt werden. Einen Ausweg sollte ein veränderter Studienplan bringen, nach dem das Studium auf 4 Jahre verkürzt wurde. Dieser Studienplan wurde 1971 eingeführt. Recht schnell konnten jedoch der Administration die Mängel des verkürzten Studiums nachgewiesen werden, weshalb bereits 1977 wieder zum 5-Jahres-Studium zurückgekehrt wurde.

Die Immatrikulationszahlen lagen bis 1989 bei etwa 15 je Jahr. Sie entsprachen "den Bedarfsmeldungen der Industrie.

Die Forschungsschwerpunkte und die Forschungsaktivitäten in den Jahren nach der 3. Hochschulreform konnten dank der Akzeptanz, die der Geophysik nach wie vor sowohl in den jeweiligen Industriezweigen (Bergbau, Erdöl-Erdgas) als auch im Bereich der staatlichen Institutionen bewahrt blieb und des ausgezeichneten, fachlichen Rufes des Wissenschaftsbereiches Angewandte Geophysik, mehr oder weniger beibehalten werden. Lediglich die vom Institutsgründer Meisser bereits betriebene Betonung der angewandten Forschung wurde jetzt auch von administrativer Seite verstärkt. Dennoch konnten auch Komplexe wie Magnetotellurik, Tiefenseismik und Geothermie, für die selbstverständlich seitens der o.g. Industriezweige kein Interesse vorlag, als "Industrieforschung" weitergeführt werden. Auftraggeber für derartige Projekte war das Zentralinstitut für Physik der Erde, Potsdam, das die entsprechenden Mittel in seinem Etat bewilligt bekam. Eine Auflistung der Forschungsthemen aus dem Jahr 1985 zeigt, dass die für Freiberg charakteristischen Schwerpunkte Ingenieurgeophysik, Bergbaugeophysik und Tiefenerkundung auch in dieser Periode weiter betrieben wurden. Forschungsthemen waren:

Geophysik in der Braunkohle, insbesondere
- Setzungsfliessen,
- Gesteinsradar,
- Kennwerte aus Bohrlochmessungen,
- Radonmethode (Untersuchung von Rutschungen),

Geophysik im Kali, insbesondere
- Elektromagnetische Strukturerkundung,
- Beiträge zur Bergbausicherheit,

Mitarbeit bei ZENTROSEIS (Tiefenseismische Untersu- chungen in der ehemaligen DDR), insbesondere
- Modellierung Magnetotellurik,
- Modellierung Geothermie,

Grossversuch Hot-Dry-Rock-Verfahren (HDR). .um +

Auf Ergebnisse dieser Arbeiten kann hier nicht eingegangen werden. Erwähnt seien nur drei völlig unterschiedliche Gegebenheiten, die dem Autor nennenswert erscheinen:

Zum Stellenwert der Geophysik

Im Rahmen von Untersuchungen zur Bergbausicherheit wurden mit der Zentralmarkscheiderei des Bergbau- und Hüttenkombinates "Albert Funk" (Markscheider Dipl. Ing. J. Neuber) zahlreiche Untersuchungen zur Hohlraumerkundung unter Tage mittels Infrarot-Oberflächentemperaturmessungen durchgeführt. Diese führten zu dem Ergebnis, dass im Berggesetz der DDR die Hohlraumerkundung unter Tage durch Einsatz der Geophysik akzeptiert wurde.

Zum Mangel moderner Gerätetechnik

Wegen fehlender Devisen und z.T. wegen Embargobestimmungen war der Bestand an kommerziellen modernen geophysikalischen Messgeräten gegenüber heute fast zu vernachlässigen, weshalb der eigene Gerätebau stets einen Schwerpunkt bildete. In diesem Zusammenhang gewinnt das o.g. Stichwort "Gesteinsradar" eine besondere Bedeutung. Die Erkundung von Gesteinsblöcken spielt schon seit langem für den störungsfreien Abbau des Deckgebirges der Braunkohle eine wichtige Rolle. Aus diesem Grunde erhielt die Braunkohlenindustrie auf Wegen, die heute bekannt sind, Anfang der 80er Jahre ein Georadar. Die entsprechenden Arbeiten zur Erprobung und Einführung der Messmethode liefen z.T. unter Leitung des damaligen WB Angewandte Geophysik. Offensichtlich wegen der Art der Beschaffung war der Umgang mit dem Gerät, das offiziell "Untergrund-Erkennungsgerät" (UEG) hiess, streng geheim. (Der Autor gehörte nicht zu der entsprechenden Arbeitsgruppe und konnte sich ein "UEG" erstmals 1991 zur EAEG-Tagung gegenständlich betrachten.)

Zur Förderung von Schwerpunkten

Wenn es gelang, die volkswirtschaftliche Bedeutung von Forschungsthemen nachzuweisen, wurden z.T. erhebliche Mittel kurzfristig bereitgestellt. Da das Energieproblem stets einen Schwerpunkt bildete, spielten in der DDR die Fragen der Gewinnung und Nutzung geothermischer Energie, die auch Forschungsgegenstand des Instituts waren, eine grosse Rolle. Zur Nutzung geothermischer Energie nach dem HDR-Verfahren wurde in Freiberg durch Kooperation der Bereiche Tiefbohrtechnik und Geophysik eine entsprechende Studie ausgearbeitet (H. Kohlstock, V. Köckritz, Ch. Oelsner), in deren Gefolge es zu einem Grossfrac in 3000 m Teufe auf der Erdgaslagerstätte Salzwedel in zwei zunächst trockenen Bohrungen kam. Die beginnende Entwicklung eines Verbindungsrisses zwischen den zwei Bohrungen konnte seismoakustisch nachgewiesen werden. Obwohl bereits hydraulisch Interferenz nachgewiesen wurde, musste der Versuch wegen erheblicher Stimulation von Erdgasaustritten gestoppt werden. Das Projekt war zwar nicht im Fünfjahrplan enthalten, dennoch wurden etwa 15 Mill. Mark bereitgestellt.

Die 'Wende- und Nachwendezeit"

Mit der politischen Wende Ende 1989 sind natürlich auch für das Institut zahlreiche Veränderungen einhergegangen. Besonders hervorzuheben ist, dass sehr schnell die Integration in die Gemeinschaft der Geophysiker Deutschlands erfolgte. So wurde die Beteiligung an einem Magnetotellurik-Projekt der Freien Universität Berlin (Prof. Giese, Dr. G. Schwarz) angeboten. Im sog. 'Huckepack'-Verfahren wurden die Hürden der Bewilligung durch die DFG von uns gut genommen.

Im März 1990 gab Prof. Dr. J. Schön die Leitung des WB Angewandte Geophysik an den Oberassistenten Doz. Dr. Ch. Oelsner ab. Bedauerlicherweise wurde am 1. Juni 1990 Prof. Dr. G. Porstendorfer aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig emeritiert und Prof. Dr. Rolf Rösler im Herbst 1990 von einer heimtückischen Krankheit heimgesucht, an der er am 17. Juli 1991 verstarb. Damit musste schon ab dem Wintersemester 1990/91 ein Grossteil der Lehre von der 'zweiten Reihe', den Oberassistenten B. Forkmann und H. Lindner sowie dem Autor getragen werden. Per 31. Juli 1991 schied dann auf eigenen Wunsch J. Schön noch aus dem Institut für Geophysik aus. Im Zuge der Umbildung der Sektionen zu Fachbereichen waren wieder Institute gebildet worden: aus dem WB Angewandte Geophysik das Institut für Geophysik.

Im Wintersemester 1991 setzte sich der bereits 1990 begonnene Trend der höheren Semester zum 'go west' fort. Aus diesem Grunde nahmen die Absolventenzahlen ab 1992 stark ab.

Im Sommer 1992 wurden auch in der Geophysik die Berufungsverfahren für die 3 Professuren

Angewandte Geophysik I (Ingenieur- und Umweltgeophysik) / C4, Angewandte Geophysik II (Prospektionsgeophysik) / C3, Petrophysik und geophys. Bohrlochmessungen / C3

abgeschlossen. Berufen wurden Ch. Oelsner, B. Forkmann und H. Lindner, wobei z.T. der Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Prof. H.-J. Meier, von seinem Vorrecht der Veränderung einer eingereichten Liste Gebrauch machte.

Erfreulicherweise hat sich die Zahl der Erstsemester (WS) seit 1994 auf etwa 10 bis 15 eingepegelt. Die Ausbildung erfolgt heute nach einem Studienplan, der dem Rahmenstudienplan Geophysik entspricht. Er ist gegenüber dem bis 1991 gültigen durch stark gekürzte Semesterwochenstundenzahlen gekennzeichnet.

Da auch die Geräteausstattung des Institutes sich ständig verbessert, sind alle Voraussetzungen für eine moderne praxisgerechte Ausbildung gegeben. Der Messgerätepark des Institutes für Geophysik umfasst gegenwärtig u.a. 12-Kanal-Seismik-Apparatur (BISON), Georadar-Messsystem, Gravimeter Autograph (Scintrex), Bohrlochmessanlage / 500 m (Robertson), MARS-Apparaturen (4 Systeme), MT-Messsytem der Fa. Metronix, MT-Messsystem / Eigenbau, EM-Apparatur EM-34, EM-Apparatur EM-38, EM-Apparatur TEM-FAST (Zeitbereichs-EM), Gleichstromapparaturen verschiedener Typen inkl. IP, Cäsium- und Fluxgatemagnetometer. Das Institut ist vollständig vernetzt (UNIX-Netz auf Basis HP 9000).

Ausser durch die drei Professoren, eine weitere Professur wurde nach Nichtbesetzung gestrichen, wird die Ausbildung von 4,5 Planstellen wissenschaftliche Mitarbeiter getragen. Davon ist die halbe Stelle am Seismologischen Observatorium Berggiesshübel, das seit dem 1. Jan. 1994 wieder zum Institut gehört, angesiedelt.

Auf dem Gebiet der Forschung konnten ab 1991 selbständig Projekte bei den verschiedenen Förderinstitutionen eingereicht werden. Das wurde in hohem Masse genutzt, wenn auch die Genehmigungsquote nur etwa 30% betrug. Die realisierten Forschungsprojekte betrafen die Gebiete Tiefenerkundung/DEKORP (damals BMFT), Magnetotellurik (DFG), Ingenieur- und Umweltgeophysik mit den Untergliederungen Deponieuntergrund (BGR - BMFT), Deponien und Altlasten (DFG, BMFT, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst) sowie Archäogeophysik (VW-Stiftung, Deutsche Bundesstiftung Umwelt). Ausser diesen Projekten der Grundlagenforschung wurden verschiedene kleinere Projekte der Applikationsforschung in der Region durchgeführt. Dabei handelt es sich überwiegend um Untersuchungen zur Deponie- und Altlastenproblematik inklusive des klassischen Problems der Hohlraumortung. Diese Untersuchungen dienten der Weiterentwicklung der jeweiligen Messmethodik und Klärung der Grenzen ihrer Anwendbarkeit. Zur Anwendung kamen dabei Seismik, Georadar, Gravimetrie, Geoelektrik (DC und EM), Geothermie und Radiometrie. Insgesamt wurden seit 1991 1,2 Mill. DM Drittmittel eingeworben.

In Zukunft ist beabsichtigt, die internationale Kooperation auf dem Forschungssektor wieder zu verstärken. Das Institut ist an dem von der EU geförderten MED CAMPUS Projekt im Rahmen einer Kooperation mit den Universitäten Damaskus (Syrien) und Roskilde (Dänemark) beteiligt. Weitere Projekte innerhalb von BRITE EURAM und INCO COPERNICUS sind eingereicht (Mai 96). Einen Höhepunkt in der Institutsentwicklung stellte die Ausrichtung der 56. Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft vom 18. bis 23. März 1996 dar, womit nach mehr als 30 Jahren ein Wunsch des Institutsgründers O. Meisser in Erfüllung ging.

Literatur
Meiber, O. (1965): Institut für Angewandte Geophysik. - Festschrift der Bergakademie Freiberg zur Zweihundertjahrfeier am 13.11.1965.
Rösler, R., Porstendorfer, G., Oelsner, Ch., Brieden, H.-J. (1978): Die Verflechtung von Physik und Geophysik an der Bergakademie Freiberg. - Freiberger Forschungshefte D 115; 33-58; Leipzig (VEB Dt. Verlag für Grundstoffindustrie).
Porstendorfer, G., Oelsner, Ch. (1993): Zur internationalen Ausstrahlung der Freiberger Geophysik nach dem 2. Weltkrieg. - Zeitschr. für Geol. Wissenschaften 21 (5/6): 693-702; Berlin.