Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Peter Röwer: Geschichte des Instituts für Geophysik der Freien Universität Berlin

Die Geschichte der Geophysik an der Freien Universität Berlin muss im Vergleich mit vielen anderen Institutionen dieser Fachrichtung in Deutschland relativ kurz ausfallen. Das liegt daran, dass die Freie Universität erst 1948 gegründet wurde, und auch da war die Geophysik nicht von Anfang an dabei.

Da aber die meisten Ereignisse dieser Art eine Vorgeschichte haben, sei zunächst ein kurzer historischer Rückblick gestattet.

Friedrich-Wilhelm- und Humboldt-Universität

Im Verlaufe der französischen Besetzung grosser Teile Europas unter Kaiser Napoleon I wurde etwa die Hälfte aller deutschen Universitäten geschlossen oder erloschen für immer (z.B. Dillingen, Altdorf, Helmstedt, Rinteln und Paderborn). Gewissermassen als Ausgleich für die preussischen Verluste wurde 1810 die erste Universität in Berlin gegründet und nach dem damaligen Preussenkönig Friedrich-Wilhelm III benannt. Initiator war der 1809 zum Leiter des preussischen Kultus- und Unterrichtswesens berufene Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Er hatte ganz im Einklang mit der Reformbewegung für Geistesleben und Staatswesen, die besonders mit den Namen Stein und Hardenberg verbunden ist, auch ein umfassendes neues Bildungskonzept entwickelt. Dieses Konzept, nämlich die Einheit von Forschung und Lehre und Bildung zum Kern institutioneller Wissenschaftspflege zu machen, wurde beispielgebend für die meisten Gründungen danach bzw. für die Umgestaltung bestehender Universitäten und macht Berlin bald zur führenden preussischen Hochschule, als die bis dahin Königsberg galt. Der erste gewählte Rektor war der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der eine bemerkenswerte Antrittsrede hielt "über die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit". Ihm und vielen anderen bedeutenden Personen dieser Zeit, wie z.B. v. Savigny, Schleiermacher und Hegel (die auch alle einmal Rektor waren), ist es zu verdanken, dass die Humboldtschen Ideen in die Praxis umgesetzt werden konnten.

Die Friedrich-Wilhelm-Universität wurde nach dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 geschlossen und am 29. Jan. 1946 im Sowjetischen Sektor des nunmehr geteilten Berlin wiedereroffnet. Der alte Name wurde allerdings nicht wiederverwendet, vielmehr mit dem neuen Namen "Humboldt-Universität" eine aus historischer Sicht sehr logische Bezeichnung gewählt.

Aber damit ist nicht nur dem Gründungsvater Wilhelm v. Humboldt ein Denkmal gesetzt worden, sondern, wie auch an den beiden Skulpturen vor dem Hauptgebäude Unter den Linden optisch deutlich erkennbar, ebenso seinem jüngeren Bruder Alexander v. Humboldt (1769-1859).

Die Geowissenschaften waren anfangs nur durch einen Lehrstuhl für Mineralogie vertreten. Das überrascht keineswegs, hatte doch bereits König Friedrich der Grosse 1770 verfügt, dass an den preussischen Universitäten nunmehr auch Mineralienkunde gelehrt werden solle. Folgerichtig wurde das seit langem bestehende "Königliche Mineralien-Cabinet" in die Universität überführt und bildete ab 1814 das Kernstück für die im Laufe der Jahre immer umfangreicher werdenden geologisch-paläontologischen Sammlungen. Der erste Ordinarius für Mineralogie war Christian Samuel Weiss (1780-1856). Er war zwar in erster Linie Mineraloge, vertrat aber bereits ab Wintersemester 1810/11 die - damals noch Geognosie genannte - Geologie in seinen Vorlesungen mit. Auf ihn geht die mathematische Formulierung der Kristallgeometrie zurück (Rationalitäts- und Zonengesetz), die auch in der modernen Paläomagnetik eine wichtige Rolle spielt (Weiss'sche Bezirke). Wie Weiss und der Geognost Leopold von Buch (1774-1853) war auch Alexander v. Humboldt ein Schüler des Freiberger Mineralogen Abraham Gottlob Werner (1749-1817), der als Hauptverfechter der neptunistischen Lehre gilt. Seine drei genannten Schüler waren dagegen Anhänger des Plutonismus, wobei v. Buch wegen seiner grossen Autorität auch nachfolgende Geologengenerationen stark beeinflusste (Giese u. Liedholz 1980).

Für A. v. Humboldt jedenfalls war klar, dass viele an der Erdoberfläche sicht- und messbare Phänomene mit Vorgängen im Erdinneren zusammenhängen müssten ("Kräfte, welche das Innere eines Planeten auf seine Rinde ausübt"). Schon als Student in Freiberg im Umgang mit dem Kompass geschult, hat A. v. Humboldt auf seinen vielen Reisen z.T. umfangreiche magnetische Messungen durchgeführt.

Die erste Veröffentlichung über eine magnetische Anomalie, verursacht durch einen Serpentinitkörper in der Oberpfalz, erschien 1797. 1828 liess er in Berlin ein eisenfreies Häuschen errichten, um durch stündliche und tägliche Wiederholungsmessungen (insgesamt über 6000 Ablesungen) am selben Ort auch Aussagen über zeitliche Schwankungen der magnetischen Deklination machen zu können. Besonders auf diesem Gebiet stand er in engem Gedankenaustausch mit Carl Friedrich Gauss (1777-1855) und Wilhelm Weber (1804-1891), die in Göttingen einen "Magnetischen Verein" gegründet hatten (nach Giese u. Liedholz 1980). Er hat zu fast allen Naturerscheinungen (besonders auch zu Vulkanismus und Erdbeben) Beobachtungen gemacht und darüber Aufzeichnungen hinterlassen und kann deshalb zu Recht als Spiritus rector bei der Herausbildung vieler geowissenschaftlicher Disziplinen angesehen werden.

Seine Vorlesungen an der Berliner Universität in den Jahren 1827/28 eröffneten eine neue Blütezeit der Naturwissenschaften in Deutschland. Seine Reiseerlebnisse und Naturbeobachtungen hat A. v. Humboldt in einem riesigen literarischen Werk hinterlassen. Die 36bändige "Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent" - 1805 bis 1834 - gilt als die grösste private Reisebeschreibung der Geschichte. Sein bekanntestes Werk ist der "Kosmos" (5 Bände und ein Ergänzungsband mit Karten und Graphiken, 1845-1862), dessen 5. Band erst nach seinem Tode erschien. Die Karten und Graphiken wurden 1851 von Heinrich Berghaus (1828 Mitbegründer der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin) in einem erweiterten zweibändigen "Physikalischen Atlas" veröffentlicht. Der Untertitel lautet: "Eine, unter der fördernden Anregung Alexanders von Humboldt verfasste Sammlung von 93 Karten". Der erste Band dieses Atlas (51 Karten) mit den 4 Abteilungen Meteorologie, Hydrologie, Geologie, Tellurischer Magnetismus und der vierte Band des "Kosmos", in dem die geophysikalischen Phänomene beschrieben werden, sind praktisch die ersten Lehrbücher für Geophysik, obwohl der Begriff Geophysik selbst nicht verwendet wird.

Bereits A. v. Humboldt hatte angeregt, zur Ergänzung, Ausweitung und Fortführung seiner Forschungsreisen ein deutsches Institut zum Studium des Weltalls, der Atmosphäre und der Bodenbeschaffenheit zu gründen. Zu Beginn des Kaiserreiches nach 1871 wurde diese Idee aufgegriffen, und die Preussische Akademie der Wissenschaften empfahl in einem Gutachten die Gründung von getrennten Instituten für Astrophysik und tellurische Physik. Aus den französischen Reparationszahlungen für den Krieg 1870/71 in Höhe von 5 Milliarden Goldfrancs standen dafür auch die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung. So entstanden auf dem Telegrafenberg bei Potsdam nacheinander ein Astrophysikalisches (1879), Magnetisches (1889), Geodätisches (1892) und Meteorologisches (1892) Observatorium, deren Direktoren zumeist auch Professoren an der Berliner Universität waren (z.B. Heimelt seit 1887).

1889 gelang auf dem Telegrafenberg die weltweit erste Registrierung eines Fernbebens mit einem Rebeur-Paschwitz-Horizontalpendel.

Der letzte Geophysikprofessor der Friedrich-Wilhelm-Universität (1936-1945) und gleichzeitig Direktor der geophysikalischen Einrichtungen auf dem Telegrafenberg war Julius Bartels (1899-1964).

Bei der Wiedereröffnung als "Humboldt-Universität" 1946 wurde auch ein Institut für Meteorologie und Geophysik eingerichtet, dessen erster Direktor Hans Eitel (1904-1971) war. 1968, als sich die ganze Universitätsstruktur durch Auflösung der neun Fakultäten total veränderte, wurde das Institut in einen Bereich der Sektion Physik umgewandelt. Von den Geowissenschaften blieb nur die Sektion Geographie übrig.

Freie Universität

Eine grundlegende Veränderung der gesamten Berliner Hochschullandschaft hatte sich aber schon vorher ereignet.

Aus den einstigen Alliierten gegen das Dritte Reich waren Gegner geworden. Der eiserne Vorhang senkte sich Über Europa, Deutschland und besonders über Berlin. Die Teilung des Landes machte rapide Fortschritte und auch vor der Wissenschaft nicht halt. So wird noch während der Berliner Blockade durch sowjetische Truppen aus einer Protestbewegung gegen die neuen Verhältnisse an der Humboldt-Universität im Dezember 1948 im amerikanischen Sektor eine "Freie Universität" gegründet mit einer in der deutschen Hochschulgeschichte einmaligen und völlig neuen Selbstverwaltungs- und Mitbestimmungsordnung. Für den Vorgang selbst, nämlich eine neue Universität durch Auszug aus einer alten zu gründen, gibt es übrigens ein historisches Analogon. Auf ähnliche Weise war im Jahre 1409 die Universität Leipzig entstanden, als deutsche Magister und Scholaren aus der Karls-Universität in Prag auszogen, weil es keinen Konsens mehr mit dem aufkommenden tschechischen Nationalismus unter Jan Hus gab, der damals Lehrer an der Karls-Universitat war.

Die Freie Universität Berlin nahm im Wintersemester 1948/49 ihren Lehrbetrieb auf; wie gesagt, im amerikanischen Sektor im Ortsteil Dahlem des Bezirks Zehlehdorf. An Räumlichkeiten standen zunächst nur einige mehr oder weniger beschädigte Institutsgebäude der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (1948 in Max-Planck-Gesellschaft umbenannt) zur Verfügung. Besonders mit Unterstützung der amerikanischen FORD-Foundation wurden in den folgenden Jahren auf diesem Campus etliche Neubauten für Institute und zentrale Bereiche (Bibliothek, Audimax, Mensa usw.) errichtet. Aber der Platz für die schnell expandierende Universität war eigentlich immer zu klein, zumal in diesem Stadtteil keine Hochhäuser gebaut werden dürfen. Das führte dazu, dass viele Institute und Verwaltungseinrichtungen in angemieteten oder gekauften Villen in Dahlem und Lichterfelde untergebracht wurden; ein Zustand, der bis heute anhält und von dem die Geowissenschaften bis in die jüngste Zeit besonders betroffen waren.

Zu den ersten Gründungen im naturwissenschaftlichen Bereich gehörten 1949 auch das "Geologisch-Paläontologische Institut" sowie das "Institut für Meteorologie und Geophysik", das besonders der Initiative des Meteorologen R. Scherhag (1907-1970) zu verdanken ist.

Personal, Räumlichkeiten

Die Geophysik war allerdings nur durch eine ausserplanmässige Professur für Nebenfächler (K. Feussner) vertreten.

1963 wurde dann beschlossen, ein eigenes Ordinariat für Geophysik einzurichten, das im Wintersemester 1964/65 mit K. Strobach besetzt wurde. Strobach, der im 2. Weltkrieg als Vermessungsingenieur tätig war, hatte sich in Hamburg bei H. Menzel mit einer Arbeit über die mikroseismische Bodenunruhe habilitiert. Er absolvierte zunächst ein vorher geplantes Forschungsjahr in den USA, so dass der normale Institutsbetrieb erst im Wintersemester 1965/66 begann.

1968 nahm Strobach einen Ruf nach Stuttgart an, und 1970 wurde P. Giese zu seinem Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Geophysik ernannt; eine Position, die er noch heute innehat.

P. Giese hat in Berlin Geologie studiert und ging nach dem Diplom nach München, um dort bei H. Reich in Geophysik zu promovieren. Nach der Habilitation 1966 über Refraktionsseismik in den Alpen kam er 1967 als wissenschaftlicher Rat zurück an die Freie Universität Berlin. Diese Stelle (früher AH5, jetzt C3) wurde 1970 vakant und nach einer langen Prozedur erst 1973 mit A. Vogel besetzt. Vogel ist ein Schüler des Stuttgarter Seismologen W. Hiller und hat nach seiner Promotion über 10 Jahre an der Universität Uppsala/Schweden gearbeitet. 1985 wurde das sogenannte "Fiebiger"-Programm gestartet, womit dem Nachwuchsproblem durch vorzeitige Besetzung von in den 90er Jahren vakant werdenden Professuren entgegengewirkt werden sollte. Eine C3-Stelle entfiel auf die Geophysik und wurde 1987 mit H.-J. Götze besetzt. Götze ist ein Schüler von O. Rosenbach in Clausthal, wo er sich 1985 auf dem Gebiet der Gravimetrie auch habilitierte.

Nach dem Ausscheiden von A. Vogel Ende 1994 bekleidet H.-J. Götze jetzt dessen reguläre C3-Stelle (bei Wegfall der "Fiebiger-Stelle").

Nach der Gründung des GeoForschungsZentrums (GFZ) Potsdam konnten im Rahmen einer gemeinsamen Berufung von GFZ und FU-Berlin vier Wissenschaftler für Sonder-Professuren für den Fachbereich Geowissenschaften gewonnen werden. Zwei dieser Stellen sind der Fachrichtung Geologie zugeordnet und zwei der Geophysik. R. Kind (C3) vertritt das Gebiet der Seismologie und V. Haak (C4) ist für das Aufgabengebiet Geoelektrik und Magnetotellurik zuständig.

Eine weitere Besonderheit gibt es an der FU-Berlin seit 1970, als neue Stellen für Assistenzprofessoren, später Hochschulassistenten genannt, geschaffen wurden. Sie waren als Qualifikationsstellen für promovierte Wissenschaftler mit dem Ziel der Habilitation gedacht. Eine davon entfiel auf die Fachrichtung Geophysik und wurde nacheinander mit J. Meyer, V. Haak und G. Schwarz besetzt, eine zeitweilig vorhandene zweite Stelle mit G. Jentzsch. Der gegenwärtige Stelleninhaber ist H. Brasse. Insgesamt gibt es z.Z. 7 wissenschaftliche Mitarbeiter auf FU-Planstellen (davon 2 Teilzeitstellen) und 10 auf Drittmittelstellen (davon 8 Teilzeitstellen).

Die erste Heimstatt der Geophysik waren angemietete Räume eines Privathauses in der Podbielskiallee 58. Es standen zwar nur etwa 150 Quadratmeter zur Verfügung, doch konnten Einrichtungen wie Werkstatt, Fotolabor, Hörsaal usw. der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Gebäude der Meteorologie mitgenutzt werden. Wir waren ja ein "Institut für Meteorologie und Geophysik".

Das änderte sich 1970, als die alten Fakultäten der Freien Universität in Fachbereiche und Zentralinstitute aufgeteilt wurden. Die Geophysik kam zum Fachbereich Geowissenschaften und wurde mit der theoretischen Meteorologie zu einem "Institut für geophysikalische Wissenschaften" vereinigt. Die allgemeine Meteorologie, die in Berlin auch den Wetterdienst betrieb, wurde eine zentrale Einrichtung. Da auch einige neue Mitarbeiterstellen geschaffen wurden, herrschte bald akuter Platzmangel.

Eber 1972 zog die Fachrichtung Geophysik dann in eine zunächst gemietete, später von der Stadt gekaufte Villa in der Rheinbabenallee 49 mit ca. 500 Quadratmeter Nutzfläche. Der Abschied von diesem "kleinen weissen Haus" am Wilden Eber (Abb. 1) ist dann Ende 1993 nach 22 Jahren manchem Mitarbeiter nicht leicht geworden.

Die Organisationsstrukturen in der FU-Berlin hatten sich inzwischen abermals geändert. 1989 waren alle geologischen Fachrichtungen mit Ausnahme der Paläontologie mit der Geophysik zu einem neuen "Institut für Geologie, Geophysik und Geoinformatik" vereinigt worden. Die zwar schon frühzeitig projektierte räumliche Zusammenlegung zog sich dann aber in einem mühsamen und zähen Prozess über viele Jahre hin, bis auch die Geophysik Ende 1993 als letzte der betroffenen Fachrichtungen ihr neues Domizil auf dem Gelände Malteserstr. 74-100 in Berlin-Lankwitz beziehen konnte. Der Kern dieses Geländes besteht aus Gebäuden einer Kasernenanlage aus der Wilhelminischen Zeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen etliche Neubauten hinzu und beherbergten für lange Jahre die Pädagogische Hochschule Berlin. Die Fachrichtung Geophysik nutzt heute etwa 1000 Quadratmeter in den Häusern D, E und N sowie zentrale Einrichtungen (Bibliothek, Hörsäle) in C.

Zum Institut gehören ausserdem seit 1965 das seismologische Observatorium BRN im Düppeler Forst und seit 1991 die Breitbandstation BRNL des "German Regional Seismic Network" in einem Bunker auf dem Gelände in Lankwitz.

Tagungen

Die 34. Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft wurde 1974 von der Technischen Universität Berlin, wo seit 1971 ein Lehrstuhl für Angewandte Geophysik existiert, gemeinsam mit der FU-Geophysik durchgeführt.

Ein Höhepunkt in der Geschichte der Geowissenschaften an der FU-Berlin war zweifellos die Durchführung des Internationalen Alfred-Wegener-Symposiums 1980 unter Beteiligung vieler namhafter Wissenschaftler des In- und Auslandes und einiger inzwischen hochbetagter Mitglieder der so tragisch geendeten letzten Forschungsexpedition Wegeners nach Grönland 1930.

Alfred Wegener, 1880 in Berlin geboren, hatte aus einer jugendlichen Vermutung heraus seine Kontinentalverschiebungstheorie entwickelt (Wegener 1915), die von einem Grossteil der Fachwelt zunächst bezweifelt, abgelehnt oder für lange Zeit einfach ignoriert wurde. Sie wurde in den 60er Jahren wieder aufgegriffen und gilt heute als gesicherte und nachprüfbare (z.B. durch GPS-Messungen) Erkenntnis in der Geodynamik.

Studenten

Die Entwicklung der Studentenzahlen im Fach Geophysik ist in etwa ein Spiegelbild der Entwicklung an der gesamten Freien Universität, wenn auch z.T. mit unterschiedlichen zeitlichen Sprüngen.

Im Wintersemester 1948/49 waren 2140 Studenten an der FU eingeschrieben, davon 1271 Erstsemester. Man darf annehmen, dass die restlichen 869 zum grössten Teil von der Humboldt-Universität und anderen Hochschulen der Sowjetisch Besetzten Zone kamen. Die Freie Universität Berlin entwickelte sich über etwa 5000 (1950), 12 500 (1960), 15 000 (1970), 41 000 (1980) zu einer Mammutuniversität mit über 60 000 Studenten im Jahre 1990. Seitdem ist die Zahl allerdings wieder rückläufig (etwa 50 000 im Wintersemester 1995/96).

Bei der Geophysik fing alles sehr bescheiden an. Im Wintersemester 1965/66 gab es 3 Diplomanden und 1 Doktoranden, die alle von westdeutschen Universitäten kamen. Danach gingen die Zahlen mehr oder weniger kontinuierlich nach oben.

Einen deutlichen Sprung auf ein höheres Niveau gab es ab Wintersemester 1990/91, also unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung. Dieser Sprung war auch in vielen anderen Bereichen der Freien Universität zu beobachten. Allerdings war auch die Zahl der Studienabbrecher besonders hoch, die grossen Erstsemesterzahlen gingen nach 4 Semestern auf etwa 30% zurück.

Im Wintersemester 1995/96 sind an der FU-Berlin im Fach Geophysik insgesamt 78 Studenten eingeschrieben, davon 12 im ersten Semester.

Die durchschnittliche Studiendauer bis zum Diplomabschluss ist nach relativ konstanten ersten 20 Jahren (ungefähr 12,5 Semester) im letzten Jahrzehnt auf 14,8 Semester deutlich angestiegen und damit höher als alle bisher diskutierten oder angestrebten Regelstudienzeiten. Nur ganz wenige hatten ihr Diplom nach 10 Semestern, der Rekord liegt bei 28.

Aus den im Laufe von 30 Jahren abgelegten Examina ergibt sich ungefähr ein Schnitt von drei Diplomen und einer Promotion pro Jahr sowie einer Habilitation alle 6 Jahre.

Forschungsgebiete und Finanzierung

Tab. 1: Examensstatistik, Anteil einzelner Sachgebiete an den schriftlichen Arbeiten in Prozent

               Seismik  Gravimetrie  Magnetik  Geoelektrik  andere

Diplomarbeiten 36% 27% 19% 8% 10% Dissertationen 35% 19% 13% 7% 26%

Die Zuordnung der schriftlichen Examensarbeiten zu einzelnen Sachgebieten (s. Tab. 1) gibt in erster Näherung auch Anhaltspunkte über die Forschungsaktivitäten des Instituts. Der relativ hohe Prozentsatz in der Rubrik "andere" rührt besonders bei den Dissertationen daher, dass neben zwei Arbeiten aus der Geothermie jeweils mehrere Sachgebiete behandelt wurden.

In den ersten Jahren lag der Schwerpunkt der Forschungsarbeiten eindeutig bei der Seismologie und bei den feldseismischen Untersuchungen mit Hilfe der Refraktionsseismik. Die beiden Lehrstuhlinhaber Strobach und Giese waren schon in ihrer Hamburger bzw. Münchner Zeit am Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Geophysikalische Erforschung des tieferen Untergrundes Mitteleuropas" (1958-1964) beteiligt und ab 1965 auch in dem Nachfolgeprogramm "Unternehmen Erdmantel", dem deutschen Beitrag zum internationalen "Upper Mantle Project".

Durch neue Mitarbeiter kamen aber bald auch andere Themenkreise hinzu wie z.B. solar-terrestrische Beziehungen, geoelektrische Modellversuche, Erdgezeiten, Magnetotellurik, Gravimetrie und Isostasie sowie vielfältige Modellierungen.

Die Fachrichtung Geophysik der FU-Berlin ist in ihren Forschungsaktivitäten immer eingebunden gewesen in ein Netz von nationalen und internationalen Kooperationen und ist dies auch heute noch.

Zu den zwei bereits genannten Projekten können hier nicht alle weiteren aufgeführt werden, sondern nur eine Auswahl davon stellvertretend und schlagwortartig:
- Geodynamik des mediterranen Raumes,
- Vertikalbewegungen und ihre Ursachen am Beispiel des Rheinischen Schildes,
- Plattentektonik, Orogenese und Lagerstättenbildung am Beispiel der Iraniden (nach 1978 abgebrochen),
- Geodynamikprojekt "Blaue Strasse" in Skandinavien,
- Internationales Alpenlängsprofil (ALP 75),
- Europäische Geotraverse (EGT),
- Mathematische Modelle in der Lagerstättenexploration,
- Langperiodische Erdkrustendynamik in Fennoskandien,
- Kontinentale Tiefbohrung (KTB),
- Deutsches Kontinentales Reflexionsprogramm (DEKORP).

Die FU-Berlin förderte über eine besondere Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs (FNK) etliche dieser Projekte durch Sondermittel; z.T. durch Bildung eigener Forschungsprojektschwerpunkte (FPS) und Forschungsgebietsschwerpunkte (FGS).

Einer dieser FGS, 1980 begonnen, hatte den Titel "Mobilität aktiver Kontinentalränder" und umfasste ein breites Spektrum geowissenschaftlicher Arbeiten im Atlasgebirge/Marokko und in den Anden im Bereich zwischen etwa 20° bis 25° südlicher Breite. Daraus wurde 1984 eine durch die DFG geförderte Forschergruppe gleichen Namens, die im Mai 1990 in Berlin ihr Abschlussseminar veranstaltete.

Die Arbeiten in den Anden werden fortgesetzt im Rahmen des 1993 eingerichteten Sonderforschungsbereiches 267 der DFG unter dem Titel "Deformationsprozesse in den Anden". Beteiligt sind neben der FU-Berlin die Technische Universität Berlin, das GeoForschungsZentrum Potsdam und seit kurzem auch die Universität Potsdam; Sprecher ist von Beginn an P. Giese. Die erste Antragsperiode von 1993 bis 1995 ist abgeschlossen und eine zweite für 1996 bis 1998 bewilligt.

Die Finanzierung der Forschung an deutschen Hochschulen ist in hohem Masse abhängig von der Höhe der Zuwendungen von dritter Seite. Es zeigt sich, dass der Fachbereich Geowissenschaften bei der Einwerbung von Drittmitteln im gesamtuniversitären Vergleich stets einen vorderen Platz einnimmt, woran die Geophysik einen hohen Anteil hat. Bei der Gesamtsumme sind nur die beiden Klinika Steglitz und Charlottenburg sowie der Fachbereich Physik besser plaziert, bei der Quote für jeden potentiellen Antragsteller nur die Physik!

Die Herkunft der Drittmittel ist vielfältig und stammt sowohl aus dem öffentlichen (z.B. DFG, BMFT/BMBF, EG) als auch dem privaten Bereich (z.B. VW-Stiftung, Erdölindustrie), wobei die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit Abstand an der Spitze steht (ca. 40%; mit steigender Tendenz durch den SFB 267).

Es ist absehbar, dass die Einwerbung von Drittmitteln bei stagnierenden oder gar rückläufigen Haushaltsmitteln der Universitäten in Zukunft eine weiter steigende Bedeutung gewinnen wird.

Literatur
Giese, P. u. Liedholz, J. (1980): Klima, geologischer Untergrund und geowissenschaftliche Institute in Berlin. - Beilage zu den Tagungsunterlagen des Internationalen Alfred-Wegener-Symposiums 1980.
Wegener, A. (1915): Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. - Braunschweig (Vieweg-Verlag).