Zur Geschichte der Geophysik in Deutschland

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Heinrich C. Soffel u. Helmut Vidal: Geschichte der Wissenschaftlichen Einrichtung "Institut für Allgemeine und Angewandte Geophysik und Geophysikalisches Observatorium" der Universität München

Einführung

Schon der lange Name des Geophysik-Instituts der Universität München besagt, dass seine Geschichte eng verbunden ist mit derjenigen des Observatoriums, dessen Anfänge bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Geophysik (genauer gesagt die Fachrichtung Erdmagnetismus) gab es damals in München nur an der zur Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehörenden Sternwarte in München-Bogenhausen, deren Direktor Johann von Lamont in Personalunion gleichzeitig einen Lehrstuhl für Astronomie an der Universität München innehatte. Erst 1938 wurde das inzwischen von München-Bogenhausen nach Fürstenfeldbruck verlegte Observatorium von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in die Hände der Universität München übergeben und ab 1949 in Personalunion vom Inhaber des neu gegründeten Lehrstuhls für Angewandte Geophysik geleitet. Im Zuge eines Umbaus der Fakultätsstrukturen in Zusammenhang mit dem Erlass eines neuen Hochschulgesetzes in Bayern wurden im Jahre 1974 Observatorium und Universitätsinstitut zu einer Wissenschaftlichen Einrichtung zusammengefasst.

Die Geschichte der Geophysik in München kann deshalb in drei Teile gegliedert werden. Der erste stellt die Geschichte des Observatoriums ab 1836 dar (Zum 125jährigen Bestehen der Observatorien München-Maisach-Fürstenfeldbruck 1966, Beblo u. Soffel 1991, Barraclough et al. 1992). Der nächste Abschnitt von 1948 bis 1957 ist besonders interessant, denn er beschreibt die Gründung des Universitätsinstituts in der turbulenten Zeit kurz vor der Währungsreform und während der danach beginnenden Aufbauphase unter dem ersten Inhaber des Lehrstuhls, Prof. Dr. Hermann Reich (Vidal 1994). Der dritte Teil schildert den weiteren Ausbau des Instituts, des Observatoriums in Fürstenfeldbruck und des Labors für Gesteins- und Paläomagnetismus in Niederlippach bei Landshut unter Prof. Dr. Gustav Angenheister jun. (1957-1983) und Prof. Dr. Heinrich Soffel (ab 1983). Während der erste und letzte Teil dieses Beitrages aus der Feder des jetzigen Lehrstuhlinhabers stammen, wurde der mittlere Abschnitt von Prof. Dr. H. Vidal, Präsident des Bayerischen Geologischen Landesamtes a.D., verfasst, einem Zeitzeugen, der in der Gründungsphase des Instituts massgeblich am Aufbau beteiligt war. An dieser Stelle sei auch den Institutsmitgliedern gedankt, die an der Endfassung dieser kleinen Institutsgeschichte mitwirkten.

Geschichte des Geophysikalischen Observatoriums

Die Geschichte der Geophysik in München beginnt mit Johann von Lamont, der als Direktor der Sternwarte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München-Bogenhausen, angeregt durch seine Kontakte mit A. v. Humboldt und C.F. Gauss, 1836 mit sporadischen und am 1. Aug. 1840 mit regelmässigen Beobachtungen des Erdmagnetfeldes begann.

Lamont Lamont (Abb.1) wurde als John Lamont am 15. Dez. 1805 in Corriemulzie in Nordschottland geboren. Als sein Vater (ein Forstverwalter des Earl of Five) im Jahre 1816 starb, wurde John als Stipendiat im Schottenstift St. Jakob in Regensburg aufgenommen und erhielt dort eine ausgezeichnete Ausbildung in Mathematik, Physik, Astronomie und Feinmechanik. Im Jahre 1827 kam er an die Sternwarte in Bogenhausen, damals noch ein Vorort Münchens, und wurde 1835 zu ihrem Direktor bestellt. Nach erfolgreichen sporadischen Beobachtungen mit einfachen Geräten auf dem Gelände der Sternwarte ab 1836 erhielt Lamont durch private Zuwendungen aus der Hand des Königs Ludwig I und seines Sohnes, des späteren Königs Maximilian II, die Möglichkeit zum Kauf von Instrumenten und zum Bau eines unterirdischen, vor den täglichen Temperaturschwankungen besser geschützten unmagnetischen Sternwarte Observatoriumsgebäudes aus Holz (Abb. 2). Dort begann er am 1. Aug. 1840 um 6 Uhr morgens mit stündlichen Beobachtungen der Deklination und der Horizontalintensität mit Instrumenten, die von Gauss und seinem Mechaniker Meyerstein in Göttingen gebaut worden waren. Tagsüber wurde stündlich, in der Nacht alle 2 Stunden abgelesen. Lamont nahm drei Frühtermine und einen Abendtermin wahr, seine Gehilfen Leonhardt, Fischer und Ulmer teilten sich die restlichen. Einmal im Monat (an Tagen, die der 1836 gegründete "Göttinger Magnetische Verein" festgelegt hatte) wurde in noch kürzeren Zeitintervallen gemessen. Im Jahre 1841 ersetzte Lamont die Gaussschen Instrumente durch eigene Geräte, die wesentlich kleinere Magnete hatten und auch die Beobachtung höher-frequenter Signale (z.B. der Pulsationen) erlaubten. Einige Jahre später konstruierte er einen magnetischen Theodoliten zur Messung der Deklination, der Horizontalintensität und der Vertikalkomponente. Davon baute er (zum grossen Teil in einer improvisierten Werkstatt innerhalb seiner Privatwohnung) 45 Geräte für andere Observatorien und führte mit diesem Instrument ab 1850 die bis dahin erste erdmagnetische Landesvermessung durch, indem er im Königreich Bayern (einschliesslich der bayerischen Pfalz) 250 Messpunkte definierte, die zum Teil auch heute noch für die regelmässig durchgeführten Landesvermessungen in Deutschland verwendet werden. Viele Punkte mussten jedoch im Laufe der letzten 150 Jahre auf Grund der Industrialisierung und des Wachstums der Siedlungen aufgegeben und durch andere ersetzt werden. Lamont führte im Anschluss an die Bayerische Landesvermessung auch entsprechende erste Messungen in Nachbarländern wie Frankreich, Holland, Belgien, Spanien, Portugal und schliesslich auch Preussen durch. Seine Karten Mitteleuropas mit Isolinien der erdmagnetischen Elemente, reduziert auf das Jahr 1854, gehören zur klassischen Literatur des Erdmagnetismus und waren die ersten ihrer Art. Finanziert wurden diese Messungen durch grosszügige, zum Teil sogar private Zuwendungen des Königs Maximilian II.

Bald nach seiner Ernennung zum Direktor der Sternwarte wurde Lamont in die Bayerische Akademie der Wissenschaften aufgenommen und erhielt an der Universität München den Lehrstuhl für Astronomie. Er wurde auch als Johann von Lamont in den Adelsstand erhoben. Es war ihm vergönnt, sich fast bis zum Ende seines Lebens gesundheitlich wohl zu fühlen und beruflich tätig sein zu können. Lamont starb am 6. Aug. 1879 im Alter von 73 Jahren. Sein Grab auf dem Friedhof der St. Georgskirche in München-Bogenhausen ist ganz in der Nähe seiner ehemaligen Arbeitsstätte, der Sternwarte.

Lamont war nicht nur ein hervorragender Praktiker, er schrieb auch zahlreiche Handbücher zum Thema Erdmagnetismus. Auch als Astronom (er bestimmte die Position von über 80 000 Sternen), als Meteorologe sowie als Herausgeber des statistischen Jahrbuchs der Stadt München war er sehr erfolgreich. Doch davon soll hier nicht die Rede sein.

Die Holzkonstruktion des ersten Observatoriumsgebäudes genügte nur wenige Jahre den Bedürfnissen einer Dauermessstation. Auch Gauss war zunächst der irrigen Meinung gewesen, dass nur wenige Beobachtungsjahre ausreichen würden, um die Phänomene der zeitlichen Variationen des Erdmagnetfeldes voll verstehen zu können. Als jedoch die Beobachtungsreihen der im "Göttinger Magnetischen Verein" zusammengeschlossenen Observatorien eine Fülle nicht interpretierbarer Beobachtungen zeigten, entschied sich Lamont mit Zustimmung der Akademie im Jahre 1846, die anfangs nur für wenige Jahre geplanten Messungen weiterzuführen und erreichte schliesslich in mehreren Phasen den Bau eines dauerhafteren Observatoriumsgebäudes mit mehreren unmagnetischen Messhütten für die verschiedenen erdmagnetischen Elemente.

Die Nachfolger Lamonts waren eher klassische Astronomen und ihr Interesse am Erdmagnetismus war wesentlich geringer. Nach dem Tode Lamonts blieb es bei Routinebeobachtungen durch C. Feldkirchner, und es wurden keine methodischen Weiterentwicklungen mehr vorgenommen. Im Jahre 1896 beschloss die Bayerische Akademie der Wissenschaften, dem Erdmagnetischen Observatorium einen eigenen Status zu geben und von der Sternwarte organisatorisch abzutrennen. F. von Schwarz wurde der erste Observator. Unter seinem Nachfolger J.B. Messerschmitt wurden im Jahre 1905 auch seismische Beobachtungen mit einem Wiechert-Seismometer (träge Masse: 1200 kg) unter der Leitung von C.W. Lutz begonnen.

Während des nächsten Jahrzehnts schritt die Industrialisierung Münchens dynamisch voran und beeinträchtigte die geomagnetischen und seismischen Arbeiten des Observatoriums in zunehmendem Masse. Die Situation verschlechterte sich weiter, als im Jahre 1914 eine elektrifizierte Strassenbahn bis nach Bogenhausen verlegt wurde. Die erdmagnetischen Dauerregistrierungen der Horizontalkomponente mussten unterbrochen und die Registrierung der anderen Komponenten auf Zeiten geringer Störungen reduziert werden. Unter der Leitung der Observatoren F. Bidlingmaier und F. Burmeister (Erdmagnetismus) und C.W. Lutz (Seismologie) wurden die geophysikalischen Beobachtungen in Bogenhausen zwar fortgesetzt, gleichzeitig hielt man aber Ausschau nach einem anderen Standort für das Observatorium. Zwischen 1927 und 1937 wurde bei Maisach (etwa 25 km westlich von München) ein Observatorium erdmagnetisches Notobservatorium betrieben. Der Ausbau des Flugplatzes Fürstenfeldbruck machte jedoch eine Dauerlösung an diesem Platz unmöglich. Der jetzige Standort südöstlich von Fürstenfeldbruck wurde 1937 in Betrieb genommen (Abb. 3). Ein Jahr später überführte die Bayerische Akademie der Wissenschaften das Observatorium in die Hände der Universität München.

In Fürstenfeldbruck konnten F. Burmeister und K. Burkhart bis 1957 als Observatoren für den Bereich Erdmagnetismus tätig sein. O. Förtsch wurde im Jahre 1952 Leiter der Abteilung Seismologie, während A. Korschunow ab 1954 für die Erdstrombeobachtungen und Pulsationsregistrierungen und K. Wienert ab 1957 für die Abteilung Erdmagnetismus verantwortlich waren. Wenige Jahre später konnten sie den in den Jahren 1961 bis 1963 errichteten Neubau beziehen. Jetzt werden die Abteilungen Erdmagnetismus und Seismologie von M. Beblo bzw. E. Schmedes geleitet.

Gründung des Instituts für Angewandte Geophysik an der Universität München im Jahre 1948 unter Reich

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es Prof. Dr. Ing. A. Maucher, Direktor des Instituts für Allgemeine und Angewandte Geologie und Mineralogie und 1948/49 Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der mit Weitblick die Gründung des Universitätsinstituts für Geophysik betrieben und mit Erfolg durchgesetzt hat, tatkräftig unterstützt durch Prof. Dr. W. Gerlach, Direktor des Physikalischen Instituts und 1948 bis 1951 Rektor der LMU. Im August 1947 war ein Ruf als Ordinarius an das neugegründete Institut an Prof. Dr. Hermann Reich, Göttingen, ergangen. Er ist dem Ruf gefolgt und am 1. Juni 1948 in den Dienst des Freistaates Bayern getreten. Als Berufungszusagen waren Reich zwei Planstellen für wissenschaftliche Assistenten, eine Planstelle für eine Schreibkraft und Mittel für die Erstausstattung mit Instrumenten und Mobiliar zugestanden worden. Am 11. Juni 1948 kam Reich nach München, um mit Maucher und dem Verfasser dieses Abschnittes (damals cand. geol. im 4. Semester und von Maucher seinem Kollegen Reich als studentische Hilfskraft empfohlen) die Modalitäten für die Aufnahme des Institutsbetriebs und das Raumprogramm zu besprechen. Die Unterbringung erfolgte, wie auch die der anderen ausgebombten geowissenschaftlichen Institute der LMU, in den leeren Hallen des Bibliotheksbaus des Deutschen Museums. Reich gab sich mit 7 Räumen zufrieden, auf eine Werkstatt hatte er verzichtet. Am 1. Aug. 1948 erfolgte die Anstellung des Verfassers als wissenschaftliche Hilfskraft auf einer geteilten Assistenten-Planstelle und die Beauftragung durch den Dekan, bis zum Semesterbeginn im Spätherbst 1948 für ein arbeitsfähiges Institut und eine Wohnung für Reich zu sorgen. Diese Arbeiten gingen aus zeitbedingten Gründen nur sehr schleppend voran, so dass der Umzug von Reich immer wieder verschoben werden musste. Reich stornierte deshalb seine Lehrveranstaltungen im Wintersemester 1948/49. Privatdozent E. Hartwig und A. Graf als Lehrbeauftragter begannen jedoch mit Vorlesungen. Am 1. Okt. 1948 nahm O. Förtsch aus Göttingen seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent auf. Am 1. Nov. 1948 wurde auf Vermittlung von Maucher die zweite Hälfte der geteilten Assistentenstelle mit cand. geol. H.-J. Schneider besetzt. Am 3. Nov. 1948 zog Reich von Göttingen nach München um. Im Dezember 1948 waren die Ausbauarbeiten der Institutsräume und deren Möblierung in bescheidenem Umfang beendet. Frau A. Hartfeil wurde Institutssekretärin; ein einigermassen geordneter Institutsbetrieb war nunmehr möglich. Doch die Freude sollte nicht lange dauern. Noch im Dezember wurde bekannt, dass laut Beschluss des damaligen Bizonalen Wirtschaftsrates, Vorgänger der Bundesregierung, das neugegründete Deutsche Patentamt nach München kommen sollte. Als Dienstsitz waren von der Bayerischen Staatsregierung die Räume im Bibliotheksbau des Deutschen Museums vorgesehen worden. Das bedeutete das Aus für die dort gerade einigermassen etablierten geowissenschaftlichen Institute der LMU. Ein Unglück kommt aber selten allein. Am 18. Jan. 1949 verunglückte Reich bei einem Verkehrsunfall schwer. Nach allmählicher Besserung des lebensbedrohenden Zustandes wurde Reich im Laufe des Februars in eine Spezialklinik nach Bad Tölz verlegt. Im Hinblick auf die zu erwartende Räumung des Instituts wurde ihm als neue Bleibe am 16. Feb. 1949 das unter Denkmalschutz stehende, 1902 Institut erbaute Gebäude der ehemaligen Akademie für Angewandte Kunst in der Richard-Wagner-Str. 10 zugewiesen (Abb. 4). Maucher betraute den Verfasser mit den Ausbau- und Einrichtungsarbeiten. Hier liess sich, im Gegensatz zum Bibliotheksbau, ein grosszügiges Raumprogramm mit Laborräumen, einer Werkstatt usw. verwirklichen. Am 13. Juli 1949 ordnete das Rektorat der LMU die Räumung des Instituts zum 15. Juli 1949 an. Am 6. Aug. 1949 wurde die Genehmigung der vom Institut beantragten Ausbaumassnahmen und deren Beginn erteilt. Finanzierungssorgen gab es diesmal nicht, so dass die Arbeiten zügig vorangehen konnten. Das Institut war während der leitungs- und heimatlosen Zeit keineswegs untätig. Die instrumentelle Ausrüstung wurde komplettiert und mit primitiven Mitteln einsatzfähig gemacht, so dass unter Leitung von Förtsch im Sommer/Herbst 1949 bereits erste seismische Messungen durchgeführt werden konnten. Nach der Rückkehr aus Bad Tölz nahm Reich bei noch sehr reduziertem Gesundheitszustand im Wintersemester 1949/50 seine Lehrveranstaltungen auf. Am 7. Jan. 1950 trat Feinmechanikermeister L. Lehner auf einer nachbewilligten Planstelle seinen Dienst an und brachte eine aus privaten Mitteln finanzierte komplett ausgestattete Werkstatt mit. Im März 1950 konnte das Institut sein neues Domizil beziehen und dort, jeglicher Raumprobleme enthoben, uneingeschränkt seine Forschungs- und Lehrtätigkeit entfalten. Im Jahr 1951 avancierten die beiden studentischen Hilfskräfte Schneider und Vidal nach bestandener Geologen-Diplomprüfung zu wissenschaftlichen Hilfskräften. Die Habilitation von Förtsch und seine Ernennung zum Privatdozenten erfolgte am 8. Mai 1952. Vidal schied am 31. März 1953 aus und wechselte in die Abteilung "Geophysik" am Amt für Bodenforschung in Hannover. Am 2. Okt. 1953 promovierte Schneider bei Maucher in Geologie, wurde am 1. Feb. 1954 zum wissenschaftlichen Assistenten ernannt und ging am 30. Juni 1954 an das Institut von Maucher. An seine Stelle trat am 1. Juli 1954 A. Korschunow als wissenschaftlicher Assistent. Im Jahre 1957 erfolgte die Emeritierung von Reich und sein Umzug nach Göttingen. Am 21. Mai 1976 ist er in Göttingen verstorben.

Im Vergleich zu heutigen Verhältnissen war die instrumentelle Ausstattung bei der Gründung des Universitätsinstituts sehr bescheiden. Zur Grundausstattung gehörten: 1 ASKANIA-Gravimeter, 2 Schmidtsche Magnetometer, 1 sechspurige Geophon-Apparatur, 4 transportable mechanisch-optisch arbeitende Kleinseismographen Bauart Angenheister-Schulze-Förtsch mit Registriergeräten, die alle 1949 beschafft worden sind. Eine 150-Watt-Sendeanlage mit Notstromgerät, mehrere Funkempfänger und sonstiges Zubehör konnten aus ausgedienten Gerätebeständen der Wehrmacht und der US-Army beschafft werden. Damit war das Institut zur Übertragung eines Zeitzeichens und des Sprengmomentes bei refraktionsseismischen Messungen von öffentlichen Sendestationen unabhängig. Mehrere Kilometer US-Feldkabel auf leichten Kabeltrommeln komplettierten die Geophonapparatur. 1952 wurde ein Gerät für Eigenpotentialmessungen, 1953 ein Szintillometer-Zählrohrgerät für radiometrische Messungen beschafft. Im Laufe der Jahre wurde die Werkstatt zu einer unentbehrlichen Einrichtung des Instituts.

Die Aktivitäten in der Forschung waren von Beginn an vielfältig. Mit Reich und Förtsch war die angewandte Seismik in Verbindung mit Grosssprengungen in Steinbrüchen und Tiefbohrungen wesentlicher Forschungsschwerpunkt des Instituts. Beispielgebend wurde fortgesetzt, was mit den Grosssprengungen von Kriegsmunition in der Lüneburger Heide, auf Helgoland und in Haslach von Reich und Förtsch von Göttingen aus begonnen worden war. Von München aus haben derartige Messungen wesentliche Beiträge zur Klärung von Tiefenstrukturen im voralpinen und alpinen Raum sowie im übrigen Bayern geliefert. Das spektakulärste und organisatorisch aufwendigste Experiment dieser Art war die Zündung von 2000 kg Sprengstoff in 600 m Tiefe in einer 2000 m tiefen aufgelassenen Erdölbohrung in Kirchbichl bei Bad Tölz am 11. Dez. 1954. 35 mobile seismische Stationen auf 3 Profilen und mehrere mitteleuropäische Erdbebenwarten haben diese Grosssprengung erfolgreich registriert. Die US-Army hat Fink mit einer mobilen Grosssendestation zum Gelingen des Experiments beigetragen (Abb. 5). Auch an Planungen und mit eigenen seismischen Stationen war das Institut an grossen internationalen Sprengseismik-Projekten beteiligt. Förtsch hatte eine alte Tradition des Göttinger Geophysikalischen Instituts wieder aufgenommen und von 1953 bis 1957 fünf Ostalpengletscher seismisch vermessen. Unter der Leitung von Förtsch, ab 1954 auch von Korschunow, hat sich das Institut ebenfalls auf dem Gebiet der Ingenieur-Seismik betätigt und bei Staudamm-, Stollen- und Tunnelbauten sowie bei anderen schwierigen Baugrundverhältnissen beraten. Ein weiteres Arbeitsgebiet des Instituts war die Magnetik mit regionalen Vermessungen des Magnetfeldes in Bayern, aber auch zur Klärung geologischer und lagerstättenkundlicher Fragen. Für die gleichen Zwecke dienten Messungen des Eigenpotentials und der Radioaktivität. Auch geothermische Messungen gehörten zum Arbeitsprogramm des Instituts. Reich hat sich persönlich um die geophysikalische Erforschung des Nördlinger Rieses und seiner Genese verdient gemacht.

Ausbau des Instituts und des Observatoriums durch Angenheister und Soffel

Angenheister Gustav Angenheister (Abb. 6) erhielt im Jahre 1957 den Ruf auf den Lehrstuhl für Angewandte Geophysik. In seinen Berufungsverhandlungen konnte er die personelle und materielle Ausstattung des Instituts und des Observatoriums wesentlich verbessern und damit die Grundlage für eine stürmische Entwicklung der Geophysik in München schaffen. Dazu gehörte die Zusage für den Bau eines grossen Dienstgebäudes auf dem Gelände des Observatoriums, das 1963 bezogen werden konnte. Für die Vorlesungen standen neben G. Angenheister auch E. Hartwig und O. Förtsch zur Verfügung, während die beiden Assistenten G. Helbig und P. Giese vorwiegend die Praktika und Geländeübungen betreuten.

Die 60er Jahre waren geprägt durch einen starken Anstieg der Studentenzahlen und durch eine wesentliche Erweiterung der Aktivitäten des Instituts in Form von Geländemessungen (meist in Zusammenarbeit mit anderen geophysikalischen Instituten) und Laborarbeiten. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworbene Drittmittel erlaubten auch die Finanzierung zahlreicher Doktoranden- und Hilfskraftstellen. Durch den Bau einfacher und robuster Registriergeräte für die Refraktionsseismik ('Münchner Kiste') konnte die Tradition der Beobachtung von Steinbruchsprengungen in ganz Deutschland erfolgreich weitergeführt und durch Messungen in den Alpen, Norditalien und der Schweiz auch auf die Nachbarländer ausgedehnt werden. Hier engagierte sich ganz besonders P. Giese, während sich G. Helbig bei der Modernisierung des geophysikalischen Praktikums grosse Verdienste erwarb. Mit Angenheister wurden einige Arbeitsrichtungen neu geschaffen bzw. wesentlich erweitert wie zum Beispiel: Geoelektrik durch Entwicklungsarbeiten auf den Gebieten Erdmagnetische Tiefensondierung und Magnetotellurik (M. Schuch, K.-P. Sengpiel, A. Berktold); Hochdruck-Petrophysik (F. Rummel, A. Schult); Gesteins- und Paläomagnetismus (N. Petersen, H. Soffel, A. Schult, E. Schmidbauer). Auch die unter Reich begonnenen Untersuchungen im Ries wurden mit verschiedenen Methoden der Geophysik (Magnetik, Seismik, Elektrik, Paläomagnetik) fortgesetzt und trugen wesentlich zur Erkenntnis bei, dass es sich bei dieser Struktur nicht um ein vulkanisches Ereignis, sondern um einen Meteoritenkrater handelt (J. Pohl). Mitte der 60er Jahre wurde mit geophysikalischen Messungen auf Island begonnen, zunächst mit Feldmagnetik und Paläomagnetik (N. Petersen, G. Schönharting, H. Soffel, H. Becker), dann Mitte der 70er Jahre auch mit Magnetotellurik (M. Beblo) und Refraktionsseismik (H. Gebrande).

Im Jahre 1967 erhielt Angenheister einen Ruf an die Universität Göttingen als Nachfolger seines akademischen Lehrers Julius Bartels. Nach langen, sehr erfolgreichen und für die Weiterentwicklung des Instituts entscheidenden Verhandlungen lehnte Angenheister 1968 den Ruf ab. Er erreichte die Zusage für neue Planstellen, eine nennenswerte Anhebung des Institutsetats und auch die Zusicherung eines baldigen Umzugs des Instituts in einen geplanten Neubau in der Theresienstrasse, welcher 1971 realisiert werden konnte. Damit waren erhebliche Erstausstattungsmittel verbunden, und es ergab sich auch eine wesentliche Verbesserung der Raumsituation. Anfang der 70er Jahre setzte sich die Beteiligung des Instituts an seismischen (H. Miller, H. Gebrande) und geoelektrischen (A. Berktold) Grossprojekten in Zusammenhang mit Schwerpunktprogrammen der Deutschen Forschungsgemeinschaft fort. Der Kauf eines eigenen LaCoste-Romberg-Gravimeters erlaubte die Aufnahme von Schweremessungen im ostbayerischen Raum (H. Soffel). Die Messaktivitäten des Instituts wurden auch auf den Mittelmeerraum (Italien, Sizilien) und den Nahen Osten (Ägypten, Libyen, Iran) ausgedehnt (A. Schult, H. Soffel). Als in den 80er Jahren das DEKORP-Programm mit reflexionsseismischen Profilen quer durch Deutschland begann, beteiligte sich unser Institut (H. Gebrande) insbesondere mit neuartigen Experimenten der Weitwinkelseismik. Die zur gleichen Zeit notwendige Ausstattung der Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis mit Geräten für die Seismik und für Beobachtungen des Erdmagnetfeldes wurde durch H. Miller und M. Beblo vorgenommen. Der Ausbau der U-Bahn in München und die Zunahme der elektromagnetischen Störungen durch den Strassenverkehr führten Anfang der 80er Jahre zu den von N. Petersen initiierten Verhandlungen mit der Universität über den Bau eines unmagnetischen Gebäudes in magnetisch ruhiger Umgebung für gesteins- und paläomagnetische Untersuchungen. Aus Mitteln der Körperschaft der Universität München und des Freistaates finanziert, konnte 1984 ein grosszügig ausgestaltetes, für gesteins- und paläomagnetische Messungen ideal konstruiertes Gebäude auf Labor universitätseigenem Gelände in Niederlippach bei Landshut bezogen werden (Abb. 7). Ab Mitte der 80er Jahre nahmen mehrere Gruppen des Instituts (Refraktions- und Weitwinkelseismik, Gravimetrie, Magnetotellurik) an den Vorerkundungen zur Festlegung des Bohrplatzes für die geplante Kontinentale Tiefbohrung KTB teil, und wir waren glücklich, als im Jahre 1985 (zum Teil auch auf Grund der geophysikalischen Voruntersuchungen unseres Instituts) Windischeschenbach in der Oberpfalz als Bohrplatz ausgewählt wurde. Für das Feldlabor von KTB entwickelte und baute unsere Institutswerkstätte (O. Bühler, H. Reichl, M. Thüringer, H. Spitzfaden, A. Körnung) zahlreiche Messplätze für petrophysikalische Untersuchungen an Bohrkernen und Bohrklein.

Im Jahre 1983 liess sich G. Angenheister emeritieren. Bis 1985 wurde das Institut kommissarisch durch seinen späteren Nachfolger H. Soffel geleitet, der 1985 den Ruf auf den Lehrstuhl annahm. Unter seiner Leitung und mit Hilfe der Berufungsmittel erfolgte der weitere Ausbau der Arbeitsrichtung Paläo- und Gesteinsmagnetismus, die Verbesserung der Geräteausstattung des Instituts und des Observatoriums. Dazu zählte die Modernisierung des mit dem Institut für Mineralogie und Kristallographie gemeinsam betriebenen Prozessrechners und die Anschaffung einer eigenen reflexionsseismischen Apparatur. Im Jahre 1988 konnten durch die Berufungen von F. Scherbaum und H. Gebrande die beiden bisher offenen Professorenstellen besetzt werden. Am 11. April 1991 verstarb G. Angenheister in München nach langer Krankheit.

Der gegenwärtige Personalbestand von Universitätsinstitut und Observatorium umfasst die Professoren H. Soffel, F. Scherbaum, A. Schult und H. Gebrande; die beamteten Wissenschaftler J. Pohl, M. Beblo und E. Schmedes; die Wissenschaftlichen Angestellten N. Petersen, A. Berktold und E. Schmidbauer; die Wissenschaftlichen Assistenten F. Heider und M. Bopp; 6 Technikerstellen, 2,5 Verwaltungsstellen, 3,5 Arbeiterstellen. Im Wintersemester 1995/96 waren 159-Studierende für das Fach Geophysik eingeschrieben (127 im Diplom- und 32 im Promotionsstudiengang). Die wissenschaftliche Einrichtung ist auf vier Standorte verteilt: Institut in München in der Theresienstr. 41, Observatorium Fürstenfeldbruck, Labor in Niederlippach bei Landshut und ein Labor für Gesteinsmagnetik auf dem Forschungsgelände in Garching bei München.

Erwähnt sei schliesslich noch, dass Mitarbeiter unseres Instituts die Universität Erlangen und die Technische Universität München seit 1967 bzw. 1978 jeweils mit einer 4stündigen Lehre im Fach Angewandte Geophysik versorgen.

Literatur
Zum 125jährigen Bestehen der Observatorien München-Maisach-Fürstenfeldbruck. - (1966): Geophys. Observatorium Fürstenfeldbruck.
Beblo, M. u. Soffel, H.C. (1991): 150 Years Earthmagnetic Observatories München-Maisach-Fürstenfeldbruck. - Münchner Universitäts-Schriften, Münchner Geophys. Mitteil. Heft 5.
Barraclough, D.R., Clark, T.D.G., Cowlev, S.W.H., Gubbins, D., Hibberd, F.H., Hide, R., Kerridge, D.J., Lowes, F.J., Malin, S.R.C., Murthy, T., Rishbeth, H., Runcorn, S.K., Soffel, H.C., Stewart, D.N., Stuart, W.F., Whaler, K.A., Winch, D.E. (1992): 150 years of magnetic observatories: recent researches on world data. - Surveys in Geophys. 13: 47-88.
Vidal, H. (1994): Aus der Gründungszeit des Instituts für Angewandte Geophysik der Ludwig-Maximilians-Universität München 1947 - 1957. - Münchner Universitätsschriften, Münchner Geophys. Mitteil.: Heft 7; 1-24.