[Mehrfach-Zitate auf ein Bild werden auf deren Merkmale zurückzitiert]
Als Ergebnis seiner geophysikalischen Tätigkeit in der Steinkohlenexploration hat Theodor Garsten Krey schon vor mehr als dreissig Jahren die Möglichkeit erkannt, mit den im Kohlenflöz als Kanal niedriger seismischer Geschwindigkeit geführten Kanalwellen im Normal-Modenbereich, den sogenannten Flözwellen, geologische Störungen bei der untertägigen Vorfelderkundung vorauszusagen. Die von T.C. Krey begründete Flözwellenseismik wird heute weltweit als die effektivste Vorfelderkundungsmethode in Steinkohlenstreben verwendet. T.C. Krey's klassische Erfindung wurde 1984 mit der Umbenennung der Rayleigh-Kanalwelle in Krey-Welle geehrt. Neben vielen weiteren Entdeckungen und Patenten gestattet es gerade auch die Entwicklung der Flözwellenseimik, den Namen Krey in einem Atemzug mit praxisbezogenen Grössen wie Love, Rayleigh, Mintrop, Harry Mayne und John Crawford zu nennen.
Zu Ehren von Theodor Garsten Krey soll dieser Beitrag, ausgehend von einigen geschichtlichen Anmerkungen, das Interesse an Krey-Wellen wecken bzw. das Verständnis für diesen Wellentyp ein wenig vertiefen.
Geschichtliches
In seinem Vortrag anlässlich der Verleihung des akademischen Grades Dr. h.c. von der Fakultät für Geowissenschaften der Ruhr-Universität Bochum "Miterlebtes und Mitbewirktes in der seismischen Steinkohlenexploration" am 6. Juli 1988 sagte Prof. Krey (Krey 1988): "Eine spezielle Fragestellung war schon kurz nach 1960 an uns herangetragen worden. Mit der zunehmenden Verbreitung des maschinellen Kohlenabbaus in langen Streben, z.B. mit Kohlenhobeln und Schrämmaschinen, war es immer wichtiger geworden, die Tektonik im flözführenden Karbon vor dem Abbau im einzelnen zu kennen. Aufgrund der seismischen Reflexionsmessungen, die im Siegerländer Eisenerzbergbau nach Ende des 2. Weltkrieges untertage durchgeführt wurden, fragte man mich, ob ein seismischer Untertageeinsatz auch in der Kohle sinnvoll sein könnte; denn es schien ausgeschlossen zu sein, Störungen mit einem Versatz von der Grössenordnung der Flözmächtigkeit (l bis 2 m) von übertage her zu erfassen. Es war mir klar, dass normale dreidimensionale Reflexionen von Störflächen kaum zu erwarten sein würden, da an den beiden Seiten dieser Störflächen nur dort unterschiedliche physikalische Eigenschaften, wie Dichte und elastische Konstanten, zu erwarten sein würden, wo ein Flöz gegen die Störfläche grenzt; und das würde ein sehr geringer Prozentsatz der Störfläche sein. Ich erinnerte mich aber an die Möglichkeit, dass sich unter geeigneten Bedingungen durch das Flöz - oder besser gesagt, vermittels des Flözes - geführte Wellen, die wir später kurz Flözwellen nannten, ausbilden müssten, da die Kohle zumindest im Karbon Mittel- und Westeuropas wesentlich geringere Dichte und elastische Konstanten aufweist als das Nebengebirge (und somit geophysikalisch wie ein Kanal niedriger seismischer Geschwindigkeiten behandelt werden konnte). Ich schlug daher vor, derartige geführte Wellen bevorzugt anzuregen. Erste Versuche im Ruhrgebiet von sehr begrenzter Zeitdauer brachten keine positiven Ergebnisse. Etwas später wurden die Versuche im Saarland auf Anregung und unter Mitwirkung des inzwischen verstorbenen Prof. Dr. Kneuper wieder aufgenommen. Hier konnten bald eindeutig Flözwellen und auch reflektierte Flözwellen erkannt werden. Darüber und über die zugehörige Theorie habe ich 1962 auf der SEG-Tagung in Calgary vorgetragen, veröffentlicht in Geophysics 1963 (Krey 1963)".
Prof. Krey erwähnt nun eine wichtige Tatsache, die Jahrzehnte später in der Flözwellenseismik zur Umbenennung der Flözwellen geführt hat: "Erst wesentlich später wurde ich darauf hingewiesen, dass bereits in den 50er Jahren Evison (Evison 1955) durch das Flöz geführte Wellen vom Love-Typ / SH-Typ nachgewiesen hatte. Diese Entdeckung Evisons war aber meines Wissens ohne praktische Konsequenz geblieben."
Evison hatte eine Kanalwelle vom Love-Typ nachgewiesen, aber nie mehr in seinem Leben praktischen Gebrauch von dieser Entdeckung gemacht. Prof. Krey hingegen hat all seine praxisbezogenen Forschungsarbeiten, Entwicklungen und die damit verbundenen Patente auf Kanalwellen vom Love-Typ abgestimmt. Dem zweiten Kanalwellentyp, der Rayleigh-Welle, widmete er grosses akademisches Interesse und befruchtete die Arbeiten der Rayleigh-Wellen Forscher mit seinem Ideengut, führte aber aus feldtechmschen und finanziellen Gründen die Rayleigh-Kanalwelle nicht mehr in die Vorfelderkundung untertage ein. Dennoch wurde die Kanalwelle vom Love-Typ, der er einen grossen Teil seines wissenschaftlichen Lebens geschenkt hat, Evison-Welle genannt und die Kanalwelle vom Rayleigh-Typ als Krey-Welle bezeichnet: eine sehr hohe Ehre für Prof. Krey, aber ein Paradoxon zugleich.
Bildhafte Darstellung der Krey-(Rayleigh-Kanal-)Wellen
Bevor auf einige wenige spezielle Eigenschaften von Krey-Wellen eingegangen wird, sei erwähnt, dass so bekannte Erscheinungen, wie zum Beispiel Dispersion, Phasen- und Gruppengeschwindigkeiten, Q-Faktoren, Transmission und Reflexion von Flözwellen über und an Störungen, symmetrische, antisymmetrische, normale und verlustbehaftete Moden (Leaky-Moden), Amplituden-Tiefen-Verteilungen, Komponentenrotation, Polarisationsanalyse, Dispersionsanalyse, Absorptionskorrekturen, Enveloppenstapelung, Dynamic Trace Gathering, Lag-Sum Methoden, Imaging- und Tomographie-Verfahren usw. sowie die gängigen Messtechniken als aus Literatur und Praxis her bekannt angenommen werden (z.B. Arnetzl 1978, Arnetzl u. Klinge 1982, Buchanan u. Jackson 1982, Buchanan 1983, Dresen 1985, Dresen u. Rüter 1994, Krey 1963). Selbst wenn diese Annahme nicht immer zutreffen sollte, bleibt dieser Beitrag allgemeinverständlich.
Dispersive Krey-Wellen entstehen, analog zu den Evison-Wellen, im
Kohlenflöz durch Interferenz von Raumwellen; es interferieren P-
und SV-Wellen zu der in Abb. 1 (nach Arnetzl 1978) schematisch
dargestellten, ersten praxisrelevanten Normal-Mode der Krey-Welle.
Bei Krey-Wellen sind zwei Raumwellengeschwindigkeitsverteilungen
a (P-Welle) und b (SV-Welle) im Flöz (Index c) und im
Nebengestein (Index r) zu beachten [a; b = alpha; beta]:
we>ar >
ac >
br >
bc
ar >
br >
ac >
bc
Gemessen an den Erfordernissen der Praxis bei der Ortung geologischer
Störungen im Kohlenflöz, die beim Durchschallungsverfahren
eine Transmission von rd. 1000 Flözmächtigkeiten und beim
Reflexionsverfahren einen Laufweg von ca. 200
Flözmächtigkeiten anstrebt, sind die Leaky-Moden von
untergeordneter Bedeutung. Sie sind heute lediglich für die
Erkundung sehr nahe am Kohlenstoss gelegener Störungen
interessant. Dagegen sind die Flözwellen im Normal-Moden-Bereich
ganz besonders wichtig hinsichtlich ihrer Fähigkeit, in den
Kohlenkanal einzudringen, da bei den Normal-Moden keine Energie durch
Refraktion von Raumwellen ins Nebengestein hinein verloren geht.
Für Krey-Wellen ist demnach ein Flöz mit der zweiten
Geschwindigkeitsverteilung und drei Interferenz-Systemen im
Normal-Moden-Bereich fast immer der geeignete Wellenleiter.
Evison- oder Krey-Welle?
Die Beantwortung dieser Frage ist bis heute strittig geblieben. Für
die Evison-Welle als dispersive SH-Welle spricht in der Praxis, die sich
naturgemäss technischen und wirtschaftlichen Zwängen
ausgesetzt sieht,
a) ihr relativ einfacher physikalischer Aufbau; dadurch wird ihre
Interpretation erleichtert.
b) Evison-Wellen können mit weniger Registrierkomponenten
erfasst werden als Krey-Wellen. Bei der nach wie vor begrenzten
Anzahl von Messkanälen in den schlagwettergeschützten
Registrierapparaturen spricht dies immer noch für die Verwendung
der Evison-Welle. Ebenfalls ist aus Kostengründen bei der Anlage
von Bohrlöchern für Untertagegeophone wegen der
Symmetrieeigenschaften dieser SH-Welle hauptsächlich die
Registrierung der Evison-Welle erfolgt: Evison-Wellen sind in ihrer
Grundmode in geologisch symmetrischen Abfolgen
Nebengestein-Flöz-Nebengestein amplitudensymmetrisch zur
Flözmittenebene. Höher angeregte Moden werden aber
üblicherweise bei Transmission über und Reflexion an
Störungen im Flöz wieder zu tieferen Moden konvertieren,
schliesslich bis hin in die stabile symmetrische Grundmode. Die
aber führt ihr Amplitudenmaximum in der Flözmitte, so
dass Bohrungen für Geophone nur in der Flözmitte
abgeteuft zu werden brauchen. Diese Aussage gilt häufig auch
für asymmetrische Schichtabfolgen, die sich bei höheren
Anregungsfrequenzen auf die geologisch symmetrischen Schichtabfolgen
reduzieren lassen.
Die Krey-Welle trägt hingegen, als dispersive P/SV-Welle, mehr
Information als die Evison-Welle. Diesem "physikalischen Vorteil" steht
der "wirtschaftlich-technische Nachteil" entgegen, dass zu ihrer
Registrierung und klaren Identifizierung wenigstens 3 Bohrlöcher
erforderlich sind; eins im Hangenden, eins im Liegenden und eins in der
Flözmitte. Krey-Wellen sind nämlich in ihrer Grundmode in der
geologisch symmetrischen Abfolge Nebengestein-Flöz-Nebengestein
antisymmetrisch.
Prof. Krey wusste schon sehr früh, dass die maximale
Information über den tektonischen Inhalt eines Flözes nur
durch die gleichzeitige Auswertung beider Flözwellenarten erzielt
werden kann. So lautete denn seine Antwort auf die Frage "Evison-
oder Krey-Welle?": "Sowohl Evison als auch Krey-Welle!" Wenn er sich
in seinem Berufsleben mit der Evison-Welle begnügen musste,
dann allein wegen finanzieller Engpässe seitens der Auftraggeber.
Einige Einsatzmöglichkeiten von Krey- und Evison-Wellen
Vorbemerkung
Symmetrische Schichtabfolge
Abb. 4a zeigt die Registrierung der x-Komponente der Krey-Welle entlang
des Flözmittenebenenprofils L. Untertage erhält man nur die
Spur bei x/H = 47,9. In dieser Seismogramrn-Sektion sind von den
bekannten Wellengruppen I bis V der Krey-Wellen die Gruppen I und
IVs zu erkennen: I mit sehr geringen,
IVs mit grossen Amplituden. Wellengruppe
I zählt zu den Leaky-Moden, die sich wegen ihrer schnell
abnehmenden Amplituden zur Vorfelderkundung in grösseren
Entfernungen nicht eignen. IVs zählt zur
symmetrischen (tiefgestellter Index s; wird später fortgelassen)
Grundmode der Krey-Welle. Ihre Phasengeschwindigkeit
CR ist nur wenig grösser als
bc in der Kohle. R ist ein Einsatz vom
Modellrand, der in der Natur nicht auftritt.
Die Abb. 4b und 4c geben die Seismogramm-Sektionen für die x- und
z-Komponenten der Krey-Welle entlang der Vertikalprofile L wieder. Diese
Art der Registrierung kann untertage auch am Stoss vorgenommen
werden. Die Wellengruppen IVs lassen die
physikalisch charakteristische Amplituden-Tiefen-Verteilung der
symmetrischen Grundmode der Krey-Welle erkennen, wodurch diese Wellenart
sofort und zweifelsfrei in-situ identifiziert werden kann.
Prof. Krey hat diese und weitere Untersuchungen an symmetrischen
Abfolgen sinngemäss so kommentiert: "Bei Evison-Wellen
macht man normalerweise nur von den zur Airy-Phase gehörenden
Einsätzen Gebrauch. Hierdurch ist ihre Interpretation relativ
einfach. Die Krey-Welle (Prof. Krey nannte sie mit der ihm eigenen
Bescheidenheit immer noch Rayleigh-Welle, der Autor) hingegen liefert
neben der Airy-Phasen-Wellengruppe noch weitere Wellengruppen; dies
erschwert ihre Interpretation, erlaubt aber die Extraktion
weiterreichender Informationen. Das Maximum an Informationen bietet eine
Dreikomponentenregistrierung entlang eines Profils am Stoss, das
vom Hangenden im Nebengestein über das Flöz bis hinunter zum
liegenden Nebengestein reicht. Falls das nicht ermöglicht werden
kann, so erhält man ein Optimum an Information dann, wenn für
Evison- und Krey-Wellen nur die ersten symmetrischen Moden angeregt und
mit einer Dreikomponenten-Sonde in Flözmitte registriert werden.
Wünschenswert wäre es, eine solche frequenzmanipulierbare
Quelle zur Verfügung zu haben, die gezielt Evison- Wellen in der
Airy-Phase und Krey-Wellen in der jeweils geeigneten Wellengruppe
generieren könnte. Eine derartige Generierung und Registrierung von
Kanalwellen könnte, sowohl im Durchschallungs- als auch im
Reflexionsverfahren untertage, die höchstmögliche
Informationsdichte über den tektonischen Gehalt eines
Kohlenflözes erbringen."
Schichtabfolgen mit Bergepacken
Tab. 1: Modellparameter der Bergepackenmodelle DB1 und DB2.
Es ist allgemein bekannt, dass Prof. Krey sich immer an der
Schemazeichnung aus Abb. 1 erfreut hat. Ebenso bekannt ist aber auch
heute noch seine Begeisterung, wenn diese Skizze ein wenig
erläutert wurde. Abb. 2 erklärt daher die Krey-Welle
eingehender, und zwar anhand von Wellenfronten verschiedenartiger
Interferenzsysteme.
Abb. 2 zeigt in ihrem linken Teil die Wellenfronten für den ersten
Fall. Falls bei der ersten Raumwellen-Geschwindigkeits-Verteilung die
Phasengeschwindigkeiten CR in den Bereichen
CR > ar,
ar > CR >
ac und
ac > CR >
bc vorliegen, so erhält man im
Leaky-Moden-Bereich drei verschiedene Kombinationen der Wellenfronten
(Abb. 2a bis 2c). Die Phasengeschwindigkeit an der Grenze zwischen dem
Leaky- und Normal-Moden-Bereich ist CR =
br (Abb. 2d). Die zugehörige
Kanalwellenphase enthält die kritisch refraktierte SV-Welle. Sie
zählt ebenso zum Normal-Moden Bereich wie das Wellenfrontsystem im
Bereich br >
CR > bc (Abb.
2e). Die niedrigste Phasengeschwindigkeit der Krey-Welle stimmt demnach
mit der SV-Wellengeschwindigkeit bc in
der Kohle überein. Interferenzsysteme für unterschiedliche
Phasengeschwindigkeitsbereiche der zweiten
Raumwellengeschwindigkeitsverteilung zeigen die Abb. 2f bis 2j. Hier
existieren je zwei unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten von
Wellenfronten verschiedener Raumwellen innerhalb des
Leaky-Moden-Bereichs (Abb. 2f bis 2g) und innerhalb des
Normal-Moden-Bereichs (Abb. 2i bis j). Die Phasengeschwindigkeit
für die Grenze zwischen Leaky- und Normal-Moden-Bereich stimmt mit
der SV-Wellengeschwindigkeit br im
Nebengestein überein, zählt also ebenfalls zum
Normal-Moden-Bereich. Die niedrigste Phasengeschwindigkeit ist wiederum
identisch mit bc in der Kohle.
Es sei einmal angenommen, Prof. Krey hätte sich nicht den gegebenen
technisch-wirtschaftlichen Zwängen beugen müssen. Es sei
ferner vorausgesetzt, er hätte Evison- und Krey-Wellen pari passu
einsetzen können. Dann hätte er eine Vielzahl von Orten zur
Anregung und Registrierung von Flözwellen in der Kohle und im
Nebengestein gewählt und mannigfaltige Bearbeitungsmethoden sowie
Interpretationsverfahren anwenden können. Aus diesem Spektrum der
Möglichkeiten seien drei Untersuchungsbeispiele ausgewählt.
Als Untertagefälle, die auf modellseismischen Untersuchungen
basieren (darum sind die Laufzeiten in µs angegeben), werden die
in Abb. 3 dargestellte symmetrische Schichtabfolge
Nebengestein-Flöz-Nebengestein behandelt, ferner eine
Schichtabfolge mit Bergepacken und schliesslich der Fall einer
mylonitisierten Zone, die Methangas enthalten kann.
Die absoluten Geschwindigkeiten, Modellmaterialien und Modellparameter
werden an dieser Stelle und in den weiteren Kapiteln nur dann angegeben,
wenn sie zum Verständnis für die getroffenen
Schlussfolgerungen benötigt werden; sie sind aber
vollständig bei Dresen et al. (1985) zu finden.
In Abb. 5 ist die schematische Darstellung eines Flözmodelles mit
Bergepacken angegeben. Wir betrachten den Fall zweier unterschiedlicher
Bergepackenmächtigkeiten. Die Packen liegen innerhalb der
Flöze. In beiden Modellen beträgt der Bergepacken 20% der
Gesamtmächtigkeit des Flözes. Im Modell DB1 teilt der
Bergepacken das Flöz in zwei gleiche Hälften; bei DB2 liegt
eine Unsymmetrie vor, wie in Tab. 1 angegeben.
Zurück zum 2. Verweis.
Modell DB1 Modell DB 2
Schichtfolge Nebengestein - Kohle - Bergepacken
Mächtigkeit der H = 12 mm H = 18 mm
Kohleschichten h = 12 mm h = 6 mm
Mächtigkeit des b = 6 mm b = 6 mm
Bergepackens
vorherrschende f = 50 kHz f = 50 kHz
Frequenz des
Quellsignals
Eine Quelle mit einer vorherrschenden Frequenz von 50 kHz erzeugt
Krey-Wellen in dem für die Praxis relevanten Frequenz
(f)-Mächtigkeits(H)-Bereich von 300 Hz m < fH < 900
Hz m. Es soll nun gezeigt werden, wie und wo sich in diesem
Schichtungstyp Krey-Wellen ausbreiten können. Dabei beschreibt das
Wort "Wellenleiter" den Teil des Gesamtflözes, in dem der
grösste Teil der Energie der Krey-Welle geführt wird. Das
Seismogramm aus Abb. 6 wurde im quellenthaltenden Flözteil des
symmetrischen Modells DB1 entlang der Flözmitte aufgenommen.
Die Wellengruppen I und IV mit starken Amplituden und eine Wellengruppe V mit schwachen Amplituden wurden angeregt. R kennzeichnet wiederum einen modellbedingten Einsatz, der in der Natur nicht vorkommen kann. Die Gruppen IV und V zählen zum Normal-Moden-Bereich. Wellengruppe I ist eine Leaky-Mode, deren Amplitude im Bergepackenmodell durch Reflexionen am und im Bergepacken nicht mehr vernachlässigbar gering ist, so dass sie zur Flözerkundung ebenfalls mit herangezogen werden kann.
Unterhalb von 35 kHz, also im tieffrequenten Bereich, sind die
ausgezogenen und die gestrichelten Kurven der Gruppengeschwindigkeiten,
die Auskunft über den Energietransport geben, identisch. Zwischen
35 und 80 kHz ist ihr Verlauf qualitativ ähnlich, mit einer
Airy-Phase bei rund 40 kHz. Durch diese Verläufe wird demonstriert,
dass die Dispersion des tieffrequenten Anteils der Krey-Welle
hauptsächlich von der Mächtigkeit des Gesamtflözes
abhängig ist.
Im hochfrequenten Teil der Gruppengeschwindigkeitsdispersionskurven
weisen die ausgezogenen Kurven für das Modell DB1 und die
gepunkteten für die Abfolge mit der Flözmächtigkeit H' =
H = h einen qualitativ ähnlichen Zug auf. Oberhalb von 120 kHz sind
sie nahezu identisch. Dies bedeutet, dass die Dispersion des
hochfrequenten Anteils der Krey-Welle hauptsächlich von der
Mächtigkeit der einzelnen Kohlenschicht abhängig ist. Diese
Schlussfolgerungen gelten in ähnlicher Weise für die
Phasengeschwindigkeitsdispersionskurven.
Die ausgewerteten Phasengeschwindigkeiten der Wellengruppe V (Kreuze in
Abb. 7) liegen auf der theoretischen Dispersionskurve in dem
Frequenzbereich, in dem in den Gruppengeschwindigkeiten für das
Modell DB1 und für die Abfolge Nebengestein-Kohle-Nebengestein (H'
= h + b) die erste Airy-Phase auftritt. Das bedeutet, dass für
die Gruppe V das Gesamtflöz als effektiver Wellenleiter anzusehen
ist.
Die Amplitudenmaxima der Teilchenbewegung in der x-Komponente treten in
beiden Flözen auf. Die Amplituden der x-Komponente nehmen in
Richtung auf die Grenzschichten Kohle-Nebengestein und Kohle-Bergepacken
ab. Die Amplituden der z-Komponente von IV zeigen hingegen hohe
Amplituden an den Grenzen Kohle-Nebengestein und nehmen zur Mitte der
Kohlenflöze ab. Diese Amplituden-Tiefen-Verteilung
ist charakteristisch für die erste symmetrische Mode (d.h. die zweite
allgemeine Mode) der Krey-Welle, wie sie sich in einem Modell mit nur einem
Flöz (vgl. Abb. 3) ausbildet.
Die in der z-Komponente nachgewiesene Wellengruppe V besitzt ihr
Amplitudenmaximum nahe dem Zentrum des Gesamtflözes, hier also in
der Mitte des Bergepackens. Die Amplituden-Tiefen-Verteilung von V ist
die der ersten antisymmetrischen Mode (d.h. die erste allgemeine Mode)
der Krey-Welle für das Gesamtflöz mit der Mächtigkeit H'
= H + h + b. Wellengruppe I repräsentiert erneut eine Leaky-Mode.
Fasst man mehr als die hier gezeigten Ergebnisse von Messungen an
Bergepackenmodellen des DB-Typs zusammen, so lassen sich die Resultate
in einfacher Weise (Abb. 11) darstellen. Auf der Ordinate ist das
Verhältnis AVA aufgetragen. As bedeutet die maximale Amplitude der
Dieses Ergebnis gilt ferner für alle Wellengruppen, die sich bei
einer aus zwei Kohlenschichten und einem Bergepacken bestehenden
Schichtung (DB-Typ) fast auschliesslich in einem Flözteil
ausbreiten.
Dagegen wird die Ausbreitung von solchen Wellengruppen, die sich von
vorneherein im Gesamtflöz ausbreiten, so z.B. Wellengruppe V, weder
durch die Dicke noch durch die Lage des Bergepackens beeinflusst.
Diese und weitere Ergebnisse sind häufig und ausdauernd mit Prof.
Krey diskutiert worden. Er war der Meinung, man müsse bei
bekanntem geometrischen Aufbau des Flözes - diese Voraussetzung
ist durch Aufschlüsse, Auffahrungen und 'Erfahrungen' häufig
erfüllt - vor Beginn der Messungen Dispersionskurven und
Amplituden-Tiefen-Verteilungen theoretisch bestimmen; und dies mit
besonderer Sorgfalt bei Lagerungen mit Bergepacken. Er versprach sich
davon eine verbesserte Identifizierung der gemessenen Kanalwellen und
Kanalwellengruppen. Ebenso war er fest davon überzeugt, für
die Wellenquellen und Geophone die optimalen Positionen in den
Schichtabfolgen bestimmen zu können und, ggfs. durch
Frequenzmanipulation an der Wellenquelle und durch geeignete Wahl der
Geophon-Übertragungs-Funktionen, den Wellentyp erzeugen und messen
zu können, der zur Erkundung eines spezifischen Vorfeldes gerade
"der und nur der passende" ist. Sein besonderes Interesse hatte er auf
die Wellengruppe I gerichtet, die ihm, trotz ihrer
Leaky-Moden-Angehörigkeit, mit ihren relativ grossen
Amplituden wenigstens stossnah zur Vorfelderkundung sehr geeignet
erschien.
Mylonitisierte Zonen
Kohlenflöze werden gelegentlich durch mylonitisierte Zonen
gestört. Diese Zonen sind gebräch, stehen unter hohem Druck
und können Gas binden. Normalerweise sind sie auch Zonen geringer
seismischer Geschwindigkeit und Regionen mit Dichten, die kleiner als
die der Kohle sind. Mylonitisierte Zonen hemmen den wirtschaftlichen
Kohlenabbau und bedeuten eine stete Gefahr hinsichtlich katastrophaler
Explosionen. Die Erkundung solcher Zonen ist demnach besonders wichtig
für Mensch und Kohlengrube.
Tab. 2: Parameter für das Nebengestein, die Kohle und die
mylonitisierte Zone.
In den obigen Beziehungen wurde die Gruppengeschwindigkeit in der
mylonitisierten Zone als bekannt vorausgesetzt. Unter dieser Annahme
können die Interferenzsignale ab einer Zonenbreite von 0,8 m
aufgelöst werden.
Im Falle noch schmalerer mylonitisierter Zonen oder sehr dünner
Strukturen (vgl. Abb. 12) versagt die bisher
vorgestellte
Seismogrammanalyse beim Versuch, den zeitlichen Abstand der das
Interferenzsignal bildenden Einzelreflexionen zu bestimmen.
Insbesondere kann auch nicht festgestellt werden, ob die Reflexionen von
der Verwerfung in Abb. 12b ausgehen oder von der mit der Verwerfung
verbundenen S-förmigen Struktur.
Wendet man das bei Dresen u. Rüter (1994) beschriebene Verfahren
der Bestimmung von Reflektivität und Transmissivität an, so
können zumindest qualitative Kriterien gefunden werden, um z.B.
eine schmale mylonitisierte Zone mit Verwerfung (bzw. eine reine
Verwerfung) von einer S-förmigen mylonitisierten Struktur zu
unterscheiden (vgl. Abb. 12b).
Aus den Seismogramrnen der Abb. 15 kann in keiner Weise geschlossen
werden, ob die Reflexionen von einer reinen Verwerfung oder von einer
Verwerfung mit einer S-förmigen mylonitisierten Struktur
herrühren.
Sehr deutlich treten die Hochpassfilterwirkung bei der
Reflektivität und die Tiefpassfilterwirkung bei der
Transmissivität hervor.
Die Reflektivität für das Modell mit der S-förmigen
mylonitisierten Struktur unterscheidet sich oberhalb von 350 Hz
signifikant von derjenigen des Referenzmodells, das keine
ausgeprägte Hochpassfilterwirkung zeigt. So können die
Form und die Werte der Reflektivitätskurve mindestens als
qualitative Kriterien betrachtet werden, um zwischen einer reinen
Verwerfung und einer Verwerfung mit der üblichen S-förmigen
mylonitisierten Struktur zu unterscheiden.
Die Transmissivitäten für die besprochenen Modelle sind
unterhalb von 250 Hz identisch. Oberhalb von 250 Hz fallen die
Transmissivitäten für die S-förmige mylonitisierte
Struktur im Vergleich zum Referenzmodell stark ab. Form und Werte der
Transmissivitätskurve sind, wie bei der Reflektivität,
ebenfalls ein qualitatives Kriterium um festzustellen, ob eine
Verwerfung zusätzlich durch eine mylonitisierte S-förmige
Struktur gestört ist oder nicht.
Die gerade im Auszug vorgestellten Untersuchungen gehörten zu den
letzten Forschungsarbeiten, die an deutschen Hochschulen auf dem Gebiet
der Flözwellenseismik unternommen worden sind. Die permanente Krise
im Bergbau, der sich eine Krise bei der finanziellen Förderung von
geophysikalischen Arbeiten zur Kohlenexploration anschloss, stimmte
nicht nur die Flözwellenforscher an den Universitäten, sondern
ganz besonders auch Prof. Krey sehr nachdenklich.
Bei letzten Diskussionen mit Prof. Krey stellte er nochmals heraus,
dass gerade die Auflösung von mylonitisierten Zonen durch
Spektral- und Dispersionsanalysen nun wesentlich verbessert werden kann.
Bemerkenswert fand Prof. Krey, dass die hier geschilderten
Untersuchungen an Evison-Wellen, wie 'auch weitere an Krey-Wellen
(Geldmacher et al. 1990), die laterale Weite einer mylonitisierten Zone
bis hinunter zu M = 0,8 m aufzulösen vermögen. Auch die
qualitativen Unterscheidungsmerkmale reiner Verwerfungen im Flöz
von Verwerfungen mit einer mylonitisierten S-förmigen Struktur
durch Reflektivitäts- und Transmissivitätskurven schienen ihm
wert, in die Auswerteverfahren der Flözwellenseismik aufgenommen zu
werden.
Literatur
Der Einfluss der Schichtengeometrie der Bergepackenmodelle wird aus
den Dispersionskurven der Phasen- und Gruppengeschwindigkeiten
CR und UR in der
Abb. 7 sehr deutlich. Die Kurven in dieser Abbildung wurden für die
erste Normal-Mode berechnet. Die ausgezogenen Kurven wurden für das
Modell DB1 berechnet, die gestrichelten Linien beziehen sich auf ein
Flöz, das die Mächtigkeit H' = H + h + b = H besitzt,
[ H ist im Text und Bild überstrichen.]
und die gepunkteten Linien kennzeichnen Dispersionskurven mit einem
Kohlenflöz der Mächtigkeit H' = H = h
Die Amplituden-Tiefen-Verteilungen, die den Seismogrammen der Abb. 8 zu
entnehmen sind, verdeutlichen das Konzept des "effektiven Wellenleiters"
in sehr anschaulicher Weise. Die Wellengruppen IV und V werden in
unterschiedlichen Schichten geführt. IV breitet sich in beiden
Kohlenflözen mit hoher Amplitude aus. Die Energie dieser
Krey-Wellengruppe ist demnach nicht auf das quellenthaltende Flöz
beschränkt.
Werden die Amplituden-Tiefen-Verteilungen A-. und Az aus den x- und
z-Komponenten von Messungen, wie denen in der (s.o.)
Abb. 8, für zwei
Phasen der Wellengruppe IV mit den Phasengeschwindigkeiten 2,1 km/s und
1,95 km/s extrahiert, so ergeben sich die in Abb. 9a dargestellten
Graphen. Ihnen sind theoretische Verteilungen in Abb. 9b
gegenübergestellt. Die Übereinstimmung zwischen Experiment und
Theorie ist zufriedenstellend.
Abb. 10 zeigt nun für den unsymmetrischen Modelltyp DB2 eine
Seismogramm-Sektion, aufgenommen wie die der Abb. 8 (vgl. ebenso
Tab.
1). Nun weist Wellengruppe IV lediglich im quellenthaltenden
Kohlenflöz hohe Amplituden auf, d.h. sie kann sich nur in diesem
Teil der Schichtung ausbreiten.
Gruppe IV im quellenthaltenden Kohlenflöz, A die maximale Amplitude
der Wellengruppe IV im quellfreien Kohlenflöz. Auf der Abszisse ist
der Quotient H/h aufgetragen, wobei h < H vorausgesetzt worden ist. Abb.
11 zeigt, dass die Amplituden der Wellengruppe IV in jedem
Kohlenflöz denselben Wert annehmen, falls der Bergepacken in der
Mitte des Gesamtflözes (H/h =1; AVA = 1) liegt. Steigt H/h an - der
Bergepacken rückt immer näher an das Liegende - so nimmt auch
das Verhältnis H/h zu; folglich erhöht sich die Amplitude im
quellenthaltenden Flözteil ebenfalls.
Die Modelle der mylonitisierten Zone werden mit der Tab. 2 und der Abb.
12 beschrieben. Da Prof. Krey bei seinen Untertagearbeiten stets
Evison-Wellen einsetzte, sei unser letztes Beispiel anhand von
Evison-Wellen und in-situ-Werten vorgeführt.
b(m/s) r(g/cm3)
Nebengestein 2500 2,6
Kohle 1250 1,3
mylonitis. Zone 998 0,98
Die zwei Seismogramm-Sektionen der Evison-Welle (SH-Komponente) in Abb.
13, jeweils entlang der Flözmitte des Zonen-Modells aus Abb. 12a
berechnet, gelten für laterale Ausdehnungen von 8 m und 2,4 m.
Für eine Störungsweite von 8 m erkennt man in Abb. 13a zwei
Reflexionen, eine von der Vorderseite und eine von der Rückseite
der mylonitisierten Zone. Wird der laterale Abstand der Vorder- und
Rückseite bis auf 2,4 m verkürzt, so verschmelzen die
Reflexionssignale zu einem in der Abb. 13b nicht mehr trennbaren
Interferenzsignal. Für weitere Seismogramme von mylonitisierten
Zonen mit Weiten bis hinunter zu 0,47 m gilt die gleiche Aussage.
Ein Verfahren zur exakten zeitlichen Trennung der Reflexionen, auch
oberhalb von 2,4 m, ist durch die modifizierte 'Moving-Window-Analyse'
gegeben (Geldmacher et al. 1990). Abb. 14 zeigt zur Demonstration dieses
Verfahrens Gruppenlangsamkeits-Analysen von reflektierten Evison-Wellen
bei lateralen Zonenbreiten von 8 m und 2,4 m, gemeinsam mit den
passenden theoretischen Dispersionskurven (ausgezogene Linien). Die
Zonen weite M kann bestimmt werden nach 2M = Dt(f)v(f), Dt
= Ds(f)x, mit [Delta] Dt: Zweiwegelaufzeit, abgeleitet aus
den Seismogrammen, v(f): Gruppengeschwindigkeit in der mylonitisierten
Zone, Ds(f): vertikaler Abstand zwischen zwei
Gruppenlangsamkeitskurven (vgl. Abb. 14), f: Frequenz, x: Laufweg der
ersten Reflexion.
Abb. 15 gibt für die Störung mit den Abmessungen nach Abb. 12b
eine synthetische Seismogrammsektion wieder. Dabei wurden folgende
Qualitätsfaktoren Q für die mylonitisierte Kohle (Index mc),
die ungestörte Kohle (Index c) und das Nebengestein (Index r)
verwendet: Qmc = 30;
Qc = 50; Qr = 300.
Abhilfe schafft hier die Reflektivitäts- und
Transmissivitätsanalyse, deren Ergebnisse in Abb. 16a und 16b
dargestellt worden sind.
Ebenfalls sind dort Referenzkurven
(gestrichelte Linien) eingezeichnet, die für ein reines
Verwerfungsmodell ohne mylonitisierte Zone (vgl. Abmessungen in Abb. 12b) gelten.
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Bochum.