Buchbesprechung

L. Lliboutry: Quantitative Geophysics and Geology (2000, 480 S., Springer Verlag, 98,- DM)

R. Meissner, Kiel


Der Autor hat sich ein Leben lang vehement für einen Brückenschlag zwischen Geophysikern und Geologen eingesetzt, nicht zuletzt in seinem 1982 erschienenen Buch " Tectonophysique et Géodynamique". Sein neues 1999 in französisch und 2000 in englisch erschienene Werk "Quantitative Geophysics and Geology" ist eine gewisse Fortsetzung und Modernisierung seines früheren Buches. Eine erste Durchsicht zeigt ein starkes Übergewicht geophysikalischer Themen und fordert einen Vergleich zu klassischen Lehrbüchern heraus, wie z.B. mit den bunt bebilderten und anschaulichen Büchern von Press & Siever (auch deutsch, Spektrum Verlag), die von seiten der Geologie eine Vereinigung der Geowissenschaften anstreben, während Lliboutry versucht, eine Verbindung von seiten der Geophysik durchzuführen. Diese Absicht wird allerdings durch umfangreiche mathematische Behandlungen wohl allenfalls von Geophysikern nachvollzogen werden können.

           

Zunächst wird einleitend in Kapitel 1 (Rational) der große Unterschied zwischen Geophysik und Geologie historisch erklärt, die Nützlichkeit physikalischer Modell erörtert und ein Menge geologischer Gesetzmäßigkeiten auf physikalische Ursachen zurückgeführt. Bekannte philosophische Aspekte schließen das Kapitel ab.

           

Kapitel 2 (Earthquakes and Seismic Exploration) ist sehr selektiv. Es beschreibt verschiedene tektonische Störungsmuster (ohne strike-slip Verwerfungen), die ab Kap.12 behandelt werden, einige (ältere) Seismometer-typen, seismische Wellen und ihre Fortpflanzung, Magnitude, Intensität und sehr grob den Aufbau der Erde. Erst in Kap. 12 werden fraktale Ansätzen und modernen Aspekten der Hazard Reduktion und Vorhersage diskutiert, ab Kap. 14 auch Seismizität und ihre Abhängigkeit von Tiefe und Viskosität, aber in Kap. 2 noch nichts über die für die Tektonik so wichtigen Herd-flächenlösungen. Dazwischen liest man auf einer knappen Seite (!) etwas über die Technik der seismischen Exploration, eine wirklich un-genügende (und längst überholte) Einführung.

           

Kapitel 3 (Petrography and Metamor-phism) beginnt mit einer kurzen Schilderung der Minerale in kristallinen Gesteinen, gefolgt von einer Übersicht über die Gesteinstypen. Die Entstehung und Intrusion oder Effusion von verschiedenen Magmen werden anschaulich geschildert, wobei allerdings alle Betrachtungen über Spurenstoffe fehlen. Diese kommen erst in Kap. 17. Die Beschreibung der Natur der ozeanischen Kruste und des Mantels ist  hier sehr kurz und allgemein gehalten. Plumes, Rücken, Inselbögen werden nicht erwähnt, sie tauchen aber in verschiedenen späteren Kapitel auf. Ringwoods Ideen von 1966 werden ausführlich gewürdigt, und sogar chondritische Meteoriten kommen überraschend vor. Prograde und retrograde Metamorphose werden kritisch er-läutert, und ein besonderer Abschnitt ist den Geo-Thermometern gewidmet, doch werden nur ältere Verfahren und zwei chemische Reaktionen überhaupt erwähnt. Bei Behandlung der Fazies verwechselt der Autor "terrain" und "terrane". In einem großen Phasendiagramm sind die Stabilitätsgrenzen einiger Mineral- und Phasen-übergänge enthalten, wobei allerdings noch einige französische Bezeichnungen enthalten sind. Die abschließende Betrachtung über die kontinentale Kruste auf drei Seiten lässt sich allenfalls als Einführung deuten.

           

Dafür ist das Kapitel 4 (Geomagnetism and Rock-Magnetism) eine gute und umfang-reiche Darstellung, allerdings fast rein geo-physikalisch. Es wird mit seiner mathematischen Betrachtungsweise dem Geologen kaum weiter-helfen, der vermutlich hier auch etwas über Paläomagnetismus und seine Bedeutung, Drift oder die Nützlichkeit magnetischer Stratigraphie gelesen hätte, was allerdings später (Kap.5,6 und 16) angeführt wird. Aber es werden der Aufbau und die Arbeitsweise einiger geomagnetischer Instrumente gezeigt und die verschiedenen Arten der Magnetisierung beschrieben. Auch die verschiedenen Formen des Ferromagnetismus sowie einige geomagnetische und magneto-tellurishe Explorationsmethoden werden ge-schildert. Die magnetischen Umkehrungen werden recht kurz behandelt und schließlich auch die remanente Magnetisierung von Sedimenten erläutert. Der Geophysiker vermißt neue Dynamomodelle (α oder ω), die teilweise in Kap.16 auftreten.

           

Kapitel 5 (Mid Ocean Ridges and Hot Spots) führt uns auf historischem Wege zur Struktur der Ozeanböden, wobei neben den aktiven Rücken und Hot Spots auch Transform Verwerfungen, magnetische Streifenmuster, passive Ränder und die Natur der ozeanischen Lithosphäre behandelt werden. Die Verwendung des Wortes shell (Schale) anstelle von Platte oder Lithosphäre ist angesichts internationaler Terminologie ärgerlich und unnötig. Auch die "Mängel" der Plattentektonik, z.B. keine scharfen Grenzen in manchen Orogenen, werden nun seit über 30 Jahren hinlänglich diskutiert und stellen eigentlich kein Problem dar. Bei Behandlung der Prozesse an aktiven Rücken werden Beispiele von 1965 zitiert, die auf Schwereuntersuchungen beruhen, was zwar historisch interessant ist, aber angesichts vieler genauer seismischen Untersuchungen einen Anachronismus darstellt. Bei den passiven Rändern fehlen Ergebnisse moderner Analysen, die den unterschiedlichen Beitrag vulkanisch-magmatischer Prozesse zeigen. Doch wird die Behandlung des Intra-Platten Vulkanismus und der Hot Spots in Kontinenten und Ozeanen gut durchgeführt und ein möglicher Zusammenhang mit der Riftbildung kritisch beleuchtet.

           

Kapitel 6 (Movement of lithospheric shells) ist wiederum sehr geophysikalisch bzw. kinematisch-geodätisch ausgerichtet. Zweifellos hätte man viele Formeln, wie z.B. die Transformation Kartesischer in Euler Ko-ordinaten im Anhang ansiedeln sollen. Es werden Plattengeschwindigkeiten auch in relativen Winkelgeschwindigkeiten auf der Erdkugel ausgedrückt und, aus Breite und Abstand der magnetischen Streifen, die zeitlich leicht unterschiedlichen Spreading Geschwindigkeiten berechnet. Aus Bohrergebnissen, meist aus Paläofauna und -flora wird die "stratigraphische Chronologie" bestimmt und mit der paläomagnetischen verglichen. Das vom Autor selbst 1972 eingeführte " no-net-rotation" System wird ausführlich begründet und daraus auf die absolute Plattengeschwindigkeit ge-schlossen. Auch wird das "Hot-spot-reference frame" kritisch behandelt und am Beispiel des Pazifik die komplexe, kinematische Entwicklung rekonstruiert. Ein besonderes Kapitel ist der Geodäsie und speziell den einzelnen Verfahren der Satellitengeodäsie und VLBI gewidmet, welche die langfristigen Berechnungen der relativen Plattenbewegung für die letzten 10 Jahre bestätigen.

           

Kapitel 7 (Subduction zones and island arcs) behandelt die tektonischen Prozesse und Besonderheiten des Ozeanbodens, schließt also eigentlich an Kap. 5 an. Es werden Sub-duktionszonen, Tiefseegräben, Back-arc und Fore-arc Becken sowie verschiedene Akkretions-prismen besprochen. Größtenteils wird wieder ältere - wenn auch gute - klassische - Literatur zitiert. Eine sehr schöne Tabelle gibt  die Subduktionsraten in km/Ma an. Auch die Seismizität innerhalb subduzierender Platten (Literatur bis etwa 1977) wird analysiert und aus der seismischen Güte wird auf die unterschiedliche Temperatur in Platte und Umgebung geschlossen. Auch Ophiolite werden (erneut) behandelt und weitere Besonderheiten von verschiedenen Kollisionen anschaulich dargestellt.

           

Kapitel 8 (Earth rotation, gravimetry, and isostasy) hat wiederum einen rein geo-physikalischen Charakter. Zunächst wird die unregelmäßige Rotation der Erde in ver-schiedenen Referenzsystemen behandelt, gefolgt von der Beschreibung des Schwerepotentials. Geoid - und Schwereverlauf über verschiedenen Dichte- und Topographie-Anomalien werden erläutert. Es werden die absolute und relative Schwere erklärt und die Bouguer Anomalie mit ihren verschiedenen Korrekturen besonders herausgestellt. Auch die Isostasie mit isosta-tischen und hydrostatischen Ansätzen und ihre Bedeutung bei vertikalen Bewegungen, Erosion etc. werden in einfachen Formeln klar dargestellt, und es werden sogar verschiedene Zeitwerte für verschiedene isostatische Prozesse angegeben. Auch Rotation und Drehmoment des Erde-Mond-Systems werden behandelt und dabei die wachsende Entfernung des Mondes verbunden mit der Verlangsamung der Erdrotation besprochen. Auch Gezeitenreibung und die nicht-Gezeiten bedingten Fluktuationen der Erd-rotation werden behandelt, während zum Abschluß alte und moderne Theorien der Entstehung des Mondes aufgeführt werden.

           

Kapitel 9 (Terrestrial Heat) widmet sich ebenfalls einem vorwiegend geophysikalischen Thema. Beginnend mit der allgemeinen Wärme-leitungsgleichung und dem Temperatur-gradienten werden spezielle Fälle mathematisch formuliert und gelöst. Auch mehr aktuelle Probleme wie die thermische Entwicklung im driftenden Ozeanboden und in einer ab-tauchenden Platte werden modellmäßig be-schrieben. Auch wird Gutenbergs "low velocity zone" analysiert (das Wort Asthenosphäre kommt nicht vor), es wird die besondere Radioaktivität in einer "granitischen" Kruste behandelt und der Wärmefluß als Funktion des Alters für Kontinente und Ozeane angegeben. Seismische Tomographie als Schlüssel zur Temperaturverteilung im Mantel wird kurz erwähnt, allerdings ohne irgendwelche neueren Ansätze. Zum Schluß wird wieder die "low velocity zone" in verschiedenen Kratonen behandelt und kritisch hinterfragt.

           

Kapitel 10 (Elastic and isoviscous media) hat ebenfalls einen recht physikalisch-mathematischen Charakter. Zunächst werden die Spannungs- und Dehnungstensoren, teilweise in moderner Schreibweise, dargestellt und miteinander verknüpft. Es werden sehr klar die Unterschiede zwischen elastischen und viskosen Eigenschaften erklärt und die bekannten Spannungs-Dehnungsbeziehungen bis hin zur Wellengleichung weiterentwickelt (isotrop). Auch die Viskosität wird isotrop behandelt. Es folgen spezielle Probleme  wie sie bei der Belastung einer elastischen oder isoviskosen Schicht oder beim Fluß in einem Zylinder auftreten. Zum Schluß, etwas für die Praxis, werden Permeabilität und Porosität von Böden behandelt und Fluidbewegungen mit Darcy- und Korzeny Gesetzen anschaulich gemacht.

           

Kapitel 11 (Rock creep) schließt thema-tisch an Kap. 10 an, wobei die Unterschiede zwischen "flow","creep" und "plasticity" etwas verschwommen bleiben. Doch werden sehr schön spröde (brittle) und duktile Prozesse erklärt und das Kriechverhalten der verschiedenen Minerale unter Spannung dar-gestellt. Auch die verschiedenen Arten von Kriechen werden gut erläutert. Die Dislokationen in Kristallen und die Rolle von Punkt-Defekten werden erklärt, wobei so manche historische Entwicklung eine Vertiefung des Stoffes erbringt. Der Abschnitt über mikro- und makroskopisches Kriechen mit Rekristallisation, strain hardening and softening ist ebenfalls lehrreich. Die Schilderung einiger weniger (französischer) Kriechversuche wirkt angesichts der Fülle moderner Versuche in fast allen Ländern der Erde recht überholt. Zum Schluß werden (endlich) anisotropes Verhalten und einige anisotrope Materialien  erwähnt, aber nur recht kurz und wenig spezifisch. Man erkennt keine Beziehung zu den aktuellen Problemen in Kruste und Mantel.

           

Kapitel 12 (Rock fracture and earth-quake prediction) beginnt mit der Berechnung von Haupt- und Scherspannungen auf einer Ebene, man liest über duktile und spröde Brüche und über den Mohrschen Spannungskreis. Interessant ist die Behandlung der mikro-skopischen Bruchmechanismen, wobei auch die Entwicklung von Mikrocracks und Dilatanz angesprochen wird. Über die her-kömmliche Beschreibung von Plastizität und Standard Körper kommt man zur Bodenplastizität in Sand, Silt und Ton. Es folgen Bruchmechanismen für Flachbeben (später auch für Tiefbeben) und einfache Herdmechanismen, an die sich Ab-schnitte über stick-slip Bewegungen und Wieder-kehrzeiten anschließen. Auch aseismische Vor-gänge an Verwerfungen und die Entwicklung von Subduktionszonen werden hier behandelt, was wiederum durch recht ältere - teilweise klassische - Referenzen untermauert wird. Über "seismic hazards" und Paläoseismizität kommt der Autor zu langfristigen und kurzfristigen Vorhersagen (besser hätte man "Prediction" und "Forecast" verwendet), alles etwas unkritisch reflektiert. Auch in den letzten Abschnitten hätte man gerne etwas über moderne Entwicklungen gelesen, was über Coulomb hinausgeht, aber nicht einmal die nun auch schon klassischen Arbeiten von Weertman, Byerlee oder Jeanloz werden erwähnt.

           

Kapitel 13 (Mechanism of lithospheric plates) beginnt mit der Modellierung einer elastischen Platte und behandelt die Verbiegung einer ozeanischen Platte unter verschiedenen Randbedingungen. Leider wird der seit langem verwendete Begriff "flexural rigidity" gar nicht erwähnt. Interessante Korrelationen zwischen Topographie und Bouguer Anomalie werden geschildert und für verschieden alte Platten wird die Dicke der elastische Lithosphären angegeben, wobei auf den Temperatureffekt hingewiesen wird. Der Abschnitt über Spannungsmessungen in der Kruste ist stark ergänzungsbedürftig. Es wird sodann über den Antriebsmechanismus von Platten gesprochen, über den "ridge push", über "slab pull" und über Reibungsmechanismen. Ein Abschnitt wirft die Frage nach den Kräften erneut auf, und schließlich wird eine seitliche Extrusion (escape) tektonischer Einheiten mit einem "perfect plastic model" erklärt, wobei die damals genialen, doch heute recht simpel erscheinenden Modelle von Tapponier und Le Pichon aus den 70er Jahren übernommen werden, die allerdings durch einige neue tektonische Beispiele ergänzt werden.

           

Kapitel 14 (Orogenic processes) beginnt zunächst mit erklärenden und historisch ausgeführten geologischen Entwicklungen und Altersbestimmungen (allerdings ohne radiogene Methoden, die in Kap. 17 enthalten sind). Es folgt eine Beschreibung des historischen Konzepts der Geosynklinalen und Orogenesen, die von einem Exkurs über "faults" und "folds" begleitet wird. Einige Orogene werden kurz beschrieben. Ab Mitte des Kapitels erscheinen wieder Modellrechnungen über den Beginn von "folding", über Gleichgewichtsbedingungen einer elastischen Platte unter Spannung und einer viskosen Schicht. Es folgt eine Betrachtung über Deckenüberschiebungen und die Rolle der Schwerkraft. Speziell werden sehr weite Überschiebungen (einige 100 km) während einer Orogenese betrachtet und einige Konsequenzen über Überschiebungsbahnen gezogen. Histori-sche Betrachtungen begleiten die geologischen Argumente eindrucksvoll. Ein Profil durch den Himalaya und Tibet nach Ratschbacher (1994) wird gezeigt, in späteren Abschnitten und anderen Kapiteln folgen weitere ähnliche Profile. Erwärmung und mechanische Eigenschaften der kontinentalen Lithosphäre werden (noch einmal) aufgeführt. Der Autor schlägt vor, die Unter-kruste "crustal asthenosphere" zu benennen, ein Vorschlag, der vor etwa 12 Jahren von Turcotte gemacht wurde, sich aber wegen der unterschiedlichen Viskosität kalter und warmer Krusten nicht durchgesetzt hat. Es werden "post orogenic subsidence" durch "outflow" der Unterkruste erklärt. Es folgen (wieder) Spannungs-berechnungen, diesmal im Zu-sammenhang mit Exhumierung durch "Retro-Subduktion", begleitet durch einige praktische Beispiele, meist aus dem Himalaya-Tibet Gebiet. Schließlich werden Extensionsprozesse wie Rifts, Gräben und Aulakogene sowie passive Kontinentalränder kurz erwähnt und ältere Beispiele vom Roten Meer gezeigt.

           

Kapitel 15 (A short history of the Mesozoic and Paleozoic) beginnt mit der Bildung und dem Zerfall Pangäas. Etwa ab Mitte Devon (360 Ma) beginnt das Zusammenwachsen verschiedener Kontinente, wobei der Autor (wieder) die Bildung von SE Asien beschreibt. Hier wird auch das Andocken Indiens (60 Ma) bis zur heutigen Zeit verfolgt. Die Entwicklung der Tethys mit ihren angrenzenden, sich verschiebenden und rotierenden Kontinenten erhält ebenfalls eine besondere Aufmerksamkeit. Gebirgsbildende Prozesse am Beispiel der Alpen werden erläutert, aber auch alle Strukturen im heutigen Mittelmeer, wie Inseln, Bögen und Becken (Autor: krigogenic) werden ausführlich beschrieben. Abschließend erfolgt eine kurze Übersicht über die Entwicklung des Westindien - Inselbogens, der Karibik und der tektonischen Isolation der Antarktis. Dieses Kapitel ist mit vielen anschaulichen, meist älteren, Abbildungen versehen. Während neue Untersuchungen, z.B. das tiefenseismische ECORS-CROP Profil durch die Westalpen,1990, erwähnt werden, bleiben die vorhergehenden und umfangreicheren Unter-suchung der Schweizer Arbeitsgruppen unerwähnt.

           

Kapitel 16 (Polar wander and conti-nental drift during the Paleozoic) hätte eigentlich zu Kap. 15 gehört. Es beginnt mit einer Beschreibung der "astronomischen Klima Faktoren" (ohne Milankovich zu erwähnen), gefolgt von Abschnitten über die Bewegungen des geographischen und des geomagnetischen Pols, wobei das "hot spot reference frame" kritisch hinterfragt wird. Als Hauptgrund für die Bewegungen werden variierende Konvektions-ströme im Mantel angesehen. Überraschend folgen dann einige neuere Ergebnisse über den Geodynamo (die eigentlich zu Kap. 4 gehört hätten). Zwar sucht man vergebens nach einigen grundlegenden Formeln aus der Magneto-Hydrodynamik, doch werden neue Ergebnisse über den inneren Erdkern und seine etwas schnellere Rotation erwähnt. Es folgen Abschnitte über virtuelle geomagnetische Pole, über die mittlere geomagnetische Pol Position und seine Drift, gefolgt von einem Exkurs über orogene Phasen im Paläzoikum (hätte eigentlich v o r  Kap. 15 gehört) mit schönen Bildern über die Lage der Kontinente vom Kambrium bis zum Devon. Auch werden Bildung und Zerfall Rodinias beschrieben, allerdings mit Referenzen bis etwa 1992 (heute etwas anders gedeutet). Das Kapitel schließt mit einer kurzen Beschreibung der Kontinentaldrift zwischen 1000 und 500 Ma.

           

Kapitel 17 (Mantle chemistry and conti-nent formation) erscheint recht heterogen. Es beginnt mit der Behandlung der Hoch-drucktechnik, sowohl Stoßwellenversuche wie auch statische Kompressionsexperimente, und beschreibt darauf aufbauend die Dichte-verteilung im Erdmantel. Es folgt dann die Beschreibung des Verhaltens von (unter-schiedlich dichten) abtauchenden Platten, die Argumente für den Mechanismus tiefer Seismizität und gewisse Daten seismischer Tomographie. Ab Mitte des Kapitels wird die Nuklearsynthese und die natürliche Radio-aktivität behandelt. Es folgen einige grund-legende Formeln des Zerfalls, ein Exkurs über die (astrophysikalischen) Berechnungen der Ent-stehung der schweren Elemente, sodann die Datierungen für kleine Alter, dabei sehr kurz die Methoden 14C, 234U und die Dendrochronologie. Erst danach folgt eine Behandlung der „klassischen“ Methoden für große Alter (Rb/Sr, K/Ar, Ar/Ar, U/Pb und Pb/Pb), alles recht gedrängt; die Sm/Nd und neuere Methoden werden kaum erwähnt. Es schließt sich an ein Abschnitt über die Entstehung und Formung der Erde, gefolgt (wieder) von eine Beschreibung von Chondriten und ihrem Einfluß für den Erdaufbau. Der letzte Abschnitt behandelt die fortschreitende Bildung der Kontinente und das „Recycling“ ozeanischer Platten (nicht mehr "Schalen"). Das Kapitel enthält zwar einige neuere Aspekte, doch stört der Gebrauch einer recht eigenwilligen Schreibweise für die Isotope (z.B. Rb-87, anstatt 87Rb).

           

Kapitel 18 (Glaciations, glacial isostasy, and sea level) befasst sich mit den Ver-gletscherungen und ihren Konsequenzen, einem Thema, dem sich der Forscher Lliboutry stets besonders gewidmet hat. Nach einer allgemeinen und historischen Einfügung in die Terminologie folgt zunächst ein Abschnitt über die Vergletscherungen vor dem Pleistozän, und man erhält einige selektive Informationen (allerdings noch nichts über Hoffman`s „Snowball Earth“ am Ausgang des Proterozoikums). Die Ver-gletscherungen und die Meerespiegel-schwankungen im Pleistozän sind mit vielen klassischen Befunden aus Europa und Kanada belegt. Auch die glaziale Isostasie wird aus-führlich behandelt und durch eine Reihe von rheologischen Modellrechnungen vertieft, eine „Maxwell-Erde“ wird besprochen, doch fehlen eigentlich Betrachtungen über die dominierende und begrenzende Rolle der Asthenosphäre. Das Kapitel schließt mit einigen kritischen Be-trachtungen über die verschiedenen klassischen Modelle und einer geplanten Berücksichtigung von Inhomogenitäten.

           

Kapitel 19 (Thermal convection in the mantle) beginnt mit der Formulierung, teilweise einer Wiederholung von Formeln aus Kap.10, wobei ein klassischer Pfad über die Bénard-Boussinesq-Konvektionsgleichungen genommen wird. Ein moderner Abschnitt (leider ohne Literaturangaben) beginnt mit einer Behandlung der Lorenz-Gleichungen mit Verzweigungen (Bifurcations), wobei auch „strange“ und „periodic“ Attraktoren erwähnt werden, ohne daß allerdings irgendwelche Anwendungen gezeigt werden. Allerdings folgen Abschnitte über (physikalische) Chaos-Experimente und über die Temperaturverteilung im Erdinnern, die superadiabatisch sein mag und chaotische Konvektion zulassen mag, wobei Rayleigh-, Prandl- und Nusselt Zahlen abgeschätzt werden. Komplizierte Viskositätsverteilungen, z. B. in der Umgebung abtauchender Platten, sowie Turbulenz und Vermischung werden dabei ebenfalls durch numerische Simulationen behandelt. Schließlich wird die besondere Rolle der D- Schicht (am Erdkern) und die Entstehung von Plumes wieder aufgegriffen und mit den Ergebnissen neuerer Tomographie verglichen, wobei die besondere Rolle der Viskositäts-verteilung und - entwicklung hervorgehoben wird.

           

Ein Appendix enthält einfache mathematische Formeln, die zum Rüstzeug eines Geophysikers gehören. Außerdem sind vereinfachend die geologischen Formationen und Epochen sowie die paläomagnetische Zeitskale bis zur Kreide aufgeführt.

 

Fazit

Der Autor hat ein bemerkenswertes Lehrbuch geschrieben, das viele historische Einführungen beschreibt und das eine Fülle von meist geophysikalischem, weniger geologischem, Wissensstoff enthält. Ich kenne kein Lehrbuch, das mehr theoretische und mathematisch-physikalische Zusammenhänge und In-formationen über den Aufbau der Erde zusammen-getragen hat. Man spürt förmlich die langjährige Erfahrung eines vielbelesenen Forschers und Lehrers, der sicher nicht die neuesten Entwicklungen verfolgt hat, aber doch den historischen Werdegang immer wieder aufzeigt und vertieft. Allerdings fragt man sich, an wen das Lehrbuch gerichtet sein soll; sicher nicht an traditionelle Geologen oder Geologiestudenten, die mit den theoretisch - mathematischen Formulierungen überfordert sein dürften; eher schon an Geophysiker, die Historie und Zusammenhang geophysikalischer Phänomene und die Entwicklung der Ideen verfolgen und Zusanmenhänge zu bestimmten Aspekten geologischen Wissens herstellen möchten.