Buchbesprechung
L.
Lliboutry: Quantitative Geophysics and Geology (2000, 480 S., Springer Verlag,
98,- DM)
Zunächst wird einleitend
in Kapitel 1 (Rational) der
große Unterschied zwischen Geophysik und Geologie historisch erklärt, die
Nützlichkeit physikalischer Modell erörtert und ein Menge geologischer Gesetzmäßigkeiten
auf physikalische Ursachen zurückgeführt. Bekannte philosophische Aspekte
schließen das Kapitel ab.
Kapitel 2 (Earthquakes and Seismic Exploration) ist
sehr selektiv. Es beschreibt verschiedene tektonische Störungsmuster (ohne
strike-slip Verwerfungen), die ab Kap.12 behandelt werden, einige (ältere)
Seismometer-typen, seismische Wellen und ihre Fortpflanzung, Magnitude, Intensität
und sehr grob den Aufbau der Erde. Erst in Kap. 12 werden fraktale Ansätzen
und modernen Aspekten der Hazard Reduktion und Vorhersage diskutiert, ab Kap.
14 auch Seismizität und ihre Abhängigkeit von Tiefe und Viskosität, aber in
Kap. 2 noch nichts über die für die Tektonik so wichtigen Herd-flächenlösungen.
Dazwischen liest man auf einer knappen Seite (!) etwas über die Technik der
seismischen Exploration, eine wirklich un-genügende (und längst überholte)
Einführung.
Kapitel 3 (Petrography and Metamor-phism) beginnt
mit einer kurzen Schilderung der Minerale in kristallinen Gesteinen, gefolgt
von einer Übersicht über die Gesteinstypen. Die Entstehung und Intrusion oder
Effusion von verschiedenen Magmen werden anschaulich geschildert, wobei allerdings
alle Betrachtungen über Spurenstoffe fehlen. Diese kommen erst in Kap. 17.
Die Beschreibung der Natur der ozeanischen Kruste und des Mantels ist
hier sehr kurz und allgemein gehalten. Plumes, Rücken, Inselbögen werden
nicht erwähnt, sie tauchen aber in verschiedenen späteren Kapitel auf. Ringwoods
Ideen von 1966 werden ausführlich gewürdigt, und sogar chondritische Meteoriten
kommen überraschend vor. Prograde und retrograde Metamorphose werden kritisch
er-läutert, und ein besonderer Abschnitt ist den Geo-Thermometern gewidmet,
doch werden nur ältere Verfahren und zwei chemische Reaktionen überhaupt erwähnt.
Bei Behandlung der Fazies verwechselt der Autor "terrain" und "terrane".
In einem großen Phasendiagramm sind die Stabilitätsgrenzen einiger Mineral-
und Phasen-übergänge enthalten, wobei allerdings noch einige französische
Bezeichnungen enthalten sind. Die abschließende Betrachtung über die kontinentale
Kruste auf drei Seiten lässt sich allenfalls als Einführung deuten.
Dafür ist das Kapitel
4 (Geomagnetism and Rock-Magnetism) eine gute
und umfang-reiche Darstellung, allerdings fast rein geo-physikalisch. Es wird
mit seiner mathematischen Betrachtungsweise dem Geologen kaum weiter-helfen,
der vermutlich hier auch etwas über Paläomagnetismus und seine Bedeutung,
Drift oder die Nützlichkeit magnetischer Stratigraphie gelesen hätte, was
allerdings später (Kap.5,6 und 16) angeführt wird. Aber es werden der Aufbau
und die Arbeitsweise einiger geomagnetischer Instrumente gezeigt und die verschiedenen
Arten der Magnetisierung beschrieben. Auch die verschiedenen Formen des Ferromagnetismus
sowie einige geomagnetische und magneto-tellurishe Explorationsmethoden werden
ge-schildert. Die magnetischen Umkehrungen werden recht kurz behandelt und
schließlich auch die remanente Magnetisierung von Sedimenten erläutert. Der
Geophysiker vermißt neue Dynamomodelle (α oder ω), die teilweise
in Kap.16 auftreten.
Kapitel 5 (Mid Ocean Ridges and Hot Spots) führt uns
auf historischem Wege zur Struktur der Ozeanböden, wobei neben den aktiven
Rücken und Hot Spots auch Transform Verwerfungen, magnetische Streifenmuster,
passive Ränder und die Natur der ozeanischen Lithosphäre behandelt werden.
Die Verwendung des Wortes shell
(Schale) anstelle von Platte oder Lithosphäre ist angesichts internationaler
Terminologie ärgerlich und unnötig. Auch die "Mängel" der Plattentektonik,
z.B. keine scharfen Grenzen in manchen Orogenen, werden nun seit über 30 Jahren
hinlänglich diskutiert und stellen eigentlich kein Problem dar. Bei Behandlung
der Prozesse an aktiven Rücken werden Beispiele von 1965 zitiert, die auf
Schwereuntersuchungen beruhen, was zwar historisch interessant ist, aber angesichts
vieler genauer seismischen Untersuchungen einen Anachronismus darstellt. Bei
den passiven Rändern fehlen Ergebnisse moderner Analysen, die den unterschiedlichen
Beitrag vulkanisch-magmatischer Prozesse zeigen. Doch wird die Behandlung
des Intra-Platten Vulkanismus und der Hot Spots in Kontinenten und Ozeanen
gut durchgeführt und ein möglicher Zusammenhang mit der Riftbildung kritisch
beleuchtet.
Kapitel 6 (Movement of lithospheric shells) ist wiederum
sehr geophysikalisch bzw. kinematisch-geodätisch ausgerichtet. Zweifellos
hätte man viele Formeln, wie z.B. die Transformation Kartesischer in Euler
Ko-ordinaten im Anhang ansiedeln sollen. Es werden Plattengeschwindigkeiten
auch in relativen Winkelgeschwindigkeiten auf der Erdkugel ausgedrückt und,
aus Breite und Abstand der magnetischen Streifen, die zeitlich leicht unterschiedlichen
Spreading Geschwindigkeiten berechnet. Aus Bohrergebnissen, meist aus Paläofauna
und -flora wird die "stratigraphische Chronologie" bestimmt und
mit der paläomagnetischen verglichen. Das vom Autor selbst 1972 eingeführte
" no-net-rotation" System wird ausführlich begründet und daraus
auf die absolute Plattengeschwindigkeit ge-schlossen. Auch wird das "Hot-spot-reference
frame" kritisch behandelt und am Beispiel des Pazifik die komplexe, kinematische
Entwicklung rekonstruiert. Ein besonderes Kapitel ist der Geodäsie und speziell
den einzelnen Verfahren der Satellitengeodäsie und VLBI gewidmet, welche die
langfristigen Berechnungen der relativen Plattenbewegung für die letzten 10
Jahre bestätigen.
Kapitel 7 (Subduction zones and island arcs) behandelt
die tektonischen Prozesse und Besonderheiten des Ozeanbodens, schließt
also eigentlich an Kap. 5 an. Es werden Sub-duktionszonen, Tiefseegräben,
Back-arc und Fore-arc Becken sowie verschiedene Akkretions-prismen besprochen.
Größtenteils wird wieder ältere - wenn auch gute - klassische - Literatur
zitiert. Eine sehr schöne Tabelle gibt die Subduktionsraten in km/Ma an. Auch die
Seismizität innerhalb subduzierender Platten (Literatur bis etwa 1977) wird
analysiert und aus der seismischen Güte wird auf die unterschiedliche Temperatur
in Platte und Umgebung geschlossen. Auch Ophiolite werden (erneut) behandelt
und weitere Besonderheiten von verschiedenen Kollisionen anschaulich dargestellt.
Kapitel 8 (Earth rotation, gravimetry, and isostasy)
hat wiederum einen rein geo-physikalischen Charakter. Zunächst wird die unregelmäßige
Rotation der Erde in ver-schiedenen Referenzsystemen behandelt, gefolgt von
der Beschreibung des Schwerepotentials. Geoid - und Schwereverlauf über verschiedenen
Dichte- und Topographie-Anomalien werden erläutert. Es werden die absolute
und relative Schwere erklärt und die Bouguer Anomalie mit ihren verschiedenen
Korrekturen besonders herausgestellt. Auch die Isostasie mit isosta-tischen
und hydrostatischen Ansätzen und ihre Bedeutung bei vertikalen Bewegungen,
Erosion etc. werden in einfachen Formeln klar dargestellt, und es werden sogar
verschiedene Zeitwerte für verschiedene isostatische Prozesse angegeben. Auch
Rotation und Drehmoment des Erde-Mond-Systems werden behandelt und dabei die
wachsende Entfernung des Mondes verbunden mit der Verlangsamung der Erdrotation
besprochen. Auch Gezeitenreibung und die nicht-Gezeiten bedingten Fluktuationen
der Erd-rotation werden behandelt, während zum Abschluß alte und moderne Theorien
der Entstehung des Mondes aufgeführt werden.
Kapitel 9 (Terrestrial Heat) widmet sich ebenfalls
einem vorwiegend geophysikalischen Thema. Beginnend mit der allgemeinen Wärme-leitungsgleichung
und dem Temperatur-gradienten werden spezielle Fälle mathematisch formuliert
und gelöst. Auch mehr aktuelle Probleme wie die thermische Entwicklung im
driftenden Ozeanboden und in einer ab-tauchenden Platte werden modellmäßig
be-schrieben. Auch wird Gutenbergs "low velocity zone" analysiert
(das Wort Asthenosphäre kommt nicht vor), es wird die besondere Radioaktivität
in einer "granitischen" Kruste behandelt und der Wärmefluß als Funktion
des Alters für Kontinente und Ozeane angegeben. Seismische Tomographie als
Schlüssel zur Temperaturverteilung im Mantel wird kurz erwähnt, allerdings
ohne irgendwelche neueren Ansätze. Zum Schluß wird wieder die "low velocity
zone" in verschiedenen Kratonen behandelt und kritisch hinterfragt.
Kapitel 10 (Elastic and isoviscous media) hat ebenfalls
einen recht physikalisch-mathematischen Charakter. Zunächst werden die Spannungs-
und Dehnungstensoren, teilweise in moderner Schreibweise, dargestellt und
miteinander verknüpft. Es werden sehr klar die Unterschiede zwischen elastischen
und viskosen Eigenschaften erklärt und die bekannten Spannungs-Dehnungsbeziehungen
bis hin zur Wellengleichung weiterentwickelt (isotrop). Auch die Viskosität
wird isotrop behandelt. Es folgen spezielle Probleme
wie sie bei der Belastung einer elastischen oder isoviskosen Schicht
oder beim Fluß in einem Zylinder auftreten. Zum Schluß, etwas für die Praxis,
werden Permeabilität und Porosität von Böden behandelt und Fluidbewegungen
mit Darcy- und Korzeny Gesetzen anschaulich gemacht.
Kapitel 11 (Rock creep) schließt thema-tisch an Kap.
10 an, wobei die Unterschiede zwischen "flow","creep"
und "plasticity" etwas verschwommen bleiben. Doch werden sehr schön
spröde (brittle) und duktile Prozesse
erklärt und das Kriechverhalten der verschiedenen Minerale unter Spannung
dar-gestellt. Auch die verschiedenen Arten von Kriechen werden gut erläutert.
Die Dislokationen in Kristallen und die Rolle von Punkt-Defekten werden erklärt,
wobei so manche historische Entwicklung eine Vertiefung des Stoffes erbringt.
Der Abschnitt über mikro- und makroskopisches Kriechen mit Rekristallisation,
strain hardening and softening ist ebenfalls
lehrreich. Die Schilderung einiger weniger (französischer) Kriechversuche
wirkt angesichts der Fülle moderner Versuche in fast allen Ländern der Erde
recht überholt. Zum Schluß werden (endlich) anisotropes Verhalten und einige
anisotrope Materialien erwähnt, aber
nur recht kurz und wenig spezifisch. Man erkennt keine Beziehung zu den aktuellen
Problemen in Kruste und Mantel.
Kapitel 12 (Rock fracture and earth-quake prediction)
beginnt mit der Berechnung von Haupt- und Scherspannungen auf einer Ebene,
man liest über duktile und spröde Brüche und über den Mohrschen Spannungskreis.
Interessant ist die Behandlung der mikro-skopischen Bruchmechanismen, wobei
auch die Entwicklung von Mikrocracks und Dilatanz angesprochen wird. Über
die her-kömmliche Beschreibung von Plastizität und Standard Körper kommt man
zur Bodenplastizität in Sand, Silt und Ton. Es folgen Bruchmechanismen für
Flachbeben (später auch für Tiefbeben) und einfache Herdmechanismen, an die
sich Ab-schnitte über stick-slip
Bewegungen und Wieder-kehrzeiten anschließen. Auch aseismische Vor-gänge an
Verwerfungen und die Entwicklung von Subduktionszonen werden hier behandelt,
was wiederum durch recht ältere - teilweise klassische - Referenzen untermauert
wird. Über "seismic hazards" und Paläoseismizität kommt der Autor
zu langfristigen und kurzfristigen Vorhersagen (besser hätte man "Prediction"
und "Forecast" verwendet), alles etwas unkritisch reflektiert. Auch
in den letzten Abschnitten hätte man gerne etwas über moderne Entwicklungen
gelesen, was über Coulomb hinausgeht, aber nicht einmal die nun auch schon
klassischen Arbeiten von Weertman, Byerlee oder Jeanloz werden erwähnt.
Kapitel 13 (Mechanism of lithospheric plates) beginnt
mit der Modellierung einer elastischen Platte und behandelt die Verbiegung
einer ozeanischen Platte unter verschiedenen Randbedingungen. Leider wird
der seit langem verwendete Begriff "flexural rigidity" gar nicht
erwähnt. Interessante Korrelationen zwischen Topographie und Bouguer Anomalie
werden geschildert und für verschieden alte Platten wird die Dicke der elastische
Lithosphären angegeben, wobei auf den Temperatureffekt hingewiesen wird. Der
Abschnitt über Spannungsmessungen in der Kruste ist stark ergänzungsbedürftig.
Es wird sodann über den Antriebsmechanismus von Platten gesprochen, über den
"ridge push", über "slab pull" und über Reibungsmechanismen.
Ein Abschnitt wirft die Frage nach den Kräften erneut auf, und schließlich
wird eine seitliche Extrusion (escape) tektonischer Einheiten mit einem "perfect plastic model"
erklärt, wobei die damals genialen, doch heute recht simpel erscheinenden
Modelle von Tapponier und Le Pichon aus den 70er Jahren übernommen werden,
die allerdings durch einige neue tektonische Beispiele ergänzt werden.
Kapitel 14 (Orogenic processes) beginnt zunächst mit
erklärenden und historisch ausgeführten geologischen Entwicklungen und Altersbestimmungen
(allerdings ohne radiogene Methoden, die in Kap. 17 enthalten sind). Es folgt
eine Beschreibung des historischen Konzepts der Geosynklinalen und Orogenesen,
die von einem Exkurs über "faults" und "folds" begleitet
wird. Einige Orogene werden kurz beschrieben. Ab Mitte des Kapitels erscheinen
wieder Modellrechnungen über den Beginn von "folding", über Gleichgewichtsbedingungen
einer elastischen Platte unter Spannung und einer viskosen Schicht. Es folgt
eine Betrachtung über Deckenüberschiebungen und die Rolle der Schwerkraft.
Speziell werden sehr weite Überschiebungen (einige 100 km) während einer Orogenese
betrachtet und einige Konsequenzen über Überschiebungsbahnen gezogen. Histori-sche
Betrachtungen begleiten die geologischen Argumente eindrucksvoll. Ein Profil
durch den Himalaya und Tibet nach Ratschbacher (1994) wird gezeigt, in späteren
Abschnitten und anderen Kapiteln folgen weitere ähnliche Profile. Erwärmung
und mechanische Eigenschaften der kontinentalen Lithosphäre werden (noch einmal)
aufgeführt. Der Autor schlägt vor, die Unter-kruste "crustal asthenosphere"
zu benennen, ein Vorschlag, der vor etwa 12 Jahren von Turcotte gemacht wurde,
sich aber wegen der unterschiedlichen Viskosität kalter und warmer Krusten
nicht durchgesetzt hat. Es werden "post orogenic subsidence" durch
"outflow" der Unterkruste erklärt. Es folgen (wieder) Spannungs-berechnungen,
diesmal im Zu-sammenhang mit Exhumierung durch "Retro-Subduktion",
begleitet durch einige praktische Beispiele, meist aus dem Himalaya-Tibet
Gebiet. Schließlich werden Extensionsprozesse wie Rifts, Gräben und Aulakogene
sowie passive Kontinentalränder kurz erwähnt und ältere Beispiele vom Roten
Meer gezeigt.
Kapitel 15 (A short history of the Mesozoic and Paleozoic)
beginnt mit der Bildung und dem Zerfall Pangäas. Etwa ab Mitte Devon (360
Ma) beginnt das Zusammenwachsen verschiedener Kontinente, wobei der Autor
(wieder) die Bildung von SE Asien beschreibt. Hier wird auch das Andocken
Indiens (60 Ma) bis zur heutigen Zeit verfolgt. Die Entwicklung der Tethys
mit ihren angrenzenden, sich verschiebenden und rotierenden Kontinenten erhält
ebenfalls eine besondere Aufmerksamkeit. Gebirgsbildende Prozesse am Beispiel
der Alpen werden erläutert, aber auch alle Strukturen im heutigen Mittelmeer,
wie Inseln, Bögen und Becken (Autor: krigogenic) werden ausführlich beschrieben.
Abschließend erfolgt eine kurze Übersicht über die Entwicklung des Westindien
- Inselbogens, der Karibik und der tektonischen Isolation der Antarktis. Dieses
Kapitel ist mit vielen anschaulichen, meist älteren, Abbildungen versehen.
Während neue Untersuchungen, z.B. das tiefenseismische ECORS-CROP Profil durch
die Westalpen,1990, erwähnt werden, bleiben die vorhergehenden und umfangreicheren
Unter-suchung der Schweizer Arbeitsgruppen unerwähnt.
Kapitel 16 (Polar wander and conti-nental drift during
the Paleozoic) hätte eigentlich zu Kap. 15 gehört. Es beginnt mit einer
Beschreibung der "astronomischen Klima Faktoren" (ohne Milankovich
zu erwähnen), gefolgt von Abschnitten über die Bewegungen des geographischen
und des geomagnetischen Pols, wobei das "hot spot reference frame"
kritisch hinterfragt wird. Als Hauptgrund für die Bewegungen werden variierende
Konvektions-ströme im Mantel angesehen. Überraschend folgen dann einige neuere
Ergebnisse über den Geodynamo (die eigentlich zu Kap. 4 gehört hätten). Zwar
sucht man vergebens nach einigen grundlegenden Formeln aus der Magneto-Hydrodynamik,
doch werden neue Ergebnisse über den inneren Erdkern und seine etwas schnellere
Rotation erwähnt. Es folgen Abschnitte über virtuelle geomagnetische Pole,
über die mittlere geomagnetische Pol Position und seine Drift, gefolgt von
einem Exkurs über orogene Phasen im Paläzoikum (hätte eigentlich v o r
Kap. 15 gehört) mit schönen Bildern über die Lage der Kontinente vom
Kambrium bis zum Devon. Auch werden Bildung und Zerfall Rodinias beschrieben,
allerdings mit Referenzen bis etwa 1992 (heute etwas anders gedeutet). Das
Kapitel schließt mit einer kurzen Beschreibung der Kontinentaldrift zwischen
1000 und 500 Ma.
Kapitel 17 (Mantle chemistry and conti-nent formation)
erscheint recht heterogen. Es beginnt mit der Behandlung der Hoch-drucktechnik,
sowohl Stoßwellenversuche wie auch statische Kompressionsexperimente, und
beschreibt darauf aufbauend die Dichte-verteilung im Erdmantel. Es folgt dann
die Beschreibung des Verhaltens von (unter-schiedlich dichten) abtauchenden
Platten, die Argumente für den Mechanismus tiefer Seismizität und gewisse
Daten seismischer Tomographie. Ab Mitte des Kapitels wird die Nuklearsynthese
und die natürliche Radio-aktivität behandelt. Es folgen einige grund-legende
Formeln des Zerfalls, ein Exkurs über die (astrophysikalischen) Berechnungen
der Ent-stehung der schweren Elemente, sodann die Datierungen für kleine Alter,
dabei sehr kurz die Methoden 14C, 234U und die Dendrochronologie.
Erst danach folgt eine Behandlung der „klassischen“ Methoden für große Alter
(Rb/Sr, K/Ar, Ar/Ar, U/Pb und Pb/Pb), alles recht gedrängt; die Sm/Nd und
neuere Methoden werden kaum erwähnt. Es schließt sich an ein Abschnitt über
die Entstehung und Formung der Erde, gefolgt (wieder) von eine Beschreibung
von Chondriten und ihrem Einfluß für den Erdaufbau. Der letzte Abschnitt behandelt
die fortschreitende Bildung der Kontinente und das „Recycling“ ozeanischer
Platten (nicht mehr "Schalen"). Das Kapitel enthält zwar einige
neuere Aspekte, doch stört der Gebrauch einer recht eigenwilligen Schreibweise
für die Isotope (z.B. Rb-87, anstatt 87Rb).
Kapitel 18 (Glaciations, glacial isostasy, and sea level)
befasst sich mit den Ver-gletscherungen und ihren Konsequenzen, einem Thema,
dem sich der Forscher Lliboutry stets besonders gewidmet hat. Nach einer allgemeinen
und historischen Einfügung in die Terminologie folgt zunächst ein Abschnitt
über die Vergletscherungen vor dem Pleistozän, und man erhält einige selektive
Informationen (allerdings noch nichts über Hoffman`s „Snowball Earth“ am Ausgang
des Proterozoikums). Die Ver-gletscherungen und die Meerespiegel-schwankungen
im Pleistozän sind mit vielen klassischen Befunden aus Europa und Kanada belegt.
Auch die glaziale Isostasie wird aus-führlich behandelt und durch eine Reihe
von rheologischen Modellrechnungen vertieft, eine „Maxwell-Erde“ wird besprochen,
doch fehlen eigentlich Betrachtungen über die dominierende und begrenzende
Rolle der Asthenosphäre. Das Kapitel schließt mit einigen kritischen Be-trachtungen
über die verschiedenen klassischen Modelle und einer geplanten Berücksichtigung
von Inhomogenitäten.
Kapitel 19 (Thermal convection in the mantle) beginnt
mit der Formulierung, teilweise einer Wiederholung von Formeln aus Kap.10,
wobei ein klassischer Pfad über die Bénard-Boussinesq-Konvektionsgleichungen
genommen wird. Ein moderner Abschnitt (leider ohne Literaturangaben) beginnt
mit einer Behandlung der Lorenz-Gleichungen mit Verzweigungen (Bifurcations),
wobei auch „strange“ und „periodic“ Attraktoren erwähnt werden, ohne daß allerdings
irgendwelche Anwendungen gezeigt werden. Allerdings folgen Abschnitte über
(physikalische) Chaos-Experimente und über die Temperaturverteilung im Erdinnern,
die superadiabatisch sein mag und chaotische Konvektion zulassen mag, wobei
Rayleigh-, Prandl- und Nusselt Zahlen abgeschätzt werden. Komplizierte Viskositätsverteilungen,
z. B. in der Umgebung abtauchender Platten, sowie Turbulenz und Vermischung
werden dabei ebenfalls durch numerische Simulationen behandelt. Schließlich
wird die besondere Rolle der D“- Schicht (am Erdkern) und die Entstehung
von Plumes wieder aufgegriffen und mit den Ergebnissen neuerer Tomographie
verglichen, wobei die besondere Rolle der Viskositäts-verteilung und - entwicklung
hervorgehoben wird.
Ein Appendix
enthält einfache mathematische Formeln, die zum Rüstzeug eines Geophysikers
gehören. Außerdem sind vereinfachend die geologischen Formationen und Epochen
sowie die paläomagnetische Zeitskale bis zur Kreide aufgeführt.
Fazit
Der Autor hat ein bemerkenswertes Lehrbuch geschrieben, das viele historische Einführungen beschreibt und das eine Fülle von meist geophysikalischem, weniger geologischem, Wissensstoff enthält. Ich kenne kein Lehrbuch, das mehr theoretische und mathematisch-physikalische Zusammenhänge und In-formationen über den Aufbau der Erde zusammen-getragen hat. Man spürt förmlich die langjährige Erfahrung eines vielbelesenen Forschers und Lehrers, der sicher nicht die neuesten Entwicklungen verfolgt hat, aber doch den historischen Werdegang immer wieder aufzeigt und vertieft. Allerdings fragt man sich, an wen das Lehrbuch gerichtet sein soll; sicher nicht an traditionelle Geologen oder Geologiestudenten, die mit den theoretisch - mathematischen Formulierungen überfordert sein dürften; eher schon an Geophysiker, die Historie und Zusammenhang geophysikalischer Phänomene und die Entwicklung der Ideen verfolgen und Zusanmenhänge zu bestimmten Aspekten geologischen Wissens herstellen möchten.