Deutsch-Italienische Antarktisexpedition Ganovex VIII - Ein kurzer Expeditionsbericht

Ch. Rolf & D. Damaske, Hannover


Einleitung


Im Südsommer 1999/2000 führte die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) unter der Leitung von Detlef Damaske und in enger Kooperation mit dem italienischen Antarktisforschungsprogramm PNRA (Programma Nazionale di Ricerca in Antartide) die deutsch-italienische, geowissenschaftliche Expedition Ganovex VIII durch. Das Zielgebiet dieser achten Ganovex-Expedition (German Antarctic North Victoria Expedition) war der nördlichste Teil des Nord-Victoria-Landes (NVL), sowie die Oates- und Georg V Küste (s. Abbildung). Das NVL bildet an der pazifischen Seite den nördlichsten Abschnitt des Transantarktischen Gebirges (TAM), welches heute das höchste Bruchschollengebirge der Erde bildet. Die Heraushebung des TAM vor ca. 50 Ma ist wichtig im Zusammenhang mit der beginnenden Vergletscherung der Antarktis und damit auch mit weitreichenden klimatischen Veränderungen.

Die Expedition dauerte vom 27.11.1999 bis zum 05.03.2000 und war logistisch in zwei Fahrtabschnitte untergliedert, die sowohl räumlich als auch teilweise personell getrennt waren. Neben der Schiffbesatzung des eistauglichen Forschungsschiffes Polar Duke (Norwegen) gehörten zur Expedition 34 Teilnehmer (ein Arzt, zwei Bergführer, acht Mann Hubschrauberbesatzung, ein Logistiker und zweiundzwanzig Wissenschaftler). Die beteiligten Wissenschaftler stammen aus folgenden Instituten: BGR (7), Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (GGA, 1), "Istituto Nazionale di Geofisica" (ING Rom, 1), Universitäten Bologna (2), Bremen (2), Dresden (1), Frankfurt (2), Genua (3), Jena (1), Rom (1) und Siena (1).


Kenntnisstand und Forschungsziele


Ausgehend von der ursprünglichen Fragestellung einer Gondwana Rekonstruktion zwischen der Antarktis und Australien bzw. den Mikrokontinenten Tasmanien und Neuseeland haben sich im Laufe der 20 jährigen Antarktisforschung der BGR neue Fragekomplexe von überregionaler Bedeutung entwickelt. Neben der Erfassung der Geodynamik des paläozoischen Ross-Orogens soll die Genese des kanäozoischen kontinentalen Ross-Meer-Rifts und die gleichzeitig erfolgte Heraushebung des heutigen Transantarktischen Gebirges verstanden werden. Nach dem bisherigen Kenntnisstand gilt es als gesichert, dass am paläopazifischen Rand des Gondwana Kontinents (im Bereich des Ross-Orogens) Subduktion stattfand, wobei die pazifische Platte unter den Gondwana Bereich der heutigen Antarktis abtauchte. Dabei wurden zwei Lithosphären-Gürtel (Terranes?) angelagert, die wahrscheinlich eher auf Akkretion als auf die Anlagerung exotischer Terranes zurückzuführen sind, was im Rahmen der hier vorgestellten Expedition weiter untersucht werden sollte. Der bisher weitgehend unerforschte und spärlich aufgeschlossene Übergang vom Ross-Orogen zum Ostantarktischen Schild sollte durch Arbeiten an der Nordküste des NVL und entlang der Oates- und Georg-V-Küste erforscht werden. Die so erzielten Erkenntnisse sollen dann im direkten Vergleich mit der australischen Südküste sowohl zum Verständnis der Geodynamik des alten Ross-Orogens als auch der Entwicklung des jüngeren Ross-Meer-Rifts beitragen.


Messprogramm (Schwerpunkt Geophysik)


Aeromagnetische Untersuchungen (BGR, Universität Genua, ING Rom) wurden während beiden Fahrtabschnitten durchgeführt, wobei über 26.000 Profilkilometer abgeflogen und ein Messgebiet von fast 84.000 km² erfasst werden konnte. Damit können eventuell vorhandene größere geologische Provinzen voneinander abgegrenzt werden und insbesondere vulkanische Gesteine unter dem Eispanzer erkannt und in ihrer Ausdehnung verfolgt werden.


Eisdicken und Erkenntnisse über das subglaziale Relief konnten während des zweiten Fahrtabschnitts durch Radarmessungen (BGR) bestimmt werden. Dazu wurden 14 Messflüge mit ca. 4.000 Profilkilometern im Gebiet des Matusevich Gletschers durchgeführt. Die Eisdickenmessungen liefern zudem Erkenntnisse darüber, ob der Untergrund aus Sedimenten oder kristallinen Gesteinen besteht und wichtige Daten für die Interpretation der gravimetrischen Messungen. Daneben liefern die gewonnenen Eisdickendaten einen Beitrag für das Programm BEDMAP zur Kompilierung der verfügbaren Informationen über die Mächtigkeit der antarktischen Eisbedeckung.


Im Rahmen gravimetrischer Untersuchungen (BGR, Universität Genua, Universität Dresden) konnten 80 Gravimetriepunkte bestimmt werden, welche die seit mehr als 10 Jahren im NVL gewonnen Daten ergänzen sollen. Neben Informationen über die Krustenstruktur und Dicke der tieferen Lithosphäre, wird von der Gravimetrie erwartet, die tektonischen Vorgänge im Zusammenhang mit der Heraushebung des TAM plausibel zu erklären.


Die von den Universitäten Bologna und Dresden durchgeführten geodätischen Vermessungen sind Teil des Scientific Committee on Antarctic Research (SCAR) - Schwerpunktes Antarctic Neotectonics (ANTEC) - mit denen neotektonische Bewegungen des antarktischen Kontinents relativ zu den benachbarten Kontinenten, aber auch Hebungs- und Lateral-Bewegungen tektonisch aktiver Gebiete in der Antarktis bestimmt werden sollen.


Die an 13 Stationsorten erfolgte Erdmagnetischen Tiefensondierung (Universität Genua) soll Aussagen über die thermischen und rheologischen Bedingungen in der tieferen Kruste (70 - 80 km) liefern. Meist parallel zur erdmagnetischen Tiefensondierung wurden an verschiedenen Orten teleseismische Profile vermessen (Universität Genua und ING Rom) mit dem Ziel, Antworten über die Struktur der Lithosphäre bis in den oberen Mantel zu erhalten. Es wurden eine Vielzahl von Fernbeben und ein lokales Beben (vor dem Rennick Gletscher) mit Magnitude 3 registriert, ein seltenes Ereignis in der ansonsten seismisch ruhigen Antarktis.


Die paläomagnetischen Arbeiten (GGA) lassen flankiert von geochronologischen Untersuchungen (BGR), wertvolle Beiträge zur Polwanderungskurve Antarktikas - und damit Gondwanas - während dem Paläozoikum erwarten. So wurde z.B. innerhalb Spät-Kambrischer (ev. Ordovizischer) Sedimente der Leap Year Group (Bowers Terrane) eine Muldenstruktur bearbeitet, welche hoffentlich die Anwendung eines Faltentests ermöglicht. Der sogenannte Faltentest in der Paläomagnetik liefert Informationen über die zeitliche Abfolge des Remanenzerwerbs und der Faltung. Aufgrund der vorherrschenden Eisbedeckung sind die Lagerungsverhältnisse oftmals unklar, so daß dieser Test nur selten angewendet werden kann. Neben paläozoischen Gesteinen, die Antworten zur Konsolidierung und Driftgeschichte Gondwanas liefern sollen, wurden Ferrar Dolerite und Kirkpatrick Basalte bearbeitet, die das Auseinanderbrechen von Gondwanaland im Jura repräsentieren. Hierbei geht es um Fragen regionaler tektonischer Bewegungen innerhalb des Rennickgrabens und um eine immer noch kontrovers diskutierte Kreideüberprägung der jurassischen Ferrar Group im NVL.


Das Arbeitsprogramm der Geologie (BGR und Universitäten Bremen, Frankfurt, Jena, Rom, Siena) das hier nicht näher beschrieben werden soll, war im ersten Fahrtabschnitt auf Aufschlüsse im Bereich des unteren Rennick Gletschers und im zweiten Fahrtabschnitt auf solche im Hinterland der Oates- und Georg V Küste konzentriert. Dabei wurden Proben für geochemische, isotopenchemische und geo-chronologische Untersuchungen entnommen und strukturgeologische Arbeiten u.a. im Hinblick auf duktile und spröde Deformationen durchgeführt. Daneben wurden Proben für Spaltspur-Datierungen entnommen, um die Exhumierungsgeschichte der Arbeitsgebiete zu bestimmen.

 




Expeditionsverlauf


Zur Einstimmung in die speziellen Bedingungen der Antarktis, nahmen die deutschen Teilnehmer vom 22.11. bis 25.11.1999 an einem Sicherheitstraining im Mount Cook Nationalpark (Neuseeland, Südinsel) teil, das von den Neuseeländischen Bergführern der Expedition geleitet wurde. Nachdem die Ausrüstung und die Hubschrauber auf dem Expeditionsschiff Polar Duke verstaut waren, verlies das Schiff am 27.11.99 zum ersten Fahrtabschnitt den Hafen von Lyttelton (Christchurch) und nahm bei einem Kurs von 180° Fahrt auf zur ca. 3.000 km entfernten Yule Bay im NVL. Bei rasch stärker werdenden Winden (bis 100 km/h) erreichte das Schiff am 03.12. 60° Süd und damit das Gebiet des Antarktis-Vertrags. Bei 63° 13´S/ 175°25´E traf das Schiff am 04.12.99 auf das Meereisfeld vor der Küste. Die Eisbedeckung nahm rasch auf 8/10 zu und besonders im Bereich der Balleny Inseln war das Vorwärtskommen in teilweise mehrjährigem Meereis recht beschwerlich. So dauerte es noch bis zum 10.12.99 bis der erste Liegeplatz des Schiffes an der Festeiskante ca. 60 km NNE von Cape Williams erreicht war. Der Bereich zwischen den Balleny Inseln und der Küste gilt eigentlich als nahezu unpassierbar. Umso größer war die Freude, als gut im Zeitplan liegend der erste Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Expedition erreicht war.


Mit Hubschrauberunterstützung errichteten die Expeditionsteilnehmer ca. 180 km vom Schiff entfernt auf den Litell Rocks ein Camp für 15 Expeditionsteilnehmer. Außerdem wurden einige Treibstoff-Depots für die Feldarbeiten angelegt. Mit zwei im Camp stationierten Hubschraubern konnte bei hervorragenden Wetterbedingen bereits am 12.12.99 das wissenschaftliche Programm in den Bergen in Angriff genommen werden. Weitere geophysikalische Programme (Aeromagnetik, Gravimetrie und Geodäsie) operierten mit den beiden restlichen Hubschraubern, die auch für die Versorgung des Feldcamps eingesetzt waren, vom Schiff aus.


Obwohl die Arbeiten von Bord der Polar Duke aus hin und wieder unter Schlechtwetterbedingungen litten (dies konnte für erste Auswertungen genutzt werden), waren diese Programme am 28.12.99 soweit vorangeschritten, dass das Schiff seine Position nach Westen in die Rennick Bucht (dem bevorstehenden Ereignis entsprechend von GANOVEX als "Millennium Bucht" bezeichnet) im Festeis vor dem Rennick Gletscher verlagerte. Dank des andauernd schönen Wetters im Camp auf Litell Rocks gingen dort die Arbeiten zügig voran, so dass bis zum 09.01.00 nahezu alle Programmpunkte im Bereich des Rennick Gletschers abgearbeitet waren und das Camp vollständig abgebaut werden konnte. Von der "Millennium-Bucht" startete die Polar Duke am Morgen des 11.01.00 in Richtung Cape Halett (nach Osten) um sich dort am 15.01. mit dem italienischen Forschungsschiff Italica zu treffen. Hier fand eine Ergänzung der Vorräte der Polar Duke (insbesondere Hubschraubertreibstoff und Schiffsdiesel) und ein Personaltausch statt. Die vom Personaltausch Betroffenen des ersten Fahrtabschnitts kehrten über die italienische Station Terra Nova und die amerikanische Station McMurdo zurück nach Neuseeland.


Die Polar Duke machte nach dem Treffen mit der Italica zunächst einen großen Bogen nach Norden, wiederum an den Balleny Inseln vorbei um das dichte Eis vor der Küste des NVL'es zu umfahren (die zunächst fahrbare Polynja hatte sich geschlossen), um dann durch dichtes, mehrjähriges Treibeis nach Südwesten in offenes Wasser vor dem Matusevich Gletscher vorzustoßen. Am 22.01.00 machte das Schiff an der Gletscherzunge fest. Die wissenschaftlichen Arbeiten liefen nun allesamt vom Schiff aus: Es wurde kein neues Feldcamp errichtet. Trotz zum Teil erheblicher Wetterprobleme wurde ein Großteil der Programme im Küstenbereich des Matusevich Gletschers erfolgreich beendet, so dass die Polar Duke am 10.02.00 den Liegeplatz verließ um weiter nach Westen in den Bereich des Mertz Gletschers vorzudringen. Hier konnte unter schwierigen Eisbedingungen am 15.02.00 eine Position vor der Zunge des Mertz Gletschers erreicht werden, von der aus die Küsteaufschlüsse immer noch 80 km entfernt waren. Dieser Liegeplatz musste auf Grund des zum Teil sehr schlechten Wetters (katabatische Winde!) mehrmals temporär verlassen werden, was die wissenschaftlichen Arbeiten stark beeinträchtigte und zur Kürzung einiger Programme führte. Wie zum Trotz zeigte sich das Wetter am letzten Tag vor Beginn der Heimreise von seiner besten Seite, so dass vor allem die Geologie nochmals voll auf ihre Kosten kam.


Am späten Abend des 27.02.00 verließ die Polar Duke ihren letzten Liegeplatz vor dem Mertz Gletscher und machte sich auf den Weg zurück nach Lyttelton, wo das Schiff nach relativ ruhiger Überfahrt am 05.03.00 festmachte. Trotz der für Antarktis-Einsätze typischen Schwierigkeiten kann die Expedition mit der Ausbeute an Daten und Gesteinsmaterial sehr zufrieden sein.


Erste Untersuchungen an den Proben und Auswertungen der Daten haben in den verschiedenen Arbeitsgruppen begonnen. "Shortnotes" mit vertieftem wissenschaftlichen Inhalt erscheinen demnächst in einem Band von "Terra Antarctica". Des weiteren sind Informationen im Internet unter
http://www.bgr.de/b324/ganovex8.htm, bzw. ein Fahrtbericht mit Bildern unter http://www.newzeal.com/theme/antarctic/PolarDuke.htm zu erhalten. Über die Ergebnisse der bisherigen Ganovex-Expeditionen ist in über 300 Publikationen berichtet worden, nähere Hinweise dazu finden sich im Internet unter http://www.bgr.de/b324/.


Die hoffentlich zahlreichen neuen Erkenntnisse werden in entsprechenden nationalen und internationalen Magazinen vorgestellt werden.