Eine kleine statistische Untersuchung unserer Gesellschaft - oder was man aus der Mitgliederkartei so alles herauslesen kann ...G. Marquart, Frankfurt, und M. Pätzold, Köln
Ist unsere Gesellschaft ein Spiegelbild der Geophysik in Deutschland? Und wie ist die Altersverteilung der Mitglieder, die Aufteilung auf verschiedene Berufsfelder und die Stellung der Frauen in der Geophysik? Nachdem die Mitgliederkartei der DGG seit etwa zwei Jahren in einer leicht handhabbaren Weise als Excel-Datei abgespeichert ist, ergab sich die Möglichkeit einer kleinen, statistischen Untersuchung zur Struktur unserer Gesellschaft, die weitgehend wohl auch charakteristisch für das Fach »Geophysik« ist. Der Stand unserer Untersuchung basiert auf den Daten der Mitgliederkartei vom Oktober 2000, die 858 Einträge von persönlichen Mitgliedern umfaßt.
Insgesamt sind wir eine deutschsprachige Gesellschaft, ein wenig internationales Flair durchweht uns aber doch. So leben und arbeiten 87.2% der Mitglieder in Deutschland, 2.2% in Österreich und 1.6% in der Schweiz, jedoch sind 1.6% der Mitglieder, meist vorübergehend auf Postdoc-Positionen in den USA, 1% arbeitet in Norwegen, dies ist wohl durch die gute Arbeitsmarktsituation in der Erdöl-Prospektion bedingt, und die übrigen 8% verteilen sich auf 30 verschiedene Länder von Pakistan über Japan bis Brasilien, zumeist in Universitätspositionen.
Dass wir eine akademische Gesellschaft sind, zeigt sich daran, dass weit über die Hälfte aller Mitglieder einen Doktortitel besitzen, nämlich 529 Personen (darunter 25 Frauen). 151 Mitglieder führen auch den Titel eines Professors (darunter ist keine Frau!). Zu der hohen Zahl der Professoren sollte jedoch angemerkt werden, dass viele Professoren bereits emeritiert sind und dem »Senioren«-Status angehören, sich jedoch unserer Gesellschaft weiterhin verbunden fühlen.
Auf ihren Jahrestagungen präsentiert sich unsere Gesellschaft zumeist als recht »jung« mit vielen studentischen Teilnehmern. Der Blick auf die Mitgliederstatistik zeigt jedoch ein deutliches Maximum in der Altersgruppe zwischen 31 und 50 Jahren (in dieser Gruppe sind 46.3% der Mitglieder), Studenten selbst scheinen noch gewisse Hemmungen zu haben, dem »Kreis der Etablierten« beizutreten und ein Mitgliedsformular auszufüllen. So sind nur 8.5% aller Mitglieder jünger als 31 Jahre; jedoch ist in dieser Gruppe der Frauenanteil mit 28.8% erfreulich hoch und entspricht etwa dem Anteil der Studentinnen in der Fachrichtung »Geophysik«. Insgesamt jedoch ist unsere Gesellschaft ein »Männerclub«, nur 8.6% der Mitglieder (74 Personen) sind weiblich, und schon in der Gruppe der 31-40jährigen, die weitgehend den Personenkreis repräsentieren, die dem Fach Geophysik nach dem Studium treu bleiben, ist ihr Anteil auf 12% gesunken.
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Die hohe Anzahl von Professoren läßt darauf schließen, dass die meisten Hochschullehrer der Fachrichtung »Geophysik« im deutsch-sprachigen Raum in unserer Gesellschaft organisiert sind. Daraus ergibt sich die interessante Möglichkeit, die Altersverteilung der Professorenschaft im deutschsprachigen Raum (D, A, CH) zu untersuchen. Einbezogen in die Untersuchung wurden dabei nur die Mitglieder, die nach 1935 geboren waren, also noch in vollem Umfang in ihre Verpflichtungen in Forschung und Lehre eingebunden sind. Das waren insgesamt 75 Personen. Das Diagramm zeigt zwei Maxima: die meisten Professoren finden sich in den beiden Altersgruppen der über 55jährigen, ein zweites Maximum erkennt man in der Gruppe der 46-50jährigen, das mittlere Alter liegt bei ca. 54 Jahren.
Das erstgenannte Maximum ist sicher auf die Hochschulreform der 60er Jahre zurückzuführen, als eine Vielzahl neuer C2- und C3- Stellen geschaffen wurde, die damals jungen Professoren nähern sich heute dem Pensionsalter.
Die umfassende Bewertung dieser Altersverteilung kann nicht Anliegen dieser kleinen statistischen Untersuchung sein. Sicher ergeben sich für die große Gruppe der Professoren, deren eigenes Studium 30 Jahre zurückliegt, besondere Herausforderungen, um in einem Zeitalter sich rasant ändernder Informations-technologie das Fach »Geophysik« als eine moderne, zukunftsweisende Wissenschaft zu repräsentieren. Andererseits sind und waren sie auch die Garanten für eine kontinuierliche Entwicklung unseres Faches.
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Aber zurück zur Statistik. Wir wollten weiterhin versuchen zu ermitteln, in welchen Berufsfeldern die Mitglieder unserer Gesellschaft tätig sind und stützten uns dazu auf die Angaben der Dienstadressen. »Junioren« und »Senioren« sind in der Regel entweder als Studenten oder als Emeriti an Universitäten beschäftigt und geben deshalb auch die entsprechenden Adressen als Dienstadressen an. Da wir diese Tätigkeit jedoch nicht als berufliche Tätigkeit im Sinne dieser Untersuchung ansahen, wurden alle »Junioren«, »Senioren« und Mitglieder mit Geburtsdatum vor 1936 nicht in diese Untersuchung einbezogen. Insgesamt wurden die Angaben von 657 Mitglieder benutzt. Keine Dienstadresse lag bei 137 Personen (also ca 21%) vor. Dazu ist zu beachten, dass unsere Gesellschaft von ihren Mitgliedern über-wiegend als Organisation eines Berufsstandes angesehen wird, deshalb ist anzunehmen, dass eine Dienstadresse in der Regel nur angegeben wurde, wenn die Arbeitsstelle einen geowissenschaftlichen oder -technischen Bezug hatte.
Zur Einteilung haben wir folgende Berufsfelder definiert:
Universität: Universitäten und Fachhochschulen
Forschung (universitätsnahe Forschungs-zentren): GEOMAR, GFZ Potsdam, Bayerisches Geoinstitut, AWI, Forschungs-zentrum Karlsruhe, KTB-Geozentrum, MPIs und Fraunhofer-Institute, Observatorien; (der BGR nahestehende Forschungseinrichtungen): Seismologisches Zentralobservatorium Gräfen-berg, Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (GGA)
Amt: BGR, physik.-technische Bundesanstalt, verschiedene Landesämter, Schweizerischer Erdbebendienst;
Industrie: Firmen aus dem geotechnischen Bereich;
k.A. (keine oder keine verwertbaren Angaben): hier waren keine Angaben über eine Dienstadresse vorhanden, bzw. die Dienstadresse war eine Firma außerhalb des geotechnischen Bereichs.
Aus der Graphik zeigt sich, dass die Universitäten gemeinsam mit den Forschungseinrichtungen deutlich der größte Arbeitgeber sind, in diesen Bereichen sind fast 49% der berufstätigen Mitglieder beschäftigt. Schlüsselt man diese Prozentzahl noch ein wenig weiter auf, so findet man, dass 33.5% an Universitäten, 12% an universitätsnahen Forschungszentren und 3% an den BGR nahen Forschungseinrichtungen arbeiten. Hier gewinnt auch das Institut für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (GGA) für Untersuchungen und Forschungen auf dem Gebiet der angewandten Geophysik, zunehmende Bedeutung als Arbeitgeber für Geophysiker. Im Bereich der geowissenschaftlichen, bzw. -technischen Industrie sind 141 Personen tätig, das entspricht 22%. Der kleinste Arbeitgeber sind die
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>> Ämter mit 8.2% der berufstätigen Mitglieder.
Als Ganzes betrachtet, zeigt die Graphik deutlich, dass heute die Berufsfelder »Forschung und Lehre« überwiegen. Dies ist sicher auf die Gründung einer Anzahl geowissenschaftlicher Forschungszentren in den letzten 10-20 Jahren zurückzuführen (GEOMAR, GFZ, AWI, Bayerisches Geo-institut), die seitdem zunehmend eine große Anzahl von festen und temporären wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen zur Verfügung stellen. Etwa zeitgleich mit dem Aufbau staatlicher Forschungszentren in Deutschland fand eine Umstrukturierung der industriellen Explorationsgeophysik in Europa statt, die zum Wegfall der großen Firmen wie Prakla-Seismos und auch zur Streichung von Stellen und ganzen Abteilungen für bei der Ruhrhohle AG und den Niederlassungen der Erdölkonzerne in Deutschland führte. Die an wissenschaftlicher Arbeit ausgerichteten Stellenangebote der Forschungszentren konnten damit den schrumpfenden Arbeitsmarkt in der geophysikalischen Prospektion zum Teil ausgleichen. Nicht übersehen sollte man dabei, dass die Arbeitsstellen an den Universitäten und Forschungszentren zu Großteil temporär sind, die Arbeitsplatzsicherheit für Berufsanfänger also insgesamt abgenommen hat. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass mit dem großen Angebot an temporären wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen an Universitäten und Forschungszentren eine Abnahme des Wertes der wissenschaftlichen Qualifikation verbunden ist.
Es fiel uns auf, dass im industriellen Bereich der überwiegende Teil der Mitglieder in vielen kleineren Firmen beschäftigt ist. Offensichtlich gab der Wegfall der großen Explorationsfirmen Raum für die Gründung einer Anzahl kleinerer Firmen.
Von einer relativ großen Anzahl von Mitgliedern (21%) gibt es keine Angaben über eine Dienststelle; hier nehmen wir an, dass diese Personen in Berufen beschäftigt sind, die keine direkte Anknüpfung zur Geophysik haben. In dieser Gruppe ist der Anteil der Frauen mit 11.7% besonders hoch.
Wir wollen noch ein wenig die geschlechtsspezifische Verteilung auf die verschiedenen Berufsfelder beleuchten. Bleiben Frauen der Geophysik nach dem Studium treu, so finden sie ihren Arbeitsplatz vorwiegend an den Universitäten (Frauenanteil von 7.7%) und den Forschungsinstituten (Frauenanteil von 8%). In den Ämtern, sowie in der Industrie ist der Frauenanteil deutlich geringer und liegt bei etwa 4%.
Was sind nun die Gründe für diese ungleiche Verteilung von Frauen und Männern auf die unterschiedlichen Berufsfelder, und warum ist die Prozentzahl der Frauen im generellen Berufsfeld »Geophysik« deutlich geringer, als die der Studentinnen in diesem Fach, die bei etwa 20% liegt (und auch schon vor 20 Jahren bei dieser Prozentzahl lag)? Hierzu wollen wir in Rahmen dieser kleinen Untersuchung nur ein paar kurze Überlegungen anstellen. Sicher gibt es im industriellen Bereich, vor allem bei kleineren Firmen, aber auch im universitären Bereich, noch gewisse Vorbehalte bei der Einstellung von Frauen, die vor allem in jüngeren Jahren durch Schwangerschaft und Kinderbetreuung häufiger ausfallen als Männer. Hierin aber die Hauptursache zu sehen, wäre wohl falsch. Hat ein/e Bewerber/in für eine Arbeitsstelle die richtigen Fähigkeiten und Kenntnisse, so ist das Geschlecht sicher nur vor marginaler Bedeutung.
Größere Bedeutung haben wohl die für Frauen und Männer unterschiedliche private Lebenssituation und die gesellschaftliche Erwartungshaltung. So müssen Frauen nicht nur Kinder und Beruf »unter einen Hut bringen«, sondern sie müssen (und wollen) auch die Karriermöglichkeiten ihres Partners in stärkerem Maße berücksichtigen, als umgekehrt. Im Vergleich zu Männern ist dadurch die Mobilität von Frauen stärker eingeschränkt. Dies führt insgesamt dazu, dass prozentual mehr Frauen als Männer den generellen Berufsfeld »Geophysik« nach dem Diplom verloren gehen. Dies betrifft in stärkerem Masse die Arbeitsfelder »Industrie« und »Ämter« als Forschung, was sich daraus erklärt,. dass Frauen, die aus starkem wissenschaftliche Interesse das Fach »Geophysik« gewählt haben, nach dem Diplom intensiver nach einem Arbeitsplatz in der »Geophysik« suchen, während sich andere, die das Studium mit weniger Begeisterung hinter sich gebracht haben, leichter einem anderen Betätigungsfeld zuwenden. Dazu kommt noch, dass es gesellschaftlich leichter toleriert wird, wenn Frauen nach ihrem Diplom das generelle Berufsfeld »Geophysik« verlassen, bzw. für viele Jahre auf temporären, ungesicherten Arbeitsplätzen sitzen und auch der Blick auf den Gehaltszettel hat weniger Gewicht als bei ihren männliche Kollegen. Auf der akademischen Karriereleiter sind die Aussichten für Frauen zwar deutlich schlechter als für ihre männlichen Kollegen (die Anzahl von Frauen auf permanenten akademischen Positionen ist sehr gering), andererseits wird ein Stagnieren der Karriere auf einer temporären Stelle leichter akzeptiert.
Eine ausführliche Diskussion dieses Fragekomplexes sprengt sicher den Rahmen dieser kleinen Untersuchung. Trotzdem meinen wir, dass es zu den Aufgaben der DGG gehört, Denkanstöße zu geben, wie z. B. durch flexiblere Regelung von Altersgrenzen bei der Beantragung von Stipendien oder der Besetzung von Stellen, flexible Arbeitszeiten auch auf C-Stellen oder veränderte Antrags-möglichkeiten bei der DFG Frauen dem Fach Geophysik erhalten bleiben können.
Welche Schlußfolgerungen können wir noch aus dieser Statistik ziehen? Zunächst sollte unsere Gesellschaft attraktiver für junge Leute werden. Diese kann man am besten über die Universitätsinstitute ansprechen. Hier sollte die DGG mehr auf sich aufmerksam machen, z.B. durch Poster (hier könnte auch ein Vertreter der DGG an jedem Institut genannt werden) oder durch spezielle Veranstaltungen für Studenten. Hier könnte man etwa an »Summer schools« zu interessanten Themen der Geophysik, evt. mit praktischen Messungen, denken. In den »Mittteilungen der DGG« (Rote Blätter) könnten z.B. studentische Preisträger der DGG Tagungen mit einem Bild und kurzer Laudatio vorgestellt werden (ähnlich wie es die AGU praktiziert).
Im Zusammenhang mit Mitgliederwerbung und -service erscheint es uns auch notwendig darauf hinzuweisen, dass zwar in den letzten Jahren relativ viele junge Mitglieder unserer Gesellschaft beigetreten sind, dem gegenüber jedoch eine Zahl in gleicher Größenordnung steht, von Personen, die ausgetreten sind (15 im letzten Jahr) oder wegen wiederholt ausbleibender Zahlung des Mitgliederbeitrags aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden (20 im letzten Jahr). Dies sind immerhin 4% aller Mitglieder.
In diesem Zusammenhang ist auch der Befund einer starke Dominanz der Universitäten und universitätsnahen Forschungszentren in der DGG diskussionsbedürftig und nicht ganz unproblematisch. Hier sollten wir sehen, dass die Gesellschaft vor allem für Leute, die ihr Berufsfeld in der Industrie gefunden haben, interessanter wird. Wir könnten z.B. den industriellen Projekten und Entwicklungen auf den Jahrestagungen mehr Gewicht geben; gleichzeitig könnten sich die Firmen auch als mögliche Arbeitgeber für Geophysik-Absolventen präsentieren.
Und um noch eine Gruppe von Mitgliedern sollten wir uns ein paar Gedanken machen. Das sind die Personen, die zum Teil vor vielen Jahren unserer Gesellschaft als Studenten beigetreten sind, dann aber in andere Berufsfelder oder in das Privatleben abgewandert sind. Diese Personen fühlen sich zum Teil der Geophysik innerlich immer noch verbunden und würden vielleicht gern ihr altes Interesse wieder auffrischen. Wir denken, es wäre Aufgabe unserer Gesellschaft, auch dazu Möglichkeiten zu bieten. Dazu könnte man sich z.B. ein jährliches Wochenendseminar zu aktuellen interessanten Themen der Geophysik vorstellen, das speziell für diese Mitglieder, aber z.B. auch Studenten interessant wäre.
Insgesamt denken wir, dass unsere Gesellschaft ihr Angebot und ihr Engagement für die ver-schiedenen Gruppen der Mitglieder erweitern muss, um auch in Zukunft für alte und potentielle Mitglieder attraktiv zu sein.