NACHRICHTEN AUS DER GESELLSCHAFT


75. Geburtstag von Hans Berckhemer

G. Müller, Frankfurt/Main

Hans Berckhemer beging seinen 75. Geburtstag am 16. Januar 2001 unter anderem durch aktive Teilnahme am Geophysikalischen Seminar des Frankfurter Instituts für Meteorologie und Geophysik, bei dem einer der Studenten über seine Diplomarbeit berichtete. Dies illustriert das Engagement, mit dem Herr Berckhemer auch jetzt noch, fast 8 Jahre nach seiner Emeritierung, am Institutsleben und allgemein am Fortgang der Geowissenschaften teilnimmt. Einige Aspekte dieses reichen Lebens als Forscher und Hochschullehrer werden im Folgenden gewürdigt.

Herr Berckhemer hat 1946-1950 in Stuttgart Physik studiert, dort 1954 auch promoviert und in Frankfurt am Main 1961 habilitiert. Schon 1963 folgte die Berufung auf den Lehrstuhl Physik des Erdkörpers in Frankfurt, dem er trotz mehrerer Rufe nach auswärts die Treue bis 1993 hielt.

Die vielfältigsten Forschungsarbeiten hat Herr Berckhemer über die Jahrzehnte hinweg in der Seismologie durchgeführt. Physikalisch technische Interessen führten anfänglich, schon bei der Doktorarbeit, zur Seismometrie und zur Entwicklung von Seismometern für den Betrieb in Observatorien sowie für krustenseismische Projekte. Er hat ab 1970 als einer der ersten das Konzept der Breitband-Seismologie propagiert und wesentlich zu einer frühen Anwendung dieses Konzepts, ab 1976, beim Aufbau des Seismologischen Zentralobservatoriums Gräfenberg im Fränkischen Jura beigetragen. Die erfolgreiche Implementierung im Zentralobservatorium förderte die Akzeptanz auch international. Im engeren Sinne seismologische Arbeiten sind einmal Untersuchungen zu Herdvorgängen von Erdbeben und ihre quantitative Charakterisierung durch seismisches Moment, Energie und Magnitude und zum anderen zahlreiche Strukturuntersuchungen der Erdkruste und des oberen Mantels mit Oberflächenwellen sowie mit sprengseismisch erzeugten Raumwellen. Erinnern muß man auch an frühe modellseismische Arbeiten aus den Jahren um 1960, mit denen elementare Prozesse wie Reflexion, Brechung und Kopfwellengenerierung in dünnen Platten aus Plexiglas und Aluminium physikalisch simuliert wurden. Dies geschah zu einer Zeit, in der an computererzeugte theoretische Seismogramme noch nicht zu denken war.

Neue Forschungsgebiete, Geodynamik und Gesteinsphysik, traten zur Seismologie in den 70er und 80er Jahren hinzu. Herr Berckhemer hat früh die Bedeutung von Theorie und Numerik auch für die Geodynamik erkannt und als Geophysiker mit experimentellem Schwerpunkt dafür gesorgt, daß diese Gebiete in seiner Arbeitsgruppe durch Mitarbeiter hochkarätig abgedeckt waren. Einige dieser Mitarbeiter (H.-J. Neugebauer, H. Schmeling, T. Spohn) haben heute geodynamisch oder planetologisch orientierte Professuren inne, und Herr Schmeling ist Herrn Berckhemers eigener Nachfolger geworden. Die Arbeiten zur Gesteinsphysik begannen mit frühen Untersuchungen an Proben von Mondgestein. Ein Gesteinsphysiklabor wurde ab Mitte der 70er Jahre aufgebaut. Herr Berckhemer und seine Mitarbeiter untersuchten bis etwa 1985 die Hochtemperatur Rheologie von Krusten - und Mantelgesteinen, mit einem Schwerpunkt bei Dämpfungsmessungen im Frequenzbereich seismischer Wellen. Neue Themen ergaben sich durch die Kontinentale Tiefbohrung in der Oberpfalz Anfang der 90er Jahre. Gezogene Bohrkerne wurden unmittelbar im KTB-Feldlabor in einer eigens konstruierten Apparatur auf Spannungsrelaxation hin untersucht. Im Frankfurter Labor folgten Messungen der Wellengeschwindigkeiten und ihrer Anisotropie, während die bei der Relaxation entstandenen Mikrorisse wieder geschlossen wurden durch Druckerhöhung.

Zu diesen Forschungen im engeren Sinne gehörten für Herrn Berckhemer immer Initiativen zu größeren Projekten, die Kooperationen mit Kollegen national und international nach sich zogen. Einige Beispiele dafür sind:

  • Das GRSN (German Regional Seismic Network), ein Netz digitaler Breitbandstationen, konzipiert und umgesetzt von der "Arbeitsgruppe Seismologie" unter dem Vorsitz von Herrn Berckhemer, der auch der federführende Antragsteller bei der DFG war,
  • Refraktionsseismische Krustenuntersuchungen in den Alpen, in der Afar-Senke Äthiopiens und im Damara-Orogen im heutigen Namibia, alle unter intensiver Mitwirkung von B. Baier,
  • ein deutsch-türkisches Projekt zur Erdbebenforschung am Westende der Nordanatolischen Verwerfung, zum Teil in Kooperation mit dem Geoforschungszentrum Potsdam,
  • ein noch laufendes DFG-Projekt zur Erforschung des 1 Million Jahre alten Bosumtwi-Meteorkraters in Ghana, in Kooperation mit den Geophysikinstituten in Kiel und München,
  • Ämter und Würden blieben bei diesem Stil, Wissenschaft auf kleineren und größeren Skalen zu betreiben, natürlich nicht aus. Herr Berckhemer war Koordinator eines DFG-Schwerpunktprogramms, das 1964-72 als Teil des internationalen "Upper Mantle Program" lief, und 1973-79 Vorsitzender einer internationalen Arbeitsgruppe "Geodynamics of the Alpine-Mediterranean Region". Parallel dazu war er Präsident der IASPEI (International Association of Seismology and Physics of the Earth's Interior) in den Jahren 1975-79. Er war schließlich auch Vorsitzender der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft 1979-81, die ihm für diese Tätigkeit herzlich dankt. Von den Würden, die Herrn Berckhemer selbstverständlich und hochverdient erreichten, sei die Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina 1983 und in die wissenschaftliche Gesellschaft zu Frankfurt 1985 erwähnt. Ein Amt, aber auch eine Würde, war seine Beratertätigkeit bei der Konzipierung des Bayrischen Forschungsinstituts für experimentelle Geochemie und Geophysik in Bayreuth, in die er seine wissenschaftliche Breite, von der Gesteinsphysik über die Seismologie bis zur Geodynamik, einbrachte und so den Boden legen half für den heutigen Rang dieses Instituts.
  • Aus Herrn Berckhemers Lehrtätigkeit ging vor Jahren das kurzgefaßte Lehrbuch "Grundlagen der Geophysik" hervor, stark physikalisch orientiert und daher eher hartes Brot für Neulinge, eine Darstellung, die allzu modische, bilderreiche Interdisziplinarität vermeidet. Hier wird eine wohltuend konservative Grundstruktur sichtbar, die auch Herrn Berckhemers Umgang mit Studenten und Kollegen charakterisiert. Er ist distanziert und engagiert, und das Herzblut betrifft vor allem die Sache, unabhängig davon, ob das Gegenüber eher ein 68er oder jemand mit der eigenen Werteskala ist.
     
     

    Die Kollegen und Mitarbeiter im Frankfurter Institut sowie in der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft grüßen Herrn Berckhemer auf das herzlichste und wünschen ihm weitere gute Jahre.