Tomographie mit seismischen Oberflächenwellen

W. Friederich, Stuttgart

Einleitung

Die seismische Tomographie hat sich zum bedeutendsten Werkzeug für die Erkundung der Struktur des Erdinnern entwickelt. Aufgrund digitaler Registrierung und der stetig wachsenden Zahl seismischer Stationen lassen sich heute dreidimensionale Erdmodelle mit einer Auflösung von einigen 100 km erstellen (van der Hilst, 1997, Masters et al., 2000). Hinzu kommen zahlreiche hochauflösende Tomographien regionalen Maßstabs. Seismische Oberflächenwellen (OW) wurden von Beginn an zur Erkundung der globalen Struktur des oberen Erdmantels genutzt und bilden auch heute noch einen wichtigen Bestandteil der Datensätze, aus denen globale Erdmodelle abgeleitet werden.

Eigenschaften seismischer Oberflächenwellen

Die Oberflächenwelle ist dasjenige Signal, das bei fester Frequenz die größste Langsamkeit und die geringste Eindringtiefe aller seismischen Signale besitzt. Wie bei Scherwellen gibt es zwei Typen: die in einer vertikalen Ebene polarisierten Rayleighwellen und die senkrecht zu dieser Ebene polarisierten Lovewellen. Im Gegensatz zu Raumwellen ist die Oberflächenwelle deutlich dispergiert. Ihre Eindringtiefe hängt stark von der Frequenz ab. Durch Messung der Dispersion, - der Phasengeschwindigkeit oder der Gruppengeschwindigkeit als Funktion der Frequenz - lassen sich Informationen über die Tiefenabhängigkeit der Scherwellengeschwindigkeit gewinnen. Im Seismogramm bilden die OW bei flachen Beben das stärkste Signal, das aber relativ spät einsetzt. Für eine Erdumrundung benötigen OW ungefähr 3 Stunden. In dreidimensionalen Medien werden OW gestreut und tauschen Energie mit Raumwellen aus. Für Perioden grösser als 20 s lässt sich aber stets ein deutlicher Oberflächenwellenzug identifizieren.

Klassische Oberflächenwellentomographie

OW-Tomographie (OWT) wird in globalem wie auch in regionalem Maßstab betrieben. Bei regionalen Tomographien muss noch unterschieden werden, ob teleseismische Wellen verwendet werden oder nicht. Die klassische OWT beruht wie andere Laufzeittomographien auf der Strahlentheorie. Aus dem beobachteten Oberflächenwellenzug wird durch geeignetes Processing für ausgewählte Frequenzen Amplitude und Phase bestimmt. Bei der globalen Tomographie zieht man die von einem Referenzerdmodell vorhergesagte Phase ab, bei teleseismischen bildet man Phasendifferenzen zwischen Stationspaaren. In beiden Fällen wird die Phasendifferenz δT als Integral der lokalen Perturbation der Phasenslowness δp über den Laufweg P interpretiert:
 


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Inversion von Laufzeitdifferenzen zu vielen sich kreuzenden Pfaden führt auf Langsamkeits - oder Phasengeschwindigkeitskarten, die ihrerseits nach Modellen der 3D-S-Wellen-geschwindigkeit invertiert werden können.

Globale OWT wird inzwischen in großem Stil betrieben (Trampert & Woodhouse,1995, Laske & Masters, 1996, Ekström et al., 1997). Die Zahl der Laufwege liegt bei 40.000, die Auflösung bei 1000 km bis 2000 km und die kürzeste Periode um 40 s. Durch Hinzunahme von Polarisations- und Amplitudendaten kann die Empfindlichkeit für kleinräumigere Strukturen noch weiter erhöht werden.

Grenzen der klassischen OW-Tomographie

Die laterale Auflösung der klassischen OW-Tomographie ist durch die Größe der ersten Fresnelzone begrenzt. Bei 50 s Periode und einer Pfadlänge von 90 Grad (ca. 10.000 km) liegt diese bei 1000 km, bei 100 s bei 1400 km. Dort sind die modernen OW-Tomographien schon fast angekommen. Erweiterung der Datensätze um weitere Laufwege wird zu einer Verbesserung der Qualität der Karten führen, aber die Auflösung nur sehr langsam steigern. Regionale Studien mit kurzen Laufwegen oder Arraystudien mit teleseismischen OW sind nötig, um die Auflösung deutlich zu erhöhen. Die Tiefenauflösung ist ebenfalls beschränkt, da OW über größere Tiefenbereiche mitteln.

Dispersionsmessungen werden durch zufällige und systematische Fehler geplagt: Herdmislokation, falscher Momententensor, 2π-Uneindeutigkeit der Phase, Interferenzen mit multiplen S-Wellen, Fehler beim Processing, ungenau bekannte Stationsantworten, Zeitfehler. Ein weniger bekannter aber sehr wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass die gemessene Laufzeitdifferenz von der Amplitude der OW abhängt (Wielandt, 1993). Korrekterweise müsste Gleichung [1] wie folgt lauten:
 


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wobei p0 die Referenzslowness, A die Amplitude der Welle und Δ den Laplaceoperator bezeichnen. Der Betrag des zweiten Terms unter dem Integral ist mit der Slownessanomalie korreliert und wä>chst mit der Distanz von der Quelle an. Bei Perioden kleiner als 50 s und Distanzen um 90 Grad kann er durchaus 10 % bis 100 % des ersten Terms ausmachen (Friederich et al., 1994). Ignorieren des zweiten Terms bei der Inversion ist einem systematischen Fehler von δT äquivalent, der die Auflösung der klassischen OWT prinzipiell begrenzt. Besonders hart trifft der zweite Term Tomographien mit teleseismischen OW, da er dort über die gesamte Weglänge voll signifikant ist und damit der Fehler in δT ebenfalls 10% bis 100% betragen kann.

Alternativen und Weiterentwicklungen

Die Dispersionsanalyse kann umgangen werden, wenn man direkt die Wellenform anpasst. Statt der Strahlentheorie kann man dann die Bornapproximation verwenden um synthetische Wellenformen zu berechnen (Snieder, 1986, Alsina et al., 1996). Allerdings wird die Bornapproximation bei Laufwegen über viele Wellenlängen ungültig. Der begrenzten Eindringtiefe und Tiefenauflösung kann begegnet werden, indem man Scherwellen mitmodelliert (Nolet, 1990). Bei beiden Erweiterungen sollten die Laufwege komplett im Untersuchungsgebiet enthalten sein. Ideal ist eine Modellierung der gesamten Wellenform von der S-Welle bis zur OW mit der Bornapproximation (Meier et al., 1997, Marquering & Snieder, 1995) oder einer Streutheorie, die Mehrfachstreuung (Friederich, 1999) berücksichtigt. In diesem Fall erhält man realistische Empfindlichkeiten der Wellenform, die sich um die geometrischen Laufwege konzentrieren.

Im teleseismischen Fall führt eine reine Laufzeittomogaphie nicht zum Ziel, da die durch Amplitudenvariationen bedingten Laufzeitfehler zu groß sind, um akkurate Geschwindigkeitskarten zu erstellen. Statt dessen empfiehlt sich eine Modellierung der Wellenform (Friederich, 1998). Außerdem sollte das in das Untersuchungsgebiet einfallende Wellenfeld aus den Daten bestimmt werden können, da ca. 90% der beobachteten Amplituden- und Laufzeitanomalien nicht durch die Struktur im Untersuchungsgebiet bedingt sind. Hierzu sind relativ dichte Stationsnetze erforderlich.

Literatur

Alsina, D., Woodward, R.L. & Snieder, R.K., 1996. Shear wave velocity structure in North America from large-scale waveform inversions of surface waves, J. geophys. Res., 101, 15969-15986.

Ekström, G., Tromp, J. & Larson, E.W.F., 1997. Measurements and global models of surface wave propagation, J. geophys. Res., 102, 8137-8157.

Friederich, W., Wielandt, E. & Stange, S., 1994. Non-plane geometries of seismic surface wave fields and their implications for regional-scale surface wave tomography, Geophys. J. Int., 119, 931-948.

Friederich, W., 1998. Wave-theoretical inversion of teleseismic surface waves in a regional network: phase velocity maps and a 3D upper mantle shear wave velocity model for southern Germany, Geophys. J. Int., 132, 203-225.

Friederich, W., 1999. Propagation of seismic shear and surface waves in a laterally heterogeneous mantle by multiple forward scattering, Geophys. J. Int. 136, 180-204.
 

Laske, G. & Masters, G., 1996. Constraints on global phase velocity maps from long-period polarization data, J.geophys. Res., 101, 16059-16075.

Marquering, H. & Snieder, R., 1995. Surface-wave mode coupling for efficient forward modelling and inversion of body-wave phases, Geophys. J. Int., 120, 186-208.

Masters, G., Laske, G., Bolton, H. & A. Dziewonski, 2000. The relative behaviour of shear velocity, bulk sound speed and compressional velocity in the mantle: implications for chemical and thermal structure, in Earth's Deep Interior, Geophysical Monograph 117, American Geophysical Union, 63-87.

Meier, T., Lebedev, S., Nolet, G. & Dahlen, F.A., 1997. Diffraction tomography using multimode surface waves, J. Geophys. Res., 102, 8255-8267.

Nolet, G., 1990. Partitioned waveform inversion and twodimensional structure under the Network of Autonomously Recording Seismographs, J. geophys. Res., 95, 8499-8512.

Snieder, R., 1986. 3D-linearized scattering of surface waves and a formalism for surface wave holography, Geophys. J. R. astr. Soc., 84, 226-241.

Trampert, J. & Woodhouse, J.H., 1995. Global pahse velocity maps of Love and Rayleigh waves between 40 and 150 s, Geophys. J. Int., 122, 675-690.

van der Hilst, R.D., Widiyantoro, S. & Engdahl, E.R., 1997. Evidence for deep mantle circulation from global tomography, Nature, 386, 578-584.

Wielandt, E., 1993. Propagation and structural interpretation of non-plane waves, Geophys. J. Int., 113, 45-53.