Das Erdbeben vom 13. April 1767 bei Rotenburg a.d. Fulda

 

H. Meidow, Köln

 


1. Einleitung

 

In der Nacht vom 12. auf den 13. April 1767 wahrscheinlich gegen 0:20 Uhr morgens wurden weite Teile des heutigen Nordhessens sowie Thüringens und des südlichen Niedersachsens von einem stärkeren Erdbeben erschüttert, das in Rotenburg a.d. Fulda auch merklichen Schaden verursachte. Aufgrund von Recherchen in lokalen Archiven und Bibliotheken konnten verschiedene zeit-genössische Quellen ermittelt werden, die über das Erdbeben und die damit verbundenen Beobachtungen berichteten. Durch die ausgehobenen Quellen ist die Grundlage für eine weitergehende makroseismische Auswertung gegeben.

 

Die Hessische Senke weist eine im Vergleich zum Rheinland oder der Schwäbischen Alb sehr geringe Seismizität auf. An stärkeren Schadenbeben ist aus der Vergangenheit nur das Erdbeben von Rotenburg a.d. Fulda 1767 bekannt. Seit Anfang der fünfziger Jahre ist es im Kalibergbaugebiet des Werratales jedoch mehrfach zu folgenschweren Erdstößen gekommen, die durch bergbauliche Aktivitäten ausgelöst wurden. Diese Gebirgsschläge verursachen an der Erdoberfläche erdbeben-artige Bodenerschütterungen, die erhebliche Gebäudeschäden hervorrufen können. Zu den wichtigsten Gebirgsschlägen im Kalibergbau-gebiet zählen die Ereignisse von Heringen 1953, Merkers 1958, Sünna 1975 und Völkershausen 1989. Die makroseismischen Schüttergebiete weisen Radien im Bereich von einigen 10 km bis zu einigen 100 km auf. Die Gebirgsschläge haben in ihren Epizentral-bereichen teilweise beträchtliche Gebäude-schäden verursacht. Der stärkste Gebirgsschlag bei Völkershausen am 13. März 1989 (Ahorner 1993; Leydecker et al. 1998) zählt weltweit zu den energiereichsten seismischen Ereignissen, die durch bergbauliche Tätigkeiten ausgelöst wurden. Die durch den Gebirgsschlag hervorgerufenen Bodenerschütterungen wurden bis in eine Entternung von mehr als 300 km verspürt. Im Epizentralbereich trat verbreitet die Intensität VIII und stellenweise sogar die Intensität VIII-IX auf. Mehr als 80% aller Gebäude wurden beschädigt. Neben zahlreichen Schornsteineinstürzen waren an vielen Häusern tiefe Mauerrisse und zum Teil auch Giebeleinstürze festzustellen. Der Gebirgsschlag erreichte eine Nahbeben-Magnitude von ML = 5,6. Daß die Hessische Senke aber nicht völlig frei von natürlichen tektonischen Erdbeben ist, beweisen zahlreiche instrumentell registrierte Erdbeben und insbesondere die auch verspürten Erdbeben bei Echzell 1975 und im Haunetal 1982.

 

Das am 4. November 1975 in der Nähe von Echzell in der Wetterau ausgelöste tektonische Erdbeben (Neugebauer & Tobias 1977) hat allerdings keinerlei Schäden hervorgerufen und wurde im Epizentralgebiet nur mit der Intensität IV-V verspürt. Das fühlbar erschütterte Gebiet reichte bis Frankfurt und Marburg. Das Erdbeben erreichte eine Nahbeben-Magnitude von ML = 3,6 und wurde in einer Herdtiefe von h = 11 km ausgelöst.

 

Ein zweites tektonisches Erdbeben fand in der Hessischen Senke am 29. Januar 1982 in der Gegend des Haunetales südlich von Bad Hersfeld statt (Baier 1987; Ahorner & Sobisch 1988). Es erreichte die Nahbeben-Magnitude von ML = 3,4. Das makroseismische Schütter-gebiet weist einen mittleren Radius von etwa 22 km auf. Im Epizentralgebiet wurden Erschütterungswirkungen der Intensität V beobachtet. Baier (1987) gibt für die Herdtiefe einen Wert von etwa 8 km an.

 

In der Abb. 1 sind die bekannten Erdbeben aus dem Bereich der Hessischen Senke und des Werra-Bergbaugebietes dargestellt. Daten-grundlage der Karte ist der Erdbebenkatalog von Leydecker (2000).


 

Abb. 1: Tektonische Erdbeben und bergbaulich induzierte Erdstöße im Bereich der Hessischen Senke und dem Werra-Bergbaugebiet (Datengrundlage: Leydecker 2000). Die ausgefüllten größeren Symbole geben die Ereignisse an auf die in der vorliegenden Arbeit Bezug genommen wird. UTM-Koordinaten (km) Zone 32U.

 


2. Makroseismische Beobachtungen

 

Das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda ereignete sich am 13. April 1767 gegen 0:30 Uhr Ortszeit. Die Zeitangaben in den historischen Quellen schwanken für den Hauptstoß zwischen „um 12 Uhr“ aus Helmstedt (Hamburgische Zeitung 1767), „etwa 20 Minuten nach 12 Uhr„ aus Göttingen (Göttingsche Anzeigen 1767), „halb 1“ aus Kassel (Staats-Relationen 1767), „gegen 1“ aus Gotha (Kaiserliche Post 1767) und „halb 2 Uhr“ ebenfalls aus Kassel (Kaiserliche Post 1767). Aus Gotha, Göttingen und Kassel wird übereinstimmend über einen Nachstoß gegen 3 Uhr berichtet und in Kassel soll um „3 Viertel nach 12 Uhr“ darüber hinaus auch ein leichtes Vorbeben verspürt worden sein (Kaiserliche Post 1767; Göttingische Anzeigen 1767; Gunkelsche Chronik 1767).

 

Die stärksten Auswirkungen hatte das Erdbeben offensichtlich in der Stadt Rotenburg a.d. Fulda. In den Bayreuther Zeitungen (1767) ist die folgende Schilderung abgedruckt.

 

„Zu Rothenburg in Hessen muß die Erschütterung weit stärker gewesen seyn. Die fürstl. Familie retirirte sich aus dem Schlosse in den Garten, und campirte allda drey Tag und Nacht. Die Fenster an den neuen Flügeln des Schlosses sind alle entzwey gesprungen; die Bürger haben sich auf das Feld geflüchtet und von manchen Häusern sind die Schornstein eingefallen“

 

Im wesentlichen identische Meldungen finden sich auch in den Staats-Relationen (1767) und in der Europäischen Zeitung (1767).

 

Aus Kassel berichten die Staats-Relationen (1767):

 

„Zu Cassel verspürte man in der Nacht am 12. dieses um halb 1 Uhr Nachmitternacht, ein heftiges Erdbeben, welches ohngefehr 2 starke Secunden dauerte. Alles erwachte, und unter den Einwohnern entstund eine allgemeine Furcht und Bestürzung. Man sahe schon viele Leute welche sich auf offene Plätze verfügten. Die Schildwachen verliessen ihre Schilderhäuser und in den Häusern bewegten sich die Fenster und alles Hausgeräthe. Sonsten weiß man noch zur Zeit von keinem Schaden, [...].“

Gleichlautende Meldungen finden sich auch im Relations-Courier (1767), im Hamburgischen Correspondenten (1767), in der Real-Zeitung (1767) und in den Bayreuther Zeitungen (1767). In diesen drei Zeitungen werden die Beobachtungen allerdings zusammenfassend auch auf die Orte Gotha und Langensalza bezogen, ohne daß eine klare Zuordnung zwischen Beobachtungen und Beobachtungsort möglich wäre.

 

Darüber hinaus berichten aus Kassel die Gunkelsche Chronik (1767) über ein Erdbeben, „so starck, das sich alle Häuser erbebet haben“ und die Großmedersche Chronik (1767) über ein auch auf dem Lande verspürtes Erdbeben, „jedoch Gott sei Dank, ohne Schaden, da sich nur die Erde bewegt und die Häuser gereget haben.“

 

Zwischen Kassel und Marburg sind in verschiedenen namentlich nicht bekannten Orten vermutlich leichte Schäden aufgetreten. So berichtet die Augspurgische Postzeitung (1767), dass das Beben dort „einigen wiewohl nicht allzugrossen Schaden gethan“ habe .

Über die Beobachtungen in Tonna berichtet die Europäische Zeitung (1767) folgendes:

 

„In verwichener Nacht, nach 12 Uhr, hat sich in hiesigem Orte ein empfindliches Erdbeben verspühren lassen. Der Anfang davon ließ sich auf ein Viertel auf 1 mercken, um welcher Zeit [...] ein schreckliches gerassel entstand, so kaum 2 Minuten dauerte, welches sich aber mit nach und nach abnehmenden Sausen endigte. Hierauf erfolgte sogleich eine so starke Bewegung der Erde, daß davon die Häuser und Fenster Zitterten, in manchen Wohnungen die Betten wancketen, daß die darinnen liegenden Personen, solche vor Schrecken verlassen haben.“

 

Scheinbar ist es in Tonna im Vergleich zu Kassel nicht mehr zu einem allgemeinen Schrecken unter den Bewohnern gekommen. Lediglich in „manchen“ Wohnungen schwankten die Betten so sehr, daß Schrecken entstand.

 

Ausdrücklich schadlos aber auch ohne weitere nähere Angaben zu Wirkungen und Beobachtungen wurde das Erdbeben in Gotha verspürt. Die Europäische Zeitung (1767), die Kaiserliche Post (1767) und der Relations-Courier (1767) berichten weitgehend gleichlautend von einer starken Erschütterung, die „ jedoch [...] ohne verursachten Schaden abgegangen“ sei.

 

Widersprüchlich erscheinen die Meldungen aus Langensalza. Während nach der Hamburgischen Zeitung (1767) lediglich „in eben derselben Nacht eine kleine Erschütterung wahrgenommen“ wurde, schreibt der Relations-Courier (1767), „daß man daselbst zwischen dem 12ten und 13ten April eine ziemlich heftige Erderschütterung gehabt, die von verschiedenen Personen bemerkt worden“ ist.

 

Aus Ulrichstein am Vogelsberg berichtet eine in der Braunschweigischen Zeitung (1767) abgedruckte Mitteilung, dass in der Nähe des Ortes auf dem freien Feld ein von einem Wiesengrund aufsteigender dicker Dampf in Gestalt einer länglichen Wolke beobachtet wurde. Die Erschütterungen des Bebens wurden im Freien offenbar nicht verspürt denn die Beobachter

bringen den aufsteigenden Dampf oder Nebel erst nach Erreichen des Ortes mit den dort stark verspürten Erschütterungen in Verbindung. „Hier höeren sie von einer empfundenen starken Erderschütterung, davon sie ausser dem gedachten Dampf nichts gemerket hatten.“

 

Eine außergewöhnlich detaillierte Beschreibung von Beobachtungen die in Göttingen gemacht wurden sind auszugsweise in den Göttingischen Anzeigen (1767) abgedruckt worden. Der Bericht stammt u.a. von dem deutschen Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), der zur Zeit des Erdbebens in Göttingen noch studierte. Später war Lichtenberg Professor an der Universität Göttingen. Aufgrund der naturwissen-schaftlichen Ausbildung Lichtenbergs und seines Studienkollegen Erxleben sowie der Genauigkeit ihrer Beobachtungen muß diese Quelle als besonders zuverlässig angesehen werden.

 

"Sie wohnen beide in einem Hause (bei Goldschmied Knauer, Pauliner-Straße 3), Hr. Lichtenberg eine Treppe, Hr. Erxleben zwei Treppen hoch. In der Nacht zwischen dem 12. und 13. April, etwa 20 Minuten nach 12 Uhr, bemerkte jeder in seiner eigenen Wohnstube, an dem Tische, woran er las, eine Erschütterung: Gläser mit Naturalien in einem Schranke schlugen gegeneinander; Mineralien, die auf dem Tische lagen, rollten durcheinander. Hr. E. empfand die Bewegung in allen Wänden des Zimmers, selbst im Fußboden, daß er im Aufstehen vom Stuhle hin und her wankte; Hrn. L. kam es vor, wie die Erschütterung, die ein vorbeifahrender Wagen macht, dergleichen aber nirgends, so wenig als Wind, zu verspüren war. Er stund, sobald er die Erschütterung bemerkt, auf und fand, daß sie noch heftiger worden und endlich die Fensterscheiben mit großem Geräusche zu zittern anfingen. Dieses dauerte ungefähr 6 Sekunden, darauf alles ruhig ward. Hr. E. hat die Dauer etwas länger geschätzt, vielleicht weil er höher gewohnt. Er hat dabei nicht die geringste Übelkeit empfunden, dagegen Hr. L. nötig hatte, sich solche durch etwas Wein zu vertreiben. Vögel in Käfigen fingen plötzlich an, unordentlich herumzufliegen.

Auf eine ähnliche Art hat man es in mehr Straßen der Stadt bemerkt, in höheren Stockwerken sind viele Leute aus dem Schlafe erweckt worden. Die Krähen, welche auf dem Jakobiturm nisten, kamen auf einmal aus demselben hervorgeflogen. Dieses und die bekannte Erfahrung, daß Erschütterungen an hohen Orten empfindlicher sind veranlaßte Hrn. L. Tags darauf bei dem Türmer des Johanniskirchturms Nachricht einzuziehen, aus der sich schließen ließe, daß er es stärker als andere müsse empfunden haben, sonst aber hat er nichts sonderbares erfahren können. Ein Gepolter, wie der Türmer seine Empfindung beschrieb, müßte wohl das Getöse eines zitternden Gebäudes sein, denn sonst war auf dem Turme nichts umgefallen; er habe übrigens diese Erschütterung nicht so empfindlich geschätzt, als die von 1756 (18. Februar); auch ließe sich aus seiner Erzählung nicht wohl eine längere Dauer als 8 Sekunden herleiten."

 

Die genauen Beobachtungen und Nachforschungen von Lichtenberg und Erxleben erlauben eine zuverlässige Bewertung der in Göttingen aufgetretenen Wirkungen.

 

Aus dem etwa 160 km nordöstlich von Rotenburg a.d. Fulda gelegenen Helmstedt liegt ebenfalls eine außergewöhnlich detaillierte Beschreibung der Erdbebenwirkungen durch den Professor für Arzneiwissenschaft und Naturlehre, Beireis, vor. Über seine Beobachtungen berichtet die Hamburgische Zeitung (1767):

 

"Die erste Erschütterung war sehr gelinde und kaum zu bemerken. Die zwote, welche einige Secunden auf jene folgte, war stärker, so daß sich der Stuhl und Tisch davon bewegten. Die dritte eine Minute nach dieser empfundenen Erschütterung war so stark, daß die verschlossene Thür des Zimmers bewegt wurde, und in dem Instrumentensale die von den Magneten getragenen Gewichte herabfielen. [...] Eben diese Erschütterungen sind auch von einigen Studenten und anderen Personen zu derselben Zeit beobachtet worden."

 

Ohne nähere Angaben zu den Wirkungen der Erderschütterungen ist das Erdbeben nach der Bayreuther Zeitung (1767) noch in den Orten Benshausen, Guhla, Kühndorf, Schleusingen, Schmalkalden, Schwarzau, St. Blasii, Ulrichstein und Zelle verspürt worden sowie nach der Chronik Salzungen (1799) in Bad Salzungen, Langenfeld und dem Amte Altenstein.

Dem klassischen Erdbebenkatalog von Sieberg (1940) ist darüber hinaus zu entnehmen, daß das Erdbeben auch in den Orten Schreufa b. Frankenberg (IV-V), Mühlhausen und Sontra bemerkt wurde. Zu den genannten Orten konnten bisher noch keine zeitgenössischen Quellen ermittelt werden.


 

 


 

Abb. 2: Schüttergebiet des Nachbebens zum Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767. Das Nachbeben ereignete sich am 13. April gegen 3:00 Uhr Ortszeit. UTM-Koordinaten (km) Zone 32U.


3. Makroseismische Kenngrößen

 

Die Analyse der historischen Quellen ergibt, daß sich das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda am 13. April 1767 gegen 0:20 Uhr Ortszeit ereignet hat. Als zuverlässigste Zeitangabe muß hier die Beschreibung von Lichtenberg (Göttingsche Anzeigen 1767) gelten.

 

Der Hauptstoß wurde begleitet von einem leichten Nachbeben gegen 3:00 Uhr Ortszeit (Abb. 2) und vermutlich von einem kaum verspürten Vorbeben etwa 45 Minuten vor dem Hauptstoß. Das Vorbeben ist lediglich aus Kassel berichtet worden (Kaiserliche Post 1767).

 

Das Hauptbeben wurde am stärksten in der Gegend von Rotenburg a.d. Fulda verspürt. Nach dem vorhandenen Bericht, welcher gleichlautend in verschiedenen zeitgenössischen Zeitungen veröffentlicht wurde (Bayreuther Zeitungen 1767, Staats-Relationen 1767, Europäische Zeitung 1767), waren die Erschütterungen von zumindest erschreckender Stärke und haben am Rotenburger Schloss und in der Stadt mittelschwere Gebäudeschäden verursacht. Am Schloss wurden allerdings lediglich die Fenster des neu aufgebauten Gebäudeflügels in Mitleidenschaft gezogen, während über sonstige Schäden an weiteren Gebäudeteilen nicht berichtet wird. Die aus Rotenburg selber überlieferten Schornstein-schäden beziehen sich einschränkend nur auf manche Gebäude. Zusammenfassend ist der Stadt Rotenburg damit eine makroseismische Intensität von I = VI (EMS-98) zuzuordnen.

 

Sieberg (1940) beschreibt das Erdbeben bei Rotenburg als „ein zerstörendes Beben im Hessischen Bergland, vor allem in den Tälern von Fulda und Werra: Zu Rotenburg a.d. Fulda wurden Schornsteine abgeworfen.“ Angesichts der vorhandenen zeitgenössischen Quellen die nur über mittelschwere Schäden in Rotenburg und über „nicht allzugrossen Schaden“ (Augspurgische Postzeitung 1767) in der Gegend zwischen Kassel und Marburg berichten erscheint diese Aussage stark übertrieben.

 

Insgesamt konnten aus den historischen Quellen 24 Orte entnommen werden, an denen das Erdbeben bei Rotenburg verspürt wurde. Für 9 dieser Orte war es möglich, eine makroseismische Intensität festzulegen oder diese zumindest in der Größenordnung abzuschätzen. Diese Orte sind zusammen mit den Intensitäten nach der EMS-98 und den jeweiligen UTM-Koordinaten (Zone 32U) in der Tabelle 1 aufgeführt. Sofern die Intensität nur grob abgeschätzt werden konnte, ist der entsprechende Intensitätsbereich, z.B. III-IV, angegeben. Unter den Anmerkungen sind von den heutigen Ortsnamen abweichende Schreibweisen aufgeführt.


 


Ort

Intensität (EMS-98)

Rechtswert (UTM 32U)

Hochwert (UTM 32U)

Anmerkung

Altenstein

 

595,0

5632,3

 = Amt Altenstein

Bad Salzungen

 

586,9

5629,6

 

Benshausen

 

612,9

5611,9

 

Gotha

IV-V

623,0

5649,9

 

Göttingen

IV

565,0

5711,0

 

Helmstedt

III

636,6

5789,4

 

Kassel

V

534,0

5685,0

 

Kühndorf

 

605,0

5607,4

 

Langenfeld

 

585,2

5626,9

 

Langensalza

III-IV

612,9

5662,4

 

Marburg

 

483,2

5627,8

 

Mühlhausen

 

602,0

5674,0

 

Rotenburg a.d. Fulda

VI

552,5

5650,5

 = Rothenburg

Ruhla

 

596,0

5638,7

 = Guhla

Schleusingen

 

652,1

5597,3

 

Schmalkalden

 

602,7

5620,6

 

Schreufa

IV-V

486,0

5659,7

 

Schwarza

 

608,6

5608,9

 = Schwarzau

Sontra

 

566,0

5658,5

 

St.Blasii

 

618,5

5613,4

Kirche in Zella-Mehlis

Tonna

IV

622,0

5661,5

 

Ufhoven

 

613,9

5662,1

 

Ulrichstein

IV-V

513,7

5603,3

 

Zella

 

618,5

5613,4

 = Zelle

 

Tabelle 1: Orte, an denen das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767 verspürt wurde, mit den aus historischen Berichten abgeschätzten Intensitäten .

 


Für das Erdbeben bei Rotenburg ergibt sich die in der Abb. 3 dargestellte Intensitätsverteilung. Das Schüttergebiet erstreckte sich insgesamt über eine Fläche von etwa 38.000 km². Das entspricht einem mittleren Schüttergebietsradius von Rs ~ 110 km. Die größte beobachtete Reichweite liegt bei Rmax ~ 164 km und betrifft die Meldung aus Helmstedt.

 

Das Epizentrum des Erdbebens dürfte in der Nähe des am stärksten erschütterten Ortes Rotenburg gelegen haben. Es kann in etwa mit den geographischen Koordinaten 51°00' N Breite und 9°42' E Länge (vgl. auch Leydecker 2000) angenommen werden. Die Maximal-intensität beträgt Imax = VI (EMS-98).

 

Aus der in der Abb. 3 dargestellten Intensitätsverteilung lassen sich die in der Tabelle 2 aufgeführten mittleren Isoseistenradien abschätzen.



 


             

 

Abb. 3: Intensitätsverteilung (EMS-98) und Schüttergebiet des Erdbebens bei Rotenburg a.d. Fulda am 13. April 1767 gegen 0:20 Uhr Ortszeit. UTM-Koordinaten (km) Zone 32U.

Intensität In (EMS-98)

VI

V

IV

III

Isoseistenradius Rn (km)

4

38

67

110

 

Tabelle 2: Mittlere Isoseistenradien in km des Erdbebens bei Rotenburg a.d. Fulda 1767 .

 


Auf Grundlage der in Tabelle 2 angegebenen Isoseistenradien wurde die makroseismische Herdtiefe nach der auf Kövesligethy (1907) zurückgehenden Methode von Sponheuer (1960) bestimmt. Für die Intensität In und den entsprechenden mittleren Isoseistenradius Rn gilt der Zusammenhang


 

In  = I0 - 3 log (Dn/h) - 3 log (e) a (Dn-h)       [1]

 


mit Dn = (Rn² + h²)1/2 = Herdentfernung (km), I0 = Epizentralintensität, h = Herdtiefe (km) und  = Absorptionskoeffizient (km-1). In der Abb. 4 ist die nach Sponheuer (1960) bestimmte Modellkurve der Intensitätsabnahme mit zunehmender Epizentralentfernung zusammen mit den abgeschätzten Isoseistenradien und den zur Orientierung darüber hinaus eingezeichneten Einzel-beobachtungen dargestellt. Für das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767 ergibt sich damit eine makroseismische Herdtiefe von etwa h = 15 km.


 


 

Abb. 4: Intensitätsabnahme mit zunehmender Epizentralentfernung beim Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767. Die Modellkurve wurde nach Sponheuer (1960) mit den oben rechts im Diagramm angegebenen Parametern berechnet.

 


Nach Bestimmung der Herdtiefe lassen sich mit Hilfe empirischer Umrechnungsformeln darüber hinaus aus den makroseismischen Daten Werte für die Magnituden des Erdbebens bei Rotenburg ermitteln. Verwendet wurden Bestimmungsformeln für die Nahbeben-Magnitude ML nach Ahorner (1983)


 

MLAHO = 0,67 In - 1,33 + 2 log (Dn) + 0,87 a (Dn – 10) [2]

 

und Sponheuer (1962)

 

MLSPO = 0,52 In + 1,56 log (Dn) + 0,7 a Dn            [3]

 


sowie für die Moment-Magnitude Mw nach Hanks & Kanamori (1979)

 

Mw = 2/3 log (Mo) – 10,7        [4]

 


aus den seismischen Herdmomenten Mo nach Johnston (1996)

 

log (Mo ) = 17,59 + 1,020 log(A3) + 0,00139 (A3)1/2    

log (Mo ) = 18,10 + 0,971 log(A4) + 0,00194 (A4)1/2   

log (Mo ) = 19,83 + 0,788 log(A5) + 0,00260 (A5)1/2   

log (Mo ) = 20,23 + 1,032 log(A6) + 0,00176 (A6)1/2    [5]

 


mit A3 bis A6 = von den Isoseisten III bis VI umschlossene Flächen (km²).

 


Damit ergeben sich unter Zugrundelegung der in der Tabelle 2 angegebenen Isoseistenradien, einer Herdtiefe von h = 15 km und einem Absorptionskoeffizienten von a = 0,003 km-1 für das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767 die in der Tabelle 3 aufgeführten Magnituden-Schätzwerte.


 

Intensität In (EMS-98)

Herdentfernung Dn (km)

Makroseismische Nahbeben-Magnitude MLSPO nach Sponheuer (1962)

Makroseismische Nahbeben-Magnitude MLAHO nach Ahorner (1983)

Makroseismische Moment-Magnitude Mw nach Johnston (1996) und Hanks & Kanamori (1979)

6,0

15,5

5,01

5,09

3,97

5,0

40,9

5,20

5,32

4,56

4,0

68,7

5,09

5,18

4,21

3,0

111,0

4,98

5,03

4,32

Mittelwert:

5,1

5,2

4,3

 

Tabelle 3: Magnitudenwerte für das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda 1767

 


4. Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

 

Auf der Grundlage von zeitgenössischen Originalquellen konnte das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda am 13. April 1767 gegen 0:20 Ortszeit in seinen makroseismischen Wirkungen ausgewertet und analysiert werden.

 

Das Erdbeben erreichte in der Stadt Rotenburg die Maximalintensität I max = VI (EMS-98). Die starken Erschütterungen haben am Schloß und

Das Erdbeben erreichte in der Stadt Rotenburg die Maximalintensität I max = VI (EMS-98). Die starken Erschütterungen haben am Schloß und in der Stadt offenbar an einigen Gebäuden mittelschwere Schäden verursacht. An einem Gebäudeflügel des Schlosses zersprangen die Fenster und von manchen Häusern sind die Schornsteine eingefallen.

 

Das Hauptbeben gegen 0:20 Ortszeit wurde von einem schwächeren Nachbeben gegen 3:00 Ortszeit sowie möglicherweise von einem leichten Vorbeben etwa 45 Minuten vor dem Hauptstoß begleitet.

 

Das Schüttergebiet erstreckte sich insgesamt über eine Fläche von etwa 38.000 km² was einem mittleren Schüttergebietsradius von 110 km entspricht. Ausgehend von der makroseis-mischen Auswertung lassen sich die in der Tabelle 4 zusammengefaßten makroseis-mischen Kenngrößen des Erdbebens bei Rotenburg a.d. Fulda festlegen.


 


Datum:

13.04.1767

Herdzeit:

00:20 (Ortszeit)

Epizentrum:

51°00' N    9°42' E

Epizentralintensität I0 :

VI (EMS-98)

Herdtiefe h:

15 (km)

Absorptionskoeffizient :

0,003 (km-1)

Schüttergebietsgröße A:

38.000 (km2)

Maximaler Fühlbarkeitsradius Rmax :

164 (km)

Makroseismische Nahbeben-Magnitude ML :

5,2

Makroseismische Moment-Magnitude Mo :

4,3

 

Tabelle 4: Makroseismische Kenngrößen des Erdbebens bei Rotenburg a.d. Fulda 1767.

 


Die Entstehungsursache des Erdbebens bei Rotenburg ist noch nicht abschließend geklärt. Auf Grund der geologischen Unter-grundverhältnisse im Epizentralgebiet gehen Ahorner et al. (1970) von einem natürlichen Einsturzbeben infolge unterirdischer Salz-ablaugung in geringer Tiefe aus. Die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung festgestellte Herdtiefe von etwa 15 km und der Umstand, daß mit den Erdbeben von Echzell 1975 und Haunetal 1982 auch stärkere tektonische Beben im Bereich der Hessischen Senke aufgetreten sind, läßt aber eine tektonische Ursache für das Erdbeben bei Rotenburg a.d. Fulda wahrscheinlicher erscheinen.


 


       

 

Abb. 5: Bezug zwischen Intensitätsdifferenz (Epizentralintensität – Intensität der Isoseiste) und Hypozentralentfernung bei bergbaulich induzierten Erdstößen geringer Herdtiefe und tektonischen Erdbeben mit größerer Herdtiefe in der Hessischen Senke und im Werra-Bergbaugebiet (Datengrundlage: Leydecker et al. 1998, Leydecker 1976, Sponheuer et al. 1960, Neugebauer & Tobias 1977 und Baier 1987).


Besonders deutlich wird dies, wenn man die Differenzen zwischen den Epizentral-intensitäten und den Intensitäten der entsprechenden Isoseisten im Bezug zur jeweiligen Hypozentralentfernung betrachtet. In der Abb. 5 sind diese Daten für die in der vorliegenden Arbeit herangezogenen Ereignisse aus der Hessischen Senke und dem Werra-Bergbaugebiet dargestellt. Die zwei Bereiche von bergbaulich induzierten Erdstößen mit geringer Herdtiefe und tektonischen Erdbeben mit größerer Herdtiefe sind klar zu unterscheiden, wobei sich das Erdbeben bei Rotenburg 1767 eindeutig dem letzteren Bereich zuordnen läßt.


 


5. Literatur

 

Ahorner, L. (1983): Seismicity and neotectonic structural activity of the Rhine graben system in Central Europe . - In: Ritsema, A.R. & Gürpinar, A. (Hrsg.): Seismicity and seismic risk in the offshore North Sea area, S.101-111, D.Reidel, Dordrecht .

Ahorner, L. (1993): Der Gebirgsschlag am 13. März 1989 bei Völkershausen (Thüringen). - In: Henger, M. & Leydecker, G. (Hrsg.): Erdbeben in Deutschland 1989, S. 32-54, Hannover.

Ahorner, L., Murawski, H. & Schneider, G. (1970): Die Verbreitung von schadenverursachenden Erdbeben auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. - Z.Geophys. 36, S.313-341.

Ahorner, L. & Sobisch, H.-G. (1988): Ein untertägiges Überwachungssystem im Kaliberg-werk Hattorf zur Langzeiterfassung von seismischen Ereignissen im Werra-Kaligebiet. - Kali und Steinsalz, Bd. 10, H. 2; S.38-49.

Augspurgische Postzeitung (1767): Augspurgische Ordinari Postzeitung von Staats, politischen und andern Neuigkeiten 1767 - Bayerische Staats-bibliothek München.

Baier, B. (1987): Regionaler Bericht Hessen. - In: Henger, M. & Leydecker, G. (Hrsg.): Erdbeben in Deutschland 1982, S. 37, Hannover.

Bayreuther Zeitungen (1767): Bayreuther Zeitungen 1767. - Universitätsbibliothek Bayreuth.

Braunschweigische Zeitung (1767): Braun-schweigische Zeitung 1767. - Stadtarchiv Braunschweig.

Chronik Salzungen (1799): Chronik der Stadt Bad Salzungen 1700-1799. - Stadtarchiv Bad Salzungen.

Deneke, O. (1944): Lichtenbergs Leben. I., 261 S., Ernst Heimeran, München.

Europäische Zeitung (1767): Europäische Zeitung 1767. - Stadtarchiv Hanau.

Göttingische Anzeigen (1767): Göttingsche Anzeigen Nr.51, 1767. - abgedruckt in: Deneke (1944).

Großmedersche Chronik (1767): Großmedersche Chronik 1767. - abgedruckt in: Losch (1904).

Gunkelsche Chronik (1767): Gunkelsche Chronik 1767. - abgedruckt in: Losch (1904).

Hamburgischer Correspondent (1767): Staats- und Gelehrte Zeitung Des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 1767. - Commerzialbibliothek der Handelskammer Hamburg.

Hamburgische Zeitung (1767): Kayserlich-privilegierte Hamburgische Neue Zeitung 1767. - Commerzialbibliothek der Handelskammer Hamburg.

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Real-Zeitung (1767): Realzeitung 1767. - Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg.

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Staats-Relationen (1767): Staats-Relationen Derer neuesten Europäischen Nachrichten und Begebenheiten 1767. - Staatliche Bibliothek Regensburg.