
Nachruf auf Professor Dr.
Gerhard Müller (1940 - 2002)
In
der Nacht vom 8. auf 9. Juli 2002 schied Gerhard Müller freiwillig aus dem
Leben. Die rapide Verschlechterung seines Gesundheitszustandes in der Woche
davor machte es ihm unmöglich, diese letzte Entscheidung, die er selbst fällen
wollte, weiter hinauszuschieben. Als ich ihn 1974 näher kennen lernte, litt er
schon erheblich unter reduzierter Lungenkapazität. Er war damals noch in der
Lage, wenn auch langsam, mit anderen Kollegen und mir auf über 3000 m hohe
Berge zu steigen, bis im Sommer 1989 eine schwere Operation notwendig wurde.
Seither hat er ständig unter Atemnot gelitten, zwar mit längeren stabilen
Phasen, aber es gab immer wieder irreversible Verschlechterungen seiner
Gesundheit. Als ich Anfang Mai dieses Jahres zum letzten Mal mit ihm
zusammensaß, beurteilte er die Weiterentwicklung seines Zustandes schon sehr pessimistisch.

Gerhard Müller (1940 – 2002)
Gerhard
wurde am 25. November 1940 in Schwäbisch-Gmünd am Fuß der Schwäbischen Alb geboren
und wuchs dort auch auf. Er studierte Geophysik in Mainz und ging nach dem
Diplom 1965 nach Clausthal, wo er 1967 bei Otto Rosenbach promovierte. Dort war
er von 1965 bis 1969 Wissenschaftlicher Assistent. Anschließend ging er nach
Karlsruhe ans Geophysikalische Institut, vor allem um mit Karl Fuchs an der
Reflektivitätsmethode weiterzuarbeiten. In Karlsruhe war er zunächst als
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als Wissenschaftlicher Assistent und ab
seiner Habilitation in der Fakultät für Physik 1974 als Privatdozent tätig.
Während der Karlsruher Zeit war er 1971-72 für ein Jahr als Gastwissenschaftler
am Mathematics Department des IBM T. J. Watson Laboratory in Yorktown Heights,
N. Y. und am Lamont-Doherty Geological Observatory der Columbia University in
Palisades, N. Y., dort hat er eng mit Lee Alsop zusammengearbeitet. 1979 folgte
Gerhard dem Ruf auf eine Professur für Mathematische Geophysik am Institut für
Meteorologie und Geophysik der Universität Frankfurt, die er bis zu seinem
Lebensende innehatte und ausfüllte. Mit Hans Berckhemer und ihm stellte das Institut
eine Hochburg der globalen Seismologie in Deutschland dar.
Gerhard
Müllers wissenschaftliche Leistungen bedürfen eigentlich keiner Würdigung, sie
sprechen für sich selbst. Sein Hauptinteresse galt, beginnend mit der
Dissertation, der Berechnung von synthetischen Seismogrammen in im Laufe der
Jahre immer komplexer werdenden Medien bzw. Strukturen. Dabei war es ihm immer
besonders wichtig, dieses leistungsfähige Werkzeug dazu zu verwenden,
einerseits die Struktur des Erdinneren besser einzuschränken und andrerseits
seismische Quellen damit zu studieren. Die berühmte Publikation zur
Reflektivitätsmethode, die Karl Fuchs und er zusammen geschrieben haben, ist
wahrscheinlich mit großem Abstand der meistzitierte Artikel aus der deutschen
Seismologie (Fuchs, K. und Gerhard Müller: Computation of synthetic seismograms
with the reflectivity method and comparison with observations; Geophys. J. Roy.
astron. Soc., 21, 261 - 283, 1971). Seine Arbeiten zur Struktur des Erdinneren
reichen von Kohleflözen und der näheren Umgebung der KTB, durch die ganze Erdkruste
und den Mantel bis zum inneren Erdkern. Gerhard forschte jedoch sehr intensiv
an mehreren anderen Problemen: Wachstum des inneren Kerns durch
Kristallisation, Thermoelastizität, Stopp-Phasen bei Erdbeben, Rheology,
Migration, Postglaziale Hebungen, Gravitation, Basaltsäulen und Rissbildung, um
einige zu nennen.
Bei
einem kleinen Mittagessen während der EGS-Tagung in Kiel 1986 sprach Gerhard
mich auf das Problem der fünften Kraft an und wir beschlossen, einen alten
Vorschlag von Otto Rosenbach aufzugreifen und die Gravitationskonstante mit
großen Wassermassen zu bestimmen, mit Reichweiten oberhalb von den üblichen
Entfernungen im Labor. Gerhard meinte, dass die Geophysik gefordert sei, weil
einer der sogenannten Beweise für die Existenz der Entfernungsabhängigkeit der
Gravitation von einem bekannten Geophysiker stammte und wir beide dessen
Interpretation anzweifelten. Dies war typisch für Gerhard, wenn er Zweifel an
einem Resultat hatte, hat er versucht, diese Zweifel durch eigene Forschung
entweder auszuräumen oder zu erhärten. Nach einem Pilotversuch führten wir
unser Schwerkraftexperiment in einem Pumpspeicherwerk im Südschwarzwald durch
und bestätigten unsere Zweifel. Die fünfte Kraft ist nun schon lange vom Tisch,
es war aber sehr nützlich, diese Experimente erstmalig durchzuführen. Allen
Beteiligten und speziell Gerhard haben die Experimente und ihre Auswertung sehr
viel Spaß gemacht, vielleicht, weil die Fragestellung sehr fundamental war. Bei
diesem kleinen Forschungsprojekt zur fünften
war er immer die treibende Kraft und ich konnte seine Zähigkeit und
Ausdauer auf dem Weg von der Planung bis zur Publikation intensiv miterleben.
In
den letzten Jahren hat er viel Spaß an seiner "Küchen-Geophysik"
gehabt, wie er seine Experimente mit Stärke selbst scherzhaft nannte. Für mich
sind die Publikationen von Gerhard dazu sehr eindrucksvoll, weil sie seinen Arbeitsstil
deutlich zeigen. Er hat es geschafft, aus diesen einfachen Versuchen in der
Küche am Ende quantitative Aussagen über Basaltsäulen, Rissbildung, Bruchgeschwindigkeiten
und Rissmorphologie zu gewinnen. Ich denke, dass auch diese Arbeiten
fundamentalen Charakter haben.
Gerhard
Müller war eine herausragende Forscherpersönlichkeit der internationalen
Seismologie und Geophysik und hat sich auch den entsprechenden Respekt weltweit
erworben. Genauso ragte er aber als Hochschullehrer heraus. Obwohl ich nie
Vorlesungen bei ihm gehört habe, besitze ich alle seine Skripten und schaue
sehr häufig hinein. Diese sind übrigens weit verbreitet und es gibt sicher etliche
"Anlehnungen". Seine Diplomanden und Doktoranden waren immer voll des
Lobs über die Gründlichkeit und Klarheit seiner Darstellungen. Gerhard hat
nichts wiedergegeben, was er nicht selbst gründlich verstanden hatte und dies
wurde von den Hörern bemerkt und geschätzt. Viele namhafte deutsche Seismologen
sind durch seine Schule gegangen, als Student, Doktorand oder auch
Postdoktorand. Mit ihm zu arbeiten war sicher manchmal nicht einfach, eben
wegen seines stetigen Hinterfragens von Ergebnissen, seiner sachlich scharfen
Kritik und seiner Gründlichkeit. Meist standen am Ende aber bemerkenswerte
Veröffentlichungen in international anerkannten Zeitschriften, die die Mühe und
das Fegefeuer von Gerhards Kritik wert waren. Ich erinnere mich sehr gut auch
noch an lebhafte Diskussionen in den Karlsruher Mitarbeiter-Seminaren unter
Gerhards Leitung, in denen immer um Verständnis gerungen wurde. Ich betrachte
mich deshalb durchaus auch als einen von Gerhards Studenten.
Gerhard
war von 1975 bis 1990 verantwortlich für die FKPE-Arbeitsgruppe
"Numerische Methoden in der Geophysik". Gerhard hat dazu die
beliebten und immer sehr gut besuchten Seminare im Herz-Jesu-Kloster in
Neustadt an der Weinstrasse aus der Taufe gehoben mit wechselnden Themen und
Lektoren. Dabei waren neben den eigentlichen Vorträgen auch die Abende in der
Keller-Bar wertvolle Gelegenheiten für Gedankenaustausch. Gerhards Nachfolger
in der Leitung der Arbeitsgruppe haben diesen bewährten Stil gerne übernommen.
Von
1975 bis 1979 war Gerhard Müller Mitglied des Beirates der DGG. Von 1981 an
gehörte er zu den Herausgebern des Journal of Geophysics (Zeitschrift für
Geophysik) und nach der Fusion der drei europäischen Zeitschriften, an der er
maßgeblich mitgewirkt hat, des Geophysical Journal International. Diese Arbeit
hat er sehr ernst genommen und sehr gewissenhaft ausgeübt, wie eigentlich alles
was er sich vornahm. GJI ist heute eines der angesehensten und wichtigsten
Fachblätter für die Physik der festen Erde. Gerhard hat sich bei jedem ihm
anvertrauten Manuskript bemüht, die kompetentesten Gutachter zu finden. Er hat
die Gutachten dann selbst gründlich studiert und bei Kontroversen sich immer
bemüht fair zu allen Beteiligten zu sein. Diese Tätigkeit hat sehr viel seiner
Zeit in Anspruch genommen, es war aber seine Überzeugung, dass sie sehr wichtig
ist für die Qualität der Wissenschaft, sonst hätte er sie nicht so viele Jahre
bei nachlassender Kraft weiterhin ausgeübt. Ich denke, dass alle Manuskripte,
die über Gerhards Schreibtisch gegangen sind, durch das Gutachterverfahren
erheblich verbessert worden sind. Im Mai 2000 hat er diese Arbeit an Harro
Schmeling übergeben.
Gerhard
wusste, dass er respektiert wird, er hat dazu keine Auszeichnungen gebraucht.
Es war wohl immer mehr ein Bedürfnis der verleihenden Gremien als sein eigenes,
diese Ehrungen vorzunehmen. So wurde er 1996 zum Fellow der American
Geophysical Union nominiert und gewählt, 1997 erhielt er die
Emil-Wiechert-Medaille der DGG, 1998 wurde er zum Associate der Royal Astronomical
Society ernannt und 2001 in Frankfurt zum Ehrenmitglied der DGG. Michael Korn
hielt damals die Laudatio (DGG-Mitteilungen 2, 2001). Trotz all diesen
Auszeichnungen ist Gerhard immer ein bescheidener Mensch gewesen, der sich nie
persönlich in den Vordergrund gedrängt hat. Deshalb wurde er auch am 18. Juli
in aller Stille auf dem Niederurseler Friedhof beigesetzt, das hat er so
gewollt.
Als
ich 1974 aus den USA zurückkam, hat Gerhard mir einen Tisch in seinem Büro zur
Benutzung bei meinen wöchentlichen Karlsruheaufenthalten angeboten. Zu dem
Zeitpunkt hat mich das überrascht, heute war es für mich der Beginn einer
wunderbaren Freundschaft. In seinen Karlsruher Jahren habe ich sehr viel von
Gerhard lernen können, beruflich und menschlich. Seine aufrichtige und direkte
Art haben mich schnell beeindruckt. Gerhard besaß einen feinen Humor, er konnte
sich wirklich über sich selbst lustig machen. Für ihn hat es keine Hierarchie
im Institut gegeben und er hat Studenten und Sekretärinnen genauso ernst
genommen wie Professoren. Ich habe auch immer wieder erlebt, wie er sich massiv
für Mitarbeiter einsetzen konnte, wenn er den Eindruck hatte, dass diese
ungerecht behandelt würden. Gerhard hat mir gegenüber auch immer wieder
bedauert, dass so wenige Frauen in der deutschen Geophysik so wenig auf den
gehobeneren Stellen auftauchen. Für Gerhard war jede Kritik konstruktiv, selbst
wenn diese scharf formuliert war und seine Einstellung dazu hat er von jedem
Anderen ebenfalls erwartet. Genauso ernst war es zu nehmen, wenn er gelobt hat.
Ich habe ihn in mancher Situation um Rat gefragt, weil ich wusste, dass dieser Rat zutiefst ehrlich sein würde. Seine
Haltung zur Wissenschaft, zur Lehre, zum ganzen Leben waren für mich immer
vorbildlich.
Neben
den beruflichen Treffen blicke ich auf viele schöne Abende und Übernachtungen
bei ihm zu Hause zurück, in Karlsruhe und Frankfurt. Seine Frau und er waren
immer sehr warmherzige Gastgeber für mich und wir haben abends und beim
gemütlichen Frühstück über Gott und die Welt diskutiert.
Ganz
besondere Erinnerungen für mich sind aber die zahlreichen Bergtouren in den
Alpen mit Gerhard und wechselnden befreundeten Kollegen. Wolfgang Brüstle,
Christine Fichler, Sonja Faber, Micky Kaminski und Wolfgang Schott waren dabei,
einmal Gerhards jüngerer Sohn Tillmann. Zwischen 1977 und 1988 konnte ich in
jedem Frühsommer mit einem Anruf von Gerhard rechnen, der eine bestimmte Woche
und eine Berghütte vorschlug. Gerhard hat diese Ausfahrten geplant und
organisiert und wir anderen haben immer sehr gerne mitgemacht. Wir haben
zahlreiche Gipfel bestiegen und häufig haben wir neben guten Nerven auch die
Hände und ein Seil dazu gebraucht. Gerhard konnte nicht schnell steigen, aber
seine Zähigkeit und sein Wille, das Ziel zu erreichen waren viel wichtiger als
Geschwindigkeit. Schlechtwettertage gab es natürlich auch, das konnte selbst
Gerhard nicht planen. Ich erinnere mich an einen Regentag auf der Darmstädter
Hütte, an dem Gerhard uns andere beim Halma chancenlos ließ. Mit Gerhard und
Tillmann stieg ich in knietiefem Schnee im August von der Jörg-Jenatsch-Hütte
ins Engadin ab, nachdem wir zwei Tage vorher bei schönstem Föhn mit
Gipfelambitionen aufgestiegen waren. An einem solchen Tag hat Gerhard auch
erzählt, dass er in jüngeren Jahren alpine Alleingänge gemacht hat, u. a. die
Überschreitung von Litzner und Seehorn in der Silvretta. Das ist eine
Klettertour mittlerer Schwierigkeit, das Beeindruckende daran ist aber mehr die
moralische Stärke, die man zu einem solchen Alleingang braucht und das ist eine
Qualität, die Gerhard in hohem Masse besaß.
Ich
bin mir sicher, dass Gerhard für sich die richtige Entscheidung getroffen hat.
Ich habe höchsten Respekt vor seinem Leben und seinem Sterben, spürte tiefe
Dankbarkeit für seine Freundschaft und das, was er für mich getan hat, und große
Trauer, weil er nicht mehr da ist. Ich habe einen meiner besten Freunde
verloren und ich bin sehr, sehr dankbar für die Zeit, die ich mit ihm zusammen
verbringen konnte. Doch da sind Menschen, die ihm viel näher waren: seine Frau
Inge, seine Söhne Ralph und Tillmann, mit Katerina. Sie respektieren Gerhard's
letzte Entscheidung. Sie und seine langjährige Sekretärin Ingrid Hörnchen
wissen viel besser als jeder Kollege, wie viel Kraft Gerhard aufbringen musste,
um bis fast zuletzt ohne nachzugeben weiterzuarbeiten. Sie, und ich und alle
die ihn näher kannten, werden Gerhard sehr vermissen.