VERSCHIEDENES
Eine
Erde für alle – Geowissenschaften und Philosophie im Dialog
Kongress, 27. – 28. Juni 2002,
Celle
W. Jakoby, Mainz
Geowissenschaftler
aller Couleur haben eine besondere Verpflichtung, ihr Verständnis der Erde in
die Diskussion über die Zukunft des Menschen auf der Erde einzubringen, und das
besonders im Jahr der Geowissenschaften. Die Zukunft des Menschen ist dabei
zweifellos eine ethische - philosophische - Frage. Die Initiative ging wohl von
Monika Huch, Gesellschaft für Umweltgeowissenschaften (GUG), aus, gemeinsam mit
dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover (FIPH), einen Kongress zum
Thema: "Eine Erde für alle, Geowissenschaften und Philosophie im Dialog"
in Celle abzuhalten, wo die deutsche Erdölindustrie ihren Anfang genommen hat.
Ich gebe einen kurzen, vielleicht subjektiven Bericht, da ich glaube, dass
Geophysiker zu diesen Fragen wichtige Beiträge liefern können, obwohl kaum
einer "von uns" dort war. Hoch -ausgewiesene Referenten wurden
gewonnen, und das Spektrum der Themen spannte sich von den
geowissenschaftlichen Grundlagen über Fragen der Ethik zum praktischen Management
einer überbevölkerten Welt.
Wellmer1),
Hannover, zeigte optimistisch und recht überzeugend auf, dass die
Welt-Rohstoffsituation an sich für dieses Jahrhundert kaum einen kritischen
Engpass darstellen sollte, dafür hat die Kreativität des Menschen gesorgt, die
bisher immer Auswege gefunden hat. Das hat Lernprozesse erfordert ("Lernkurven"),
die Zeit kosten. Die Zeiträume, in denen nachgewiesene Reserven verbraucht
werden, sind für viele Rohstoffe lange annähernd konstant geblieben, da immer
neue hinzu gefunden wurden. Oder es wurden Alternativen entdeckt oder erfunden,
z.B. Verfahren des Recycling. Besonders nannte Wellmer das Potential geothermischer
Energie (was den Geophysiker erfreut - aber auch skeptisch macht, da er ja
weiß, wie niedrig die ständige Nachlieferung der Erdwärme ist). In der
Diskussion wurde auf die Unsicherheit vieler Vorhersagen, die
Unvorhersagbarkeit nicht-linearer Systeme und unbekannte menschliche oder
soziale Folgen der Rohstoffgewinnung hingewiesen. Die Menschen haben seit 1945
mehr von den wesentlichen Rohstoffen
verbraucht, als im gesamten Zeitraum davor! Trotzdem ist die Situation bei den
"erneuerbaren" Rohstoffen wie Wasser oder landwirtschaftlichen Produkten
kritischer als bei den "nicht-erneuerbaren“.
Hierauf
gingen die Beiträge von Tilzer2), Konstanz, (Gerechter Zugang zu
sauberem Wasser - Wunsch und Wirklichkeit) und Beese3), Göttingen,
(Nahrung für 10 Milliarden - Illusion oder Realität?) ein. Die Wasserversorgung
ist auf der Welt extrem ungleich, und ein hoher Prozentsatz der Weltbevölkerung
lebt in akuter Wassernot. Dabei werden z.T. die "nicht erneuerbaren"
fossilen Vorräte unter Wüstengebieten in kürzester Zeit gefördert. Hier handelt
es sich z.T. um Gebiete, die auch politisch instabil sind. Die
landwirtschaftliche Versorgung mit Nahrungsmitteln hängt vor allem von den
Böden, natürlich auch von Klimaentwicklung und Wasser ab. Beese glaubt, dass
bei weiter gesteigerter Bodenproduktivität in der Tat 10 Milliarden ausreichend
ernährt werden können - bei Annahme nicht gerade der pessimistischsten
Bevölkerungsprognosen. Die entsprechende Graphik zeigte aber auch die große
Unsicherheit der Prognosen.
Dann
kamen die Philosophen Kruip4), Hannover (statt des im Programm
angekündigten Kersting5), Kiel: Ressourcennutzung und internationale
Verteilungsgerechtigkeit) und Birnbacher6), Düsseldorf
(Ressourcennutzung und intergenerationelle Gerechtigkeit) zu Wort. Es geht um
Ethik oder "Umwelt-Ethik". Hier geht es um die Frage, was eigentlich
Gerechtigkeit ist, eine sehr schwierige Frage, die sicher nicht mit Gleichheit
beantwortet ist. Mir scheint, dass eine "neue globale Ethik" noch
nicht in Sicht ist, dass aber die Forderungen an die reichen industrialisierten
Länder unabwendbar und nur sehr schwer zu akzeptieren sind. Mehrfach wurden
Listen gezeigt von möglichen, ethisch vertretbaren Lösungen; nie wurde die
Möglichkeit genannt, die Wurzel der Probleme, das Bevölkerungswachstum,
ernsthaft zu verändern.
Den
Abschluss bildeten die Vorträge von Schellnhuber7), Potsdam
(Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde) und Simonis8), Berlin
(Globale Umweltpolitik im interkulturellen Konflikt). Das Raumschiff Erde kann
nur als System Erde verstanden werden, aber noch verstehen wir all die
Rückkopplungsmechanismen nicht ausreichend. Dem Problem internationaler Ethik
und Umweltpolitik kann man sicher nur näher kommen, indem man sich um
internationale Übereinkommen bemüht und dabei einen Teil der eigenen
Souveränität opfert. Noch sind besonders die mächtigsten Nationen sehr weit
davon entfernt, diese Forderung ernst zu nehmen, wie jüngste Konflikte, etwa um
den internationalen Strafgerichtshof deutlich zeigen. Aber ohne streng
abgesicherte internationale Vereinbarungen, die auch Sanktionen für
"Fehlverhalten" enthalten und sich einer Art Weltregierung annähern,
sind die Probleme wohl kaum in den Griff zu bekommen. Die ersten Schritte auf
dem Niveau der UN (zu Klima, Geosphäre - Biosphäre, Biodiversität, menschliche
Dimension, Desertifikation) geben eine gewisse Hoffnung.
Es
ist klar, dass das entscheidende Glied in der Problemkette das Bevölkerungswachstum
ist. Das ist eine der großen Herausforderungen für die Zukunft.
Wie
wurde die Geophysik angesprochen? Außer Wellmers Hinweis auf
"saubere" geo-thermische Energie und verschiedenen Bezügen zur
Rohstoffsuche, kaum direkt in ihrem spezifischen Selbstverständnis, wohl aber
indirekt in dem Sinne, dass das Verstehen des Systems Erde hochgradig ein
physikalisches - geophysikalisches ist. Modelle spielen eine große Rolle, die
sich jedoch nicht auf die klassischen Gebiete der Geophysik beschränken, sondern
alle Geowissenschaften voll einbeziehen. Nicht unsere speziellen Gebiete wie
Seismologie oder Potenzialfelder stehen im Mittelpunkt, sondern z.B.
Stoffkreisläufe und Dynamik. Das Potential der Geophysik ist hier aber sehr
groß, da Geophysiker gelernt haben, mit nicht ausreichenden oder ungenauen
Daten trotzdem das Erdinnere zu erforschen, und da sie Erfahrungen mit dem
Modellieren komplexer Systeme haben. Aber das Potenzial muss vielleicht
überhaupt erst richtig erkannt werden.
Die
Probleme der Welt sind Folgen von Wissenschaft, Technik und Medizin. Die Ethik
des Helfens und der Verbesserung der Lebensbedingungen des einzelnen Menschen
war hier ein starkes Motiv, aber die Ethik der Verantwortung für das Ganze
scheint unterentwickelt. Die Evolution hat uns dafür nicht ausgerüstet. Und das
Tempo der Entwicklung überfordert uns heute bei der Kontrolle des Ganzen. Ohne
wissenschaftliche Anstrengungen allerdings wäre eine Katastrophe kaum abwendbar,
so oder so. Wissenschaft allein kann sich jedoch nicht "selbst
überholen" und die selbst gemachten Probleme in den Griff bekommen. Die
unvermeidlich zunehmende Spezialisierung und Zersplitterung der Wissenschaften
erleichtern die Situation auch nicht. Eine vielleicht neue "globale
Ethik" ist vonnöten. Sie müsste das wirtschaftliche Gewinnstreben und den
Konkurrenzdruck, statt diese wie heute zu forcieren, in die Schranken des
Überlebens weisen. Vielleicht ist eine "Welt-Administration"
unumgänglich.
Sind
wir der Zauberlehrling? Wer ist dann der Meister? Sind es die internationalen
Organisationen und Initiativen?
Vielleicht
ist aufgefallen, dass ich den Ausdruck "nachhaltig" in diesem
Zusammenhang nicht verwende. Ich würde die Leser gern dafür sensibilisieren,
dass ein Wort der deutschen Sprache, das nach wie vor in seiner Bedeutung etwa
von "gründlich" gebraucht wird, nicht einfach und ohne gefährliche
Folgen umdefiniert werden kann zur Übersetzung von "sustainable"; das
bedeutet "erhaltbar", hier also "zukunftsfähig". Statt
"gründlich" ist viel eher "schonend" gemeint. „Auch eine katastrophale
Entwicklung ist nachhaltig! - Aber hier kämpfe ich wohl auf verlorenem Posten.
Vielleicht auch diejenigen, die im Zeitalter der Globalisierung für "schonende“
Entwicklung eintreten?
Weiteres
ist nachzulesen in: Schriftenreihe der Deutschen Geologischen Gesellschaft, 20,
2002 (ISSN 0936-7063).
1) Prof. Dr. F.-W. Wellmer. Präsident der Bundesanstalt
für Geowissenschaften und
Rohstoffe, Hannover
2) Prof. Dr. M. Tilzer, Universität Konstanz, AG
Aquatische Ökosysteme, Fachbereich
Biologie
3) Prof. Dr. F.O. Beese, Universität Göttingen, Institut
für Bodenkunde und Waldernährung
4) Prof. Dr. W. Kersting, Chistian-Albrechts-Universität
zu Kiel, Philosophisches Seminar.
5) Prof. Dr. G. Kruip, Forschungsinstitut für
Philosophie Hannover
6) Prof. Dr. D. Birnbacher, Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf, Philosophisches Institut
7) H.-J-. Schellnhuber, Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung u. Tyndal Centre for
Climate Change Research, UK
8) Prof. Dr. U.E. Simonis, Wissenschaftszentrum Berlin