Karl Zoeppritz Preis - Neuer Preis der DGG für Nachwuchswissenschaftler

 

H. Soffel, München und B. Buttkus , Hannover


Auf der am 7. März 2002 veranstalteten Mitgliederversammlung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft anläßlich der Jahrestagung in Hannover wurde beschlossen, einen besonderen Preis für Nachwuchswissenschaftler/innen einzurichten und ihn nach Karl Zoeppritz (22. Oktober 1881 - 20. Juli 1908) zu benennen.

Im Folgenden soll eine kurze Darstellung des wissenschaftlichen Werdegangs und der wissenschaftlichen Leistungen von Karl Zoeppritz vorgestellt werden. An dieser Stelle soll auch dem Vorsitzenden des Arbeitskreises "Geschichte der Geophysik" der DGG, Herrn Dr. Johannes Schweitzer, für die Vorbereitung des Antrags und seine Recherchen gedankt werden.

 

Karl Zoeppritz (1881 – 1908)

 

Wissenschaftlicher Werdegang von Karl Zoeppritz

 

Karl Zoeppritz (Fig. 1) wurde am 22. Oktober 1881 in Mergelstetten, einem kleinen Dorf wenige Kilometer südlich von Heidenheim an der Brenz in Württemberg geboren. Er studierte Geologie und andere Naturwissenschaften an den Universitäten München und Freiburg, wo er im Jahre 1905 im Fach Geologie promovierte. In seiner Dissertation mit dem Thema "Geologische Untersuchungen im Oberengadin zwischen Albulapass und Livigno" behandelte er ein rein geologisches Thema aus den Schweizer Alpen. Danach legte er im Jahre 1906 in Karlsruhe noch das badische Oberlehrerexamen ab und war somit für das Lehramt an einer höheren Lehranstalt gerüstet.

Schon während seines Studiums der Geologie interessierte er sich intensiv für Physik und Geophysik. Letzteres konnte man damals noch gar nicht speziell studieren, es sei denn, man ging nach Göttingen zu Emil Wiechert. Diesen Wechsel vollzog Zoeppritz dann auch im Jahre 1906 und wurde von Wiechert als Assistent angenommen.

Basierend auf den theoretischen Arbeiten von Wiechert beschäftigte sich Karl Zoeppritz mit Laufzeitkurven von Erdbeben, und er konnte unter Nutzung eines Bebens in Indien vom 4. April 1905, des Calabrischen Bebens vom 8. September 1905 und des Bebens von San Francisco am 18. April 1906 eine zusammen mit Wiechert im Jahre 1907 publizierte Laufzeitkurve erstellen, mit deren Hilfe die Einsätze der P-Wellen, S-Wellen und der Oberflächenwellen in Seismogrammen identifiziert und Fernbeben lokalisiert werden konnten. Ein wichtiger Schritt in der Interpretation

seismischer Phasen war dabei die Beobachtung, dass Raumwellen an Diskontinuitäten in der Erde und an der Erdoberfläche reflektiert und in andere Phasen konvertiert werden können. Die Identifikation von Mehrfachreflexionen in Form von PP, PPP, SS und SSS sowie konvertierter Phasen wie PS und SP änderte und erleichterte die Interpretation von Seismogrammen dramatisch.

Zoeppritz entwickelte die nach ihm benannten Formeln für das vom Einfallswinkel abhängige Amplitudenverhalten reflektierter und refraktierter ebener Wellen an Grenzflächen zwischen zwei elastischen Medien. Er erkannte die Bedeutung dieser Forschungsergebnisse für die Identifikation von Grenzflächen im Erdinnern.

Die in Göttingen erstellten Laufzeitkurven wurden auch von Wiechert, Zoeppritz und Geiger verwendet, um daraus bis zu einer Tiefe von 3100 km eine Geschwindigkeits-Tiefenfunktion für P- und S-Wellen abzuleiten. Nach diesem Modell sollte der Mantel bis zu einer Tiefe von 1300 bis 1500 km reichen. Dieses Resultat ist durch spätere Untersuchungen der Göttinger Gruppe dann bekanntlich erheblich revidiert worden. Interessant ist aber dennoch, und dies ist mit heutigen Vorstellungen ganz gut im Einklang, dass in circa 3000 km Tiefe (etwa im Bereich der Kern-Mantel-Grenze) eine P-Wellen-Geschwindigkeit von etwa 13 km/s erreicht wird. Zoeppritz untersuchte auch speziell direkte und reflektierte S-Wellen und postulierte, dass es im Erdmantel keine ausgedehnten Zonen mit flüssigem Magma geben könne.

Als Zoeppritz sehr früh im Alter von 26 Jahren starb, waren viele seiner wissenschaftlichen Ergebnisse noch nicht veröffentlicht. Dies übernahmen dann posthum seine Göttinger Kollegen Wiechert, Geiger und Gutenberg. Seine letzte wissenschaftliche Arbeit, in der er Reflexions- und Durchlasskoeffizienten ableitete, erschien sogar erst nach dem ersten Weltkrieg im Jahre 1919, d.h. 11 Jahre nach seinem Tod.

Mit Karl Zoeppritz verlor die deutsche Geophysik in ihren Gründerjahren eines ihrer größten Ta­lente. Er zeigte schon in jungen Jahren eine außergewöhnliche Begabung und Weitsicht und wäre zweifelsohne zu einem der glanzvollsten Wissenschaftler auf diesem Gebiet geworden.

Die Deutsche Geophysikalische Gesellschaft schätzt sich glücklich, für den im Jahre 2002 einge­führten Preis für Nachwuchswissenschaftler einen derart geeigneten Namensgeber gefunden zu haben, der in vielfacher Hinsicht Vorbild sein kann.

 

Bibliographie von Karl Zoeppritz

 

Zoeppritz, Karl, 1906: Geologische Untersuchungen im Oberengadin zwischen Albulapass und Livigno. Inaugural-Dissertation, Universität Freiburg, 68pp.

 

Zoeppritz, Karl, 1907: Über Erdbebenwellen II. Laufzeitkurven. Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Mathematisch-Physikalische Klasse, 529-549.

 

Zoeppritz, Karl und Geiger, Ludwig, 1909: Über Erdbebenwellen III. Berechnung von Weg und Geschwindigkeit der Vorläufer. Die Poissonsche Konstante im Erdinnern. Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Mathematisch-Physikalische Klasse, 400-428.

 

Zoeppritz, Karl, Geiger, Ludwig und Gutenberg, Beno, 1912: Über Erdbebenwellen V. Konstitution des Erdinnern, erschlossen aus dem Bodenverrückungsverhalten der einmal reflektierten zu den direkten longitudinalen Erdbebenwellen, und einige andere Beobachtungen über Erdbebenwellen. Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Mathematisch-Physikalische Klasse, 121-206.

 

Zoeppritz, Karl, 1919: Erdbebenwellen VII. Über Reflexion und Durchgang seismischer Wellen durch Unstetigkeitsflächen. Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Mathematisch-Physikalische Klasse, 66-84.

 

Weitere Informationen über Karl Zoeppritz sind in folgenden Publikationen zu finden

 

Kertz, Walter, 1999: Geschichte der Geophysik. Olms Verlag, Hildesheim, 376 pp.

 

Schweitzer, Johannes, 2001: Early Contributions to Modern Seismology. IASPEI International Handbook Earthquake and Engineering Seismology.

 

Wiechert, Emil, 1907: Über Erdbebenwellen I. Theoretisches über die Ausbreitung der Erdbebenwellen. Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Mathematisch-Physikalische Klasse, 413-529.

 

Modalitäten für die Vergabe des Preises

 

Der Preis ist für Nachwuchswissenschaftler auf allen Gebieten der Geophysik vorgesehen, die eine besondere wissenschaftliche Leistung vorzuweisen haben. Ausgezeichnet werden z.B. Kandidaten mit hervorragenden Dissertationen und frühen Habilitationen.

Der Preis soll jährlich anläßlich der Jahrestagung der DGG vergeben werden, erstmalig bei der Jahrestagung 2003 in Jena.

Die Preisträger sollen bei Erhalt der Auszeichnung das Maximalalter von 32 Jahren nicht überschritten haben. Der Preisträger erhält ein Preisgeld von 1000 Euro und eine Urkunde.

Vorschlagsberechtigt sind alle Mitglieder der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft. Eine Eigenbewerbung ist nicht möglich.

 

Anträge mit einer kurzen Laudatio, einem Literaturverzeichnis und einem wissenschaftlichen Werdegang  des  vorgeschlagenen  Nach-

wuchswissenschaftlers sind jeweils bis zum 30. November eines Jahres an den Präsidenten der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft zu richten, erstmals bis zum 30. November 2002. Die Auswahl des Preisträgers erfolgt durch die Kommission für Ehrungen der DGG.